Aufgabe 3 - Gewalt und unzureichende Identitätsen… · Abitur NRW Erziehungswissenschaft LK · Nachtermin 2021

Thema: Gewalt und unzureichende Identitätsentwicklung (Heitmeyer) · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2021)

Aufgabenstellung

Materialgrundlage: Wilhelm Heitmeyer: Autoritäre Versuchungen, Signaturen der Bedrohung. Berlin: Suhrkamp Verlag 2018, S. 87 ff.

(Zwischenüberschriften und Quellenangaben wurden zugunsten einer besseren Lesbarkeit weggelassen. Die Rechtschreibung entspricht dem Original.)

Wilhelm Heitmeyer

Autoritäre Versuchungen

Verschärfte Ambivalenz der Moderne erzeugt verschiedene Formen des Autoritarismus

[...] Als Ambivalenz der Moderne wurde und wird in der soziologischen Literatur eine Zeit-

diagnose verstanden, die sich auf bestimmte Individualisierungsprozesse und deren Folgen

konzentriert, die für das Leben der Menschen in der Moderne paradigmatisch 1 seien [...].

In dieser Ambivalenz drücken sich Unterschiedlichkeit und Widersprüchlichkeit externer

5 Anforderungen an den Menschen in der modernen Gesellschaft aus. Dazu bedarf es dann –

im Sinne sozialpsychologischer Konzepte – der Ambivalenztoleranz, um damit umgehen zu

können. Untrennbar damit verbunden ist eine weitere Fähigkeit, die Ambiguitätstoleranz, das

heißt das Aushalten von unklaren, mehrdeutigen, unentschiedenen Situationen, die sich nicht

klar und eindeutig klassifizieren lassen.

10 Hier liegen nun erhebliche Gefahren im Zusammenhang mit autoritären Versuchungen, wie

sich beispielsweise an rechtsextremistischen Orientierungsmustern bei Jugendlichen aufzei-

gen ließ. Denn wenn Situationen oder auch die Anwesenheit von fremden Menschen als un-

berechenbar oder unkontrollierbar wahrgenommen werden, dann reagieren Personen, deren

Ambiguitätstoleranz niedrig ist, mit vereinfachten Weltsichten oder Stereotypen, um wieder

15 Ordnung, Struktur und Kontrolle zu erreichen.

Dass mit der Ambivalenz der modernen Welt die Eindeutigkeit unwiederbringlich verloren

gegangen ist und deshalb in erhöhtem Maße die Fähigkeit zur Ambiguitätstoleranz notwen-

dig wäre, um nicht in autoritäre Versuchungen zu geraten, ist naheliegend. Thomas Bauer 2

hat nun aufgezeigt, dass diese Ambiguitätstoleranz jedoch beständig abnimmt und auf fatale

20 Folgen für Gesellschaft und Politik verwiesen. Das Autoritäre ist dann ein Weg zur Realitäts-

kontrolle. [...].

Diese Ambivalenz der Moderne hatte insbesondere in den neuen Bundesländern gravierende

Folgen, die im sozialen wie im politischen Bereich bis heute nachhallen. Für Menschen aus

der ehemaligen DDR, die zuvor in einem autoritären, geschlossenen System mit mehr Sicher-

25 heit und weniger Freiheit gelebt hatten, fand 1989 eine Art Individualisierungsaufprall statt.

Es gab kein sukzessives Hineinwachsen und kein „trainierendes“ Umgehen mit gesellschaft-

lichen Veränderungen. Die eingelebten Verhältnisse hatten sich verdreht: mehr Freiheiten,

weniger Sicherheiten.

Inzwischen ist die Aufstiegsgesellschaft, wie sie in der alten Bundesrepublik jahrzehntelang

30 als Erfolgsmodell galt, auch im Westen Geschichte. Ulrich Becks einprägsame optimistische

Metapher vom „Fahrstuhl“, in dem alle sozialen Gruppen mit gleichbleibendem Ungleich-

heitsabstand nach oben fahren, ist seit Langem nicht mehr zeitgemäß und muss durch das

„Paternoster“-Bild ersetzt werden: Für einige geht es immer noch aufwärts, für andere hinge-

gen abwärts. Um die Frage, wie sehr sich die Verhältnisse auf dem Feld der sozialen Ungleich-

35 heit verändert haben, wird mit statistischen Waffen gekämpft. Die altbekannte und ungelöste

Spannung zwischen den Aufstiegsambitionen und Abstiegsängsten in den die Gesellschaft

bislang stabilisierenden mittleren sozialen Schichten erhält zwei relativ neue zusätzliche

Spannungspunkte, für die es bisher keine beruhigenden Antworten gibt: Viele machen sich

Sorgen über erstens die eigene Altersversorgung und zweitens die zukünftige Statusplatzie-

40 rung ihrer Kinder. Letztere ist deshalb von großem Belang, weil in die Vergleiche bezüglich

der Sicherung von Status und sozialer Anerkennung immer auch die Erfolgsaussichten der

nachfolgenden Generation eingehen. Der „relative Aufstiegsautomatismus“ 3, auf den man

früher vertrauen konnte, existiert heute nicht mehr, ist aber als prägendes Leitbild und als

Erwartungshintergrund – auch im intergenerationalen 4 Vergleich – präsent. Ein weiterer Fak-

45 tor, der zur Verschärfung der Ambivalenz der Moderne beiträgt.

