Abitur NRW Deutsch 2024 · LK · Sprachpolitik

Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2024, LK · Sprachpolitik: 2 Teilaufgaben mit Lösungen. Themen: Analyse pragmatischer Texte. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte

Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte · Analyse pragmatischer Texte

Aufgabenstellung

Bearbeiten Sie die folgende Teilaufgabe auf der Grundlage des vorgegebenen Materials.

Material

Ulrike Winkelmann: Sprache als Experiment (2021)

Ein wichtiger Teil im aktuellen Streit über die Identitätspolitik 1 ist die Sprachpolitik – was sich

schon daran erkennen lässt, dass der Begriff „Identitätspolitik“ strittig ist. Denn diejenigen,

denen zugeschrieben wird, sie betrieben Identitätspolitik, sprechen oft selbst lieber vom

„intersektionalen“ 2 Ansatz. Sie vermuten im Begriff „Identitätspolitik“ schon zu viele

5 Herabsetzungen.

Sprachpolitik ist ein Umgang mit der Sprache, der davon ausgeht, dass ich am

Sprachgebrauch Machtverhältnisse nicht nur erkennen, sondern mit dem Sprachgebrauch

auch Machtverhältnisse ändern kann. Ein besonders erfolgreiches Kapitel der Sprachpolitik ist

die feministische Sprachkritik (so sagte man damals noch eher) einer Luise Pusch und einer

10 Senta Trömel-Plötz 3 seit den späten achtziger Jahren.

Ihr Argument, dass die Sprache Machtverhältnisse sichtbar mache und ich also meine

Sprache auch zum Sichtbarmachen nutzen solle, zieht. Heißt: Ich muss mir mehr Mühe damit

geben, wen ich anspreche, denn es könnten sich längst nicht mehr alle mitgemeint fühlen.

Diese Verlagerung der Sprachaufmerksamkeit zu den Gemeinten und Angesprochenen hat

15 sich seither auf vielen Ebenen abgespielt. So können nichtweiße Menschen inzwischen selbst

Vorschläge machen, wie sie benannt werden wollen. Manche Begriffe, deren Verwendung

noch vor 20 Jahren als selbstverständlich galt, sind inzwischen tabuisiert: Das N-Wort ist das

vielleicht beste Beispiel.

Was sich in diesen Vorgängen spiegelt, ist ein enormer Fortschritt der Emanzipation nicht nur

20 von Frauen, sondern von vielen Communitys, die allzu lange allzu wenig zu Wort kamen. Dass

es dabei nun nicht nur um gesellschaftliche Gruppen geht, zeigte zuletzt die Initiative für

klimagerechte Sprache, die an das Konzept des „Framing“ anknüpft. Die Idee: Begriffe so zu

setzen, dass die Dimension der Klimakrise nicht übersehen wird; von „Erderhitzung“ zu

sprechen, damit sichtbar wird, wie verniedlichend das Wort „Erderwärmung“ eigentlich ist.

25 Wie jede Erfolgsgeschichte hat auch die der emanzipativen Sprachpolitik eine Kehrseite. Denn

der Erfolg der emanzipativen Sprachpolitik besteht darin, dass sie tatsächlich zum Machtmittel

wird.

Es ist das eine, wenn die taz 4 lustige Sprachexperimente macht, wenn sie die Fantasie, auch

das Verständnisvermögen, bisweilen die Geduld ihrer Leserinnen und Leser strapaziert und

30 durch immer neue Zeichen im Text, seien es Sternchen oder Unterstriche, englische

Abkürzungen oder Wortschöpfungen, ihren Willen zur Nichtdiskriminierung bezeugt.

Es ist aber etwas anderes, wenn uns diese Form der Sprachpolitik als Regel, als staatliche

oder quasistaatliche oder auch öffentlich getragene Vorgabe entgegentritt. Gerichtsurteile und

Leitfäden an Universitäten und Behörden belegen dies.

