Aufgabe 3 - Genregulation, Epigenetik und Krebs · Abitur NRW Biologie LK · Nachtermin 2022
Thema: Genregulation, Epigenetik und Krebs · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2022)
Aufgabenstellung
Thema: Die Vielfalt der Schaumkräuter
Material A: Ökologie der Schaumkräuter
Zur Gattung der Schaumkräuter ( Cardamine) gehören mehr als 200 verschiedene krautige Pflanzenarten, die in weiten Teilen der Welt vorkommen. In Europa sind unter anderem das Behaarte Schaumkraut ( Cardamine hirsuta), das Bittere Schaumkraut ( Cardamine amara) und das Wald-Schaumkraut ( Cardamine flexuosa) verbreitet. C. hirsuta kommt vor allem in Wiesen, Wegrändern und offenen Feldern vor. C. amara wächst in Feuchtgebieten mit nassen Böden und C. flexuosa ist vor allem an feuchten, beschatteten Standorten zu finden. Alle drei Arten können in näherer Nachbarschaft zueinander vorkommen.
Das Wachstum der drei Cardamine -Arten wurde unter verschiedenen Bewässerungsbedingungen untersucht. Dazu wurden Jungpflanzen der drei Arten in Töpfe gepflanzt und jeweils unter einer von drei Versuchsbedingungen angezogen. Im ersten Ansatz wurden die Töpfe nur wenig gegossen („trocken“). Im zweiten Ansatz standen die Töpfe bis zur Oberkante vollständig im Wasser („überflutet“). Und im dritten Ansatz wurden die Töpfe abwechselnd jeweils zwei Wochen überflutet und trocken gehalten („wechselnd“). Nach zehn Wochen Versuchsdauer wurde als Maß für das Pflanzenwachstum die Anzahl der Blätter gezählt und jeweils ein Mittelwert gebildet (Abbildung 1).
Material B: Veränderung der Genexpression bei Überflutung
Die meisten Pflanzen reagieren empfindlich auf Überflutung, denn durch Überflutung wird zum Beispiel der Sauerstoffhaushalt verändert und dadurch oxidativer Stress verursacht. Als Folge können zelluläre Moleküle wie Membranbestandteile und DNA geschädigt werden. Pflanzen reagieren auf diesen Stress unter anderem durch Veränderung der Genexpression.
In einem Experiment wurden die drei Arten C. hirsuta, C. amara und C. flexuosa plötzlicher Überflutung ausgesetzt. Nach zwei Stunden wurde die Häufigkeit verschiedener mRNAs gemessen. Zum Vergleich wurde die Häufigkeit der gleichen mRNAs unter normalen Bedingungen ermittelt. Anhand dieser Werte wurde die relative Häufigkeit der mRNAs nach Überflutung bestimmt (Abbildung 2). Ist eine mRNA unter normalen Bedingungen und nach Überflutung gleich häufig, so liegt deren relative Häufigkeit bei 1. Eine relative Häufigkeit von 2 bedeutet eine Verdopplung der mRNA-Menge nach Überflutung.
Ein dauerhaft exprimiertes Gen, das act2 -Gen, diente als Kontrolle, da unter allen Bedingungen eine ungefähr gleiche mRNA-Menge zu erwarten war. Die anderen untersuchten Gene codieren für Transkriptionsfaktoren, die bei verschiedenen Arten von Stress eine Rolle spielen, insbesondere bei oxidativem Stress. Für das erf2 -Gen wurde außerdem nachgewiesen, dass eine starke Expression dieses Gens die Toleranz der Pflanze gegen Überflutung erhöht.
Material C: Genom- und Chromosomenanalysen
C. hirsuta und C. amara sind diploid und besitzen beide jeweils 8 Chromosomenpaare (, ). C. flexuosa hat doppelt so viele Chromosomen (, ). Mithilfe von Chromosomenstrukturanalysen wurde die Verwandtschaft von C. flexuosa mit den anderen Cardamine -Arten untersucht (Abbildung 3).
Material D: Ein neues Schaumkraut am Bodensee
Am Ufer des Bodensees im Süden Deutschlands lebt eine Pflanzengemeinschaft mit vielen Arten, die an stark wechselnde Wasserstände angepasst sind. Auch einige einheimische Cardamine -Arten wie etwa C. flexuosa und C. hirsuta kommen hier vor. 2004 wurden erstmals in Deutschland Exemplare einer unbekannten Cardamine -Art an den Ufern des Bodensees entdeckt, die sich in den folgenden Jahren dort stark ausbreitete. Mittlerweile findet sich diese Art auch in Nordrhein-Westfalen an einem Fluss- und einem Seeufer mit wechselnden Wasserständen.
