Aufgabe 1 · Abitur NRW Deutsch GK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg 2023

Thema: Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · Aus der Prüfung GK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg (2023)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung:

1.

Analysieren Sie den Textauszug und gehen Sie dabei darauf ein, welche Bedeutung die Schauplätze für die dramatische Handlung haben. (37 Punkte)

2.

Stellen Sie knapp dar, welchen Platz der Tempelherr im Handlungsgefüge des Dramas einnimmt. Erschließen Sie unter Einbeziehung der Ausführungen von Pütz anhand der Gespräche „unter den Palmen“, welche besondere Bedeutung dieser Ort für das Dramengeschehen und für die Gestaltung der Figur des Tempelherrn hat. (35 Punkte)

Materialgrundlage:

Peter Pütz: Die Leistung der Form. Lessings Dramen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986, S. 261 – 265. Die Seitenzahlen im Text beziehen sich auf den zweiten Band der Lessing-Werkausgabe von Herbert G. Göpfert, München: Hanser 1971.

Peter Pütz: Die Leistung der Form (1986)

1 Eng verknüpft mit der strukturellen Zuordnung von Szenen und ebenso formkonstitutiv für die 2 dramatische Darstellung ist der räumliche Wechsel der Auftritte. Wir verfolgen ihn zunächst 3 im Nacheinander der Aufzüge, um dann in einem Überblick zu resümieren. Der erste Akt 4 beginnt in Nathans Haus und zeigt in den beiden Eingangsszenen nur die drei Bewohner, 5 deren Gespräche allerdings schon Hinweise auf andere Personenkreise (Tempelherr, Saladin) 6 enthalten. In der dritten Szene betritt dann mit dem Derwisch ein Angehöriger des noch frem- 7 den Kreises Nathans Haus. In der fünften und sechsten Szene wechselt der Schauplatz unter 8 die Palmen […]. Hier unter den Palmen meldet sich zum erstenmal neben Nathans Haus und 9 dem Sultanspalast ein dritter handlungstragender Personenkreis: der des Patriarchen in Gestalt 10 des Klosterbruders. Somit verknüpft der erste Akt bereits alle drei Religionen durch den Auf- 11 tritt ihrer Angehörigen, wobei ganz im Stile der expositorischen Diener- und Botenszenen 12 außer Nathan noch keine Hauptvertreter der Kreise (Saladin, der Patriarch), sondern erst deren 13 Abgesandte (Derwisch, Klosterbruder) in Erscheinung treten. […]

14 Im ersten Akt treten zwar mit dem Derwisch und dem Klosterbruder Angehörige zweier 15 politischer Machtzentren auf; ansonsten aber konzentriert er sich anfangs auf die Privatsphäre 16 des ersten dramatischen Zentrums: auf Nathans Heimkehr, seine Beziehung zu Recha, deren 17 Gläubigkeit und Verlangen, ihren Retter wiederzusehen, auf Dajas Gewissens- und des Sul- 18 tans Geldnot, und lediglich der Klosterbruder lenkt den Blick auf übergreifende politische 19 Zusammenhänge. Diese beherrschen dann ganz den Beginn des zweiten Aktes, der sie von 20 höherer Warte aus, nämlich im Sultanspalast, vorstellt. Nunmehr überwiegt das Öffentliche 21 das Private oder besser: Das Private ist zugleich auch immer das Öffentliche; denn wenn von 22 vorerst gescheiterten Heiratsplänen Saladins und Sittahs die Rede ist, dann handelt es sich 23 dabei um hochpolitische Angelegenheiten. […]

24 Der erste Akt beginnt in Nathans Haus und endet unter Palmen; der zweite beginnt in dem 25 anderen Zentrum, im Sultanspalast, und endet ebenfalls unter Palmen. Der dritte Akt wieder- 26 holt die Reihenfolge der Schauplätze aus den beiden ersten Aufzügen, spielt also erst in 27 Nathans Haus, dann im Palast und endet wieder unter Palmen. Im Zentrum aller drei Akte 28 steht eine Belehrungs- und Bekehrungshandlung durch Nathan an Recha, dem Tempelherrn 29 und Saladin. Es handelt sich um Vertreter aller drei Religionen (Ringe), und die Steigerung 30 der strukturell einander zugeordneten Szenen liegt sowohl im ansteigenden sozialen Rang der 31 Belehrten und Bekehrten als auch in der Ausweitung und Vertiefung der jeweils erörterten 32 religiösen Thematik. Der vierte Akt führt den Zuschauer an die Schauplätze aller drei Zentren: 33 Kloster, Palast, Nathans Haus. Der fünfte Akt schließlich beginnt beim Sultan, wechselt dann 34 zum letztenmal unter die Palmen, um in der Rückkehr zum Palast dann auch den Zwischen- 35 bereich des Draußen und damit den Tempelherrn durch die sinnfällige räumliche Umklamme- 36 rung in sich einzugliedern.