35 Auch der Deutschlandfunk gendert jetzt – wie auch Claus Kleber 5 im „heute journal“. Die

Gleichbehandlungsgesetze sorgen dafür, dass in der Verwaltung der „Gebrauch der

männlichen Form und das praktisch gedachte, aber wirkungslose ‚Mitmeinen‘ von Frauen‘ jetzt

gesetzlich nicht mehr zulässig seien – so etwa steht es im Leitfaden der Uni Köln.

Nun kommt solche Sprachpolitik – selbst bei einem Bekenntnis zur Freiwilligkeit – nicht ohne

40 das Werturteil aus, dass der bisherige Sprachgebrauch eben diskriminierend ist, dass also

diejenigen, die traditionell sprechen, andere herabwürdigen.

Dieses Urteil dürfte nun beim halbwegs geneigten Publikum besser funktionieren, wenn es

sich, grob gesagt, von unten nach oben richtet, also einen Angriff auf bestehende

Machtverhältnisse darstellt. Wenn es aber von oben nach unten geht, also als Vorgabe

45 daherkommt, liegt die Sache anders. In dem Augenblick verlässt die emanzipative

Sprachpolitik den charmanten Bereich des Experiments, sie wird gemessen mit dem Maßstab

für andere Sprachpolitiken mit Herrschaftsanspruch.

Das bekannteste Beispiel dafür dürfte immer noch „Newspeak“ sein, die stark regulierte

Sprache in George Orwells Roman „1984“, mit der das Regime von Ozeanien seine Herrschaft

50 festigen will. 6 Das ist natürlich eine Fiktion, die aber der Wirklichkeit – damals vor allem den

kommunistischen Regimes – entlehnt wurde. Es gibt kaum eine plastischere Illustration, dass

und wie Regierungen an der Sprache arbeiten, um Zustände schönzureden.

Orwells Newspeak zeigt aber auch einen grundlegenden Widerspruch der Sprachkritik:

SprachkritikerInnen nehmen einerseits die Sprache so wichtig, so das Argument, weil sie so

55 prägend sei, dass es kein Denken ohne Sprache geben könne. Andererseits nehmen sie doch

für sich selbst in Anspruch, über einen Raum der Erkenntnis jenseits der Sprache zu verfügen.

Sonst wären sie ja nicht so schlau.

In der klassischen Sprachkritik in der Tradition etwa eines Karl Kraus 7, die nach den wahren

Verhältnissen hinter den Begriffen sucht, wurden nun auch Generationen von tazlerinnen und

60 tazlern geschult. Das Instrumentarium kennen wir – die fröhliche oder auch beißende Ironie,

die feine Nase für Stilblüten und so weiter. Die Wahrheit-Seite 8 ist quasi die taz-eigene Instanz

für eine Tradition der Sprachkritik, die stets auch Ideologiekritik war.

Die Grundlage für diese Art Kritik ist immer das Motto: Ihr glaubt nicht im Ernst, dass wir euch

das glauben, oder? Das heißt: Wir behaupten, dass wir die Wirklichkeit erkennen und sie

65 besser beschreiben können, als der von oben vorgegebene Wortschatz es zulassen möchte.

Wir stoßen also in eine Lücke, die sich zwischen Realität und angebotenen Begriffen aufgetan

hat. Wir behaupten, die Worte entsprächen nicht der Realität, und kritisieren diese Worte

deshalb: „So dürft ihr das nicht nennen.“

In dem Augenblick, da emanzipative Sprachpolitik zu einer von einem „Oben“ gesetzten Norm

70 wird – und vieles sieht aktuell schon danach aus –, wird sie sich genau diesem Vorwurf

aussetzen müssen: dass sie Wirklichkeiten konstruiert, die viele nicht als die ihren begreifen.

Dass zum Beispiel die sprachliche Schwarz-Weiß-Konstruktion oder die Begrifflichkeit People

of Colour/POC beziehungsweise BIPoC 9 nicht die Wirklichkeiten der migrantischen und

postmigrantischen Communitys erfasst.