Es gibt an dieser Stelle mehrere typische Verarbeitungsstrategien. Welche zum Einsatz kom-

men, hängt unter anderem vom jeweiligen Bildungsgrad, von den sozialräumlichen Gelegen-

heitsstrukturen und von der Unterstützung aus der sozialen Umgebung ab:

• Steigerung des Konkurrenzbewusstseins und der individuellen Anstrengungen, etwa durch

50 erhöhte berufliche oder geographische Mobilität;

• resignierendes Geschehenlassen angesichts übermächtiger „Verhältnisse“;

• aufbegehrende Suche nach autoritären sozialen und kulturellen Angeboten, zum Beispiel

als Schutz vor externer Konkurrenz, zur Sicherung von knappen Aufstiegschancen, zu einer

vermeintlichen Stabilisierung der Ordnung usw.

55 Um die Folgen des Zusammenwirkens von autoritärem Kapitalismus, Demokratieentleerung

und sozialer Desintegration für die Herausbildung des neuen politischen Typs des autoritären

Nationalradikalismus angemessen analysieren zu können, ist es notwendig, das Phänomen

des Autoritären in den Blick zu nehmen – Konstellationen von Hierarchie und Kontrolle, Füh-

rung und Lenkung, Einfluss, Geltung und Macht –, um dessen Relevanz für die gesellschaft-

60 liche Entwicklung zu verdeutlichen.

Da wir in der ambivalenten Moderne veränderte Individualisierungsbedingungen vorfinden

und darüber hinaus auch die Erziehungsmethoden – zumindest in der alten Bundesrepublik –

eine Liberalisierung erfahren haben, haben psychoanalytische Autoritarismus-Konzeptionen

wie die des „autoritären Charakters“ 5 an Relevanz eingebüßt, weil die Ursachen nicht mehr

65 umfassend als Ergebnis unterdrückerischer und zerstörerischer Erziehungspraktiken und in

den Kategorien von „Ich-Schwäche“ etc. gefasst werden können. Oliver Decker spricht in

diesem Zusammenhang von einem Veralten des „autoritären Charakters“. Das Konzept des

Autoritarismus insgesamt hingegen bleibe höchst relevant und müsse unter sich wandelnden

gesellschaftlichen Bedingungen immer wieder neu bestimmt werden. Deshalb wird in dieser

70 Analyse vor allem von der makrostrukturellen Ebene, von ökonomischen, sozialen und politi-

schen Entsicherungen und Kontrollverlusten aus gedacht. [...]

Autoritäre Versuchungen sind vor diesem Hintergrund vor allem als Reaktionen auf indivi-

duellen oder gesellschaftlichen Kontrollverlust zu interpretieren. Sie erzeugen eine Nachfrage

nach politischen Angeboten, die darauf abzielen, die Kontrolle wiederherzustellen, und zwar

75 durch die Ausübung von Macht und Herrschaft sowie über Ausgrenzung und Diskriminie-

rung bzw. gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. [...]

Nachdem das Autoritäre lange Zeit überdeckt war, gilt es nun, sich mit den Bedingungen der

Wiederkehr des Autoritären in Zeiten der Globalisierung zu befassen. Wie aktuell ist die Flucht

ins Autoritäre und in die Unterwerfung, die Flucht ins Destruktive (sodass sogar Zerstörung

80 noch positiv bewertet wird), die Flucht in die Konformität, also in Anpassung und Abhängig-

keit?

Anmerkung zum Autor:

Wilhelm Heitmeyer ist ein deutscher Soziologe, Erziehungswissenschaftler und Professor für Sozialisation am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld.

1 paradigmatisch: als Muster oder Beispiel dienend

2 Thomas Bauer ist Islamwissenschaftler an der Universität Münster.

3 Aufstiegsautomatismus meint die hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder wohlhabender Eltern ganz selbstverständlich ebenfalls wohlhabend sein werden.

4 intergenerational: alle Generationen betreffend

5 Der „autoritäre Charakter“ nach Adorno beschreibt in der Psychoanalyse in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ein typisches Muster von Einstellungen und Persönlichkeitseigenschaften, die ein Potenzial für antidemokratische und faschistische Einstellungen und Verhaltensweisen bilden und ihren Ursprung in psychischen Verarbeitungsmustern wichtiger emotionaler Erfahrungen, insbesondere streng-autoritärer Erziehung haben.

1.

Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) des Textes, stellen Sie dessen Inhalt dar und skizzieren Sie, wie die Argumentation aufgebaut ist. [18 Punkte]

2.

Erläutern Sie Heitmeyers Aussagen unter Heranziehung seines soziologischen Ansatzes zur Erklärung von Gewalt. [32 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 - Gewalt und unzureichende Identitätsen… · Abitur NRW Erziehungswissenschaft LK · Nachtermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) des Textes, stellen Sie dessen Inhalt dar und skizzieren Sie, wie die Argumentation aufgebaut ist.

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den Kriterien der amtlichen Vorgaben: - Hauptaussage(n) des Textes (4 Punkte): Die Moderne ist von einer Wiederkehr des Autoritären gekennzeichnet, welche ihren Ursprung nicht mehr in autoritären Erziehungsstrukturen, sondern in der paradigmatischen Ambivalenz der Gesellschaft und ihren damit einhergehenden strukturellen Verunsicherungspotenzialen hat und ein Bedürfnis nach Realitätskontrolle auslöst. - Inhaltliche Aspekte (10 Punkte): • Zusammenhang von Ambivalenz, Individualisierungsprozessen und Ambiguitätstoleranz, • Verlust von Eindeutigkeit und Ambiguitätstoleranz mit der Konsequenz autoritärer Orientierungen, • vereinfachte Weltsicht oder Stereotypen zur Wiederherstellung von Ordnung, Struktur und Kontrolle als Folge niedriger Ambiguitätstoleranz, • Realitätskontrolle als zentrales Bedürfnis, • Konkretion der Ambivalenz am Beispiel der Geschichte der neuen Bundesländer, • Sorge um Altersvorsorge und Statusplatzierung der eigenen Kinder als zusätzliche Spannungspunkte in der mittleren sozialen Schicht, • drei Möglichkeiten des Umgangs mit Ambivalenz der Moderne (Konkurrenzfähigkeit durch Mobilität, resignierendes Geschehenlassen, aufbegehrende Suche nach Stabilisierung), • Abhängigkeit der Umgangsformen vom Bildungsgrad, sozialräumlichen Gelegenheitsstrukturen und sozialer Unterstützung, • psychoanalytisch geprägte Autoritarismus-Konzeptionen nicht mehr als angemessener Erklärungsansatz (Liberalisierung der Erziehung), • ökonomische, soziale und politische Entsicherungen als makrostrukturelle Ursachen. - Argumentationsaufbau (4 Punkte): Erläuterung des Begriffs der Ambivalenz der Moderne; Benennung resultierender Folgen für Gesellschaft und Politik sowie individueller Verarbeitungsstrategien; Ableitung der Notwendigkeit einer makrostrukturellen Analyse; abschließende Zusammenfassung zur Ursache der Wiederkehr des Autoritären.

2. Erläutern Sie Heitmeyers Aussagen unter Heranziehung seines soziologischen Ansatzes zur Erklärung von Gewalt.

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den amtlichen Kriterien: - Wahl eigener Schwerpunkte für die Erläuterung (4 Punkte), z. B. Individualisierung, Ambivalenzen, Entsicherung und Kontrollverlust, individuelle Verarbeitungsstrategien. - Darstellung aufgabenbezogener und gesichtspunktorientierter Aspekte des soziologischen Erklärungsansatzes nach Heitmeyer (10 Punkte): • Individualisierung als zentrales Kennzeichen der Moderne (Entscheidungsspielraum vs. Entscheidungsdruck), • Desintegrationspotenziale auf sozialer Ebene (Erosion traditioneller Lebensformen, verminderte Partizipation, Pluralisierung von Normen und Werten), • Desintegration auf personaler Ebene (emotionale Verunsicherung durch Bindungsverluste, Gewalterfahrung, gesteigertes Konkurrenzbewusstsein, Statusverlust), • Gewalt als Verarbeitungsstrategie (expressive, instrumentelle, regressive, autoaggressive Gewalt). - Ermittlung aufgabenrelevanter Textaussagen (4 Punkte), z. B. Widersprüchlichkeit externer Anforderungen, mehr Freiheit bei weniger Sicherheit, strukturell bedingte Verunsicherung, Suche nach Realitätskontrolle, Diskriminierung und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. - Differenzierte Verknüpfung der Teilleistungen (10 Punkte): • mehr Freiheit und weniger Sicherheit führen zu Verunsicherung und Desintegrationserfahrungen, • pluralistischer Orientierungsrahmen mit Verlust von Eindeutigkeit führt zu Suchbewegungen, • autoritäre Angebote als attraktive Antwort auf institutionelle Desintegrationserfahrungen, • Sorge um Statusplatzierung bedingt Konkurrenz und Tendenz zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit bzw. Nationalradikalismus, • Realitätskontrolle in Form von ideologisch geprägter instrumenteller/regressiver Gewalt zur Herstellung von Macht und Herrschaft. - Resümee in Form eines Fazits auf abstrakterer Ebene (4 Punkte).

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