Aufgabe 3 - DNA, Proteinbiosynthese und Mutationen · Abitur NRW Biologie LK · Nachtermin 2021
Thema: DNA, Proteinbiosynthese und Mutationen · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2021)
Aufgabenstellung
Thema: Angeborene Nachtblindheit
Material A: Vererbung der Kongenitalen Stationären Nachtblindheit
Als Kongenitale Stationäre Nachtblindheit (CSNB) wird eine Gruppe von erblich bedingten Netzhauterkrankungen bezeichnet. Betroffene leiden vor allem unter einem verminderten Sehvermögen in der Nacht. Darüber hinaus sind die an CSNB erkrankten Personen häufig extrem lichtempfindlich, weil ihre Netzhaut bei starkem Lichteinfall überreizt wird und die betroffenen Personen sich geblendet fühlen. Weitere Folge der CSNB ist eine geringe Sehschärfe. Abbildung 1 zeigt den Stammbaum einer von CSNB betroffenen Familie.
Material B: Erregungsweiterleitung an Stäbchen und Bipolarzellen
In der Netzhaut sind Stäbchen mit Bipolarzellen über Synapsen verschaltet. Bei Dunkelheit wird von den Stäbchen vermehrt Glutamat in den synaptischen Spalt ausgeschüttet. Glutamat bindet an mGluR6-Rezeptoren, die sich in der postsynaptischen Membran der Bipolarzellen befinden. Beim Glutamatrezeptor mGluR6 handelt es sich um einen G-Protein-gekoppelten Rezeptor. Im Ruhezustand bindet ein G-Protein mit den drei Untereinheiten , sowie an den mGluR6-Rezeptor. Durch Bindung des Glutamats an den mGluR6-Rezeptor wird seine Raumstruktur verändert. Dadurch wird an der -Untereinheit GDP gegen GTP ausgetauscht und die Untereinheiten des G-Proteins lösen sich vom mGluR6-Rezeptor. In der postsynaptischen Membran der Bipolarzellen befinden sich TRPM1-Ionenkanäle, die hier den Einstrom von Natriumionen () und Calciumionen () regulieren. Durch die reversible Bindung von , sowie wird eine Änderung der Raumstruktur des TRPM1-Kanals ausgelöst und dieser Ionenkanal schließt sich (Abbildung 2).
Die Bipolarzellen stehen in Kontakt mit Amakrinzellen, die über Synapsen mit Ganglienzellen verschaltet sind. Aktionspotentiale werden in den Ganglienzellen gebildet und von dort über den Sehnerv an das Gehirn übermittelt.
Material C: Genetische Ursachen der CSNB
Bei Patienten mit erblich bedingter CSNB wurden unterschiedliche Mutationen im Gen für den TRPM1-Ionenkanal nachgewiesen. Das Polypeptid besteht aus 1642 Aminosäuren. Tabelle 1 zeigt Ausschnitte aus der Nukleotidsequenz des TRPM1 -Gens.
Material D: Elektrophysiologische Ursachen der CSNB
Zur Diagnose der CSNB wird die elektrophysiologische Reaktion der Netzhaut auf verschieden starke Lichtreize mithilfe der Elektroretinografie untersucht. Bei diesem Verfahren wird mithilfe von außen am Auge angesetzten Elektroden jeweils die Spannungsänderung der Stäbchen und Bipolarzellen bei Reizung mit unterschiedlichen Lichtstärken aufgezeichnet. Die Messergebnisse werden in Form von Elektroretinogrammen wiedergegeben. Mithilfe dieses Diagnoseverfahrens wurden normalsichtige Wildtyp-Mäuse und gentechnisch veränderte Mäuse mit ausgeschaltetem TRPM1 -Gen, TRPM1 -K. o.-Mäuse, untersucht. Die Ergebnisse der Experimente sind in Abbildung 3 dargestellt. Der grundsätzliche Ablauf der Fototransduktion ist bei Mäusen und Menschen sehr ähnlich.
Material E: Häufigkeit der CSNB
Die CSNB ist eine extrem seltene Erkrankung. Hochrechnungen zufolge ist in der europäischen Bevölkerung von 400 000 Menschen nur einer an CSNB erkrankt.
