Abitur Hessen Philosophie 2022 · GK
Abiturprüfung Philosophie in Hessen 2022, GK: 12 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Texterschließung: Text zusammenfassen. Mit automatischer Korrektur.
Themen der Prüfung: Texterschließung: Text zusammenfassen · Staatsphilosophie: Gesellschaftsvertrag, Staat und Individuum · Erkenntnis und Wissenschaft: Wahrheit und Wissenschaftstheorie · Die Frage nach dem Ich: Freud, La Mettrie und das Bewusstsein
Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen
Material 1
Hans-Georg Gadamer: Hermeneutik¹ und Autorität – eine Bilanz (1991)
Es ist sicherlich richtig, daß die Aufklärungsbewegung der Neuzeit und ihr wissenschaftliches Gewis-
sen darauf beruhen, daß man Vorurteile und damit auch bloße Berufung auf Autoritäten nicht gelten
läßt. Es gibt ein berühmtes Beispiel, dessen traditionelle, ‚autoritative Lösung‘ bis in die beginnende
Neuzeit gegolten hat [...]: Wieviele Beine hat eine Fliege? Aristoteles, die Autorität, hat das Falsche
5 gesagt und behauptet, die Fliege hätte acht Beine. In Wirklichkeit hat sie nur sechs. Die verkehrte An-
zahl wurde gegen allen Augenschein immer wieder im scholastischen² Unterricht aufgrund der Autori-
tät des Aristoteles falsch gelehrt. [...] Man ließ maßgebliche Lehren unangetastet und verteidigte sie
selbst gegen alle Beobachtung. Bei Galilei ist dieser Sachverhalt im Dialog über die beiden Weltsys-
teme in einer berühmten Weise vorgeführt worden. Dort wird ein [...] an die Autoritäten (resp.
10 Schriftautoritäten) Glaubender erfunden und als Partner des Gesprächs eingeführt, der – wiederum un-
ter Berufung auf Aristoteles, bei dem es ‚anders‘ stehe – sich weigert, durch Galileis Fernrohr³ zu
schauen.
Als ich an die hermeneutischen Fragestellungen neu herantrat, befand ich mich in der Welt unserer
Moderne [...] Wir haben es in der Tat mit ganz anderen Komponenten zu tun, wenn wir etwa so kom-
15 plexe Dinge wie gesellschaftliche Vorgänge oder wirtschaftliche Zusammenhänge oder das Verständ-
nis von Texten und Überlieferungen im Auge haben. Hier muß man sich eingestehen, daß es den Null-
grad von Beteiligtheit⁴ einfach nicht gibt. So kam ich zu der Behauptung, die auch heute noch immer
sehr verblüfft, daß ich von den legitimierten oder legitimierbaren Vorurteilen spreche.
[...]
[E]s ist – in welcher Form auch immer – ein Autoritätsverhältnis, das schon zwischen Eltern und Kin-
20 dern, Lehrern und Schülern, und am Ende in jedem Berufszweig, in jeder geordneten Kooperation von
Menschen eine Rolle spielt. Einer ist in irgendeiner Sache eine Autorität für den anderen. Das meint
nichts als die vernünftige Anerkennung, daß der andere an Sachkenntnis einem überlegen ist.
[...]
[I]ch [frage] mich, was Autorität in solchem produktiven Sinne bedeutet. Wir stehen eben immer
schon in Zusammenhängen, in denen man sich plötzlich erkennt und zu denen man sich bekennt. Der
25 Zusammenhang, in dem man ohnehin steht, ist: Man macht in Wahrheit keine Beobachtung, man ge-
winnt keine Erfahrung, ohne von Erwartungspotentialen gesteuert zu sein [...]