75 Mein Lieblingsbeispiel dafür, dass emanzipative Sprachpolitik nicht immer als emanzipativ

verstanden wird, ist übrigens die Verblüffung der Ostfrauen nach der Wende, die erst einmal

gar keine Lust hatten, sich nun Traktoristin oder Dreherin zu nennen. Sie meinten, sie seien

Traktorist oder Dreher. Die weibliche Endung „-in“ schien ihnen ein Rückschritt in

westdeutsche Verhältnisse, in denen Frauen der Illusion anhingen, durch sprachliche

80 Betonung des Weiblichseins ihre offensichtliche Unterlegenheit kompensieren zu können.

Zu dieser Kritik an der Sprachpolitik gehört auch der Vorwurf, dass eine beschleunigte

Produktion von emanzipativen Wortschöpfungen und Begrifflichkeiten ein fast ausschließlich

akademisches Sprachspiel sei. Man sollte ihn ernst nehmen. Der Versuch, eine neue, inklusive

Sprache hervorzubringen, kann nur ein Avantgardeprojekt 10 sein, so viel ist klar.

85 Mir aber fehlt eine angemessene Berücksichtigung der Kollateralschäden, die solch ein Projekt

mit sich bringt, wenn es die Avantgarde verlässt. Diskriminierungsfreie Sprache könnte dann

umso mehr als Elitenprojekt verstanden werden, das wenig bis nichts mit dem Sprachalltag

der allermeisten Menschen ohne Hochschulabschluss zu tun hat.

Ich möchte daher gern dafür plädieren, das Bemühen um faire Sprache als ein Projekt zu

90 begreifen, das zwar emanzipativ gemeint sein kann, aber nicht von allen als emanzipativ

verstanden werden muss.

Die feministische Sprachpolitik ist von dem Prinzip durchdrungen, dass Gemeintes nicht

unbedingt Verstandenes sein muss: „Du wolltest mich vielleicht nicht ausschließen, als du

gerade nur die männliche Form benutzt hast – aber weil ich mich ausgeschlossen fühle, hast

95 du es getan.“

Wenn jedoch Fortschritt heißt, dass Gemeintes und Verstandenes bisweilen entkoppelt ist,

dann gilt das auch in andere Richtungen. Dann kann das auch Nachteile, Folgen haben – etwa

die, dass es verschiedene Sprachwelten und -realitäten gibt, in denen wir uns orientieren

müssen.

100 Spätestens dann, wenn emanzipative Sprachpolitik Mainstream oder sogar Gesetz und

Vorgabe wird, müssen wir damit rechnen, dass sie sich einer Kritik auch von linker oder

aufklärerischer Seite stellen muss. Man darf damit rechnen, dass Teile des Publikums das gut

Gemeinte gar nicht als Fortschritt verstehen, sondern womöglich als diskriminierend.

Ich halte das für ein klassisches Dilemma. Mein Vorschlag wäre, das Bemühen um

105 diskriminierungsfreie Sprache in dem Raum zu lassen, in dem es in der taz die längste Zeit

war: keine Vorgaben, so wenig Urteile wie möglich, verwoben mit der Fähigkeit zur

Selbstironie.

Was dabei hilft: die prägende Kraft der Sprache aufs Denken hoch einzuschätzen – doch nicht

zu überhöhen.

Anmerkungen

1 Identitätspolitik: Der Begriff bezeichnet politisches Handeln, bei dem Bedürfnisse einer spezifischen Gruppe von Menschen im Mittelpunkt stehen, die über bestimmte Merkmale, wie z. B. religiöse Zugehörigkeit oder sexuelle Orientierung identifiziert werden. Angestrebt wird eine höhere Anerkennung der Gruppe, die Verbesserung ihrer gesellschaftlichen Position und die Stärkung ihres Einflusses.

