Abitur NRW Deutsch 2024 · LK · Einflussnahme durch Sprachlenkung

Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2024, LK · Einflussnahme durch Sprachlenkung: 2 Teilaufgaben mit Lösungen. Themen: Analyse pragmatischer Texte. Kostenlos.

Themen der Prüfung: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte

Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte · Analyse pragmatischer Texte

Material

Andreas Frey: Was gute Sprache mit guten Menschen zu tun hat (2020)

[...] Über die Sprache soll das Denken in eine andere Richtung gelenkt werden. Schließlich beeinflusst die Sprache unsere Deutung der Welt und auch unser Handeln. So stellen sich Vertreter der Sprachforschung das Wirkmuster von Deutungsrahmen vor, die unseren Wörtern eine Bedeutung geben, das sogenannte Framing.

Deutlicher wird diese Absicht, wenn man zwei aktuelle Debatten betrachtet. Beispielsweise den Streit darüber, ob die Berliner Mohrenstraße umbenannt werden soll. Mohr sei ein zutiefst kolonialistischer und rassistischer Begriff, sagen die Befürworter, die Gegner halten das für unsinnig und geschichtsvergessen. Eine weitere Debatte widmet sich der „Rasse“, die als Begriff aus Gesetzestexten wie dem Grundgesetz entfernt werden soll, weil das Konzept unwissenschaftlich sei und nationalsozialistisch kontaminiert.

Die Debatte tobt sehr laut und sehr emotional, und sie ist beispielhaft für eine Reihe von Sprachphänomenen, über die seit Jahrzehnten mit zunehmender Empörung und Polarisierung gestritten wird. Die Front läuft mitten durch die Gesellschaft. „Das sagt man nicht“, meinen die einen, meist von hehren Beweggründen geleitet. „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, verteidigen es die anderen und wittern Sprachverhunzung, Zensur oder Einschränkung ihrer Freiheit. Die große Mehrheit dürfte sich vermutlich weder dem einen noch dem anderen Ende des Spektrums angehörig fühlen.

Wissenschaftlich betrachtet, geht es um die Bedeutung von Wörtern und die Veränderung, die diese erfahren. Es geht um kontroverse Begriffe, um Tabuwörter, um politische Korrektheit, PC 1. Neuerdings lauern überall Sprachfallen, Menschen sind zunehmend verunsichert. Wer den falschen Begriff verwendet, macht sich angreifbar.

Antworten auf die Fragen, warum die Bedeutungen von Wörtern sich ändern oder warum viele das Gefühl haben, dieses oder jenes könne man nicht mehr sagen, gibt die Linguistik, insbesondere die Semantik und die Kognitionsforschung 2. Beide Disziplinen untersuchen mit den Wörtern auch den Wandel, dem sie unterliegen.

Im Gegensatz zum gewöhnlichen Sprachwandel handelt es sich hier nicht um langsame, von niemandem intendierte Verschiebungen – wie etwa das Verschwinden von Kasusendungen –, die sich allmählich vollziehen. Vielmehr verfolgen Sprecher mit der Verwendung der geänderten Wörter eine Absicht beim Kommunizieren.

Mit der simplen Formel „Sprache ändert sich halt“, mit der Aktivisten neue Bezeichnungen als Teil einer völlig natürlichen Entwicklung hinzustellen geneigt sind, ist es bei diesem Sprachphänomen nicht getan. „Sprecher wollen beeinflussen und im besten Sinne des Wortes etwas zum Ausdruck bringen“, schreibt der Düsseldorfer Linguist Sascha Bechmann in seinem Buch „Sprachwandel – Bedeutungswandel“. Ein Bedeutungswandel findet demnach meist bewusst und willentlich statt, nur die Ursachen unterscheiden sich. Manche wollen sich expressiv ausdrücken und auf sich aufmerksam machen, andere neigen zur Bildhaftigkeit, wieder andere haben das Bedürfnis nach beschönigenden Ausdrucksweisen: nach Euphemismen.

Die Sprachgeschichte des Deutschen ist voller konnotativer Bedeutungsveränderungen. Unter Konnotation versteht man den Umstand, dass Wörter einen Nebensinn haben können, dass mit ihnen etwas assoziiert wird. Manche Wörter werden abgewertet (Pejoration), andere aufgewertet (Melioration), wieder andere kippen irgendwann ins Gegenteil. So bedeutete zum Beispiel das Adjektiv „billig“ noch im 18. Jahrhundert „angemessen“, über die Zwischenstufe „preiswert“ ist heute damit hauptsächlich „minderwertig“ gemeint.

