Aufgabe 1 - Evolutionsfaktoren und Artbildung · Abitur NRW Biologie LK · Nachtermin 2021
Thema: Evolutionsfaktoren und Artbildung · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2021)
Aufgabenstellung
Thema: Rosengallen – komplexe Beziehungen
Material A: Rosengallen sind Habitate von Insekten
An Blättern der Hundsrose ( Rosa canina) findet man oft kugelige Verdickungen, deren fadenförmige Auswüchse nach außen ragen. Die Weibchen der Rosengallwespe ( Diplolepis rosae) legen im Frühjahr ihre Eigelege an Blattknospen ab. Die ausgeschlüpften Larven fressen an den Blättern und lösen so ein Gewebewachstum bei der Rose aus, das sie dann als Rosengalle umhüllt. In dieser Rosengalle entwickeln sich die Larven weiter und fressen dabei Hohlräume in das pflanzliche Gewebe. Die Larven induzieren durch verschiedene Botenstoffe das weitere Wachstum der Rosengalle. Die inneren, nahrhaften Gewebeschichten der Rosengalle enthalten mehrere Kammern mit Insektenlarven, die äußeren Gewebeschichten verholzen. Im Herbst verpuppen sich die Larven in den jetzt vollständig verholzten Rosengallen und überwintern darin. Im folgenden Frühjahr platzt die Rosengalle auf und die geschlechtsreifen Rosengallwespen schlüpfen.
Durch D. rosae induzierte Rosengallen werden auch von der Schwarzen Rosengallwespe ( Periclistus brandtii) als Habitat und Nahrungsquelle genutzt. Diese Gallwespe kann selbst keine Bildung von Rosengallen auslösen. Die Weibchen von P. brandtii legen ihre Eier in eine sich bereits entwickelnde Rosengalle und dort schlüpfen dann ihre Larven. Auch sie ernähren sich vom pflanzlichen Gewebe und bilden dort Kammern.
Beide Insektenarten werden von verschiedenen Schlupfwespen befallen (Abbildung 1). Die Schlupfwespen-Weibchen stechen mit ihrem langen Legestachel durch die Rosengalle und legen ihre Eier spezifisch in Insektenlarven. Die Schlupfwespen-Larve ernährt sich während ihrer Entwicklung von der befallenen Insektenlarve. Am Ende der eigenen Entwicklung schlüpft die ausgewachsene Schlupfwespe aus der befallenen Insektenlarve und tötet diese dabei.
Material B: Bedeutung der Größe von Rosengallen
Haben die Larven der Rosengallwespe D. rosae während ihrer Entwicklung viel Nahrung zur Verfügung, so sind erwachsene Weibchen beim Schlupf aus der Rosengalle größer und daher in der Lage, später eine größere Anzahl von Eiern zu produzieren und abzulegen. Etwa 75 Prozent der Larven von D. rosae werden durch die Schlupfwespen Orthopelma mediator und Torymus bedeguaris befallen. Fressfeinde der Insektenlarven in Rosengallen sind Wirbeltiere wie Mäuse oder Vögel. Zum Beispiel öffnen Spechte oder Mäuse Rosengallen und erbeuten so die in deren Kammern lebenden Insektenlarven. Die Rate der durch Schlupfwespen befallenen Rosengallwespe (Abbildung 2A) sowie der Anteil der durch Räuber geöffneten Rosengallen (Abbildung 2B) wurden im Freiland untersucht.
Bei Freilandbeobachtungen wurde außerdem der Durchmesser von Rosengallen bei Rosa canina an verschiedenen Standorten bestimmt. Die Häufigkeitsverteilung der Gallengröße ist in Abbildung 3 exemplarisch für einen Standort dargestellt.
Material C: Wolbachia -Bakterien und ihre Wirte
Bei einigen Insektenarten der Rosengallen sind Wolbachia -Bakterien gefunden worden. Wolbachia -Bakterien leben in Zellen von Insekten und anderen Gliedertieren. Sie können nicht außerhalb ihrer Wirtszellen kultiviert werden und sind wirtsspezifisch. Weltweit sind rund 65 Prozent aller Insektenarten Wirte für Wolbachia.
Wolbachia -Bakterien leben vorwiegend in den Eierstöcken weiblicher Insekten, gelangen so in die Eizellen und werden an die Nachkommen weitergegeben. Während der Kernteilung heften sich die Wolbachia -Bakterien an die Spindelapparate und werden bei der Zellteilung daher auf die Tochterzellen verteilt.
Außerdem beeinflussen die Wolbachia -Bakterien die Fortpflanzung ihrer Wirte. Bei der Rosengallwespe Diplolepis rosae entwickeln sich Männchen aus unbefruchteten, haploiden Eiern, Weibchen aus befruchteten, diploiden Eiern. Sind die D. rosae -Weibchen mit Wolbachia infiziert, so entwickeln sich die Eizellen ungeschlechtlich zu diploiden Eiern. Bei Untersuchungen im Freiland lag der Anteil der D. rosae -Männchen bei 1,6 Prozent.
Material D: Verwandtschaftsbeziehungen bei Wolbachia -Bakterien
Die Gattung Wolbachia wird auf der Grundlage von DNA-Sequenzdaten in verschiedene systematische Gruppen eingeteilt, wie Wolbachia -A-Bakterien und Wolbachia -B-Bakterien. Manchmal beherbergen phylogenetisch nur wenig verwandte Insektenarten Wolbachia -Stämme, die einander genetisch sehr ähnlich und daher nah verwandt sind. Man vermutet, dass parasitierende Insekten, wie etwa Schlupfwespen, bei der Eiablage den Wolbachia -Stamm ihres Wirtes aufnehmen könnten.
