Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte · Abitur NRW Deutsch LK · Funktion von Sprache für Integratio 2022

Thema: Analyse pragmatischer Texte · Aus der Prüfung LK · Funktion von Sprache für Integration und Identifikation (2022)

Aufgabenstellung

Material

Irene Götz: Sprache und Diskriminierung. Die sollen erst mal anständig Deutsch lernen! (2017)

Die Startrainer des FC Bayern aus Spanien oder Italien sind berühmt für ihre

Pressekonferenzen: komplett unverständlich Pep Guardiola, zum Kult geworden,

kabarettreif, der Wutausbruch eines seiner Vorgänger, Giovanni Trappatoni: „Was erlaube

Strunz. Ich habe fertig.“

5 Was man den erfolgreichen Prominenten nachsieht, was etwa an den Universitäten gang

und gäbe ist, dass das Deutsche den internationalen Gastwissenschaftlern nach ein oder

zwei Jahren kaum zum Brötchen kaufen reicht, weil sich Englisch als Lingua franca bewährt

hat, das wird für weniger privilegierte Gruppen von Einwanderern zum „Integrationshindernis“

erklärt. Wenn sich diese nicht sofort um den Erwerb der deutschen Sprache kümmern

10 (können), kann das nach dem aktuell auf den Weg gebrachten Integrationsgesetz das

Aufenthaltsrecht gefährden, beziehungsweise sie können erst gar nicht einreisen, wie etwa

Heiratsmigranten aus den meisten sogenannten Drittstaaten, die nicht zuvor in ihrem

Heimatland einen Sprachnachweis erbringen.

Dies gilt aber laut Zuwanderungsgesetz nur für solche, die nicht aus den USA, Japan,

15 England und anderen Ländern kommen, denen freiwilliger Spracherwerb unterstellt wird.

Die Rolle von Sprache wird in unserer Gesellschaft diskriminiert. Dies gilt nicht nur für die

unterschiedliche Kompetenz im Deutschen, die bereits in den Grundschulen für diejenigen

Einwandererkinder, die aus sozial benachteiligten Familien stammen, den weiteren

Bildungsweg vorsortiert. Sprache ist hier bereits im Vorschulalter ein soziales

20 Distinktionsmerkmal, das angesichts der zu geringen Plätze für Kleinkinderbetreuung die

Chancenungleichheit in Deutschland und die soziale Spaltung für die Zukunft von

Generationen fortschreibt, und dies nicht erst, seitdem eine große Anzahl von geflüchteten

Kindern und Jugendlichen im schulpflichtigen Alter Lehrer und Schulen vor neue

Herausforderungen stellt.

25 Es ist und bleibt ein Problem angesichts von Facharbeitermangel und

Überalterungsszenarien, wenn eine frühkindliche sprachliche und dann bildungsmäßige

Schlechterstellung in die entsprechend prekäre Berufsentwicklung weiter mitgeschleppt wird.

Fehlende Deutschkenntnisse führen auch zu fehlender Teilhabe.

Die Kosten für intensive Sprachförderung im Kindergarten- und Schulalter amortisieren sich

30 langfristig, oder aber, im Gegenteil, sie führen zu Folgekosten der Daueralimentierung eines

neuen Sprachprekariats, das ohne ausreichende Beherrschung des Deutschen nicht nur,

aber insbesondere Einwanderer in manchen Stadtteilen schon lange abhängt. Diese

Situation wird mittelfristig keinesfalls besser, wenn hier nicht von Seiten der Kommunen und

Länder Geld in die Hand genommen wird: für den Ausbau der Kitas und Schulen sowie vor

35 allem für die Nachrüstung derselben durch Lehrkräfte, die in kleinen Klassen mit Zeit und

Geduld Deutsch als Fremdsprache unterrichten können.

Die Rolle von Sprache in unserer Gesellschaft diskriminiert jedoch nicht nur entlang dieser

bildungs- und familienpolitisch mit Geld und gutem Willen (von beiden Seiten, Politik und

Zuwandererfamilien sind gefragt!) verringerbaren sozialen Gräben, wo Sprachkompetenz die

40 Kompetenz meint, sich im Bildungssystem und damit mit den Standards von Wissen

gleichberechtigt, mit gleichen Chancen in unserer Gesellschaft bewegen zu können.

Diese Diskriminierung von Sprache und Sprechern meint nicht nur, dass man den auf Zeit

zugewanderten Kosmopoliten und gemeinhin bestimmten Landsleuten wie den Franzosen,

Spaniern, Engländern und US-Amerikanern hierzulande keine Sprachnachweise abverlangt,

45 sondern Diskriminierung meint eben auch, dass nicht alle Einwanderergruppen die gleichen

Startbedingungen im Erlernen der deutschen Sprache durch eine entsprechende

Beschulung erhalten.

Diese Rolle von Sprache als Verständigungswerkzeug und Bildungsinstrument betrifft ein

modernes, aufgeklärtes Verständnis von Integration in einer Öffentlichkeit, die trotz EU und

50 globalisierter Medien in vielen Teilen noch im nationalstaatlichen Rahmen stattfindet.