Arschloch war schon immer ein Schimpfwort, es rangiert als Tabuwort ganz unten; Wichser hingegen diente als neutrale und nichtvulgäre Bezeichnung für jemanden, der mit einer vergleichbaren Handbewegung seinen Stiefel mit Wachs einreibt oder, nun ja, wichst. Die derbe Bedeutung entwickelte sich in der Soldatensprache des Ersten Weltkriegs; das zugehörige Verb wurde zum Euphemismus für die männliche Masturbation und erfuhr dadurch eine Bedeutungsverschlechterung.

Euphemismen sind anfällig für einen Bedeutungswandel. Verhüllende Ausdrücke werden verwendet, um Rücksicht auf Bevölkerungsgruppen zu nehmen oder respektvoll und höflich zu sein. Davon zu unterscheiden sind verschleiernde Begriffe mit dem Ziel der Täuschung oder Manipulation. Mit einer „Preisanpassung“ ist nicht selten eine Verteuerung gemeint, mit einer „friedenssichernden Maßnahme“ eine Militäraktion. Weil die Prostituierten irgendwann auch als Dirnen bezeichnet wurden, um beschönigend das Wort Hure zu umgehen, erfuhr diese einst neutrale Bezeichnung für eine junge Dienerin eine prompte Abwertung.

Dieses Schicksal teilen viele Euphemismen: Gehen die Begriffe in die Alltagssprache über, kommt es zu einer Pejoration, „weil die neuen, zunächst beschönigenden Wörter rasch die alte Bedeutung annehmen, die es eigentlich zu verschleiern galt“, erklärt Sascha Bechmann. Sie landen in der Euphemismus-Tretmühle, wie dieses Sprachphänomen auch genannt wird. Und genau das passiert auch mit den politisch korrekten Begriffen: Sie unterliegen einem Verschleiß, bei dem der gutgemeinte Ausdruck im Gebrauch schlecht wird und bald durch einen neuen ersetzt werden muss.

Der emeritierte Düsseldorfer Linguist Rudi Keller wundert sich über solche Entwicklungen nicht. Er hält es sogar für aussichtslos, das tief verwurzelte Problem des Rassismus sprachlich zu lösen: „Der Rassismus verschwindet nicht dadurch, dass neue Wörter eingeführt werden.“ Schließlich werde dadurch keine neue Kategorie erfunden, sondern bloß eine neue Bezeichnung für ein und dieselbe. Auch der Antisemitismus lasse sich nicht ausrotten, indem man „an der Sprache herumfummelt“.

Seine Kollegin Kristin Kopf von der Universität Münster sieht das differenzierter. So hätten Untersuchungen in verschiedenen Sprachen gezeigt, dass manche Berufe durch neue Bezeichnungen eine Aufwertung erfahren hätten. Untersuchungen zum Wort „Schizophrenie“ zeigen, dass es einen Unterschied macht, ob man jemanden als einen Schizophrenen bezeichnet oder als schizophren. Im ersteren Fall werde die Krankheit als unveränderliches Persönlichkeitsmerkmal angesehen, im anderen Fall als eher temporäre Eigenschaft.

Auch die gesellschaftliche Aufwertung, die Menschen mit Behinderungen erfahren hätten, könne teilweise auf solche Neologismen zurückzuführen sein, vermutet Kristin Kopf. Wertneutral seien Begriffe wie Krüppel oder Mohr nie gewesen, damit bezeichnete Menschen hätten früher ein geringes Ansehen gehabt.

Das berührt die Frage, was Sprache mit uns macht, ob sie unser Denken und Handeln prägt. Dass sie dies tut, ist eine Hypothese, der in dieser Allgemeinheit kaum zu widersprechen ist. In Bezug auf sprachlichen Bedeutungswandel scheint sie aber nur teilweise richtig zu sein; laut Keller ist sie wenig erforscht und stark ideologiebeladen: Solche Sprachbetrachtungen würden häufig von Menschen betrieben, die vom Thema wenig Ahnung hätten.

