Aufgabe 4 - Gewalt und unzureichende Identitätsen… · Abitur NRW Erziehungswissenschaft GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Gewalt und unzureichende Identitätsentwicklung (Heitmeyer) · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)
Aufgabenstellung
Materialgrundlage
Thomas Pfeiffer: Gemeinschaft – Action – Anerkennung. Was motiviert Jugendliche, gegen die Demokratie zu denken und zu handeln? In: Thema Jugend. Zeitschrift für Jugendschutz und Erziehung, Nr. 2/2017, S. 8 ff.
(Um das Lesen zu erleichtern, wurden Zwischenüberschriften und Quellenangaben ausgelassen. Die Rechtschreibung des Originals wurde beibehalten.)
Thomas Pfeiffer
Gemeinschaft – Action – Anerkennung
Warum entwickeln Jugendliche Affinitäten 1 zum Rechtsextremismus, zu einer Szenerie, die
faktisch von Hass und Gewalt geprägt ist? Den Antworten nachzuspüren heißt, die Perspek-
tive zu wechseln. Mit welchem Appeal 2 begegnet diese Szene Jugendlichen, die sich in den für
diese Lebensphase typischen Suchbewegungen befinden und dem Rechtsextremismus annä-
5 hern? Welche Faktoren geben der Affinisierung subjektiv Sinn? Es sind bestimmte Verspre-
chungen, die rechtsextremistische Gruppen mal werbewirksam zur Schau stellen, mal unge-
sagt ausstrahlen. Das zentrale Versprechen heißt Gemeinschaft, im Szene-Duktus 3 „Kame-
radschaft“. Grundsätzlich wird bedingungsloser Zusammenhalt versprochen, in der Praxis
kommen Differenzierungen und Ambivalenzen vor. So unterscheidet der ehemalige NPD-
10 und Neonazi-Aktivist Frank Försterling im Rückblick zwischen „Bekannten“, „Kamera-
den“ und „Freunden“. Während er als „Kameraden“ die politisch Verbundenen bezeichnet,
sind „Freunde“ für ihn die, auf „die man sich wirklich verlassen kann“. „Kameraden“ und
„Freunde“ in diesem Sinne können, müssen aber nicht, deckungsgleich sein. Das Zusammen-
gehörigkeitsempfinden nennt Försterling als das wichtigste Bauchgefühl in der Annäherungs-
15 phase. (Volks-)Gemeinschaft ist nicht nur ein Werbeversprechen, sondern auch der Kern des
Programms des Rechtsextremismus.
Action- und Freizeitangebote sind die Vehikel 4 der Vergemeinschaftung. Facetten der „Erleb-
niswelt Rechtsextremismus“ macht Gabriel Landgraf deutlich. Sein früherer Aktionsraum
war die Neonazi-Gruppierung Berliner Alternative Süd-Ost (BASO). Der Zugang zu dieser
20 Erlebniswelt ist niedrigschwellig, die Angebote jugendnah, politische Botschaften sind zu-
nächst wenig explizit. Gleichwohl ist das Gemeinschaftserleben kontinuierlich durch Freund-
Feind-Unterscheidungen politisch aufgeladen. […].
Ein breites Spektrum an Websites und Social-Media-Profilen mit Musik, Videos und anderen
multimedialen Elementen trägt zur Erlebniswelt bei. Durch die Modernisierung ihrer Ästhe-
25 tik, Symbolik und Bildersprache leisten diese Szene-Medien einem Imagewechsel Vorschub:
Einer früher weitgehend uniformen und gewaltnahen Formensprache stehen heute Bilder
gegenüber, die Coolness, Aktualität und Unangepasstheit ausstrahlen. Zugehörigkeit schafft
Anerkennung, die Gruppe und der Kampf für eine gemeinsame Sache verleihen Bedeutung.
Sich im Rechtsextremismus zum ersten Mal vorbehaltlos angenommen zu fühlen, ist ein im
30 Rückblick häufig von Aussteigern beschriebenes Gefühl. Die Einsteigenden empfinden Aner-
kennung auch dadurch, dass sie an einer Gemeinschaft der älteren Jugendlichen und jungen
Erwachsenen zumindest scheinbar auf Augenhöhe teilhaben. Häufig sind etwas Ältere die
maßgeblichen Personen bei der Einführung in die Szene.
