Aufgabe Vorschlag A - 2 (Erikson) · Abitur Hessen Psychologie GK 2021

Thema: Psychosoziale und moralische Entwicklung (Erikson, Kohlberg) · Aus der Prüfung GK (2021)

Aufgabenstellung

Material 1

Fallbeispiel „Lea“

Lea hat ein Foto ihres neuen „Styles“ in ihrem eigenen Blog „Lealive“ hochgeladen. Hierbei hat sie

sich an ihrem Vorbild Cara Delevingne, die als Schauspielerin und Model arbeitet, orientiert und ihren

Stil imitiert. Dabei hat sie sich sehr viel Mühe gegeben. Sie hat schon einige Besucher auf ihrer

Internetseite, die regelmäßig neue Einträge ansehen und auch kommentieren. Für das neue Foto hat sie

5 bereits viele „likes“ bekommen. Auf die Frage, warum sie diesen Blog betreibe, antwortet die

Schülerin: „Ich mache das vor allem für mich selbst, es ist so eine Art Tagebuch. Ich möchte meine

Erinnerungen und gute Ideen, einfach wer ich bin, festhalten. Meine beste Freundin und ich machen

das beide, wir sind so etwas wie „Blog-Schwestern“.

Klar seien die Kommentare hierzu auch interessant zu lesen, aber deshalb betreibe sie den Blog nicht:

10 „Ich bin sehr selbstbewusst, mache mein eigenes Ding und brauche die „likes“ von den anderen

eigentlich gar nicht. Ich könnte es auch anders machen, aber so ist es für später, wenn ich alt bin, gut

gespeichert.“ Außerdem sei es nett, dass auch ihre in einem anderen Bundesland lebende Oma so ein

bisschen mehr vom Leben ihrer Enkelin mitbekomme. Abhängig von den Kommentaren der anderen

sei sie auf gar keinen Fall: „Ich bin nicht so süchtig wie diese Instagram-Sternchen, dieser Weg ist

15 einfach praktisch für mich.“ Einmal allerdings, als sie ein Bild, auf dem sie ungeschminkt war,

veröffentlicht hatte, kamen auch Kommentare wie „Uhh, wie sieht die denn in echt aus?!“, „Hilfe, so

etwas will ja keiner mitansehen!!“ und „Mädchen, pack dein Make-up wieder aus!!!“. Danach postete

sie erst einmal eine Woche lang nichts mehr. Darauf angesprochen errötet Lea und stottert: „Ähh, also

naja, diese Kommentare, mhm, die waren nicht so nett. Aber, dass ich eine Woche nichts gepostet

20 habe, hatte damit gar nichts zu tun. Ich habe eine Woche lang,Digital Detox’ gemacht, also auf Handy

und Internet verzichtet, so als Selbsterfahrung.“ Auf die Frage hin, warum Lea jetzt keine Bilder, die

sie ohne Make-up zeigen, mehr poste, antwortet sie: „Ach, so ein Zufall!“ und schaut weg.

2 Identitätsentwicklung im Social Web im Hinblick auf das Psychosoziale Entwicklungsmodell nach ERIKSON

2.1

Beschreiben Sie das psychosoziale Entwicklungsmodell nach ERIKSON.

Hinweis: Die Bewältigung der Entwicklungsstufen ist zu berücksichtigen. (20 BE)

2.2

Untersuchen Sie, inwieweit in Material 1 die Entwicklungsstufe in der Adoleszenz nach ERIKSON bewältigt wurde. (15 BE)

2.3

Erörtern Sie Chancen und Risiken der Nutzung des Social Web für die Krisenbewältigung der Entwicklungsstufen 4, 5 und 6 nach dem psychosozialen Entwicklungsmodell ERIKSONS. (20 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag A - 2 (Erikson) · Abitur Hessen Psychologie GK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2.1 Beschreiben Sie das psychosoziale Entwicklungsmodell nach ERIKSON. Hinweis: Die Bewältigung der Entwicklungsstufen ist zu berücksichtigen.