Wie kann man die Notwendigkeit einer Freiheit ermöglichenden Autorität mit der Durchregelung aller
Dinge unserer Welt in Einklang setzen? [...] Wir müssen Überlieferung, die uns bestimmt und die wir
nicht rational beherrschen, gleichwohl gelten lassen. Das tut jeder, der eine Autorität in seinem Leben
30 anerkennt. [...] So war mir klar geworden, daß in den Geisteswissenschaften Begriffe etwas anderes
sind als in der Begriffsbildung und in der Arbeitsweise der Naturwissenschaften. Irgendwo hat jedes
Wort noch etwas von einer Wirkungsgeschichte in sich, und dieses vielfältige Mittönen von Ge-
schichte und Erfahrung unterscheidet gerade von den präzisen Bezeichnungskonventionen, mit denen
sich Mathematik und deren Anwendung auf die messenden Naturwissenschaften kommunikabel⁵ ma-
35 chen. Es ist deswegen ein ganz verrückter Mißverstand, daß der Laie noch immer glaubt, die Philoso-
phie sei nur etwas, wo man definiert. Nein, so einfach haben wir es nicht, daß uns etwas gegeben ist
und wir nun – als ob wir uns an dem orientieren könnten, das uns gegeben ist – Begriffe definieren, so
wie man etwas mit einem Kennzeichen versieht, um es sofort immer wiedererkennen zu können. Nein,
so ist es auch für uns nicht mit der Autorität, daß sie die Instanz wäre, Weisungen zu geben. Sprechen
40 ist eingebettet in ein ständiges System von Handlung und Gegenhandlung, von kritischer Frage und
gewagter Antwort, in welchem die gelassene Anerkennung von Autorität neue und gelassene Frei-
heitsgrade hervorbringt.
Hans-Georg Gadamer: Hermeneutik und Autorität – eine Bilanz, in: Ders.: Hermeneutische Entwürfe: Vorträge und Aufsätze, Tübingen 2000, S. 42–47.
¹ Hermeneutik – 1. Lehre von der Auslegung und Erklärung eines Textes oder eines Kunst- oder Musikwerks; 2. das Verstehen von Sinnzusammenhängen in Lebensäußerungen aller Art aus sich selbst heraus (z. B. in Kunstwerken, Handlungen, geschichtlichen Ereignissen)
² scholastisch – hier: mittelalterlich
³ Galileis Fernrohr – hierbei handelt es sich um ein mit Linsen bestücktes Fernrohr, welches weit entfernte Objekte seitenrichtig und vergrößert darstellen kann.
⁴ Nullgrad von Beteiligtheit – hier: vorurteilsfrei, wertneutral, sachlich, objektiv
⁵ kommunikabel – mitteilbar, verständlich
Material 2
Francis Bacon: Neues Organon (1620)
Der Mensch, Diener und Erklärer der Natur, schafft und begreift nur so viel, als er von der Ordnung
der Natur durch die Sache oder den Geist beobachten kann; mehr weiß oder vermag er nicht.
[...]
Die Idole¹ und falschen Begriffe, welche vom menschlichen Verstand schon Besitz ergriffen haben
5 und tief in ihm wurzeln, halten den Geist der Menschen nicht nur in der Weise in Beschlag, daß der
Wahrheit nur mit Mühe ein Zugang offensteht; sondern auch dort, wo der Zugang gegeben und bewil-
ligt worden ist, werden jene selbst bei der Erneuerung der Wissenschaften wiederum auftauchen als
eine rechte Last, wenn die Menschen nicht, vor ihnen gewarnt, sich gegen sie nach Möglichkeit schüt-
zen.
[...]
10 Die Aufstellung der Begriffe und Sätze durch wahre Induktion ist gewiß das geeignete Heilmittel, die
Idole abzuhalten und zu eliminieren [...]
Die Idole der Höhle sind die Idole des einzelnen Menschen. Denn ein jeder hat (neben den Abirrungen
der menschlichen Natur im allgemeinen) eine Höhle oder eine gewisse nur ihm eigene Grotte, welche
das Licht der Natur bricht und verdirbt; teils infolge der eigenen und besonderen Natur eines jeden;
15 teils infolge der Erziehung und des Verkehrs mit anderen; teils infolge der Bücher, die ein jeder mit
Vorliebe liest, und der Autoritäten, denen er Verehrung und Bewunderung zollt; teils infolge der Un-
terschiedlichkeit der Eindrücke, wie sie einer voreingenommenen und vorurteilsvollen Sinnesart oder
aber einer gleichmütigen und gesetzten Stimmung entsprechen und dergleichen mehr.
[...]
Es gibt auch Idole infolge des engen Beieinanderseins und der Gemeinschaft des menschlichen Ge-
20 schlechts; diese nenne ich wegen des Verkehrs und der Gemeinschaft der Menschen Idole des Mark-
tes. Die Menschen gesellen sich nämlich mittels der Sprache zueinander; aber die Worte werden den
Dingen nach der Auffassung der Menge beigeordnet. Daher knebelt die schlechte und törichte Zuord-
nung der Worte den Geist auf merkwürdige Art und Weise. Auch die Definitionen oder Bezeichnun-
gen, mit denen sich die Gelehrten in einigen Punkten zu schützen und zu verteidigen pflegen, bessern
25 die Sachlage keineswegs. Sondern die Worte tun dem Verstand offensichtlich Gewalt an und verwir-
ren alles. Sie verführen die Menschen zu leeren und zahllosen Streitigkeiten und Erdichtungen.