Abbildung 4 zeigt einen phylogenetischen Stammbaum der Wolbachia -B-Bakterien ausgewählter Insektenarten. Einige Rosengallen-bewohnende Insektenarten (Abbildung 1) beherbergen Wolbachia -B-Bakterien. Bei Orthopelma mediator wurden ebenfalls Wolbachia -Bakterien gefunden, welche allerdings zur systematischen Gruppe der Wolbachia -A-Bakterien gehören.
2.
Fassen Sie die Ergebnisse zusammen, die Abbildung 2 zeigt (Material B). Geben Sie eine Definition des Begriffs reproduktive Fitness an und analysieren Sie, welche Faktoren die reproduktive Fitness der Rosengallwespe Diplolepis rosae bestimmen (Materialien A und B).
[16 Punkte]
3.
Skizzieren Sie für drei verschiedene Selektionstypen jeweils ein Kurvendiagramm. Werten Sie Abbildung 3 aus und ermitteln Sie unter zusätzlicher Berücksichtigung von Abbildung 2, welcher Selektionstyp vorliegt (Materialien A und B).
[16 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Fassen Sie die Ergebnisse zusammen, die Abbildung 2 zeigt (Material B). Geben Sie eine Definition des Begriffs reproduktive Fitness an und analysieren Sie, welche Faktoren die reproduktive Fitness der Rosengallwespe Diplolepis rosae bestimmen (Materialien A und B).
Lösung: Ergebnisse Abbildung 2: - Die Parasitierungsrate der Gallwespen ist in Abhängigkeit von der Gallengröße dargestellt (Abb. 2A): Bei Gallen mit einem Durchmesser von etwa 1,5 cm werden besonders viele Gallwespen erfolgreich durch Schlupfwespen parasitiert (Maximum bei ca. 25 %). - Der Anteil der durch Räuber (z. B. Spechte oder Mäuse) geöffneten Gallen ist in Abhängigkeit von der Gallengröße dargestellt (Abb. 2B): Gallen mit einem Durchmesser von etwa 3 bis 4 cm werden besonders häufig von Räubern geöffnet (Maximum bei ca. 15 %). Definition reproduktive Fitness: - Die reproduktive Fitness ist ein Maß für den Fortpflanzungserfolg bzw. für die relative Anzahl der Allele, die ein Individuum in den Genpool der nächsten Generation einbringt. Analyse der Einflussfaktoren auf Diplolepis rosae: - Nahrungsverfügbarkeit: Wenn den Larven mehr pflanzliche Nahrungsressourcen zur Verfügung stehen, schlüpfen größere Weibchen, die wiederum eine größere Anzahl von Eiern produzieren und ablegen können. - Parasitierung durch Schlupfwespen (*Orthopelma mediator*, *Torymus bedeguaris*): Tötet ca. 75 % der Larven. Gallen mit größerem Durchmesser bieten Schutz, da der Leigestachel der Schlupfwespen die tief liegenden Larven schlechter erreicht. - Fressfeinde (Wirbeltiere wie Spechte/Mäuse): Öffnen bevorzugt größere Gallen (3–4 cm), da darin mehr oder größere Beutetiere vermutet werden. Dadurch sinkt die Fitness in sehr großen Gallen. - Koexistenz mit *P. brandtii*: Kann die Fitness von *D. rosae* positiv beeinflussen, wenn Schlupfwespen alternativ *P. brandtii* parasitieren.
3. Skizzieren Sie für drei verschiedene Selektionstypen jeweils ein Kurvendiagramm.
Lösung: Beschreibung der Skizzen: - Stabilisierende Selektion: Die mittlere Merkmalsausprägung wird begünstigt; die Varianz nimmt ab (schmalere, höhere Kurve nach der Selektion). - Gerichtete Selektion: Ein extremes Merkmal wird begünstigt; der Häufigkeitsgipfel verschiebt sich einseitig in eine Richtung. - Aufspaltende (disruptive) Selektion: Beide extremen Merkmalsausprägungen werden begünstigt; die mittlere Form wird benachteiligt (Ausbildung von zwei Häufigkeitsgipfeln). *(Die Achsen müssen sinnvoll beschriftet sein: x-Achse = Merkmalsausprägung/Gallengröße, y-Achse = Anzahl/Häufigkeit der Individuen; Unterscheidung von Ausgangs- und Folgepopulation).*
3. Werten Sie Abbildung 3 aus und ermitteln Sie unter zusätzlicher Berücksichtigung von Abbildung 2, welcher Selektionstyp vorliegt (Materialien A und B).
Lösung: Auswertung von Abbildung 3: - Die Verteilung der Gallengrößen im Freiland zeigt eine Glockenkurve mit einem Maximum bei ca. 2 bis 2,5 cm Durchmesser (über 80 Gallen). - Sehr kleine (< 1 cm) und sehr große (> 4 cm) Gallen treten deutlich seltener auf. Ermittlung und Begründung des Selektionstyps: - Es liegt eine stabilisierende Selektion vor. - Begründung: - Gallen unter 2 cm Durchmesser unterliegen einem hohen Selektionsdruck durch parasitierende Schlupfwespen (hohe Parasitierungsrate bei kleinen Durchmessern in Abb. 2A). - Gallen über 3 cm Durchmesser unterliegen einem hohen Selektionsdruck durch Fressfeinde wie Vögel und Mäuse (Abb. 2B). - Eine mittlere Gallengröße von ca. 2 bis 2,5 cm bietet den optimalen Kompromiss mit minimalem Gesamtrisiko und maximalem Fortpflanzungserfolg. Die extremen Merkmalsausprägungen werden benachteiligt, sodass die mittlere Merkmalsausprägung gefördert und stabilisiert wird.
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