Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Umweltökonomie GK 2022
Thema: Umweltpolitik: Prinzipien und Instrumente · Aus der Prüfung GK (2022)
Aufgabenstellung
Material 1
Pestizide überall
Über die Luft gelangen schädliche Stoffe vom Acker bis tief in die Städte und Naturschutzgebiete hinein. Wie gefährlich sie sind, ist nicht ganz klar.
Von Joachim Wille
Die Debatte über die Gefahren von Pestiziden in der Landwirtschaft nimmt neue Fahrt auf: Laut einer
aktuellen Studie verbreiten sich viele Pflanzenschutzmittel und ihre Abbau-produkte per Ferntransport
über die Luft bis in Städte und Nationalparks hinein. In Deutschland gebe es wahrscheinlich keine
unbelasteten Orte mehr. Die Risiken für Gesundheit und Artenvielfalt seien unabsehbar, kritisierten
5 die Auftraggeberinnen und Auftraggeber der Untersuchung.
Auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) sieht dringend Handlungsbedarf, die Pestizid-
hersteller wiederum warnen vor einer „überzogenen Risikodebatte“. Das bislang aufwändigste Mess-
programm zur Ausbreitung von Pestiziden hat unerwartete Daten zu Tage gefördert. Danach wurden
an rund drei Viertel aller bundesweit untersuchten Standorte jeweils mindestens fünf Pestizid-
10 wirkstoffe sowie deren Abbauprodukte gefunden – im Extremfall waren es sogar 34.
Selbst auf der Spitze des Brockens im Nationalpark Harz seien zwölf Pestizide nachweisbar gewesen,
hieß es. „Insgesamt fanden sich deutschlandweit 138 Stoffe, von denen 30 Prozent zum jeweiligen
Messzeitpunkt nicht mehr oder noch nie zugelassen waren“, teilten das private Umweltinstitut
München und das „Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft“ mit, die die Studie in Auftrag
15 gegeben haben.
So sei unter anderem das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als „wahrscheinlich krebs-
erregend“ eingestufte Glyphosat „in allen Regionen Deutschlands“ und „weit abseits von potenziellen
Ursprungs-Äckern“ nachgewiesen worden. Die Messungen für die Studie „Pestizid-Belastung der
Luft“ wurden von März bis November 2019 gemacht.
20 Die Mess-Standorte lagen dabei im Umkreis von weniger als 100 bis hin zu über 1000 Metern
Entfernung von potentiellen Quellen – in Städten und auf dem Land, in konventionellen und Bio-
Agrarlandschaften sowie in Naturschutzgebieten. Die Daten wurden auf mehreren Wegen erhoben:
mit Hilfe von neu entwickelten technischen Passivsammelgeräten, aus Filtermatten in Belüftungs-
anlagen von Gebäuden sowie durch die Analyse von Bienenstöcken und Baumrinden.
25 Weiter flossen in die Gesamtstudie Ergebnisse einer Untersuchung ein, für die von 2014 bis 2019
Baumrinden auf Pestizide getestet wurden. Durchgeführt wurde die Studie vom Forschungsbüro
„TIEM Integrierte Umweltüberwachung“ in Dortmund. Sie wurde am Dienstag in Berlin im Beisein
von Umweltministerin Schulze veröffentlicht. Der Agrarexperte Karl Bär vom Umweltinstitut
München nannte die Ergebnisse der Studie „schockierend“.
30 „Glyphosat und andere Ackergifte verteilen sich als wahrer Pestizid-Cocktail bis in die hintersten
Winkel Deutschlands“, so Bär. Pestizide landeten in schützenswerten Naturräumen, auf Bio-Äckern
und in der Atemluft von Menschen. Bär kritisierte, dass der Ferntransport von Pestizidwirkstoffen im
europäischen Pestizid-Zulassungsverfahren bislang nicht ausreichend berücksichtigt werde. Die
beiden Organisationen begrüßten in diesem Zusammenhang die Initiative des Bundesamts für
35 Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), ein jährliches Monitoring durchführen zu
lassen.
Die Initiatorinnen und Initiatoren der Studie fordern ein Sofortverbot von fünf Pestiziden, die sich laut
der Studie am stärksten verbreiten, darunter Glyphosat. Weiter fordern sie einen Ausstieg aus dem
Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide bis 2035 und die Entschädigung von Biolandwirtinnen und
40 Biolandwirten. Die seien damit konfrontiert, dass ganze Ernten nicht mehr als „bio“ verkauft werden
können, weil sie durch synthetische Pestizide belastet seien.