Die verbreitete Annahme, dass etwa der Begriff Flüchtling herabwürdigend sei, hält er für unwissenschaftlich und „aus dem hohlen Bauch gegriffen“. Die Bezeichnung war in Verdacht geraten, kurz nachdem Millionen Menschen nach Europa geflohen waren. Als Erklärung wurde angegeben, dass das Suffix „-ling“ abwertend sei, wie man etwa bei Wüstling oder Schwächling sehen könne. Positiv konnotierte Wörter wie Liebling oder Säugling belegen allerdings das Gegenteil, insofern hätte man auch argumentieren können, dass der Begriff die Gemeinten als besonders schützenswert und wertvoll beschreibt.

Mit solchen Analysen lässt sich also oft nach Gusto 3 das jeweils Erwünschte oder Unerwünschtes ableiten. Es ist zunehmend beliebt, Wörter so lange zu sezieren, bis man etwas findet, was potentiell diskriminierend sein könnte, weil es nicht zur eigenen Weltanschauung passt. Im Gegensatz dazu zeigen sogenannte Kookkurrenzstudien jedoch, dass das Wort Flüchtling eher neutral gebraucht wird. Mit der Kookkurrenz wird untersucht, mit welchen Wörtern die Begriffe zusammen verwendet werden. Ob zum Beispiel in Kombination mit „Flüchtling“ vermehrt abschätzige Adjektive gebraucht werden.

Anderen Kombinationen sieht man ihre Einzelteile oft nicht mehr an, sie sind so häufig zusammen aufgetreten, dass sie zu einer neuen Sinneinheit verschmolzen sind. „Ich bin mir sicher, dass die meisten Menschen in der Mohrenstraße ausgestiegen sind, ohne an einen Mohr gedacht zu haben“, sagt Göz Kaufmann vom Deutschen Seminar an der Universität Freiburg. Linguisten wie er bezeichnen solche Komposita, bei denen die Bedeutung der Einzelteile im neuen Wort an Gewicht verloren hat, als nichttransparent. Weitere Beispiele sind Bürgersteig oder Selbstmord.

„Sobald allerdings jemand die Bedeutung eines Einzelteils transparent macht, verliert die Kombination ihre Unschuld“, erklärt Kaufmann. Eine Kombination, bei der die Einzelteile noch erkannt werden, ist das Wort Klimakrise. Aktivisten haben es hierzulande etabliert, um eine Dringlichkeit herauszustellen. Klimawandel (zu neutral) und Erderwärmung (zu positiv) würden der Menschheitsaufgabe nicht gerecht werden, heißt es. Aber ob die Krise eine bessere Lösung liefert, ist fraglich. Meist verschwindet eine Krise recht schnell wieder, so klingt ein vorübergehendes Problem. Ein Begriff wird zum Glaubensbekenntnis – wer anders spricht, macht sich verdächtig.

Aber ist es wirklich so, dass alle, die weiter vom Klimawandel reden, das Problem nicht ernst nehmen? Es gibt gute Gründe, das anders zu sehen. So riskiert zum einen jeder absichtsvolle Etikettentausch, dass die Menschen, die ja überzeugt werden sollen, ihn schon deswegen ablehnen, weil das Etikett plötzlich neu ist. Bedeutungen werden, teils mühsam, erlernt. Insofern löst jede Umbenennung kognitiven Widerstand aus. Das ist aber vielleicht nicht der Hauptgrund, warum Neologismen wie Klimakrise, PoC 4 oder Länder des globalen Südens keineswegs freudig angenommen werden. Menschen, deren Gesinnung unverdächtig ist, fühlen sich bevormundet und stigmatisiert.

Zudem sind neue Bezeichnungen, die bewusst und mit bestimmter Intention eingeführt werden, häufig nicht produktiv in dem Sinne, dass Menschen durch sie zu einer besseren Haltung finden. Erklärte Rassisten oder Klimawandelleugner kann man damit erst recht nicht beeindrucken. Aber auch die Strategie, Begriffe weder sagen noch zitieren zu dürfen, ist wenig zielführend. Wer N-Wort, R-Wort 5 und M-Wort 6 sagt, macht die verbotenen Wörter dadurch erst recht interessant und verleiht ihnen eine Magie ähnlich der des Lord Voldemort 7 in den „Harry Potter“-Romanen oder des Bären bei den Germanen. 8 Nenn bloß nicht den Namen, sonst erscheint er.

