Aufgabe Teilaufgaben 1, 2, 4 - Synapse, Hormone und neuro… · Abitur NRW Biologie LK · Narkosemittel 2025

Thema: Synapse, Hormone und neuronale Plastizität · Aus der Prüfung LK · Narkosemittel (2025)

Aufgabenstellung

Medikamentöse Muskelentspannung

Muskelentspannende Medikamente verbessern in vielen Fällen die Bedingungen bei Operationen. Die an der neuromuskulären Synapse wirkenden Stoffe werden darüber hinaus auch als Pfeilgifte bei der Jagd verwendet.

Material 1: Die Wirkung von Tubocurarin auf Skelettmuskeln

Tubocurarin wird bei Operationen zur Muskelentspannung verwendet. Die Moleküle wirken an der neuromuskulären Synapse, wo sie eine ähnliche Affinität zu den Rezeptoren postsynaptischer Natriumionen-Kanäle wie Acetylcholin zeigen. In einem Experiment wurde der Einfluss von Tubocurarin auf die Kontraktionsfähigkeit von Skelettmuskeln untersucht (Abb. 1):

Material 2: Medikamentöse Aufhebung der Wirkung von Tubocurarin

Die für Operationen zugelassenen Medikamente zur Muskelentspannung werden im Körper zumeist enzymatisch abgebaut, wodurch ihre Wirksamkeit zeitlich begrenzt ist (Tab. 1).

Tabelle 1: Abbau muskelentspannender Medikamente Medikament · Enzymatischer Abbau im Organismus

Tubocurarin · Spaltung durch Carboxylasen in der Leber (ca. 30-40 min)

Mivacurium · Spaltung durch Butyrylcholinesterase in der Leber (ca. 10-15 min)

Atracurium · Spaltung durch verschiedene Esterasen im Blut (ca. 20-30 min)

In seltenen Fällen kann es vorkommen, dass nach einer Vollnarkose die Wirkung anhält. Dann können die Patienten bei völliger Wachheit ihren Körper nicht bewegen und somit auch keine Atembewegungen ausfÿhren. Die Wirkung von Tubocurarin und anderen muskelentspannenden Medikamenten lässt sich in solchen Fällen schnell durch Gegengifte aufheben. Es wurde vermutet, dass unter anderem Physostigmin als ein solches Gegengift verwendet werden könnte. Dessen reversible Wirkung ist in Abbildung 2 grafisch dargestellt:

Material 3: Untersuchungsbefund im BChE -Gen

Bei einem 14-jährigen Jungen wurde wegen des Verdachts eines Gen-Defekts eine DNA-Sequenzierung durchgefÿhrt. Sie zeigte die nachfolgend dargestellte Veränderung im codogenen Strang (Matrizenstrang) des insgesamt 2.400 Basenpaare umfassenden BChE -Gens (Positionen 67 bis 81):

DNA (mutiert)

3′ (...) TAA CCC ATC AGT GTG (...) 5′

DNA (nicht mutiert)

3′ (...) TAA CCC TTC AGT GTG (...) 5′

Das Enzym Butyrylcholinesterase (BChE) spielt im alltäglichen Stoffwechsel keine Rolle, spaltet jedoch Medikamente (vgl. M 2) und einige Drogen (u. a. Heroin).

(in Anlehnung an: Yu et al., 2018)

Material 4: Standpunkte zum Jagdwesen in Deutschland

In einem Online-Blog über die Jagd wurde folgender Eintrag gefunden:

Betreff: Sanfter Tod

Hallo in die Runde, liebe Jagdinteressierte,

ich muss jetzt mal etwas loswerden. Ich bin nicht grundsätzlich gegen das Jagen von Wildtieren. Aber das Töten mit Schusswaffen, wie es bei uns in Deutschland beispielsweise üblich ist, finde ich doch ziemlich grausam – vor allem, weil ich gehört habe, dass bei einem Drittel der abgegebenen Schüsse die Tiere nicht richtig getroffen werden. Da sind uns manche Naturvölker aus Südamerika voraus. Die jagen mit einem natürlichen Gift aus Pflanzen. Das enthält den Wirkstoff Tubocurarin und wird auf die Spitze von Pfeilen aufgetragen. Damit getroffene Tiere spüren bloß einen kurzen Einstich und schlafen dann friedlich ein. Das wäre doch mal etwas zum Nachmachen!

