Aufgabe 4 - Gewalt und Rechtsextremismus (Heitmey… · Abitur NRW Erziehungswissenschaft GK · Haupttermin 2021

Thema: Gewalt und unzureichende Identitätsentwicklung (Heitmeyer) · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Materialgrundlage

Thomas Pfeiffer

Gemeinschaft – Action – Anerkennung

Warum entwickeln Jugendliche Affinitäten 1 zum Rechtsextremismus, zu einer Szenerie, die

faktisch von Hass und Gewalt geprägt ist? Den Antworten nachzuspüren heißt, die Perspek-

tive zu wechseln. Mit welchem Appeal 2 begegnet diese Szene Jugendlichen, die sich in den für

diese Lebensphase typischen Suchbewegungen befinden und dem Rechtsextremismus annä-

5 hern? Welche Faktoren geben der Affinisierung subjektiv Sinn? Es sind bestimmte Verspre-

chungen, die rechtsextremistische Gruppen mal werbewirksam zur Schau stellen, mal unge-

sagt ausstrahlen. Das zentrale Versprechen heißt Gemeinschaft, im Szene-Duktus 3 „Kame-

radschaft“. Grundsätzlich wird bedingungsloser Zusammenhalt versprochen, in der Praxis

kommen Differenzierungen und Ambivalenzen vor. So unterscheidet der ehemalige NPD-

10 und Neonazi-Aktivist Frank Försterling im Rückblick zwischen „Bekannten“, „Kamera-

den“ und „Freunden“. Während er als „Kameraden“ die politisch Verbundenen bezeichnet,

sind „Freunde“ für ihn die, auf „die man sich wirklich verlassen kann“. „Kameraden“ und

„Freunde“ in diesem Sinne können, müssen aber nicht, deckungsgleich sein. Das Zusammen-

gehörigkeitsempfinden nennt Försterling als das wichtigste Bauchgefühl in der Annäherungs-

15 phase. (Volks-)Gemeinschaft ist nicht nur ein Werbeversprechen, sondern auch der Kern des

Programms des Rechtsextremismus.

Action- und Freizeitangebote sind die Vehikel 4 der Vergemeinschaftung. Facetten der „Erleb-

niswelt Rechtsextremismus“ macht Gabriel Landgraf deutlich. Sein früherer Aktionsraum

war die Neonazi-Gruppierung Berliner Alternative Süd-Ost (BASO). Der Zugang zu dieser

20 Erlebniswelt ist niedrigschwellig, die Angebote jugendnah, politische Botschaften sind zu-

nächst wenig explizit. Gleichwohl ist das Gemeinschaftserleben kontinuierlich durch Freund-

Feind-Unterscheidungen politisch aufgeladen. […].

Ein breites Spektrum an Websites und Social-Media-Profilen mit Musik, Videos und anderen

multimedialen Elementen trägt zur Erlebniswelt bei. Durch die Modernisierung ihrer Ästhe-

25 tik, Symbolik und Bildersprache leisten diese Szene-Medien einem Imagewechsel Vorschub:

Einer früher weitgehend uniformen und gewaltnahen Formensprache stehen heute Bilder

gegenüber, die Coolness, Aktualität und Unangepasstheit ausstrahlen. Zugehörigkeit schafft

Anerkennung, die Gruppe und der Kampf für eine gemeinsame Sache verleihen Bedeutung.

Sich im Rechtsextremismus zum ersten Mal vorbehaltlos angenommen zu fühlen, ist ein im

30 Rückblick häufig von Aussteigern beschriebenes Gefühl. Die Einsteigenden empfinden Aner-

kennung auch dadurch, dass sie an einer Gemeinschaft der älteren Jugendlichen und jungen

Erwachsenen zumindest scheinbar auf Augenhöhe teilhaben. Häufig sind etwas Ältere die

maßgeblichen Personen bei der Einführung in die Szene.

So erinnert sich Stefan Rochow, der mit 13 Jahren in Greifswald in Skinhead- und Neonazi-

35 Cliquen einsteigt, dass die meisten seiner Gruppe mindestens vier Jahre älter waren. In un-

übersichtlichen Zeiten und Lebenslagen verspricht der Rechtsextremismus Orientierung und

Halt. Dafür steht die Kette der Schlüsselbegriffe, mit denen Rochow das persönliche und

gesellschaftliche Empfinden in der Nach-Wende-Zeit, seiner Einstiegsphase, beschreibt:

„Vakuum“ – „Chaos“ – „Angst“ – „Meine Unzufriedenheit wandelt sich in Wut und langsam

40 in Hass“. Der Rechtsextremismus ist hier eine Quelle klarer Raster, die Richtig und Falsch

unterscheidbar machen, und eine Quelle der Selbstsicherheit: „Ich werde nicht schweigen

und klein beigeben! Ich habe schon einmal erlebt, was eine Revolution erreichen kann. Die

Menschen müssen, da alles sinnlos gewesen zu sein scheint, aufgerüttelt werden.“ Ein klares

Gut-Böse-Raster, Feindbildkonstruktionen, Verschwörungstheorien und die bis zur Obses-

45 sion reichende Vorstellung, Opfer des Systems und seiner Vasallen zu sein, haben auch eine

entlastende Funktion. Eigene Verantwortung für das Gelingen des Lebens wird hinter den

Schuldzuschreibungen unsichtbar.