Francis Bacon: Neues Organon, in: Wolfgang Krohn (Hg.): Philosophische Bibliothek Bd. 400a, Francis Bacon, Neues Organon, Hamburg 2. Aufl. 1999, S. 81, S. 99–103.
¹ Idole – Gegenstand schwärmerischer Verehrung; Götzenbild; hier: etwas, das durch Vorurteile der Erkenntnis der Natur im Wege steht und Fehler hervorruft
Aufgaben
1
Fassen Sie den Gedankengang Hans-Georg Gadamers zusammen. (Material 1) [30 BE]
Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 2 · Erkenntnis und Wissenschaft: Wahrheit und Wissenschaftstheorie
Material 1
Hans-Georg Gadamer: Hermeneutik¹ und Autorität – eine Bilanz (1991)
Es ist sicherlich richtig, daß die Aufklärungsbewegung der Neuzeit und ihr wissenschaftliches Gewis-
sen darauf beruhen, daß man Vorurteile und damit auch bloße Berufung auf Autoritäten nicht gelten
läßt. Es gibt ein berühmtes Beispiel, dessen traditionelle, ‚autoritative Lösung‘ bis in die beginnende
Neuzeit gegolten hat [...]: Wieviele Beine hat eine Fliege? Aristoteles, die Autorität, hat das Falsche
5 gesagt und behauptet, die Fliege hätte acht Beine. In Wirklichkeit hat sie nur sechs. Die verkehrte An-
zahl wurde gegen allen Augenschein immer wieder im scholastischen² Unterricht aufgrund der Autori-
tät des Aristoteles falsch gelehrt. [...] Man ließ maßgebliche Lehren unangetastet und verteidigte sie
selbst gegen alle Beobachtung. Bei Galilei ist dieser Sachverhalt im Dialog über die beiden Weltsys-
teme in einer berühmten Weise vorgeführt worden. Dort wird ein [...] an die Autoritäten (resp.
10 Schriftautoritäten) Glaubender erfunden und als Partner des Gesprächs eingeführt, der – wiederum un-
ter Berufung auf Aristoteles, bei dem es ‚anders‘ stehe – sich weigert, durch Galileis Fernrohr³ zu
schauen.
Als ich an die hermeneutischen Fragestellungen neu herantrat, befand ich mich in der Welt unserer
Moderne [...] Wir haben es in der Tat mit ganz anderen Komponenten zu tun, wenn wir etwa so kom-
15 plexe Dinge wie gesellschaftliche Vorgänge oder wirtschaftliche Zusammenhänge oder das Verständ-
nis von Texten und Überlieferungen im Auge haben. Hier muß man sich eingestehen, daß es den Null-
grad von Beteiligtheit⁴ einfach nicht gibt. So kam ich zu der Behauptung, die auch heute noch immer
sehr verblüfft, daß ich von den legitimierten oder legitimierbaren Vorurteilen spreche.
[...]
[E]s ist – in welcher Form auch immer – ein Autoritätsverhältnis, das schon zwischen Eltern und Kin-
20 dern, Lehrern und Schülern, und am Ende in jedem Berufszweig, in jeder geordneten Kooperation von
Menschen eine Rolle spielt. Einer ist in irgendeiner Sache eine Autorität für den anderen. Das meint
nichts als die vernünftige Anerkennung, daß der andere an Sachkenntnis einem überlegen ist.
[...]
[I]ch [frage] mich, was Autorität in solchem produktiven Sinne bedeutet. Wir stehen eben immer
schon in Zusammenhängen, in denen man sich plötzlich erkennt und zu denen man sich bekennt. Der
25 Zusammenhang, in dem man ohnehin steht, ist: Man macht in Wahrheit keine Beobachtung, man ge-
winnt keine Erfahrung, ohne von Erwartungspotentialen gesteuert zu sein [...]
