Aufgabe HT 3 - 3 · Abitur NRW Jüdische Religionslehre GK · Haupttermin 2021
Thema: Verantwortliches Handeln: Tikkun Olam, Tiere und Schöpfung · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2021)
Aufgabenstellung
Abraham J. Heschel
Der Mensch – ein heiliges Bild
Der biblische Schöpfungsbericht spricht nur in Andeutungen. Nichts wird darüber ausge-
sagt, welche Absicht, welcher Plan der Erschaffung von Himmel und Erde vorausging. [...]
„Und Gott sprach: ‚Es werde‘“! Die Erschaffung des Menschen dagegen wird von einer
Ankündigung begleitet: „Und Gott sprach: ‚Wir wollen den Menschen machen nach un-
5 serm Bild, uns gleich‘“! Dem Akt der Erschaffung des Menschen geht die Äußerung Seiner
Absicht voraus; Gottes Wissen um den Menschen kommt vor der Entstehung des Men-
schen. Gott kennt ihn, ehe Er ihn erschafft. Das Sein des Menschen wurzelt in der Tatsache,
dass Gott ihn kennt. Nur bei der Erschaffung des Menschen öffnet sich ein Blick in die Ge-
danken Gottes, in den Sinn, der hinter dem Geheimnis waltet.
10 „Und Gott sprach: ‚Ich will den Menschen machen nach Meinem Bild (zelem), Mir zum
Gleichnis (demut)‘... Und Gott schuf den Menschen nach Seinem Bild, nach dem Bilde
Gottes schuf Er ihn“ [Gen 1,26–27].
Diese Worte [...] enthalten nach jüdischer Überlieferung die grundlegende Aussage über
Wesen und Bedeutung des Menschen.
15 [...] Wo Gott nur einer unter vielen Göttern ist, wo das Wort „göttlich“ nur als überstei-
gernder Ausdruck gebraucht wird, wo der Unterschied zwischen Gott und Mensch nur ein
gradueller ist, da ist ein Ausdruck wie „göttliches Bild des Menschen“ gleichbedeutend mit
der Idee des Besten im Menschen. Nur im Lichte dessen, was der Mensch der Bibel über
Gott denkt, nämlich dass Er Himmel und Erde geschaffen hat, dass Er die absolute Gerech-
20 tigkeit und Barmherzigkeit ist, dass Er Herr über Natur und Geschichte ist, der Natur und
Geschichte transzendiert – nur im Licht dieser Tatsache weist die Idee, dass der Mensch
nach dem Bilde Gottes geschaffen wurde, auf das höchste Geheimnis des Menschen, seines
Wesens und seiner Existenz. Bild und Gleichnis Gottes!
[...] Gott ist niemals menschlich, und der Mensch ist niemals göttlich;... „denn Ich bin
25 Gott und nicht ein Mensch“ [Hos 11,9]. „Gott ist kein Mensch, dass Er Launen hätte, oder
sterblich, dass Er Seinen Sinn änderte“ [Num 23,19].
So bedeutet also Gleichnis Gottes die Gleichheit mit dem, der nicht dem Menschen gleicht.
Gleichnis Gottes bedeutet Gleichheit mit Ihm, mit dem verglichen alles andere nichts
ist. [...]
30 Paradoxerweise stellt sich die Frage nach dem Menschen häufiger als Frage nach dem Tod
denn als Frage nach dem Leben. Es ist jedoch eine wichtige Tatsache, dass im Gegensatz zu
Babylon und insbesondere zu Ägypten, wo die Beschäftigung mit dem Tod im Zentrum des
religiösen Denkens stand, der Tod für die Bibel kaum ein Problem darstellt. Ihr zentrales
Anliegen ist nicht, wie im Gilgameschepos 1, wie man dem Tod entgehen kann, sondern
35 vielmehr, wie man das Leben heiligen kann. Und „göttliches Bild und Gleichnis“ bedeutet
nicht, dass der Mensch Unsterblichkeit erlangt, sondern Heiligung.