Es grüßt herzlich: Janina (22)

Über ethisch vertretbare Jagdmethoden äußerte sich auch der Deutsche Jagdverband:

Gemäß des deutschen Jagdgesetzes sind bei der Jagdausübung die Grundsätze der deutschen Waidgerechtigkeit zu beachten. Dies beinhaltet das Vermeiden von unnötigem Tierleid, z. B. durch die Verwendung von Patronen mit bestimmter Auftreffenergie. Die Jagdausbildung erfordert eine korrekte Schießtechnik, einschließlich des Blattschusses, der das Tier durch einen gezielten Treffer in die Herzkammer schnell und schmerzlos tötet.

(in Anlehnung an: Deutscher Jagdverband, 2000)

1

Stellen Sie die Vorgänge der Erregungsübertragung an einer chemischen Synapse schematisch dar. [9 BE]

2

Werten Sie die Ergebnisse aus Material 1 hinsichtlich der Wirkung von Tubocurarin an der neuromuskulären Synapse aus.

Diskutieren Sie die Eignung von Physostigmin zur Aufhebung einer Überdosierung von Tubocurarin (M 2). [14 BE]

4

Analysieren Sie die beiden in Material 4 genannten Jagdmethoden im Hinblick auf Waidgerechtigkeit (M 1, M 2). [7 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Teilaufgaben 1, 2, 4 - Synapse, Hormone und neuro… · Abitur NRW Biologie LK · Narkosemittel 2025

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1 Stellen Sie die Vorgänge der Erregungsübertragung an einer chemischen Synapse schematisch dar.

Lösung: Die schematische Zeichnung stellt die Strukturen und molekularen Vorgänge der Erregungsübertragung an einer chemischen Synapse vollständig und korrekt beschriftet dar: - Strukturen: Präsynaptisches Axon mit Endknöpfchen, spannungsgesteuerte Ca2+\text{Ca}^{2+}-Ionenkanäle, mit Acetylcholin (ACh) gefüllte synaptische Vesikel, synaptischer Spalt mit Na+\text{Na}^+-Ionen, postsynaptische Membran mit liganden-/transmittergesteuerten Na+\text{Na}^+-Ionenkanälen (inkl. ACh-Rezeptoren) sowie Acetylcholinesterase (ACh-Esterase). - Ablauf der Erregungsübertragung: 1. Aktionspotenzial (AP) läuft über das Axon im Endknöpfchen ein. 2. Spannungsabhängige Ca2+\text{Ca}^{2+}-Kanäle öffnen sich →\rightarrow Einstrom von Ca2+\text{Ca}^{2+}-Ionen in das Endknöpfchen. 3. Vesikel mit Neurotransmitter (ACh) wandern zur präsynaptischen Membran und verschmelzen mit ihr (Exozytose). 4. ACh diffundiert durch den synaptischen Spalt und bindet an die postsynaptischen Rezeptoren der Na+\text{Na}^+-Kanäle. 5. Öffnung der ligandengesteuerten Na+\text{Na}^+-Kanäle →\rightarrow Einstrom von Na+\text{Na}^+-Ionen →\rightarrow lokale Depolarisation (EPSP bzw. Endplattenpotenzial).