Lösung: Grundprinzipien: - Invariante Reihenfolge, keine Stufe kann übersprungen werden. - Jede Stufe birgt eine spezifische psychosoziale Krise, die bewältigt werden muss (gelungen vs. nicht gelungen). Stufenübersicht: 1. Urvertrauen gegen Urmisstrauen (ca. 0 – 1,5 Jahre): Bindungserfahrungen bedingen Haltung zu sich, anderen und Umwelt. 2. Autonomie gegen Scham und Zweifel (ca. 1,5 – 2 Jahre): Streben nach altersgemäßer Selbstständigkeit versus Scham durch Fehler/starke Reglementierung. 3. Initiative gegen Schuldgefühl (ca. 3 – 4 Jahre): Geplante Erkundung der Umwelt versus Schuldgefühle durch Grenzüberschreitungen/Einschränkungen. 4. Leistung bzw. Werksinn gegen Minderwertigkeitsgefühl (ca. 5 Jahre – Adoleszenz): Hinwendung zu Tätigkeiten der Erwachsenenwelt, Anerkennung versus Gefühl mangelnder Fähigkeiten/fehlende Würdigung. 5. Identität gegen Rollenkonfusion (Adoleszenz): Selbstverständnis als einmalige, unverwechselbare Person versus unklare Vorstellungen/fehlende Ich-Identität. 6. Intimität gegen Isolierung (junges Erwachsenenalter): Fähigkeit zu tragfesten Bindungen/Partnerschaften versus Vermeidung von Nähe/sozialer Rückzug. 7. Generativität gegen Stagnation (Erwachsenenalter): Fürsorge für die nächste Generation/Produktivität versus Entwicklungsstillstand und Verarmung von Beziehungen. 8. Ich-Integrität gegen Verzweiflung (Alter): Bejahung des eigenen Lebenszyklus versus Verzweiflung über verpasste Lebensentwürfe.

2.2 Untersuchen Sie, inwieweit in Material 1 die Entwicklungsstufe in der Adoleszenz nach ERIKSON bewältigt wurde.

Lösung: Untersuchung von Leas Entwicklungsstand in der 5. Stufe (Identität vs. Rollenkonfusion): - Hinweise auf Rollenkonfusion: * Orientierung an Vorbild (Cara Delevingne) als typische Identifikation Jugendlicher aus Unsicherheit. * Rolle der „Blog-Schwestern“ zusammen mit bester Freundin statt autonomer Rollenfindung. * Große Bedeutung von Likes und Außenbestätigung trotz verbaler Verneinung; Verletzlichkeit bei Kritik (Posting-Pause, Verlegenheit/Erröten/Stottern). * Starke Anpassung an Urteile der sozialen Umwelt. - Hinweise auf gelingende Identitätsfindung: * Aktive Umsetzung persönlicher Wünsche und Vorstellungen (eigener Blogname „Lealive“ als Ausdruck von Individualität). * Ziel, eigene Ideen und Erinnerungen festzuhalten („einfach wer ich bin“). * Selbstwahrnehmung als Person mit einzigartigen Fähigkeiten und guten Ideen. - Fazit: Lea befindet sich mitten im Prozess der Identitätsentwicklung und weist sowohl Anteile von Identitätsfindung als auch von Identitätsdiffusion/Rollenkonfusion auf; die Stufe ist noch nicht abschließend bewältigt.

2.3 Erörtern Sie Chancen und Risiken der Nutzung des Social Web für die Krisenbewältigung der Entwicklungsstufen 4, 5 und 6 nach dem psychosozialen Entwicklungsmodell ERIKSONS.

Lösung: Stufe 4 (Werksinn vs. Minderwertigkeit): - *Chancen:* Wertschätzendes Feedback auf eigene kreative Produkte (z. B. Videos auf TikTok/YouTube); Anerkennung für eigene Leistungen und Fleiß stärkt Werksinn. - *Risiken:* Vernachlässigung realer sensorischer/motorischer Erfahrungen führt zu Defiziten; Misserfolge oder Hänseleien im Netz verstärken Minderwertigkeitsgefühle. Stufe 5 (Identität vs. Rollenkonfusion): - *Chancen:* Inspirationen (z. B. Pinterest/Instagram); Erprobung von Rollen und Identitätsentwürfen; Aufbau eines eigenen Profils verdeutlicht Interessen und Stärken; direktes Feedback hilft bei Selbstvergewisserung. - *Risiken:* Widersprüchliche Ideale/Normen stiften Verwirrung; übermäßige Orientierung an Influencern verdeckt Identitätsunsicherheit; Cybermobbing und Hasskommentare können Identitätsfindung massiv stören und Rückzug auslösen. Stufe 6 (Intimität vs. Isolierung): - *Chancen:* Erleichterung von Partnersuche und Freundschaftspflege über Distanzen (Chats, Planung); Teilen des Alltags fördert Nähe und verbindliche Beziehungen. - *Risiken:* Scheinbar unbegrenzte Auswahl führt zu Unverbindlichkeit und schnellem Partnerwechsel statt Bewältigung von Konflikten; oberflächliche Kontakte ersetzen echte Intimität; Kränkungen führen zu Isolation. Fazit: Die Nutzung birgt Chancen und Risiken gleichermaßen; die Wirkung hängt von der individuellen Nutzungsweise und Begleitung ab.

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