Wie man strategisch geschickter vorgeht, hat die homosexuelle Community im vergangenen Jahrhundert gezeigt. Statt für „schwul“ einen neuen Begriff zu fordern, weil Nichtschwule diesen zur Herabwürdigung und als Beleidigung nutzten, machte man ihn sich zu eigen und verwendete ihn offensiv als Selbstbezeichnung. Den Hatern wurde einfach das Schimpfwort geklaut.

1 PC: (engl. political correctness) Kurzbezeichnung für „politische Korrektheit“.

2 Kognitionsforschung: interdisziplinäre Wissenschaft, die sich mit der Verarbeitung von Informationen im Rahmen von Wahrnehmungs-, Denk- und Entscheidungsprozessen befasst.

3 nach Gusto: nach eigener Vorliebe, nach Belieben.

4 PoC: Kurzbezeichnung für den Begriff „People of Color“; Selbstbezeichnung von Menschen mit der Erfahrung rassistischer Diskriminierung, die sich nicht als weiß definieren.

5 R-Wort: Kurzform für den hier aus Gründen der politischen Korrektheit nicht verwendeten Begriff „Rasse“.

6 M-Wort: Kurzform für den hier aus Gründen der politischen Korrektheit nicht verwendeten Begriff „Mohr“.

7 Lord Voldemort: Hauptfigur aus den Harry-Potter-Romanen, in denen dieser als Antagonist des Protagonisten Harry Potter auftritt. Er gilt im Roman als mächtiger schwarzer Magier.

8 Bär bei den Germanen: Die Germanen erachteten den Bären als das stärkste, wildeste und mutigste aller Tiere. Er verkörpert den kriegerischen Geist.

Frey, Andreas (30.08.2020): Was gute Sprache mit guten Menschen zu tun hat. <https://www.badische-zeitung.de/was-gute-sprache-mit-guten-menschen-zu-tun-hat--193321605.html>. 08.10.2021

Andreas Frey (*1982) studierte u. a. Linguistik. Er arbeitet als freier Autor u. a. für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.

Aufgabenstellung

1.

Stellen Sie den Gedankengang des Textes von Andreas Frey dar und erläutern Sie die Intention des Textes. ca. 40 %

Aufgabe 2 - Erörterung pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte

Material

Andreas Frey: Was gute Sprache mit guten Menschen zu tun hat (2020)

[...] Über die Sprache soll das Denken in eine andere Richtung gelenkt werden. Schließlich beeinflusst die Sprache unsere Deutung der Welt und auch unser Handeln. So stellen sich Vertreter der Sprachforschung das Wirkmuster von Deutungsrahmen vor, die unseren Wörtern eine Bedeutung geben, das sogenannte Framing.

Deutlicher wird diese Absicht, wenn man zwei aktuelle Debatten betrachtet. Beispielsweise den Streit darüber, ob die Berliner Mohrenstraße umbenannt werden soll. Mohr sei ein zutiefst kolonialistischer und rassistischer Begriff, sagen die Befürworter, die Gegner halten das für unsinnig und geschichtsvergessen. Eine weitere Debatte widmet sich der „Rasse“, die als Begriff aus Gesetzestexten wie dem Grundgesetz entfernt werden soll, weil das Konzept unwissenschaftlich sei und nationalsozialistisch kontaminiert.

Die Debatte tobt sehr laut und sehr emotional, und sie ist beispielhaft für eine Reihe von Sprachphänomenen, über die seit Jahrzehnten mit zunehmender Empörung und Polarisierung gestritten wird. Die Front läuft mitten durch die Gesellschaft. „Das sagt man nicht“, meinen die einen, meist von hehren Beweggründen geleitet. „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, verteidigen es die anderen und wittern Sprachverhunzung, Zensur oder Einschränkung ihrer Freiheit. Die große Mehrheit dürfte sich vermutlich weder dem einen noch dem anderen Ende des Spektrums angehörig fühlen.

Wissenschaftlich betrachtet, geht es um die Bedeutung von Wörtern und die Veränderung, die diese erfahren. Es geht um kontroverse Begriffe, um Tabuwörter, um politische Korrektheit, PC 1. Neuerdings lauern überall Sprachfallen, Menschen sind zunehmend verunsichert. Wer den falschen Begriff verwendet, macht sich angreifbar.