2 Werten Sie die Ergebnisse aus Material 1 hinsichtlich der Wirkung von Tubocurarin an der neuromuskulären Synapse aus.

Lösung: Auswertung der Daten (M 1): - Abnahme der Muskelkontraktionsfähigkeit: Nach Zugabe von Tubocurarin sinkt die Kontraktionsfähigkeit bei Reizung des motorischen Nervs kontinuierlich bis auf 0 %. Da eine direkte elektrische Reizung des Muskels weiterhin zu einer vollständigen Kontraktion führt, liegt der Wirkort an der neuromuskulären Synapse und nicht am Muskel selbst. - Wirkmechanismus: Konkurrenz von ACh und Tubocurarin um dieselben Rezeptoren (kompetitiver Antagonismus). Tubocurarin bindet an die ACh-Rezeptoren der postsynaptischen Na+\text{Na}^+-Kanäle, öffnet diese jedoch nicht (Blockade) →\rightarrow Ausbleiben des Na+\text{Na}^+-Einstroms und fehlende Depolarisation →\rightarrow schlaffe Lähmung der Muskulatur. - Reversibilität: Nach ca. 45 Minuten setzt die Kontraktionsfähigkeit wieder ein. Dies belegt eine reversible Bindung des Wirkstoffs bzw. dessen enzymatischen Abbau im Organismus. - Der Kontrollversuch (A) schließt andere störende experimentelle Faktoren (z. B. Ermüdung) aus.

2 Diskutieren Sie die Eignung von Physostigmin zur Aufhebung einer Überdosierung von Tubocurarin (M 2).

Lösung: Diskussion der Eignung von Physostigmin als Gegengift (M 2): - Wirkungsweise und Eignung: Physostigmin blockiert die ACh-Esterase reversibel. Dadurch wird der Abbau von Acetylcholin gehemmt, die Konzentration von ACh-Spaltprodukten sinkt und die ACh-Konzentration im synaptischen Spalt steigt stark und anhaltend an. Durch den massiven Überschuss an ACh werden die reversibel an die Rezeptoren gebundenen Tubocurarin-Moleküle kompetitiv verdrängt. Die Na+\text{Na}^+-Kanäle öffnen sich wieder und die Muskelkontraktion wird wiederhergestellt. Physostigmin ist daher prinzipiell als Antidot geeignet. - Einschränkung / Risiken: Die Wirkung ist stark dosisabhängig. Bei zu hoher Dosierung führt die dauerhafte Hemmung der ACh-Esterase zu einer permanenten Depolarisation der postsynaptischen Membran, was zu unkontrollierten Muskelkrämpfen und Spasmen (u. a. Atemkrämpfen) führen kann.

4 Analysieren Sie die beiden in Material 4 genannten Jagdmethoden im Hinblick auf Waidgerechtigkeit (M 1, M 2).

Lösung: Analyse der Jagdmethoden im Hinblick auf Waidgerechtigkeit: - Annahme der Bloggerin: Die Bloggerin vermutet einen 'sanften Tod', da getroffene Tiere nur einen Einstich spüren und friedlich einschlafen würden. Dies ist eine gravierende Fehlannahme: Tubocurarin blockiert neuromuskuläre Synapsen der Skelettmuskulatur (inklusive der Atemmuskulatur), hat jedoch keine narkotische oder betäubende Wirkung auf das zentrale Nervensystem. Die Tiere ersticken bei vollem Bewusstsein qualvoll durch Atemlähmung. - Waidgerechtigkeit nach deutschem Jagdrecht: Waidgerechtigkeit verlangt das Vermeiden von unnötigem Tierleid durch eine möglichst schmerzfreie und rasche Tötung. Dies wird durch Schießausbildung, Treffsicherheit (Blattschuss in die Herzkammer) und geeignete Geschossenergie gewährleistet, die zum sofortigen Kreislaufkollaps und schlagartigen Bewusstseinsverlust führen. - Schlussfolgerung: Die Verwendung von Tubocurarin als Pfeilgift verstößt eklatant gegen die Grundsätze der Waidgerechtigkeit und stellt keine ethisch vertretbare Alternative dar.

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