Wie kann man die Notwendigkeit einer Freiheit ermöglichenden Autorität mit der Durchregelung aller
Dinge unserer Welt in Einklang setzen? [...] Wir müssen Überlieferung, die uns bestimmt und die wir
nicht rational beherrschen, gleichwohl gelten lassen. Das tut jeder, der eine Autorität in seinem Leben
30 anerkennt. [...] So war mir klar geworden, daß in den Geisteswissenschaften Begriffe etwas anderes
sind als in der Begriffsbildung und in der Arbeitsweise der Naturwissenschaften. Irgendwo hat jedes
Wort noch etwas von einer Wirkungsgeschichte in sich, und dieses vielfältige Mittönen von Ge-
schichte und Erfahrung unterscheidet gerade von den präzisen Bezeichnungskonventionen, mit denen
sich Mathematik und deren Anwendung auf die messenden Naturwissenschaften kommunikabel⁵ ma-
35 chen. Es ist deswegen ein ganz verrückter Mißverstand, daß der Laie noch immer glaubt, die Philoso-
phie sei nur etwas, wo man definiert. Nein, so einfach haben wir es nicht, daß uns etwas gegeben ist
und wir nun – als ob wir uns an dem orientieren könnten, das uns gegeben ist – Begriffe definieren, so
wie man etwas mit einem Kennzeichen versieht, um es sofort immer wiedererkennen zu können. Nein,
so ist es auch für uns nicht mit der Autorität, daß sie die Instanz wäre, Weisungen zu geben. Sprechen
40 ist eingebettet in ein ständiges System von Handlung und Gegenhandlung, von kritischer Frage und
gewagter Antwort, in welchem die gelassene Anerkennung von Autorität neue und gelassene Frei-
heitsgrade hervorbringt.
Hans-Georg Gadamer: Hermeneutik und Autorität – eine Bilanz, in: Ders.: Hermeneutische Entwürfe: Vorträge und Aufsätze, Tübingen 2000, S. 42–47.
¹ Hermeneutik – 1. Lehre von der Auslegung und Erklärung eines Textes oder eines Kunst- oder Musikwerks; 2. das Verstehen von Sinnzusammenhängen in Lebensäußerungen aller Art aus sich selbst heraus (z. B. in Kunstwerken, Handlungen, geschichtlichen Ereignissen)
² scholastisch – hier: mittelalterlich
³ Galileis Fernrohr – hierbei handelt es sich um ein mit Linsen bestücktes Fernrohr, welches weit entfernte Objekte seitenrichtig und vergrößert darstellen kann.
⁴ Nullgrad von Beteiligtheit – hier: vorurteilsfrei, wertneutral, sachlich, objektiv
⁵ kommunikabel – mitteilbar, verständlich
Material 2
Francis Bacon: Neues Organon (1620)
Der Mensch, Diener und Erklärer der Natur, schafft und begreift nur so viel, als er von der Ordnung
der Natur durch die Sache oder den Geist beobachten kann; mehr weiß oder vermag er nicht.
[...]
Die Idole¹ und falschen Begriffe, welche vom menschlichen Verstand schon Besitz ergriffen haben
5 und tief in ihm wurzeln, halten den Geist der Menschen nicht nur in der Weise in Beschlag, daß der
Wahrheit nur mit Mühe ein Zugang offensteht; sondern auch dort, wo der Zugang gegeben und bewil-
ligt worden ist, werden jene selbst bei der Erneuerung der Wissenschaften wiederum auftauchen als
eine rechte Last, wenn die Menschen nicht, vor ihnen gewarnt, sich gegen sie nach Möglichkeit schüt-
zen.
[...]
10 Die Aufstellung der Begriffe und Sätze durch wahre Induktion ist gewiß das geeignete Heilmittel, die
Idole abzuhalten und zu eliminieren [...]
Die Idole der Höhle sind die Idole des einzelnen Menschen. Denn ein jeder hat (neben den Abirrungen
der menschlichen Natur im allgemeinen) eine Höhle oder eine gewisse nur ihm eigene Grotte, welche
das Licht der Natur bricht und verdirbt; teils infolge der eigenen und besonderen Natur eines jeden;
15 teils infolge der Erziehung und des Verkehrs mit anderen; teils infolge der Bücher, die ein jeder mit
Vorliebe liest, und der Autoritäten, denen er Verehrung und Bewunderung zollt; teils infolge der Un-
terschiedlichkeit der Eindrücke, wie sie einer voreingenommenen und vorurteilsvollen Sinnesart oder
aber einer gleichmütigen und gesetzten Stimmung entsprechen und dergleichen mehr.
