Aufgabe 2 - Teilaufgabe 1 (Analyse pragmatischer… · Abitur NRW Deutsch LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Thema: Analyse pragmatischer Texte · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)

Aufgabenstellung

Juliane Rebentisch

„Lessings Unruhe“ 1

Mir ist gesagt worden, dass für meinen Dank hier 15 Minuten eingeplant sind, und ich habe

Ihnen dafür eine Miniatur 2 über Lessings Verhältnis zur Wahrheit mitgebracht. Denn mit

Lessing lassen sich, wie ich meine, die Probleme besser verstehen, die heute unter dem höchst

irreführenden Titel eines „post-faktischen Zeitalters“ diskutiert werden.

5 Von der Wahrheit, stellt Hannah Arendt 3 in ihrer Lessing-Preisrede 1959 fest, habe Lessing

eine „sehr unorthodoxe“ Auffassung gehabt. Was die Philosophen traditionell häufig beküm-

mert habe, habe ihn nämlich gefreut. Gemeint ist der Umstand, „dass [sich] die Wahrheit,

sobald sie geäußert wird, sofort in eine Meinung unter Meinungen verwandeln“, dass sie

„bestritten“ und „umformuliert“, also zu einem „Gegenstand des Gesprächs“ gemacht werden

10 kann. Nicht bloß die Einsicht, dass es die eine Wahrheit unter endlichen Wesen nicht geben

kann, sondern die Freude darüber, dass deshalb das „Gespräch nicht aufhören wird, solange

es Menschen überhaupt“ gibt – dies kennzeichne, so Arendt, „die Größe Lessings.“ [...]

Tatsächlich war es Lessings tiefe Überzeugung, dass der vermeintliche Besitz der Wahrheit

die Menschen „ruhig, träge“ und „stolz“, also borniert macht, während die rastlose Suche

15 nach der Wahrheit ihre Kräfte erweitert und so der Vervollkommnung der Menschen dient.

Man sollte das jedoch nicht so verstehen, dass Lessing die eigene geistige Beweglichkeit im

Zweifelsfall immer wichtiger gewesen ist als ein langweiliger Konsens über die Wahrheit.

Denn seine intellektuelle Unruhe war eine Unruhe der Wahrheitsorientierung selbst. Und die

wird erst dann richtig verständlich, wenn man sich darüber hinaus verdeutlicht, dass sich

20 Lessing nie über den öffentlichen Diskurs erhoben hat, sondern vielmehr überaus engagiert

auf ihn bezogen war.

So hat Lessing, wie Arendt auch beobachtet hat, selbst noch dort, wo er sich zum Denken

zurückzog, nicht aufgehört zu anderen hinzusprechen. Das erklärt auch den wesentlich pole-

mischen Zug seines Denkens. Lessings Polemiken 4 sind in der Tat legendär. Der selbst ja

25 bekanntermaßen nicht ganz unpolemische Nietzsche 5 spricht an einer Stelle gar von Lessings

durchaus „unangenehmer Mischung von Zankteufelei und Biederkeit“. Aber Lessings philo-

sophische Rauflust und entschiedene Parteilichkeit sind Hinweise darauf, wie man sein un-

orthodoxes Verhältnis zur Wahrheit genauer verstehen sollte. [...] Die Einsicht, dass es die

eine Wahrheit nicht geben kann, löst nach Lessing nämlich die Wahrheit gerade nicht im Rela-

30 tivismus koexistenter Meinungen 6 auf, vielmehr generiert sie sich allein aus dem leidenschaft-

lichen Streit um sie.

Wie die Alten den Tod gebildet 7 (1769) ist eine Streitschrift gegen Christian Adolph Klotz 8,

dessen Argumente zur antiken Darstellung des Todes von Lessing sehr polemisch zerlegt

werden. In der Vorrede zu dieser Schrift findet sich auch eine höchst interessante Verteidi-

35 gung des Genres der Streitschrift selbst. Lessing beginnt mit einer Art Publikumsbeschimp-

fung, die auf die Streitunlust seiner Zeitgenossen zielt. Dem zeitgenössischen Publikum sei

das Streiten oder „Zanken“ nämlich offenbar peinlicher als die Verleumdung oder der Hass.

Eine solche Einstellung vertrage sich bestens mit einer Kultur des Selbstdünkels und der

Eigenliebe, nicht aber mit der Wahrheit, so Lessing. Tatsächlich habe ein solches Publikum

40 vergessen, „dass es die Aufklärung so mancher wichtiger Punkte dem bloßen Widerspruche

zu danken hat, und dass die Menschen über nichts einig seien, wenn sie noch über nichts in

der Welt gezankt hätten“. Es sei zwar vermutlich noch durch keinen Streit die Wahrheit tat-

sächlich ausgemacht worden, so Lessing weiter. Dennoch aber habe die Wahrheit bei jedem

Streit gewonnen. Denn der Streit habe „den Geist der Prüfung genährt, [...] Vorurteil und

45 Ansehen in einer beständigen Erschütterung erhalten; kurz [...] die geschminkte Unwahrheit

verhindert, sich an der Stelle der Wahrheit festzusetzen.“

Nun könnte man diese Stelle vermutlich auch noch so hören, dass die Wahrheit den Menschen

eben nie erreichbar ist und ihnen daher nichts anderes übrig bleibt als durch die Vermeidung

von Vorurteilen und Missverständnissen zumindest nach ihr zu streben. Unsere endlichen