Der Mensch ist Mensch nicht durch das, was er mit der Erde gemeinsam hat, sondern durch
das, was er mit Gott gemeinsam hat. Die griechischen Denker versuchten, den Menschen
als Teil des Universums zu verstehen; die Propheten versuchten, den Menschen als Partner
40 Gottes zu begreifen. [...]
Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen ist ein Gedanke, der in vielen Religionen bekannt
ist. Der Beitrag des Judentums ist, dass es die enorme Bedeutung dieses Gedankens gelehrt
hat: dass der Mensch eine metaphysische Würde hat, dass menschliches Leben für Gott
kostbar ist. Der Mensch wird nicht nach naturwissenschaftlichen Begriffen bewertet, sein
45 Wert ist unendlich. Für unseren „gesunden Menschenverstand“ ist ein Mensch weniger als
zwei. Jüdische Tradition will uns lehren, dass es für den, der eine einzige Seele verdirbt, ge-
nauso ist, als hätte er die ganze Welt dem Verderben preisgegeben; wer aber nur eine ein-
zige Seele rettet, ist, als hätte er die ganze Welt gerettet. [...]
Kein Mensch soll geopfert werden, um andere zu retten. „Wenn der Feind zu einer Gruppe
50 Frauen sagt: ‚Gebt uns eine von euch heraus, dann lassen wir die anderen in Ruhe‘, dann
mögen die Feinde alle vergewaltigen, aber sie sollen ihnen nicht eine einzige Seele verra-
ten“.
Die transzendente Würde des Menschen bedeutet nicht nur unveräußerliche Rechte, son-
dern auch eine unglaubliche Verantwortung. Die Mischna hebt den Gedanken hervor, dass
55 ein einziger Mensch der Vater aller Menschen war, und sagt: „Darum muss jeder Mensch
sagen: ‚Um meinetwillen wurde die Welt geschaffen‘“.
Das bedeutet, jeder Mensch muss sich selbst als so kostbar betrachten wie die ganze Welt,
zu kostbar, um sich an die Sünde wegzuwerfen. [...]
Das Bewusstsein göttlicher Würde muss sogar das Verhältnis des Menschen zu sich selbst
60 bestimmen. Seine Seele und sein Körper stellen ein Bild Gottes dar. Deshalb hat man die
Verpflichtung, seinen Körper sauber zu halten. „Man muss täglich Gesicht, Hände und
Füße waschen zur Ehre seines Schöpfers“. [...]
In der Tat kann jüdische Frömmigkeit in der Form eines höchsten Imperativs ausgedrückt
werden: Behandle dich als ein Ebenbild Gottes! Nur im Lichte dieses Imperativs können
65 wir die Bedeutung des erstaunlichen Gebotes verstehen: „Ihr sollt heilig sein, denn Ich, der
Herr, euer Gott, bin heilig“ [Lev 19,2]. Heiligkeit, ein wesentliches Attribut Gottes, kann
eine Eigenschaft des Menschen werden. Das Menschliche kann heilig werden.
1 Gilgameschepos: Weltentstehungsmythos aus dem babylonischen Raum
3. Erörtern Sie unter Rückgriff auf Ihre bisherigen Ergebnisse, ob bzw. inwieweit der Mensch aus jüdischer Perspektive dem eigenen Wert und seiner Verantwortung in der Welt – besonders gegenüber Tieren – entspricht, und nehmen Sie zum Schluss begründet Stellung. [28 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3. Erörtern Sie unter Rückgriff auf Ihre bisherigen Ergebnisse, ob bzw. inwieweit der Mensch aus jüdischer Perspektive dem eigenen Wert und seiner Verantwortung in der Welt – besonders gegenüber Tieren – entspricht, und nehmen Sie zum Schluss begründet Stellung.
Lösung: Individuelle Ausarbeitung und begründete Stellungnahme gemäß den Kriterien der amtlichen Vorgaben.
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