So erinnert sich Stefan Rochow, der mit 13 Jahren in Greifswald in Skinhead- und Neonazi-
35 Cliquen einsteigt, dass die meisten seiner Gruppe mindestens vier Jahre älter waren. In un-
übersichtlichen Zeiten und Lebenslagen verspricht der Rechtsextremismus Orientierung und
Halt. Dafür steht die Kette der Schlüsselbegriffe, mit denen Rochow das persönliche und
gesellschaftliche Empfinden in der Nach-Wende-Zeit, seiner Einstiegsphase, beschreibt:
„Vakuum“ – „Chaos“ – „Angst“ – „Meine Unzufriedenheit wandelt sich in Wut und langsam
40 in Hass“. Der Rechtsextremismus ist hier eine Quelle klarer Raster, die Richtig und Falsch
unterscheidbar machen, und eine Quelle der Selbstsicherheit: „Ich werde nicht schweigen
und klein beigeben! Ich habe schon einmal erlebt, was eine Revolution erreichen kann. Die
Menschen müssen, da alles sinnlos gewesen zu sein scheint, aufgerüttelt werden.“ Ein klares
Gut-Böse-Raster, Feindbildkonstruktionen, Verschwörungstheorien und die bis zur Obses-
45 sion reichende Vorstellung, Opfer des Systems und seiner Vasallen zu sein, haben auch eine
entlastende Funktion. Eigene Verantwortung für das Gelingen des Lebens wird hinter den
Schuldzuschreibungen unsichtbar.
Die Zugehörigkeit zu einer starken Gruppe verleiht Sicherheit, Überlegenheit und Selbst-
wirksamkeit. Aussteiger sprechen häufig von „Respekt“, den sie plötzlich erfahren hätten.
50 Dominanz war für die 2015 verstorbene Psychologin Birgit Rommelspacher ein Schlüssel-
reiz des Rechtsextremismus, wenngleich die Einschüchterung anderer eine „paradoxe Aner-
kennung“ darstellt.
Sehr deutlich wird das Macht- und Dominanz-Motiv in den Erinnerungen des ehemaligen
rechtsextremistischen Skinheads Manuel Bauer. Das Skinhead-Outfit ist Symbol und Mittel
55 der mentalen Verwandlung: Es „erhöhte unseren Stellenwert und machte uns zu dem, was
wir sein wollten: zu einer Horde junger Männer, vor denen man sich in Acht nehmen sollte.
[…] Wenn wir irgendwo zusammen auftauchten – im Bahnhofslokal oder an der Imbissbude –
verstummten die Gespräche der anwesenden Gäste. Es wurde still, nur weil eine Gruppe
Jugendlicher den Raum betrat. Von den 17- bis 18-Jährigen abgesehen, waren die meisten von
60 uns im Grunde noch Kinder. Man kann sich kaum vorstellen, wie dieses Gefühl auf unsere
naiven Seelen wirkte.“
Affinitäten zur Gewalt können im Rechtsextremismus ausgelebt werden, je nach Teilspektrum
der Szene hängt Status von der Bereitschaft und Fähigkeit zur Gewaltanwendung ab. Rom-
melspacher verweist auf den schwedischen Aussteiger Kent Lindahl als Beispiel für eine
65 „Ideologisierung von Gewalt“. Aufgewachsen mit der väterlichen Botschaft, dass „man nur
mit Gewalt durchs Leben kommt“, wird sie für ihn zur Möglichkeit der Selbstverteidigung,
dann zur „Quelle der Selbstbestätigung“, zu einer „Lebensform“ und schließlich zum selbst-
verständlichen Mittel, politische Ziele durchzusetzen. […]
1 Affinität: hier in diesem Zusammenhang: Neigung
2 Appeal: hier: Anziehungskraft, Ausstrahlung, Reiz
3 Duktus: charakteristische Art
4 Vehikel: hier: etwas, was als Mittel dazu dient, etwas anderes deutlich, wirksam werden zu lassen, zu ermöglichen
Anmerkung zum Autor
Thomas Pfeiffer (*1970) ist ein deutscher Journalist und Politikwissenschaftler sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Verfassungsschutz des Innenministeriums NRW.
Aufgabenstellung: Teilaufgaben 1 und 3
1.
Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) des Textes, stellen Sie dessen Inhalt dar und skizzieren Sie, wie die Argumentation aufgebaut ist.
[18 Punkte]
3.
Erörtern Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse, welche Möglichkeiten Erziehung und Bildung haben, um Jugendliche vor der politischen Verführung zu Gewalt und Rechtsextremismus zu schützen. Beziehen Sie dabei den soziologischen Erklärungsansatz Wilhelm Heitmeyers zu Lebensumständen, die Gewalt begünstigen, mit ein.
[30 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) des Textes, stellen Sie dessen Inhalt dar und skizzieren Sie, wie die Argumentation aufgebaut ist.
Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den Kriterien der amtlichen Vorgaben (Hauptaussage, Inhalt, Argumentationsaufbau).
3. Erörtern Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse, welche Möglichkeiten Erziehung und Bildung haben, um Jugendliche vor der politischen Verführung zu Gewalt und Rechtsextremismus zu schützen. Beziehen Sie dabei den soziologischen Erklärungsansatz Wilhelm Heitmeyers zu Lebensumständen, die Gewalt begünstigen, mit ein.
Lösung: Individuelle Erörterung und kriteriengeleitetes pädagogisches Urteil unter Einbezug von Heitmeyers Ansatz.
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