Die Zugehörigkeit zu einer starken Gruppe verleiht Sicherheit, Überlegenheit und Selbst-

wirksamkeit. Aussteiger sprechen häufig von „Respekt“, den sie plötzlich erfahren hätten.

50 Dominanz war für die 2015 verstorbene Psychologin Birgit Rommelspacher ein Schlüssel-

reiz des Rechtsextremismus, wenngleich die Einschüchterung anderer eine „paradoxe Aner-

kennung“ darstellt.

Sehr deutlich wird das Macht- und Dominanz-Motiv in den Erinnerungen des ehemaligen

rechtsextremistischen Skinheads Manuel Bauer. Das Skinhead-Outfit ist Symbol und Mittel

55 der mentalen Verwandlung: Es „erhöhte unseren Stellenwert und machte uns zu dem, was

wir sein wollten: zu einer Horde junger Männer, vor denen man sich in Acht nehmen sollte.

[…] Wenn wir irgendwo zusammen auftauchten – im Bahnhofslokal oder an der Imbissbude –

verstummten die Gespräche der anwesenden Gäste. Es wurde still, nur weil eine Gruppe

Jugendlicher den Raum betrat. Von den 17- bis 18-Jährigen abgesehen, waren die meisten von

60 uns im Grunde noch Kinder. Man kann sich kaum vorstellen, wie dieses Gefühl auf unsere

naiven Seelen wirkte.“

Affinitäten zur Gewalt können im Rechtsextremismus ausgelebt werden, je nach Teilspektrum

der Szene hängt Status von der Bereitschaft und Fähigkeit zur Gewaltanwendung ab. Rom-

melspacher verweist auf den schwedischen Aussteiger Kent Lindahl als Beispiel für eine

65 „Ideologisierung von Gewalt“. Aufgewachsen mit der väterlichen Botschaft, dass „man nur

mit Gewalt durchs Leben kommt“, wird sie für ihn zur Möglichkeit der Selbstverteidigung,

dann zur „Quelle der Selbstbestätigung“, zu einer „Lebensform“ und schließlich zum selbst-

verständlichen Mittel, politische Ziele durchzusetzen. […]

1 Affinität: hier in diesem Zusammenhang: Neigung

2 Appeal: hier: Anziehungskraft, Ausstrahlung, Reiz

3 Duktus: charakteristische Art

4 Vehikel: hier: etwas, was als Mittel dazu dient, etwas anderes deutlich, wirksam werden zu lassen, zu ermöglichen

Anmerkung zum Autor:

Thomas Pfeiffer (*1970) ist ein deutscher Journalist und Politikwissenschaftler sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Verfassungsschutz des Innenministeriums NRW.

Thomas Pfeiffer: Gemeinschaft – Action – Anerkennung. Was motiviert Jugendliche, gegen die Demokratie zu denken und zu handeln? In: Thema Jugend. Zeitschrift für Jugendschutz und Erziehung, Nr. 2/2017, S. 8 ff.

(Zwischenüberschriften und Quellenangaben wurden zugunsten einer besseren Lesbarkeit weggelassen. Die Rechtschreibung entspricht dem Original.)

1.

Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) des Textes, stellen Sie dessen Inhalt dar und skizzieren Sie, wie die Argumentation aufgebaut ist. [18 Punkte]

3.

Erörtern Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse, welche Möglichkeiten Erziehung und Bildung haben, um der politischen Verführung Jugendlicher zu Gewalt und Rechtsextremismus entgegenzuwirken. Beziehen Sie dabei den soziologischen Erklärungsansatz Wilhelm Heitmeyers zu Lebensumständen, die Gewalt begünstigen, mit ein. [30 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 4 - Gewalt und Rechtsextremismus (Heitmey… · Abitur NRW Erziehungswissenschaft GK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) des Textes, stellen Sie dessen Inhalt dar und skizzieren Sie, wie die Argumentation aufgebaut ist.

Lösung: Individuelle textanalytische Ausarbeitung gemäß den Kriterien der amtlichen Lösungsvorgaben.

3. Erörtern Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse, welche Möglichkeiten Erziehung und Bildung haben, um der politischen Verführung Jugendlicher zu Gewalt und Rechtsextremismus entgegenzuwirken. Beziehen Sie dabei den soziologischen Erklärungsansatz Wilhelm Heitmeyers zu Lebensumständen, die Gewalt begünstigen, mit ein.

Lösung: Individuelle kriterienorientierte Erörterung und pädagogische Urteilsbildung gemäß den Kriterien der amtlichen Lösungsvorgaben.

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