2 Intersektionaler Ansatz: Der Begriff beschreibt die Überschneidung und Gleichzeitigkeit verschiedener Diskriminierungskategorien gegenüber einer Person (z. B. rassistische und sexistische Diskriminierung) und steht für den Versuch, die Diskriminierung zu überwinden.

3 Luise F. Pusch (*1944) und Senta Trömel-Plötz (*1939): feministische Sprachwissenschaftlerinnen und Mitbegründerinnen feministischer Linguistik.

4 taz: eine als politisch links-liberal geltende Tageszeitung.

5 Claus Kleber: langjähriger Moderator der ZDF-Nachrichtensendung heute journal.

6 Newspeak: In George Orwells Roman „1984“ beschränken die politisch Machthabenden durch die sprachpolitisch veränderte Sprache Newspeak die individuellen sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten und die Gedankenfreiheit der Bevölkerung.

7 Karl Kraus (1874–1936): österreichischer Schriftsteller, Sprach-, Kultur-, und Medienkritiker, der sprachliche Unstimmigkeiten als Symbol und Indiz für generelle gesellschaftliche Missstände deutete.

8 Wahrheit-Seite: Auf dieser Seite finden sich in der taz Artikel mit humoristischen und satirischen Inhalten.

9 BIPoC: Der Begriff ist eine Abkürzung, die sich auf Schwarze (Black), Indigene und People of Color (nicht-weiße Menschen) bezieht.

10 Avantgarde: intellektuelle, politische und künstlerische Bewegungen, die neue, wegweisende Entwicklungen anstoßen.

Winkelmann, Ulrike (06.02.2021): Sprache als Experiment. <https://taz.de/Ulrike-Winkelmann-ueber-Sprachkritik/!5747681/>. 07.11.2021

Ulrike Winkelmann (*1971) ist Journalistin und seit Sommer 2020 zusammen mit Barbara Junge Chefredakteurin der taz.

Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.

1.

Stellen Sie den Argumentationsgang des Textes von Ulrike Winkelmann dar und erläutern Sie die Intention des Textes. [ca. 40 %]

Aufgabe 2 - Erörterung pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte

Aufgabenstellung

Bearbeiten Sie die folgende Teilaufgabe auf der Grundlage des vorgegebenen Materials.

Material

Ulrike Winkelmann: Sprache als Experiment (2021)

Ein wichtiger Teil im aktuellen Streit über die Identitätspolitik 1 ist die Sprachpolitik – was sich

schon daran erkennen lässt, dass der Begriff „Identitätspolitik“ strittig ist. Denn diejenigen,

denen zugeschrieben wird, sie betrieben Identitätspolitik, sprechen oft selbst lieber vom

„intersektionalen“ 2 Ansatz. Sie vermuten im Begriff „Identitätspolitik“ schon zu viele

5 Herabsetzungen.

Sprachpolitik ist ein Umgang mit der Sprache, der davon ausgeht, dass ich am

Sprachgebrauch Machtverhältnisse nicht nur erkennen, sondern mit dem Sprachgebrauch

auch Machtverhältnisse ändern kann. Ein besonders erfolgreiches Kapitel der Sprachpolitik ist

die feministische Sprachkritik (so sagte man damals noch eher) einer Luise Pusch und einer

10 Senta Trömel-Plötz 3 seit den späten achtziger Jahren.

Ihr Argument, dass die Sprache Machtverhältnisse sichtbar mache und ich also meine

Sprache auch zum Sichtbarmachen nutzen solle, zieht. Heißt: Ich muss mir mehr Mühe damit

geben, wen ich anspreche, denn es könnten sich längst nicht mehr alle mitgemeint fühlen.

Diese Verlagerung der Sprachaufmerksamkeit zu den Gemeinten und Angesprochenen hat

15 sich seither auf vielen Ebenen abgespielt. So können nichtweiße Menschen inzwischen selbst

Vorschläge machen, wie sie benannt werden wollen. Manche Begriffe, deren Verwendung

noch vor 20 Jahren als selbstverständlich galt, sind inzwischen tabuisiert: Das N-Wort ist das

vielleicht beste Beispiel.

