Aufgabe 4 - Teilaufgabe 2 und 3 b · Abitur NRW Katholische Religion GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)
Aufgabenstellung
Eine Erzählung des Respekts und der Furcht vor Gott im 3. Kapitel des Buches Exodus: Mose,
der das Volk Israel aus ägyptischer Knechtschaft führen soll, hütet in der Steppe die Schafe
seines Schwiegervaters Jitro. Er sieht den Dornbusch in Flammen, der aber nicht verbrennt.
Er will hingehen und die wunderbare Erscheinung erforschen. Die Stimme Gottes warnt ihn:
5 „Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von den Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heili-
ges Land.“ Mose verhüllt sein Angesicht, „denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen“. Es gibt
ähnliche Geschichten im Alten Testament, die uns erzählen: Wer in die Nähe der Heiligkeit
Gottes kommt, gerät in Todesgefahr.
Nun, das ist Altes Testament, sagen die Christen leichtfertig. Diese Geschichte wollen wir
10 zwar nicht aus der Bibel streichen, aber sie ist nicht mehr maßgebend für uns. Denn die große
Trennung zwischen Gott und Mensch ist aufgehoben; diese falsche Sakralität 1 haben wir hin-
ter uns, und wir können Gott sogar mit dem vertrauten Namen Väterchen – Abba – anreden.
Was verlieren wir, wenn wir diese geheimnisvolle Dornbuschgeschichte aus unserem Erzähl-
schatz streichen oder wenn sie nicht mehr maßgeblich ist für unsere religiöse Haltung? Was
15 geschieht mit uns, wenn wir nichts mehr wissen wollen von dem „unzugänglichen Licht“
(1 Timotheus 6,16), in dem Gott wohnt?
Ich überlege, wo ich den Verlust des Respekts oder gar des Schreckens vor Gott feststelle, den
Verlust der Gottesfurcht, die doch „aller Weisheit Anfang“ ist (Psalm 111,10). Ich schaue mir
die neuen Lieder, Gebete, Segenstexte an und glaube gelegentlich, eine Art Verhaustierung
20 Gottes festzustellen. Gott ist harmlos geworden. Es braucht niemand vor ihm zu zittern, die
Schuhe auszuziehen und das Gesicht zu verhüllen. Er hat seinen Schrecken verloren. Unsere
Lieder, Gebete, Theologien sind fast von einstimmiger Vertrautheit ihm gegenüber. Er ist der
gute Vater, die nährende Mutter, der mitreisende Bruder; er versteht uns, er liebt uns, er ver-
gibt uns, er atmet uns, er ist die pure Zärtlichkeit. Dies alles ist ja gut und richtig. Aber diese
25 religiöse Welt ist mir zu geglättet. Das Ganze ist mir zu süß und zu widerspruchsfrei gewor-
den; zu harmonistisch und zu geheimnislos. [...] Ja, es ist gut, dass wir die alten falschen
Ängste vor Gott verloren haben. Aber er ist in dieser ganzen Positivität auch ein bisschen
onkelhaft geworden, gezähmt und absehbar. Vor ihm braucht man keine Schuhe mehr auszu-
ziehen. Man verbrennt sich an ihm keine Füße und keine Hände mehr.
30 Wo sind eigentlich die alten, uns verstörenden Bilder und Geschichten geblieben, die über
ihn erzählt wurden? Die Geschichten vom Gericht Gottes, von der Tragik der Schuld, von der
verstörenden Unbegreiflichkeit Gottes, von der Nichtigkeit des Menschen? Ja, natürlich, wir
reden von der Schuld des Menschen. Wir bekennen sie in jedem Gottesdienst. Aber wir beken-
nen sie sozusagen augenzwinkernd. Kaum haben wir die Wörter Schuld und Sünde genannt,
35 so sind sie schon eingewickelt in die allseits verfügbare Vergebung. [...] Wir nehmen uns
nicht ernst als Autoren dieser Welt und unserer Handlungen, wenn wir aus der theologischen
Zaubertüte, kaum dass die Sünde genannt ist, die Vergebung zaubern. Wir nehmen uns nicht
ernst mit den albernen und alles entschuldigenden Sätzen, dass der Mensch „immer schon“
ein Sünder sei. Ein solcher Satz ist der beste Schutz vor aller Bekehrung und Veränderung
40 des Lebens. Wir ersparen uns den Schmerz über ein verspieltes Leben, und damit ersparen
wir uns, wirklich zu wissen, was Gnade und Vergebung ist.
Aber, so wende ich gegen mich ein: Kann die Alltäglichkeit des Glaubens, der Gebete, der
Gottesdienste und der Predigten die Existenzialität, den Ernst und die Tiefe haben, die ihnen
angemessen sind? Ich will, dass es keinen Gottesdienst gibt, ohne dass eine Gemeinde ihre
45 Schuld bekennt. Ich will es, weil es zur Würde und zum Reichtum des Menschen gehört, sich
selber nicht auszuweichen. [...]
Respektlos und trostlos finde ich, dass der Gedanke verblasst, dass Gott anders ist als wir
selbst. Ich finde den Gedanken komisch, dass ich nur in mich selbst hinabsteigen muss, um
Gott zu finden und zu fühlen [...]. Welcher Trost ist es, dass da eine Größe ist, die größer und
50 unerforschlicher ist als meine eigene kleine Größe! Welcher Reichtum, dass das Herz der Welt
reicher ist als wir alle zusammen! Wir haben lange unter der Annahme gelitten, dass Gottes
Größe in seiner herrschaftlichen Überlegenheit besteht; eine Größe, die hauptsächlich dadurch
entsteht, dass wir Menschen uns klein und erbärmlich machen. Es gibt eine andere Größe, die
Größe der Liebe, die alles Begreifen übersteigt. [...]
