Aufgabe HT 3 - 3: Humangenetik, Gendiagnostik und Gentech… · Abitur NRW Biologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022
Thema: Humangenetik, Gendiagnostik und Gentechnik · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)
Aufgabenstellung
Material A: Ivermectin
Hunde können von Parasiten wie Läusen, Milben oder Zecken befallen werden. Zur Bekämpfung dieser Parasiten wird zum Beispiel Ivermectin eingesetzt. Ivermectin ist ein Neurotoxin, das insbesondere auf Wirbellose tödlich wirkt. Es bindet an Glutamat-gesteuerte Chloridionen-Kanäle in der postsynaptischen Membran und öffnet sie dauerhaft. Glutamat-gesteuerte Chloridionen-Kanäle kommen nur bei Wirbellosen vor.
Auf Wirbeltiere wirkt Ivermectin weniger toxisch und wird daher auch bei Hunden zur Bekämpfung parasitären Befalls angewendet. Es ist ein fettlöslicher Wirkstoff, der durch die Zellmembran diffundiert. Er reichert sich in Leber und Fettgewebe der behandelten Tiere an und wird von dort langsam freigesetzt. Der Wirkstoff zirkuliert dann in geringer Menge im Blut der behandelten Tiere und wird von den Parasiten aufgenommen.
Material B: Überempfindlichkeit gegen Ivermectin
Ivermectin kann bei höheren Konzentrationen auch an GABA-gesteuerte Chloridionen-Kanäle bei Wirbeltieren binden und diese aktivieren. Insbesondere im Zentralnervensystem von Wirbeltieren kann dies zu neurotoxischen Effekten führen.
Bei Collies und anderen Hunderassen wurden nach einer Behandlung mit Ivermectin häufig Symptome wie Bewegungsstörungen, Krämpfe und Benommenheit bis hin zu Komazuständen beobachtet. Da nicht alle Hunde einer Rasse gleichermaßen davon betroffen sind, wurden die individuellen Ursachen für diese Überempfindlichkeit analysiert.
Die Ursache dieser Überempfindlichkeit konnte auf eine Veränderung im MDR1 -Gen zurückgeführt werden. Um Erkenntnisse über die Funktion von MDR1 bei Säugetieren zu gewinnen, wurden Experimente mit Mäusen durchgeführt. Es handelte sich um Wildtyp-Mäuse und gentechnisch veränderte Mäuse, deren MDR1 -Gen ausgeschaltet worden war. Bei beiden Gruppen wurden nach Behandlung mit Ivermectin die Wirkstoff-Konzentrationen in verschiedenen Geweben bestimmt (Tabelle 1).
Das MDR1 -Gen codiert bei Säugetieren das Transportprotein MDR1. Es transportiert unter ATP-Verbrauch körperfremde Stoffe aus den Zellen zurück ins Blut, sodass sie abtransportiert werden können. MDR1 kommt auch in den Zellen der Blutgefäßwände der Blut-Hirn-Schranke vor. Die Blut-Hirn-Schranke lässt selektiv nur bestimmte Stoffe aus dem Blut in das Gehirn und grenzt so das Zentralnervensystem gegen das Blut ab.
Material C: MDR1 -Mutation bei Collies
Genetische Analysen des MDR1 -Gens bei Collies, die gegenüber Ivermectin überempfindlich sind, zeigten die in Tabelle 2 dargestellten Ergebnisse. Das gesamte MDR1-Protein hat eine Länge von 1281 Aminosäuren.
Material D: Nachweis der MDR1 -Allele
Die Ivermectin-Überempfindlichkeit wird autosomal-rezessiv vererbt. Mithilfe der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) wurden DNA-Proben verschiedener Hunde untersucht. Die jeweiligen Primer-Paare sowie die erwartete Größe der vervielfältigten Fragmente sind in Abbildung 1 dargestellt. Die Ergebnisse einer Gelelektrophorese der PCR-Produkte zeigt Abbildung 2.
Material E: Codesonne und Tabelle zum genetischen Code
Aufgabe 3
Stellen Sie die zentralen Abläufe der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) dar und erklären Sie, welche Aufgabe die Primer im gezeigten Diagnoseverfahren haben (Abbildung 1, Materialien C und D). Werten Sie Abbildung 2 bezüglich der Genotypen der getesteten Hunde aus (Material D). Erläutern Sie, welche Folgen sich daraus für die Hundezucht ergeben können (Materialien A bis D).
(18 Punkte)
a)
Stellen Sie die zentralen Abläufe der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) dar:
b)
Erklären Sie, welche Aufgabe die Primer im gezeigten Diagnoseverfahren haben (Abbildung 1, Materialien C und D):
c)
Werten Sie Abbildung 2 bezüglich der Genotypen der getesteten Hunde aus (Material D):
d)
Erläutern Sie, welche Folgen sich daraus für die Hundezucht ergeben können (Materialien A bis D):

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Stellen Sie die zentralen Abläufe der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) dar
Lösung: 1. Denaturierung (ca. 95 °C): Trennung der DNA-Doppelstränge durch Lösen der Wasserstoffbrückenbindungen. 2. Hybridisierung / Primer-Annealing (ca. 55–60 °C): Anlagerung der Primer an die komplementären Bereiche der Einzelstränge. 3. Polymerisation / Elongation (ca. 72 °C): Synthese des komplementären Strangs durch eine hitzestabile Taq-Polymerase ausgehend vom 3'-Ende der Primer. Dieses Temperaturprofil wird zyklisch wiederholt.
Erklären Sie, welche Aufgabe die Primer im gezeigten Diagnoseverfahren haben (Abbildung 1, Materialien C und D)
Lösung: Es werden zwei verschiedene Primer-Paare verwendet. Primer 1 ist spezifisch für das Wildtyp- bzw. mutierte Allel (unterschiedliche Sequenzen am 3'-Ende des Primers). Die Primer-Paare sind so gewählt, dass unterschiedlich große Fragmente amplifiziert werden (341 bp für Wildtyp, 577 bp für Mutante). Dadurch können Wildtyp- und mutiertes Allel in getrennten Reaktionen detektiert und elektrophoretisch unterschieden werden.
Genotyp von Hund 1 (Abbildung 2)
Lösung: homozygot mutiert (zwei mutierte Allele)
Genotyp von Hund 2 und Hund 3 (Abbildung 2)
Lösung: heterozygot (ein Wildtyp-Allel und ein mutiertes Allel)
Genotyp von Hund 4 (Abbildung 2)
Lösung: homozygot Wildtyp (zwei Wildtyp-Allele)
Erläutern Sie, welche Folgen sich daraus für die Hundezucht ergeben können (Materialien A bis D)
Lösung: - Erkennung von heterozygoten Anlageträgern (Konduktoren), die selbst gesund sind, das mutierte Allel aber zu 50 % vererben. - Vor der Zuchtzulassung sollten PCR-Tests obligatorisch sein, um gezielte Verpaarungen zu planen und die Allelfrequenz der Mutation in der Rasse zu senken bzw. Anlageträger von der Zucht auszuschließen. - Information von Tierhaltern über den Genotyp, um bei heterozygoten oder betroffenen Hunden auf alternative Parasitenbekämpfungsmittel statt Ivermectin auszuweichen.
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