Die Studie belege nun „einen wesentlichen Grund“ dafür: Die Pestizide gelangten über die Luft auf
das biologisch angebaute Getreide, Obst und Gemüse. Für geschädigte Biobäuerinnen und -bauern
fordert das Bündnis für enkeltaugliche Landwirtschaft einen Entschädigungsfonds, den Pestizid-
45 Hersteller füllen sollen. Schulze nannte die Ergebnisse der Studie „besorgniserregend – nicht nur für
den Ökolandbau, sondern auch für die Natur“.
Die Studie zeige, dass Pestizide „überall hinkommen können. Wir wissen nicht, wie dieser Cocktail
wirkt.“ Sie verwies darauf, dass die Groko sich darauf verständigt habe, den Einsatz von Pflanzen-
schutzmitteln zu reduzieren. Ihr Ministerium habe hier Vorschläge gemacht, die zurzeit mit dem
50 Bundeslandwirtschaftsministerium diskutiert würden. Zudem sehe die „Farm-to-Fork“-Strategie
innerhalb des von der EU-Kommission vorgeschlagenen „Green Deal“ vor, den Einsatz von Pflanzen-
schutzmitteln um die Hälfte zu reduzieren.
Der Industrieverband Agrar, der 35 deutsche Pestizidhersteller vertritt, attackierte die neue Studie
heftig. Sie sei „alarmistisch und wissenschaftlich nicht valide“. „Über diese Kampagne sind wir
55 wirklich erstaunt“, so Hauptgeschäftsführer Frank Gemmer. Die Pflanzenschutzmittel-Hersteller
appellierten schon länger an die Biobranche, die Fälle, bei denen Landwirtinnen und Landwirte ihr
Erntegut nicht mehr vermarkten konnten, klar zu benennen.
„Bisher haben wir keine konsistenten Hinweise aus der Bio-Branche erhalten. Hier wird der Dialog
seit Jahren verweigert“, so Gemmer. „Doch nicht nur die Funde sind offenbar selten; die dabei nach-
60 gewiesenen Mengen sind so minimal, dass sie für Mensch und Umwelt unbedenklich sind.“ Hier
werde ein Thema „künstlich aufgebauscht“.
Pflanzenschutzmittel leisteten einen wichtigen Beitrag, Qualität und Ertrag der Nahrungsmittel zu
sichern, sagte Gemmer. Überzogene Risikodebatten seien vor diesem Hintergrund wenig hilfreich.
Quellenangabe: Joachim Wille: Pestizide überall, Frankfurter Rundschau vom 30.9.2020, Seite 24.
Nach der Vorstellung einer Studie zur „Pestizid-Belastung in der Luft“ (Material 1) sieht die ehemalige Bundesumweltministerin Svenja Schulze dringenden Handlungsbedarf.
1.1
Nennen Sie die im Artikel aufgeführten Ergebnisse zur Studie „Pestizid-Belastung der Luft“. [8 BE]
1.2
Stellen Sie die Forderungen aller beteiligten Interessengruppen dar. [10 BE]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1.1 Nennen Sie die im Artikel aufgeführten Ergebnisse zur Studie „Pestizid-Belastung der Luft“.
Lösung: - Es gibt keine unbelasteten Orte in ganz Deutschland. - An drei Viertel aller bundesweit untersuchten Standorte sind mindestens fünf und maximal 34 Pestizidwirkstoffe sowie deren Abbauprodukte nachweisbar. - Insgesamt fanden sich 138 derartige Stoffe, von denen 30 % zum jeweiligen Zeitpunkt nicht mehr oder noch nie zugelassen waren. - Glyphosat, von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als wahrscheinlich krebserregend eingestuft, wurde in allen Regionen Deutschlands nachgewiesen.
1.2 Stellen Sie die Forderungen aller beteiligten Interessengruppen dar.
Lösung: Die Initiatoren der Studie (Umweltinstitut München und Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft) fordern: - Sofortverbot von fünf Pestiziden, die sich laut Studie am stärksten verbreiten (z. B. Glyphosat) - Ausstieg aus dem Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide bis zum Jahr 2035 - Entschädigungen von Biolandwirten, die ihre Waren nicht mehr als „bio“ verkaufen können - Entschädigungsfonds, der von den Pestizidherstellern gefüllt werden soll Die EU-Kommission fordert: - Im Rahmen des „Green Deals“ eine „Farm-to-Fork“-Strategie, bei der die Pflanzenschutzmittel um 50 % reduziert werden sollen. Der Industrieverband Agrar (35 deutsche Pestizidhersteller) fordert: - die Bio-Landwirte auf, die Fälle von Ernteausfällen klar zu benennen - keine überzogene Risikodebatte, da die gefundenen Konzentrationswerte für Mensch und Umwelt unbedenklich seien. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) fordert: - ein jährliches Monitoring zur Kontrolle.
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