[...]
Es gibt auch Idole infolge des engen Beieinanderseins und der Gemeinschaft des menschlichen Ge-
20 schlechts; diese nenne ich wegen des Verkehrs und der Gemeinschaft der Menschen Idole des Mark-
tes. Die Menschen gesellen sich nämlich mittels der Sprache zueinander; aber die Worte werden den
Dingen nach der Auffassung der Menge beigeordnet. Daher knebelt die schlechte und törichte Zuord-
nung der Worte den Geist auf merkwürdige Art und Weise. Auch die Definitionen oder Bezeichnun-
gen, mit denen sich die Gelehrten in einigen Punkten zu schützen und zu verteidigen pflegen, bessern
25 die Sachlage keineswegs. Sondern die Worte tun dem Verstand offensichtlich Gewalt an und verwir-
ren alles. Sie verführen die Menschen zu leeren und zahllosen Streitigkeiten und Erdichtungen.
Francis Bacon: Neues Organon, in: Wolfgang Krohn (Hg.): Philosophische Bibliothek Bd. 400a, Francis Bacon, Neues Organon, Hamburg 2. Aufl. 1999, S. 81, S. 99–103.
¹ Idole – Gegenstand schwärmerischer Verehrung; Götzenbild; hier: etwas, das durch Vorurteile der Erkenntnis der Natur im Wege steht und Fehler hervorruft
2
Vergleichen Sie Gadamers Ausführungen (Material 1) zum Stellenwert von Autoritäten in den Wissenschaften mit den Ausführungen von Francis Bacon (Material 2) unter Verwendung wissenschaftstheoretischer Bezüge. (40 BE)
Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 3 · Die Frage nach dem Ich: Freud, La Mettrie und das Bewusstsein
Material 1
Hans-Georg Gadamer: Hermeneutik¹ und Autorität – eine Bilanz (1991)
Es ist sicherlich richtig, daß die Aufklärungsbewegung der Neuzeit und ihr wissenschaftliches Gewis-
sen darauf beruhen, daß man Vorurteile und damit auch bloße Berufung auf Autoritäten nicht gelten
läßt. Es gibt ein berühmtes Beispiel, dessen traditionelle, ‚autoritative Lösung‘ bis in die beginnende
Neuzeit gegolten hat [...]: Wieviele Beine hat eine Fliege? Aristoteles, die Autorität, hat das Falsche
5 gesagt und behauptet, die Fliege hätte acht Beine. In Wirklichkeit hat sie nur sechs. Die verkehrte An-
zahl wurde gegen allen Augenschein immer wieder im scholastischen² Unterricht aufgrund der Autori-
tät des Aristoteles falsch gelehrt. [...] Man ließ maßgebliche Lehren unangetastet und verteidigte sie
selbst gegen alle Beobachtung. Bei Galilei ist dieser Sachverhalt im Dialog über die beiden Weltsys-
teme in einer berühmten Weise vorgeführt worden. Dort wird ein [...] an die Autoritäten (resp.
10 Schriftautoritäten) Glaubender erfunden und als Partner des Gesprächs eingeführt, der – wiederum un-
ter Berufung auf Aristoteles, bei dem es ‚anders‘ stehe – sich weigert, durch Galileis Fernrohr³ zu
schauen.
Als ich an die hermeneutischen Fragestellungen neu herantrat, befand ich mich in der Welt unserer
Moderne [...] Wir haben es in der Tat mit ganz anderen Komponenten zu tun, wenn wir etwa so kom-
15 plexe Dinge wie gesellschaftliche Vorgänge oder wirtschaftliche Zusammenhänge oder das Verständ-
nis von Texten und Überlieferungen im Auge haben. Hier muß man sich eingestehen, daß es den Null-
grad von Beteiligtheit⁴ einfach nicht gibt. So kam ich zu der Behauptung, die auch heute noch immer
sehr verblüfft, daß ich von den legitimierten oder legitimierbaren Vorurteilen spreche.
[...]
[E]s ist – in welcher Form auch immer – ein Autoritätsverhältnis, das schon zwischen Eltern und Kin-
20 dern, Lehrern und Schülern, und am Ende in jedem Berufszweig, in jeder geordneten Kooperation von
Menschen eine Rolle spielt. Einer ist in irgendeiner Sache eine Autorität für den anderen. Das meint
nichts als die vernünftige Anerkennung, daß der andere an Sachkenntnis einem überlegen ist.