Antworten auf die Fragen, warum die Bedeutungen von Wörtern sich ändern oder warum viele das Gefühl haben, dieses oder jenes könne man nicht mehr sagen, gibt die Linguistik, insbesondere die Semantik und die Kognitionsforschung 2. Beide Disziplinen untersuchen mit den Wörtern auch den Wandel, dem sie unterliegen.

Im Gegensatz zum gewöhnlichen Sprachwandel handelt es sich hier nicht um langsame, von niemandem intendierte Verschiebungen – wie etwa das Verschwinden von Kasusendungen –, die sich allmählich vollziehen. Vielmehr verfolgen Sprecher mit der Verwendung der geänderten Wörter eine Absicht beim Kommunizieren.

Mit der simplen Formel „Sprache ändert sich halt“, mit der Aktivisten neue Bezeichnungen als Teil einer völlig natürlichen Entwicklung hinzustellen geneigt sind, ist es bei diesem Sprachphänomen nicht getan. „Sprecher wollen beeinflussen und im besten Sinne des Wortes etwas zum Ausdruck bringen“, schreibt der Düsseldorfer Linguist Sascha Bechmann in seinem Buch „Sprachwandel – Bedeutungswandel“. Ein Bedeutungswandel findet demnach meist bewusst und willentlich statt, nur die Ursachen unterscheiden sich. Manche wollen sich expressiv ausdrücken und auf sich aufmerksam machen, andere neigen zur Bildhaftigkeit, wieder andere haben das Bedürfnis nach beschönigenden Ausdrucksweisen: nach Euphemismen.

Die Sprachgeschichte des Deutschen ist voller konnotativer Bedeutungsveränderungen. Unter Konnotation versteht man den Umstand, dass Wörter einen Nebensinn haben können, dass mit ihnen etwas assoziiert wird. Manche Wörter werden abgewertet (Pejoration), andere aufgewertet (Melioration), wieder andere kippen irgendwann ins Gegenteil. So bedeutete zum Beispiel das Adjektiv „billig“ noch im 18. Jahrhundert „angemessen“, über die Zwischenstufe „preiswert“ ist heute damit hauptsächlich „minderwertig“ gemeint.

Arschloch war schon immer ein Schimpfwort, es rangiert als Tabuwort ganz unten; Wichser hingegen diente als neutrale und nichtvulgäre Bezeichnung für jemanden, der mit einer vergleichbaren Handbewegung seinen Stiefel mit Wachs einreibt oder, nun ja, wichst. Die derbe Bedeutung entwickelte sich in der Soldatensprache des Ersten Weltkriegs; das zugehörige Verb wurde zum Euphemismus für die männliche Masturbation und erfuhr dadurch eine Bedeutungsverschlechterung.

Euphemismen sind anfällig für einen Bedeutungswandel. Verhüllende Ausdrücke werden verwendet, um Rücksicht auf Bevölkerungsgruppen zu nehmen oder respektvoll und höflich zu sein. Davon zu unterscheiden sind verschleiernde Begriffe mit dem Ziel der Täuschung oder Manipulation. Mit einer „Preisanpassung“ ist nicht selten eine Verteuerung gemeint, mit einer „friedenssichernden Maßnahme“ eine Militäraktion. Weil die Prostituierten irgendwann auch als Dirnen bezeichnet wurden, um beschönigend das Wort Hure zu umgehen, erfuhr diese einst neutrale Bezeichnung für eine junge Dienerin eine prompte Abwertung.

Dieses Schicksal teilen viele Euphemismen: Gehen die Begriffe in die Alltagssprache über, kommt es zu einer Pejoration, „weil die neuen, zunächst beschönigenden Wörter rasch die alte Bedeutung annehmen, die es eigentlich zu verschleiern galt“, erklärt Sascha Bechmann. Sie landen in der Euphemismus-Tretmühle, wie dieses Sprachphänomen auch genannt wird. Und genau das passiert auch mit den politisch korrekten Begriffen: Sie unterliegen einem Verschleiß, bei dem der gutgemeinte Ausdruck im Gebrauch schlecht wird und bald durch einen neuen ersetzt werden muss.