55 Nein, ich möchte nicht zurück zu dem Gott, den ich in meiner Kindheit gelernt habe; zu dem
Buchhaltergott, der so sehr mit Wiegen, Notieren und Sortieren beschäftigt war. Wir haben
in den letzten Jahrzehnten wohl etwas mehr von der Güte Gottes geschmeckt. Aber auch in
dieser neuen Erkenntnis können wir uns nicht einrichten. Wir müssen weiter, vielleicht durch
viele Gottesfinsternisse hindurch, bis wir in die Nähe jenes Geheimnisses kommen, das uns
60 verbrennt und uns hütet.
1 sakral: heilig.
Fulbert Steffensky: Heimathöhle Religion. Ein Gastrecht für widersprüchliche Gedanken. Stuttgart 2015, S. 84–88 (Auszug).
* Fulbert Steffensky, geb. 1933, studierte katholische und evangelische Theologie und war bis 1998 Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg.
2. Entfalten Sie anhand von zwei Bibelstellen, die im vorliegenden Text noch nicht behandelt wurden, Gottesbilder aus dem Buch Exodus. Erläutern Sie danach, inwiefern sich in diesen Erzählungen die „verstörende[] Unbegreiflichkeit Gottes“ (Z. 32) zeigt. (22 Punkte)
3. b) „Unsere Lieder, Gebete, Theologien sind fast von einstimmiger Vertrautheit ihm gegenüber. Er ist der gute Vater, die nährende Mutter, der mitreisende Bruder; er versteht uns, er liebt uns, er vergibt uns, er atmet uns, er ist die pure Zärtlichkeit. Dies alles ist ja gut und richtig. Aber diese religiöse Welt ist mir zu geglättet. Das Ganze ist mir zu süß und zu widerspruchsfrei geworden; zu harmonistisch und geheimnislos.“ (Z. 21 – 26)
Erörtern Sie, ob die Kritik Steffenskys am heutigen christlichen Gottesbild gerechtfertigt ist. (18 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Entfalten Sie anhand von zwei Bibelstellen, die im vorliegenden Text noch nicht behandelt wurden, Gottesbilder aus dem Buch Exodus. Erläutern Sie danach, inwiefern sich in diesen Erzählungen die „verstörende[] Unbegreiflichkeit Gottes“ (Z. 32) zeigt.
Lösung: 1. Bibelstelle (z. B. Ex 20,1–21 - Dekalog): - Eröffnung mit Selbstvorstellungsformel („Ich bin der HERR, dein Gott“), Erinnerung an die Befreiung aus Ägypten. - Weisungen als Ausdruck göttlicher Autorität für das Verhältnis zu Gott und Mitmenschen, Ermöglichung von Leben in Freiheit; Israel als hörendes Volk in der Verantwortung. - Bildhafte Theophanie (Blitz, Donner, Rauch, dunkle Wolke): Nicht-Vorstellbarkeit, Unnahbarkeit und Furchterregung Gottes; Mose als Mittler. 2. Bibelstelle (z. B. Ex 32,1–35 - Goldenes Kalb): - Bundesbruch durch das Volk; Gott bezeichnet das Volk als „störrisch“ und will es in verzehrendem Zorn vernichten. - Moses Fürbitte bewirkt Reue und Umkehr Gottes. - Zerschlagung der Tafeln, Bestrafung der Schuldigen; Gottes Anspruch auf Alleinverehrung und Bundesbeziehung. Erläuterung der „verstörenden Unbegreiflichkeit Gottes“: - In Ex 20: Bildliche Erscheinung erzeugt Furcht, doch Gebote wollen Freiheit und Frieden ermöglichen; Ambivalenz zwischen furchteinflößender Transzendenz und menschenfreundlicher Fürsorge. - In Ex 32: Unbegreiflichkeit zeigt sich im Spannungsverhältnis zwischen göttlichem Zorn/Gericht und dem unbedingten Festhalten an Seinem Bund und Seinem Volk.
3. b) Erörtern Sie, ob die Kritik Steffenskys am heutigen christlichen Gottesbild gerechtfertigt ist.
Lösung: Zustimmende Argumentation: - Ein rein harmonistisches, widerspruchsfreies und „geheimnisloses“ Gottesbild verneint die biblische Transzendenz, Unbegreiflichkeit und das Leiden Jesu am Kreuz. - Das Bewusstsein der unverfügbaren Größe Gottes schützt vor Instrumentalisierung und Selbstgerechtigkeit. - Ein rein zärtlicher Gott ohne Anspruch und Gericht verharmlost Sünde und Verantwortung des Menschen. Ablehnende/kritische Argumentation: - Die alt- oder urchristlichen Schreckensbilder führten historisch oft zu Angst- und Drohbotschaften anstelle der befreienden Osterbotschaft. - Nach Joh 3,17 sandte Gott seinen Sohn nicht, um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten; Gottes Wesen ist letztlich barmherzige, bedingungslose Liebe. - Die Kreuzigung offenbart nicht banale Gemütlichkeit, sondern eine radikale Liebe, die den Tod überwindet. Begründete Schlussfolgerung: Synthese oder differenziertes Urteil über die Balance zwischen Gottes geheimnisvoller Andersheit und seiner heilsamen Zuwendung.
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