Teilhabe aller Bürger an gesellschaftlicher Gestaltung und öffentlichen Debatten setzt eine

gemeinsame Verkehrssprache voraus, die zugleich auch die Sprache der Institutionen und

Schulen, Ämter und Medien ist, ohne die eine kritische Öffentlichkeit und demokratische

Debattenkultur nicht möglich wäre.

55 Sprache diskriminiert darüber hinaus auch in einer subtileren, weniger offensichtlichen

Dimension. Insofern, als ihr in einer nationalromantischen Tradition eine „wesenhafte“ Rolle

für die „nationale Identität“ im Sinne einer Homogenisierung der Gesellschaft und Kultur

zugeschrieben wird. Nur wer akzentfrei Deutsch spreche, so gab ein großer Prozentsatz von

Befragten in der Berliner Migrationsstudie von 2015 an, könne wirklich Deutscher sein.

60 Dies verkennt die Gegebenheiten von Einwanderungsgesellschaften, in denen die

Landessprache zunächst Verkehrssprache ist. Ein funktionales Instrument der

Verständigung, ein Mittel, um sich in einer (neuen) Gesellschaft mit deren Institutionen und

Menschen zu orientieren, sich auszutauschen, dann aber auch sich deren kulturelles Erbe

anzueignen: Bücher, Bildung, Geschichten und Geschichte. Also ist Sprache doch weit mehr

65 als ein solches Werkzeug, Schlüssel zu der oft beschworenen „nationalen Identität“?

Ja und Nein. Schriftsteller im Exil leiden bekanntlich darunter, sich in einem Umfeld bewegen

zu müssen, das ihre Muttersprache nicht versteht – Thomas Mann ist ein berühmtes Beispiel

dafür. Als Schriftsteller sind sie besonders auf deren differenzierte, nur einem

Muttersprachler zur Verfügung stehende Feinheiten, sich ausdrücken zu können,

70 angewiesen. Dies gilt auch für all jene, die weniger mit der Sprache arbeiten, aber sich in

einer neuen Umwelt ihrer vertrauten Sprechgemeinschaft beraubt sehen und all die Dinge

vermissen, die durch ihre Muttersprache oft unübersetzbar eine besondere Bedeutung für sie

haben.

Hier zeigt sich: Sprache hat viel mit der persönlichen Identität zu tun, mit den Sprachbildern

75 der Kindheit, auch mit der Differenziertheit des Denkens, das stets durch die jeweilige

Semantik und Grammatik der Sprache mit konstruiert wird. Die Spezifik einer eigenen Kultur

lebt und entsteht im sprachlichen Ausdruck. Die Muttersprache ist ein besonders feines

Werkzeug des Aneignens der Welt. Dies steht außer Frage.

Daraus wurde und wird gegenwärtig jedoch im Sinne eines aus dem späten 18. und dem 19.

80 Jahrhundert stammenden Nationalismus Weitreichendes abgeleitet: Sprache wird hier, wie

es der Historiker Thomas Nipperdey einmal ausdrückte, als unmittelbarer „Schlüssel zum

Geist des Volkes“ verstanden, als vordringlichstes Merkmal und Kern einer angeblich

unveränderbaren „ethno-nationalen Identität“.

Diese Volksgeist-Vorstellungen, wie sie Johann Gottfried Herder oder die Brüder Grimm

85 verbreiteten, waren Teil der in ganz Europa sich vollziehenden Nationalbewegungen: Von

Lettland bis Serbien, Schottland bis Katalonien entwickelten die Dichter und Denker im 19.

Jahrhundert ihre emanzipatorischen Vorstellungen von einer aus den Großreichen

herausgelösten eigenen Nation, die sie an der sogenannten Volkssprache und Volksdichtung

festmachten.

Eine solche eigene Nationalsprache, die zunächst vor allem eine Sprache des „einfachen

90 Volkes“ war, sollte gepflegt und durch entsprechende Nationaldichtung als Grundlage und

Legitimationsbasis nationaler Einigung aufgewertet und verbreitet werden. Aus dieser Zeit

stammt die Vorstellung der Exklusivität eines Volkes, das sich als vordringlichstes Merkmal

durch eine gemeinsame Sprache auszeichne, eines Volkes, das nun auch eine eigene

Staatlichkeit erhalten müsse.

95 Diese herausragende Bedeutung, die Sprache zur Bestimmung von „Ethnizität“ auch heute

noch zugeschrieben wird, entstammt jedenfalls einem in dieser Form irrationalen,

antiaufklärerischen Denken, das dem modernen Nationsverständnis zuwiderläuft, das den

Nationalstaat als Gemeinschaft freier und gleicher Bürger mit entsprechenden Rechten und

Pflichten konzipiert.