Der emeritierte Düsseldorfer Linguist Rudi Keller wundert sich über solche Entwicklungen nicht. Er hält es sogar für aussichtslos, das tief verwurzelte Problem des Rassismus sprachlich zu lösen: „Der Rassismus verschwindet nicht dadurch, dass neue Wörter eingeführt werden.“ Schließlich werde dadurch keine neue Kategorie erfunden, sondern bloß eine neue Bezeichnung für ein und dieselbe. Auch der Antisemitismus lasse sich nicht ausrotten, indem man „an der Sprache herumfummelt“.

Seine Kollegin Kristin Kopf von der Universität Münster sieht das differenzierter. So hätten Untersuchungen in verschiedenen Sprachen gezeigt, dass manche Berufe durch neue Bezeichnungen eine Aufwertung erfahren hätten. Untersuchungen zum Wort „Schizophrenie“ zeigen, dass es einen Unterschied macht, ob man jemanden als einen Schizophrenen bezeichnet oder als schizophren. Im ersteren Fall werde die Krankheit als unveränderliches Persönlichkeitsmerkmal angesehen, im anderen Fall als eher temporäre Eigenschaft.

Auch die gesellschaftliche Aufwertung, die Menschen mit Behinderungen erfahren hätten, könne teilweise auf solche Neologismen zurückzuführen sein, vermutet Kristin Kopf. Wertneutral seien Begriffe wie Krüppel oder Mohr nie gewesen, damit bezeichnete Menschen hätten früher ein geringes Ansehen gehabt.

Das berührt die Frage, was Sprache mit uns macht, ob sie unser Denken und Handeln prägt. Dass sie dies tut, ist eine Hypothese, der in dieser Allgemeinheit kaum zu widersprechen ist. In Bezug auf sprachlichen Bedeutungswandel scheint sie aber nur teilweise richtig zu sein; laut Keller ist sie wenig erforscht und stark ideologiebeladen: Solche Sprachbetrachtungen würden häufig von Menschen betrieben, die vom Thema wenig Ahnung hätten.

Die verbreitete Annahme, dass etwa der Begriff Flüchtling herabwürdigend sei, hält er für unwissenschaftlich und „aus dem hohlen Bauch gegriffen“. Die Bezeichnung war in Verdacht geraten, kurz nachdem Millionen Menschen nach Europa geflohen waren. Als Erklärung wurde angegeben, dass das Suffix „-ling“ abwertend sei, wie man etwa bei Wüstling oder Schwächling sehen könne. Positiv konnotierte Wörter wie Liebling oder Säugling belegen allerdings das Gegenteil, insofern hätte man auch argumentieren können, dass der Begriff die Gemeinten als besonders schützenswert und wertvoll beschreibt.

Mit solchen Analysen lässt sich also oft nach Gusto 3 das jeweils Erwünschte oder Unerwünschtes ableiten. Es ist zunehmend beliebt, Wörter so lange zu sezieren, bis man etwas findet, was potentiell diskriminierend sein könnte, weil es nicht zur eigenen Weltanschauung passt. Im Gegensatz dazu zeigen sogenannte Kookkurrenzstudien jedoch, dass das Wort Flüchtling eher neutral gebraucht wird. Mit der Kookkurrenz wird untersucht, mit welchen Wörtern die Begriffe zusammen verwendet werden. Ob zum Beispiel in Kombination mit „Flüchtling“ vermehrt abschätzige Adjektive gebraucht werden.

Anderen Kombinationen sieht man ihre Einzelteile oft nicht mehr an, sie sind so häufig zusammen aufgetreten, dass sie zu einer neuen Sinneinheit verschmolzen sind. „Ich bin mir sicher, dass die meisten Menschen in der Mohrenstraße ausgestiegen sind, ohne an einen Mohr gedacht zu haben“, sagt Göz Kaufmann vom Deutschen Seminar an der Universität Freiburg. Linguisten wie er bezeichnen solche Komposita, bei denen die Bedeutung der Einzelteile im neuen Wort an Gewicht verloren hat, als nichttransparent. Weitere Beispiele sind Bürgersteig oder Selbstmord.