Was sich in diesen Vorgängen spiegelt, ist ein enormer Fortschritt der Emanzipation nicht nur

20 von Frauen, sondern von vielen Communitys, die allzu lange allzu wenig zu Wort kamen. Dass

es dabei nun nicht nur um gesellschaftliche Gruppen geht, zeigte zuletzt die Initiative für

klimagerechte Sprache, die an das Konzept des „Framing“ anknüpft. Die Idee: Begriffe so zu

setzen, dass die Dimension der Klimakrise nicht übersehen wird; von „Erderhitzung“ zu

sprechen, damit sichtbar wird, wie verniedlichend das Wort „Erderwärmung“ eigentlich ist.

25 Wie jede Erfolgsgeschichte hat auch die der emanzipativen Sprachpolitik eine Kehrseite. Denn

der Erfolg der emanzipativen Sprachpolitik besteht darin, dass sie tatsächlich zum Machtmittel

wird.

Es ist das eine, wenn die taz 4 lustige Sprachexperimente macht, wenn sie die Fantasie, auch

das Verständnisvermögen, bisweilen die Geduld ihrer Leserinnen und Leser strapaziert und

30 durch immer neue Zeichen im Text, seien es Sternchen oder Unterstriche, englische

Abkürzungen oder Wortschöpfungen, ihren Willen zur Nichtdiskriminierung bezeugt.

Es ist aber etwas anderes, wenn uns diese Form der Sprachpolitik als Regel, als staatliche

oder quasistaatliche oder auch öffentlich getragene Vorgabe entgegentritt. Gerichtsurteile und

Leitfäden an Universitäten und Behörden belegen dies.

35 Auch der Deutschlandfunk gendert jetzt – wie auch Claus Kleber 5 im „heute journal“. Die

Gleichbehandlungsgesetze sorgen dafür, dass in der Verwaltung der „Gebrauch der

männlichen Form und das praktisch gedachte, aber wirkungslose ‚Mitmeinen‘ von Frauen‘ jetzt

gesetzlich nicht mehr zulässig seien – so etwa steht es im Leitfaden der Uni Köln.

Nun kommt solche Sprachpolitik – selbst bei einem Bekenntnis zur Freiwilligkeit – nicht ohne

40 das Werturteil aus, dass der bisherige Sprachgebrauch eben diskriminierend ist, dass also

diejenigen, die traditionell sprechen, andere herabwürdigen.

Dieses Urteil dürfte nun beim halbwegs geneigten Publikum besser funktionieren, wenn es

sich, grob gesagt, von unten nach oben richtet, also einen Angriff auf bestehende

Machtverhältnisse darstellt. Wenn es aber von oben nach unten geht, also als Vorgabe

45 daherkommt, liegt die Sache anders. In dem Augenblick verlässt die emanzipative

Sprachpolitik den charmanten Bereich des Experiments, sie wird gemessen mit dem Maßstab

für andere Sprachpolitiken mit Herrschaftsanspruch.

Das bekannteste Beispiel dafür dürfte immer noch „Newspeak“ sein, die stark regulierte

Sprache in George Orwells Roman „1984“, mit der das Regime von Ozeanien seine Herrschaft

50 festigen will. 6 Das ist natürlich eine Fiktion, die aber der Wirklichkeit – damals vor allem den

kommunistischen Regimes – entlehnt wurde. Es gibt kaum eine plastischere Illustration, dass

und wie Regierungen an der Sprache arbeiten, um Zustände schönzureden.

Orwells Newspeak zeigt aber auch einen grundlegenden Widerspruch der Sprachkritik:

SprachkritikerInnen nehmen einerseits die Sprache so wichtig, so das Argument, weil sie so

55 prägend sei, dass es kein Denken ohne Sprache geben könne. Andererseits nehmen sie doch

für sich selbst in Anspruch, über einen Raum der Erkenntnis jenseits der Sprache zu verfügen.

