Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Psychologie GK 2022
Thema: Psychosoziale und moralische Entwicklung (Erikson, Kohlberg) · Aus der Prüfung GK (2022)
Aufgabenstellung
1 Moralentwicklung und Gehorsam
1.1
Beschreiben Sie die moralische Entwicklung von der niedrigsten bis zur höchsten Stufe und stellen Sie den zentralen Unterschied zwischen Niveau I und II zu Niveau III in KOHLBERGS Stufenmodell der moralischen Entwicklung dar. (18 BE)
1.2
Ordnen Sie das Verhalten passiver Komplizinnen bzw. Komplizen und Heldinnen bzw. Helden (Material 1) jeweils einem Niveau der moralischen Entwicklung nach KOHLBERG zu. (12 BE)
1.3
Erläutern Sie den jeweiligen Rollenkonflikt zwischen „Moral und Autorität“ sowie zwischen „Autorität und Autorität“ (Material 2) und beschreiben Sie die jeweilige Bewältigungsstrategie von Heldinnen bzw. Helden. (18 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1.1 Beschreiben Sie die moralische Entwicklung von der niedrigsten bis zur höchsten Stufe und stellen Sie den zentralen Unterschied zwischen Niveau I und II zu Niveau III in KOHLBERGS Stufenmodell der moralischen Entwicklung dar.
Lösung: Niveau I (Präkonventionell): - Stufe 1 (Orientierung an Gehorsam und Strafe): Orientierung an von außen vorgegebenen Regeln und Unterwerfung unter Autoritäten, um Bestrafung zu vermeiden. - Stufe 2 (Instrumentell-relativistische Orientierung / naiver instrumenteller Hedonismus): Gerechtigkeit als Handelsgeschäft; Befriedigung eigener Bedürfnisse und Interessen. Niveau II (Konventionell): - Stufe 3 (Interpersonelle Konformität / „good girl/good boy“-Orientierung): Entsprechen von Erwartungen anderer zur Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen und Anerkennung. - Stufe 4 (Orientierung an Gesetz und Ordnung): Pflichterfüllung, Respekt vor legitimen Autoritäten und Erhalt der bestehenden Sozialordnung zur Vermeidung von Schuldgefühlen. Niveau III (Postkonventionell): - Stufe 5 (Sozialvertragliche Orientierung): Eigene Wertvorstellungen unabhängig von Autoritäten/Gruppen, Orientierung an Gemeinwohl, Menschenrechten und demokratischem Konsens; Hinterfragen nicht dienlicher Normen. - Stufe 6 (Universelle ethische Prinzipien): Orientierung an selbst gewählten, logischen, universell gültigen ethischen Prinzipien (Gerechtigkeit, Gleichheit, Würde des Menschen). Zentraler Unterschied: Die Moral auf den Niveaus I und II ist vorwiegend an der Befriedigung eigener Bedürfnisse sowie durch von außen vorgegebene Regeln bestimmt (Autoritäten, Familie/Peers, Gesetze/soziale Normen). Ein Individuum auf Niveau III hat eigene Wertvorstellungen und ethische Prinzipien verinnerlicht, vergleicht bestehende Gesetze und Regeln damit kritisch und handelt unabhängig von den Erwartungen anderer.
1.2 Ordnen Sie das Verhalten passiver Komplizinnen bzw. Komplizen und Heldinnen bzw. Helden (Material 1) jeweils einem Niveau der moralischen Entwicklung nach KOHLBERG zu.
Lösung: Passive Komplizinnen bzw. Komplizen: Konventionelle Moral (Niveau II, Stufen 3 bis 4) - Sie kennen die Folter-Praktiken, erkennen die dort herrschende Ordnung und Aufgabenverteilung an und greifen nicht ein (schauen weg). - Sie passen sich der Gruppe an (Stufe 3), um Beziehungen nicht zu gefährden und Kritik oder Missbilligung seitens legitimer Autoritäten zu vermeiden. - Sie hinterfragen Befehle nicht, erfüllen ihre Pflicht bzw. Funktion (Stufe 4) und stabilisieren dadurch das System. Heldinnen bzw. Helden: Postkonventionelle Moral (Niveau III, Stufen 5 bis 6) - Sie handeln autonom nach verinnerlichten ethischen Prinzipien, unabhängig von den Erwartungshaltungen anderer oder Befehlen von Autoritäten. - Sie hinterfragen bestehende Regeln und Systeme, da diese die Menschenwürde verletzen und nicht dem Gemeinwohl dienen. - Um Selbstverurteilung zu vermeiden und die Würde der Gefangenen zu schützen, trotzen sie unrechtmäßigen Autoritäten und ergreifen Partei für die Opfer.
1.3 Erläutern Sie den jeweiligen Rollenkonflikt zwischen „Moral und Autorität“ sowie zwischen „Autorität und Autorität“ (Material 2) und beschreiben Sie die jeweilige Bewältigungsstrategie von Heldinnen bzw. Helden.
Lösung: Konflikt zwischen „Moral und Autorität“ (Intra-Rollenkonflikt): - Innerer Konflikt innerhalb einer Person bzw. einer Rolle, wenn die von einer Autorität an die Person herangetragenen Erwartungen (z. B. Befehle zur Misshandlung oder zum Schweigen) im Widerspruch zu ihren eigenen moralischen Wertvorstellungen und Gewissensansprüchen (z. B. Achtung der Menschenwürde auf Stufe 6) stehen. Konflikt zwischen „Autorität und Autorität“ (Inter-Rollenkonflikt): - Konflikt zwischen zwei verschiedenen Rollen, die eine Person gleichzeitig innehat, wenn die Erwartungen zweier unterschiedlicher Autoritäten unvereinbar sind (z. B. Rolle als Soldat/Untergebener mit Gehorsamspflicht gegenüber dem Vorgesetzten vs. Rolle als gläubiger Christ mit Verpflichtung gegenüber Gottes Gebot „Du sollst nicht töten“). Bewältigungsstrategien von Heldinnen bzw. Helden: - Bei „Moral und Autorität“: Helden reflektieren die Anforderungen kritisch anhand ihrer verinnerlichten ethischen Prinzipien (Rollendistanz). Sie weichen von der geforderten Rolle ab oder kündigen/verweigern sie ganz, wenn sie mit ihrem Gewissen unvereinbar ist. - Bei „Autorität und Autorität“: Helden entscheiden sich bewusst dafür, der höherrangigen bzw. „guten“ Autorität zu folgen (z. B. göttlichen Geboten oder universellen Menschenrechten), die Gerechtigkeit und menschliche Würde über rein institutionellen Gehorsam stellt.
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