Die Samen der Pflanze können bis zu vier Monate in überfluteten Böden überleben. Sie keimen bevorzugt unter feuchten Bedingungen. Die Ausbreitung wird durch milde Winter und niedrige Wasserstände begünstigt.
Zum Ursprung der neuen Art am Bodensee gab es zwei Erklärungsansätze. Zum einen könnte sie durch Hybridisierung, also Kreuzung, zweier einheimischer Arten entstanden sein. Zum anderen könnte es sich um eine aus anderen geographischen Regionen eingeschleppte Art handeln. Zur Überprüfung dieser Erklärungsansätze wurde die DNA der neuen Art und verschiedener anderer Cardamine -Arten mittels DNA-Sequenzanalysen untersucht. Hierfür wurde ein DNA-Bereich verwendet, der zur Unterscheidung von morphologisch ähnlichen Arten gut geeignet ist, der ITS-Bereich. Tabelle 1 zeigt den Vergleich der Nukleotidsequenzen an ausgewählten Positionen des ITS-Bereichs verschiedener Cardamine -Arten.
Material E: Vorlage zur Skizze des regulären Ablaufs der Meiose
2. Beschreiben Sie einen Mechanismus, durch den die mRNA-Menge in Eukaryoten reguliert werden kann. Fassen Sie die Daten aus Abbildung 2 zusammen (Material B) und werten Sie diese hinsichtlich der Überflutungstoleranz der drei Arten aus (Materialien A und B).
[18 Punkte]
a)
b)
c)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Beschreiben Sie einen Mechanismus, durch den die mRNA-Menge in Eukaryoten reguliert werden kann.
Lösung: Regulation der Transkription durch allgemeine und spezifische Transkriptionsfaktoren: Allgemeine Transkriptionsfaktoren binden an den Promotor (z. B. TATA-Box) und vermitteln die Bindung der RNA-Polymerase. Spezifische Transkriptionsfaktoren (Aktivatoren/Repressoren) binden an weiter entfernte regulatorische Sequenzen (Enhancer/Silencer) und steigern oder hemmen die Transkriptionsrate gewebe- oder situationsspezifisch. (Alternativ: Epigenetische Modifikationen wie Histonacetylierung / DNA-Methylierung oder posttranskriptionelle Regulation durch RNA-Interferenz).
Fassen Sie die Daten aus Abbildung 2 zusammen (Material B).
Lösung: - Das Kontrollgen act2 zeigt bei allen drei Arten kaum Veränderung in der relativen mRNA-Häufigkeit (Werte zwischen 0,82 und 1,1). - C. hirsuta reagiert auf Überflutung mit einer sehr deutlichen Erhöhung der mRNA-Mengen aller drei Stressgene: sen1 (63-fach), erf2 (5,4-fach) und rhl41 (18-fach). - C. amara zeigt bei sen1 einen leichten Anstieg (5,4-fach), bei erf2 (0,82-fach) und rhl41 (0,51-fach) hingegen eine Verminderung der mRNA-Häufigkeit. - C. flexuosa zeigt moderate Erhöhungen bei allen drei Stressgenen: sen1 (7,2-fach), erf2 (1,2-fach) und rhl41 (4,0-fach), die jeweils zwischen den Werten von C. hirsuta und C. amara liegen.
Werten Sie diese hinsichtlich der Überflutungstoleranz der drei Arten aus (Materialien A und B).
Lösung: - C. hirsuta ist an trockene Standorte angepasst (wächst am besten unter trockenen Bedingungen, s. Abb. 1). Bei plötzlicher Überflutung erfährt sie starken Stress, weshalb Stressgene wie erf2 (kodiert für Transkriptionsfaktor, der Überflutungstoleranz vermittelt) sowie sen1 und rhl41 massiv hochreguliert werden, um akute Schutzmechanismen zu aktivieren. - C. amara ist an nasse Böden angepasst und wächst unter Überflutung am besten (hohe Blattanzahl). Vermutlich sind schützende Proteine constitutiv (dauerhaft) vorhanden oder die Überflutung stellt für die Pflanze keinen akuten oxidativen Stress dar, weshalb keine signifikante Induktion der Stressgene nötig ist. - C. flexuosa besitzt eine breite Feuchtigkeitstoleranz und kommt sowohl mit feuchten als auch wechselnden Bedingungen gut zurecht. Die mäßige Stressreaktion (mittlere Induktion von erf2, sen1, rhl41) spiegelt eine Zwischenstellung wider, die es ihr erlaubt, flexibel auf schwankende Wasserstände zu reagieren.
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