Sonst wären sie ja nicht so schlau.

In der klassischen Sprachkritik in der Tradition etwa eines Karl Kraus 7, die nach den wahren

Verhältnissen hinter den Begriffen sucht, wurden nun auch Generationen von tazlerinnen und

60 tazlern geschult. Das Instrumentarium kennen wir – die fröhliche oder auch beißende Ironie,

die feine Nase für Stilblüten und so weiter. Die Wahrheit-Seite 8 ist quasi die taz-eigene Instanz

für eine Tradition der Sprachkritik, die stets auch Ideologiekritik war.

Die Grundlage für diese Art Kritik ist immer das Motto: Ihr glaubt nicht im Ernst, dass wir euch

das glauben, oder? Das heißt: Wir behaupten, dass wir die Wirklichkeit erkennen und sie

65 besser beschreiben können, als der von oben vorgegebene Wortschatz es zulassen möchte.

Wir stoßen also in eine Lücke, die sich zwischen Realität und angebotenen Begriffen aufgetan

hat. Wir behaupten, die Worte entsprächen nicht der Realität, und kritisieren diese Worte

deshalb: „So dürft ihr das nicht nennen.“

In dem Augenblick, da emanzipative Sprachpolitik zu einer von einem „Oben“ gesetzten Norm

70 wird – und vieles sieht aktuell schon danach aus –, wird sie sich genau diesem Vorwurf

aussetzen müssen: dass sie Wirklichkeiten konstruiert, die viele nicht als die ihren begreifen.

Dass zum Beispiel die sprachliche Schwarz-Weiß-Konstruktion oder die Begrifflichkeit People

of Colour/POC beziehungsweise BIPoC 9 nicht die Wirklichkeiten der migrantischen und

postmigrantischen Communitys erfasst.

75 Mein Lieblingsbeispiel dafür, dass emanzipative Sprachpolitik nicht immer als emanzipativ

verstanden wird, ist übrigens die Verblüffung der Ostfrauen nach der Wende, die erst einmal

gar keine Lust hatten, sich nun Traktoristin oder Dreherin zu nennen. Sie meinten, sie seien

Traktorist oder Dreher. Die weibliche Endung „-in“ schien ihnen ein Rückschritt in

westdeutsche Verhältnisse, in denen Frauen der Illusion anhingen, durch sprachliche

80 Betonung des Weiblichseins ihre offensichtliche Unterlegenheit kompensieren zu können.

Zu dieser Kritik an der Sprachpolitik gehört auch der Vorwurf, dass eine beschleunigte

Produktion von emanzipativen Wortschöpfungen und Begrifflichkeiten ein fast ausschließlich

akademisches Sprachspiel sei. Man sollte ihn ernst nehmen. Der Versuch, eine neue, inklusive

Sprache hervorzubringen, kann nur ein Avantgardeprojekt 10 sein, so viel ist klar.

85 Mir aber fehlt eine angemessene Berücksichtigung der Kollateralschäden, die solch ein Projekt

mit sich bringt, wenn es die Avantgarde verlässt. Diskriminierungsfreie Sprache könnte dann

umso mehr als Elitenprojekt verstanden werden, das wenig bis nichts mit dem Sprachalltag

der allermeisten Menschen ohne Hochschulabschluss zu tun hat.

Ich möchte daher gern dafür plädieren, das Bemühen um faire Sprache als ein Projekt zu

90 begreifen, das zwar emanzipativ gemeint sein kann, aber nicht von allen als emanzipativ

verstanden werden muss.