50 Perspektiven wären dann jedoch immer noch so verstanden, dass sie uns im Weg sind, wenn

es darum geht, zur eigentlichen Wahrheit vorzudringen. Ich möchte die Lessing’sche „Wahr-

heitstendenz“ jedoch noch etwas radikaler verstehen, nämlich im Sinne einer entschieden

diesseitigen Wahrheitsauffassung, die den Gegensatz zwischen der einen Wahrheit und ihrer

bloß perspektivischen Erscheinung hinter sich lässt. Statt die Wahrheit mit der Unabhängig-

55 keit von endlichen Perspektiven überhaupt gleichzusetzen, muss der Streit der Perspektiven

dann als eine notwendige Voraussetzung angenommen werden, die Wahrheit im historischen

Prozess, und das heißt: immer wieder neu, zu erschließen. Der Streit erfolgt nach diesem Ver-

ständnis also gar nicht mehr im Horizont einer unabhängig von ihm gegebenen Wahrheit.

Vielmehr geht dieses Verständnis davon aus, dass es die Wahrheit nur in und durch den Streit

60 selbst geben kann.

Im Rahmen dieses Streits vermögen die jeweiligen perspektivischen Bestimmungen der Wahr-

heit durchaus an Allgemeinheit zu gewinnen; sie sind dann keineswegs mehr nur subjektive,

willkürliche Bestimmungen oder bloße Meinungen. Gleichwohl aber kann keine Bestimmung

der Wahrheit die Bedingung der Endlichkeit aufheben; und das heißt: auch die als allgemein

65 gültig akzeptierten Bestimmungen bleiben prinzipiell an die Möglichkeit ihrer Bestreitung aus-

gesetzt. Diese Möglichkeit zu verteidigen eint denn auch die unruhigen Geister von Lessing

über Nietzsche zu Arendt. Nichts, auch das, was sich als Wahrheit festsetzen mag, ist vor die-

ser Möglichkeit sicher oder sollte es sein. [...]

Anmerkungen zur Autorin:

Juliane Rebentisch (*1970): Die Preisträgerin des Lessing-Preises der Stadt Hamburg 2017 ist Professorin für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main.

1 Ausschnitt aus der Preisrede von Prof. Dr. Juliane Rebentisch anlässlich der Verleihung des Lessing-Preises 2017 am 28. Januar 2018. Im weiteren Verlauf der Rede stellt Rebentisch die Verbindung zu aktuellen Debatten um das Ignorieren einer Orientierung an Gründen und Wahrheit her, die sich mit der Rede von „alternativen Fakten“ oder einem „postfaktischen Zeitalter“ verbinden. Unsere Zeit sei „nicht die erste, in der die Wahrheit unter Druck gerät“. Die Fußnoten, die sich im Originaltext finden, werden aus Gründen der besseren Lesbarkeit nicht übernommen.

2 Miniatur: kleines Bild, hier im Sinne einer knappen Darstellung

3 Hannah Arendt (1906 – 1975): deutsch-amerikanische Publizistin und Philosophin jüdischer Herkunft, leistete nach ihrer Emigration im Jahre 1933 wesentliche Beiträge zur Theorie des Politischen

4 Polemik: zugespitzte Darlegung eigener Überlegungen, die sich in deutlicher Abwertung (häufig innerhalb wissenschaftlicher Auseinandersetzungen) gegen andere Positionen wendet und dabei u. U. auch aggressiv auftritt, ursprünglich im Sinne einer Streitkunst

5 Friedrich Nietzsche (1844 – 1900): deutscher Philosoph

6 Relativismus koexistenter Meinungen: gemeint ist, dass die gleichzeitig bestehenden (koexistierenden) Meinungen beliebig nebeneinanderstehen, weil keine sich gegen eine andere behaupten kann

7 „Wie die alten den Tod gebildet“ ist der Titel einer Streitschrift Lessings aus dem Jahr 1769.

8 Christian Adolph Klotz (1738 – 1771): deutscher Autor und Philologe

Aufgabenstellung:

1. Analysieren Sie die Rede „Lessings Unruhe“ von Juliane Rebentisch. Erschließen Sie dabei, wie sie Gotthold Ephraim Lessings Wahrheitstheorie versteht. Erläutern Sie außerdem, welche Bedeutung Gespräch und Diskurs innerhalb dieses Wahrheitsverständnisses haben. [40 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 - Teilaufgabe 1 (Analyse pragmatischer… · Abitur NRW Deutsch LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie die Rede „Lessings Unruhe“ von Juliane Rebentisch. Erschließen Sie dabei, wie sie Gotthold Ephraim Lessings Wahrheitstheorie versteht. Erläutern Sie außerdem, welche Bedeutung Gespräch und Diskurs innerhalb dieses Wahrheitsverständnisses haben.

Lösung: Ausführliche Textanalyse der Rede von Juliane Rebentisch unter Erschließung von Lessings Wahrheitskonzeption und der Funktion des Diskurses (gemäß den zentralen Kriterien des Erwartungshorizonts).

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