37 Bei der räumlichen Gestaltung des Dramas regiert im wesentlichen der Wechsel zwischen 38 Nathans Haus und Saladins Palast. Abgesehen von den beiden Klosterszenen im vierten Akt 39 kommt nur noch ein weiterer, allerdings sehr wichtiger Schauplatz hinzu: der Platz mit Palmen. 40 Nathans Haus, Palast und Kloster versinnbildlichen die Ausgangs- und Kristallisationspunkte, 41 gleichsam die drei Kraftzentren des dramatischen Geschehens. Die drei Orte markieren räum- 42 lich die Relationen zwischen den drei Religionen. Auffallend ist, daß die meisten Szenen im 43 Nathan-Zentrum nicht eigentlich im Innern, sondern im Flur des Hauses spielen. Das Interesse 44 richtet sich also offensichtlich weniger auf seine Interna als auf die externen Beziehungen, so 45 daß der Flur mit halber Wendung nach draußen der passende Ort für Nathans Ankunft ist, der 46 dann auch für lange Zeit gar nicht erst ins Innere seines Hauses gelangt, so daß er sich noch 47 am Ende der vierten Szene wie eben erst vom »Kamele / Gestiegen« (224) vorkommt. Am 48 selben Ort werden Abgesandte aus den übrigen Zentren (Derwisch und Klosterbruder) emp- 49 fangen und abgefertigt. Hier werden auch die mitgebrachten Waren ausgebreitet. Der Flur ist 50 der Platz für das ständige Kommen und Gehen, für Nathans unermüdliche Geschäftigkeit als 51 Kaufmann wie als Erforscher der Familienzusammenhänge. Nur zu Beginn des dritten Aktes 52 sehen wir ins Innere des Hauses, als endlich der lang ersehnte Ritter seinen ersten und letzten 53 Besuch abstattet. Nun ist das Interieur der angemessene Ort für Herzensangelegenheiten. […]

54 Im Verlaufe des Dramas verlagern sich die Hauptorte des Geschehens vom Ausgangspunkt 55 (Nathans Haus) nach etlichen Wechseln zum Palast und wieder zurück, mehrfach unterbro- 56 chen durch den Zwischenbereich unter den Palmen, dann immer häufiger zum Sitz des Sul- 57 tans, an dem im fünften Akte alle wichtigen Personen mit Ausnahme derer des Klosterzen- 58 trums zusammentreffen, so daß hier sowohl alle Fäden miteinander verknüpft als auch Knoten 59 aufgelöst werden können. Daß das Geschehen in Nathans Haus, genauer: in dessen Flur, seinen 60 Anfang nimmt, verhält sich analog zur Vorgeschichte des Dramas; denn auch in ihr hat sich 61 Nathan gleichsam als erster der drei Ringbesitzer durch eine herausragende Tat bewährt.

62 Der ständige Wechsel der Schauplätze spiegelt das Widerspiel und die argumentierende 63 Wechselrede zwischen den drei Religionen, verkörpert durch die drei räumlichen und perso- 64 nellen Kräftezentren. Jerusalem bietet sich als umfassender Schauplatz für die unwahrschein- 65 lichsten Begegnungen an; denn, wie der Tempelherr bemerkt: »Die ganze Welt / Drängt sich 66 ja hier zusammen« (289).

Anmerkungen zum Autor: Peter Pütz (1935 – 2003) war deutscher Professor für Germanistik. Die Dramentheorie zählte zu den zentralen Schwerpunkten seiner Forschung.

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Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie den Textauszug und gehen Sie dabei darauf ein, welche Bedeutung die Schauplätze für die dramatische Handlung haben.

Lösung: Ausarbeitung der Analyse des Sachtextes von Peter Pütz im Hinblick auf die funktionale Bedeutung der Schauplätze in Lessings 'Nathan der Weise'.

2. Stellen Sie knapp dar, welchen Platz der Tempelherr im Handlungsgefüge des Dramas einnimmt. Erschließen Sie unter Einbeziehung der Ausführungen von Pütz anhand der Gespräche „unter den Palmen“, welche besondere Bedeutung dieser Ort für das Dramengeschehen und für die Gestaltung der Figur des Tempelherrn hat.

Lösung: Darstellung der Figur des Tempelherrn im Handlungsgefüge sowie differenzierte Erschließung der dramaturgischen und charakterisierenden Funktion des Ortes 'unter den Palmen'.

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