Die feministische Sprachpolitik ist von dem Prinzip durchdrungen, dass Gemeintes nicht

unbedingt Verstandenes sein muss: „Du wolltest mich vielleicht nicht ausschließen, als du

gerade nur die männliche Form benutzt hast – aber weil ich mich ausgeschlossen fühle, hast

95 du es getan.“

Wenn jedoch Fortschritt heißt, dass Gemeintes und Verstandenes bisweilen entkoppelt ist,

dann gilt das auch in andere Richtungen. Dann kann das auch Nachteile, Folgen haben – etwa

die, dass es verschiedene Sprachwelten und -realitäten gibt, in denen wir uns orientieren

müssen.

100 Spätestens dann, wenn emanzipative Sprachpolitik Mainstream oder sogar Gesetz und

Vorgabe wird, müssen wir damit rechnen, dass sie sich einer Kritik auch von linker oder

aufklärerischer Seite stellen muss. Man darf damit rechnen, dass Teile des Publikums das gut

Gemeinte gar nicht als Fortschritt verstehen, sondern womöglich als diskriminierend.

Ich halte das für ein klassisches Dilemma. Mein Vorschlag wäre, das Bemühen um

105 diskriminierungsfreie Sprache in dem Raum zu lassen, in dem es in der taz die längste Zeit

war: keine Vorgaben, so wenig Urteile wie möglich, verwoben mit der Fähigkeit zur

Selbstironie.

Was dabei hilft: die prägende Kraft der Sprache aufs Denken hoch einzuschätzen – doch nicht

zu überhöhen.

Anmerkungen

1 Identitätspolitik: Der Begriff bezeichnet politisches Handeln, bei dem Bedürfnisse einer spezifischen Gruppe von Menschen im Mittelpunkt stehen, die über bestimmte Merkmale, wie z. B. religiöse Zugehörigkeit oder sexuelle Orientierung identifiziert werden. Angestrebt wird eine höhere Anerkennung der Gruppe, die Verbesserung ihrer gesellschaftlichen Position und die Stärkung ihres Einflusses.

2 Intersektionaler Ansatz: Der Begriff beschreibt die Überschneidung und Gleichzeitigkeit verschiedener Diskriminierungskategorien gegenüber einer Person (z. B. rassistische und sexistische Diskriminierung) und steht für den Versuch, die Diskriminierung zu überwinden.

3 Luise F. Pusch (*1944) und Senta Trömel-Plötz (*1939): feministische Sprachwissenschaftlerinnen und Mitbegründerinnen feministischer Linguistik.

4 taz: eine als politisch links-liberal geltende Tageszeitung.

5 Claus Kleber: langjähriger Moderator der ZDF-Nachrichtensendung heute journal.

6 Newspeak: In George Orwells Roman „1984“ beschränken die politisch Machthabenden durch die sprachpolitisch veränderte Sprache Newspeak die individuellen sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten und die Gedankenfreiheit der Bevölkerung.

7 Karl Kraus (1874–1936): österreichischer Schriftsteller, Sprach-, Kultur-, und Medienkritiker, der sprachliche Unstimmigkeiten als Symbol und Indiz für generelle gesellschaftliche Missstände deutete.

8 Wahrheit-Seite: Auf dieser Seite finden sich in der taz Artikel mit humoristischen und satirischen Inhalten.

9 BIPoC: Der Begriff ist eine Abkürzung, die sich auf Schwarze (Black), Indigene und People of Color (nicht-weiße Menschen) bezieht.

10 Avantgarde: intellektuelle, politische und künstlerische Bewegungen, die neue, wegweisende Entwicklungen anstoßen.

Winkelmann, Ulrike (06.02.2021): Sprache als Experiment. <https://taz.de/Ulrike-Winkelmann-ueber-Sprachkritik/!5747681/>. 07.11.2021

Ulrike Winkelmann (*1971) ist Journalistin und seit Sommer 2020 zusammen mit Barbara Junge Chefredakteurin der taz.

Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.

2.

Erörtern Sie ausgehend von Ulrike Winkelmanns Text die Vor- und Nachteile regulierender Eingriffe in den gesellschaftlichen Sprachgebrauch im Hinblick auf eine diskriminierungsfreie Sprache. [ca. 60 %]

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