100 In der Überhöhung der Bedeutung von Sprache als direkter Zugang zum „Volksgeist“ ist

jedenfalls kein Platz für die eher nüchterne Vorstellung einer gelebten Zwei- oder

Mehrsprachigkeit, einem Nebeneinander von kontextspezifischer Nutzung von Sprache als

Kommunikationsmittel in einem multikulturellen Alltag, der gerade in den Großreichen vor der

Zeit der Nationalstaatsgründungen gar nicht so schlecht funktioniert hat. Unter Verkennung

105 dieser gelebten Mehrsprachigkeit hat insbesondere dann in der Zeit des Nationalsozialismus

die irrige Vorstellung, dass Sprachgrenzen immer auch eindeutige Kultur- und vor allem

Territorialgrenzen markieren (sollten), als Vorwand für die Eroberungsfeldzüge und

ethnischen Säuberungen gedient.

In gewisser Weise hat sich die große Bedeutung, nach der primär die Muttersprache die

110 Volkszugehörigkeit ausmacht, bis heute im Alltagswissen erhalten. Die in den aktuellen

Debatten verwendeten Argumentationsfiguren, die das Erlernen der deutschen Sprache

durchaus vernünftig und pragmatisch als Eintrittsbillett in die deutsche Gesellschaft und als

Integrationsvoraussetzung begreifen, sind nicht zuletzt häufig auch von solchen emotionalen,

romantischen Vorstellungen unterlegt.

115 Dies ist jedenfalls immer dort der Fall, wo die Bedeutung der Sprache als Primärmerkmal

einer kulturellen Zugehörigkeit oder „ethno-nationalen Identität“ überschätzt und

essenzialisiert 1 wird. Gilt dies in vielen unterschiedlichen Zusammenhängen für das

Verständnis über das Deutschsein, so trifft diese Beobachtung für die alltägliche

Wahrnehmung der „Fremden“ allemal zu: Wer (neben dem Deutschen) eine von der

120 Mehrheitsgesellschaft als „fremd“ wahrgenommene Sprache, wie vor allem das Türkische

oder Arabische, spricht, kann dem Alltagsbewusstsein nach nicht „wirklich“ dazugehören, wie

Cem Özdemir 2 einmal anmerkte.

Integration ist jedenfalls dort, wo die hochemotionalen Vorstellungsmuster dieses die

Sprache überbewertenden romantischen Konzepts wirken, nicht wirklich möglich: Ein Volk

125 bleibt ein Volk, bleibt ein Volk...; durch die Muttersprache ist es exklusiv, ein wirklicher Beitritt

nur mit Einschränkungen möglich – der Akzent als nicht ablegbares Stigma des

Fremdbleibens.

Dabei werden auch hier Unterschiede gemacht: Die Sprachen der europäischen

Nachbarländer haben einen hohen Distinktionswert – Englisch, Spanisch, Französisch sind

130 in den Schulen vermittelte Zweitsprachen, kulturelles Kapital der gebildeten

kosmopolitischen Eliten. Doch wie sieht es mit Türkisch oder Polnisch aus? Auch hier

spiegeln sich althergebrachte Hierarchisierungen und Diskriminierungen.

Wechselseitige Anerkennung einer Sprachenvielfalt im Privatraum bei einer gleichzeitigen

kompetenten Nutzung einer gemeinsamen Verkehrssprache – hierzulande des Deutschen –

135 bedeutet eine zu erbringende Leistung aller. „Fordern und Fördern“ – auch die Einwanderer

sollten in diesem Sinne fordern dürfen, dass sie respektvoll und differenziert in ihrer

persönlichen Kultur und Sprache wahrgenommen werden. Und es gilt auch die

Voraussetzungen zu schaffen, dass wirklich alle Deutschkurse, an denen es schließlich

immer noch fehlt, besuchen können. Hängt man überdies die überkommene Vorstellung der

140 Muttersprache als „Identitätskern“ tiefer, ist dies ein weiterer Schritt eines unaufgeregten,

aufgeklärten Umgangs mit gelebter Mehrsprachigkeit im Alltag einer

Einwanderungsgesellschaft.

Götz, Irene (02.07.2016): Sprache und Diskriminierung. Die sollen erst mal anständig Deutsch lernen! Ein Gastbeitrag. <http://www.spiegel.de/politik/deutschland/sprache-und-diskriminierung-gastbeitrag-von-irene-goetz-a-1098835.html>. 11.04.2021

Irene Götz ist Professorin am Institut für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.

1 essenzialisiert: Damit ist die Reduktion auf die Sprache und damit eine Überbetonung dieses Merkmals gemeint.

2 Cem Özdemir: deutscher Politiker; von November 2008 bis Januar 2018 Bundesvorsitzender der Partei Bündnis 90/Die Grünen. 1994 waren Cem Özdemir und Leyla Onur die ersten Bundestagsabgeordneten mit türkischen Eltern.

Aufgabenstellung

1. Stellen Sie den Argumentationsgang und die Intention des Textes von Irene Götz dar. ca. 40 %

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte · Abitur NRW Deutsch LK · Funktion von Sprache für Integratio 2022

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