„Sobald allerdings jemand die Bedeutung eines Einzelteils transparent macht, verliert die Kombination ihre Unschuld“, erklärt Kaufmann. Eine Kombination, bei der die Einzelteile noch erkannt werden, ist das Wort Klimakrise. Aktivisten haben es hierzulande etabliert, um eine Dringlichkeit herauszustellen. Klimawandel (zu neutral) und Erderwärmung (zu positiv) würden der Menschheitsaufgabe nicht gerecht werden, heißt es. Aber ob die Krise eine bessere Lösung liefert, ist fraglich. Meist verschwindet eine Krise recht schnell wieder, so klingt ein vorübergehendes Problem. Ein Begriff wird zum Glaubensbekenntnis – wer anders spricht, macht sich verdächtig.

Aber ist es wirklich so, dass alle, die weiter vom Klimawandel reden, das Problem nicht ernst nehmen? Es gibt gute Gründe, das anders zu sehen. So riskiert zum einen jeder absichtsvolle Etikettentausch, dass die Menschen, die ja überzeugt werden sollen, ihn schon deswegen ablehnen, weil das Etikett plötzlich neu ist. Bedeutungen werden, teils mühsam, erlernt. Insofern löst jede Umbenennung kognitiven Widerstand aus. Das ist aber vielleicht nicht der Hauptgrund, warum Neologismen wie Klimakrise, PoC 4 oder Länder des globalen Südens keineswegs freudig angenommen werden. Menschen, deren Gesinnung unverdächtig ist, fühlen sich bevormundet und stigmatisiert.

Zudem sind neue Bezeichnungen, die bewusst und mit bestimmter Intention eingeführt werden, häufig nicht produktiv in dem Sinne, dass Menschen durch sie zu einer besseren Haltung finden. Erklärte Rassisten oder Klimawandelleugner kann man damit erst recht nicht beeindrucken. Aber auch die Strategie, Begriffe weder sagen noch zitieren zu dürfen, ist wenig zielführend. Wer N-Wort, R-Wort 5 und M-Wort 6 sagt, macht die verbotenen Wörter dadurch erst recht interessant und verleiht ihnen eine Magie ähnlich der des Lord Voldemort 7 in den „Harry Potter“-Romanen oder des Bären bei den Germanen. 8 Nenn bloß nicht den Namen, sonst erscheint er.

Wie man strategisch geschickter vorgeht, hat die homosexuelle Community im vergangenen Jahrhundert gezeigt. Statt für „schwul“ einen neuen Begriff zu fordern, weil Nichtschwule diesen zur Herabwürdigung und als Beleidigung nutzten, machte man ihn sich zu eigen und verwendete ihn offensiv als Selbstbezeichnung. Den Hatern wurde einfach das Schimpfwort geklaut.

1 PC: (engl. political correctness) Kurzbezeichnung für „politische Korrektheit“.

2 Kognitionsforschung: interdisziplinäre Wissenschaft, die sich mit der Verarbeitung von Informationen im Rahmen von Wahrnehmungs-, Denk- und Entscheidungsprozessen befasst.

3 nach Gusto: nach eigener Vorliebe, nach Belieben.

4 PoC: Kurzbezeichnung für den Begriff „People of Color“; Selbstbezeichnung von Menschen mit der Erfahrung rassistischer Diskriminierung, die sich nicht als weiß definieren.

5 R-Wort: Kurzform für den hier aus Gründen der politischen Korrektheit nicht verwendeten Begriff „Rasse“.

6 M-Wort: Kurzform für den hier aus Gründen der politischen Korrektheit nicht verwendeten Begriff „Mohr“.

7 Lord Voldemort: Hauptfigur aus den Harry-Potter-Romanen, in denen dieser als Antagonist des Protagonisten Harry Potter auftritt. Er gilt im Roman als mächtiger schwarzer Magier.

8 Bär bei den Germanen: Die Germanen erachteten den Bären als das stärkste, wildeste und mutigste aller Tiere. Er verkörpert den kriegerischen Geist.

Frey, Andreas (30.08.2020): Was gute Sprache mit guten Menschen zu tun hat. <https://www.badische-zeitung.de/was-gute-sprache-mit-guten-menschen-zu-tun-hat--193321605.html>. 08.10.2021

Andreas Frey (*1982) studierte u. a. Linguistik. Er arbeitet als freier Autor u. a. für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.

Aufgabenstellung

2.

Erörtern Sie ausgehend vom vorliegenden Text die Position des Autors. ca. 60 %

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