In einer Studie aus dem Jahr 2019 konnte jedoch nachgewiesen werden, dass die CSNB in einigen vorderasiatischen Gemeinschaften dagegen viel häufiger vorkommt. In diesen Gemeinschaften ist von 6210 Personen im Durchschnitt eine an CSNB erkrankt. Genetische Analysen belegen, dass diese Gemeinschaften ehemals von nur 350 Individuen abstammen.
Material A zeigt einen exemplarischen Stammbaum einer Familie aus dieser Gemeinschaft.
Material F: Codesonne und Tabelle zum genetischen Code
3. Ermitteln Sie, um welche Mutationstypen es sich handelt, und erläutern Sie, wie sich die Mutationen voraussichtlich auf den TRPM1-Ionenkanal auswirken können (Materialien C und F). Fassen Sie die Befunde aus Material D zusammen und entwickeln Sie auf der Grundlage der Materialien A bis D eine Hypothese zu den neurophysiologischen Ursachen der CSNB. [23 Punkte]
a)
b)
c)
d)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Ermitteln Sie, um welche Mutationstypen es sich handelt (Materialien C und F)
Lösung: In beiden Fällen handelt es sich um eine Punktmutation in Form einer Substitution. - Mutation 1: Im Triplett 14 ist Cytosin durch Thymin ersetzt (CGG → TGG; mRNA: CGG → UGG). Dies führt zum Austausch der Aminosäure Arginin durch Tryptophan (Missense-Mutation). - Mutation 2: In Triplett 294 ist Adenin durch Thymin ausgetauscht (AAG → TAG; mRNA: AAG → UAG). Dadurch entsteht statt des Codons für Lysin ein Stopp-Codon (Nonsense-Mutation).
Erläutern Sie, wie sich die Mutationen voraussichtlich auf den TRPM1-Ionenkanal auswirken können (Materialien C und F)
Lösung: - Mutation 1: Durch den Einbau von Tryptophan anstelle von Arginin wird die Primärstruktur verändert, was zu einer veränderten Raumstruktur und damit zu einem partiellen oder vollständigen Funktionsverlust des Kanals führen kann. - Mutation 2: Das vorzeitige Stopp-Codon führt zu einem Translationsabbruch an Position 294 (von 1642 Aminosäuren). Das stark verkürzte Polypeptid wird vermutlich abgebaut, kann keine funktionelle Tertiär-/Quartärstruktur ausbilden und bleibt funktionslos.
Fassen Sie die Befunde aus Material D zusammen
Lösung: - Abbildung A (Stäbchen): Bei Wildtyp- und TRPM1-K.o.-Mäusen steigt die Spannungsänderung mit zunehmender Beleuchtungsstärke in etwa gleich stark an (von ca. 0 µV bei 0,00001 lx auf ca. 340–370 µV bei 10 lx). - Abbildung B (Bipolarzellen): Bei Wildtyp-Mäusen nimmt die Spannungsänderung mit der Beleuchtungsstärke deutlich zu (von ca. 130 µV bis über 900 µV). Bei TRPM1-K.o.-Mäusen bleibt die Spannungsänderung hingegen bei allen Beleuchtungsstärken sehr gering (ca. 80–180 µV).
Entwickeln Sie auf der Grundlage der Materialien A bis D eine Hypothese zu den neurophysiologischen Ursachen der CSNB
Lösung: - Die Erregungsweiterleitung in den Bipolarzellen ist bei Ausfall oder Funktionsstörung des TRPM1-Kanals gestört. - Bei Belichtung sinkt physiologisch die Glutamatkonzentration, sodass sich der TRPM1-Kanal öffnen und durch Einstrom von und die Bipolarzelle depolarisieren müsste. - Durch die Mutationen im TRPM1-Gen (funktionsloser oder fehlender Kanal) bleibt der Kationeneinstrom auch bei Belichtung aus, sodass keine Depolarisation und keine Transmitterfreisetzung an Amakrin- und Ganglienzellen erfolgt. - Die Erregung wird nicht an den Sehnerv und das Gehirn weitergeleitet; dies erklärt das verminderte Sehvermögen bei Dunkelheit bzw. schwachem Licht (Nachtblindheit).
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