[...]
[I]ch [frage] mich, was Autorität in solchem produktiven Sinne bedeutet. Wir stehen eben immer
schon in Zusammenhängen, in denen man sich plötzlich erkennt und zu denen man sich bekennt. Der
25 Zusammenhang, in dem man ohnehin steht, ist: Man macht in Wahrheit keine Beobachtung, man ge-
winnt keine Erfahrung, ohne von Erwartungspotentialen gesteuert zu sein [...]
Wie kann man die Notwendigkeit einer Freiheit ermöglichenden Autorität mit der Durchregelung aller
Dinge unserer Welt in Einklang setzen? [...] Wir müssen Überlieferung, die uns bestimmt und die wir
nicht rational beherrschen, gleichwohl gelten lassen. Das tut jeder, der eine Autorität in seinem Leben
30 anerkennt. [...] So war mir klar geworden, daß in den Geisteswissenschaften Begriffe etwas anderes
sind als in der Begriffsbildung und in der Arbeitsweise der Naturwissenschaften. Irgendwo hat jedes
Wort noch etwas von einer Wirkungsgeschichte in sich, und dieses vielfältige Mittönen von Ge-
schichte und Erfahrung unterscheidet gerade von den präzisen Bezeichnungskonventionen, mit denen
sich Mathematik und deren Anwendung auf die messenden Naturwissenschaften kommunikabel⁵ ma-
35 chen. Es ist deswegen ein ganz verrückter Mißverstand, daß der Laie noch immer glaubt, die Philoso-
phie sei nur etwas, wo man definiert. Nein, so einfach haben wir es nicht, daß uns etwas gegeben ist
und wir nun – als ob wir uns an dem orientieren könnten, das uns gegeben ist – Begriffe definieren, so
wie man etwas mit einem Kennzeichen versieht, um es sofort immer wiedererkennen zu können. Nein,
so ist es auch für uns nicht mit der Autorität, daß sie die Instanz wäre, Weisungen zu geben. Sprechen
40 ist eingebettet in ein ständiges System von Handlung und Gegenhandlung, von kritischer Frage und
gewagter Antwort, in welchem die gelassene Anerkennung von Autorität neue und gelassene Frei-
heitsgrade hervorbringt.
Hans-Georg Gadamer: Hermeneutik und Autorität – eine Bilanz, in: Ders.: Hermeneutische Entwürfe: Vorträge und Aufsätze, Tübingen 2000, S. 42–47.
¹ Hermeneutik – 1. Lehre von der Auslegung und Erklärung eines Textes oder eines Kunst- oder Musikwerks; 2. das Verstehen von Sinnzusammenhängen in Lebensäußerungen aller Art aus sich selbst heraus (z. B. in Kunstwerken, Handlungen, geschichtlichen Ereignissen)
² scholastisch – hier: mittelalterlich
³ Galileis Fernrohr – hierbei handelt es sich um ein mit Linsen bestücktes Fernrohr, welches weit entfernte Objekte seitenrichtig und vergrößert darstellen kann.
⁴ Nullgrad von Beteiligtheit – hier: vorurteilsfrei, wertneutral, sachlich, objektiv
⁵ kommunikabel – mitteilbar, verständlich
Material 2
Francis Bacon: Neues Organon (1620)
Der Mensch, Diener und Erklärer der Natur, schafft und begreift nur so viel, als er von der Ordnung
der Natur durch die Sache oder den Geist beobachten kann; mehr weiß oder vermag er nicht.
[...]
Die Idole¹ und falschen Begriffe, welche vom menschlichen Verstand schon Besitz ergriffen haben
5 und tief in ihm wurzeln, halten den Geist der Menschen nicht nur in der Weise in Beschlag, daß der
Wahrheit nur mit Mühe ein Zugang offensteht; sondern auch dort, wo der Zugang gegeben und bewil-
ligt worden ist, werden jene selbst bei der Erneuerung der Wissenschaften wiederum auftauchen als
eine rechte Last, wenn die Menschen nicht, vor ihnen gewarnt, sich gegen sie nach Möglichkeit schüt-
zen.
[...]
10 Die Aufstellung der Begriffe und Sätze durch wahre Induktion ist gewiß das geeignete Heilmittel, die
Idole abzuhalten und zu eliminieren [...]
Die Idole der Höhle sind die Idole des einzelnen Menschen. Denn ein jeder hat (neben den Abirrungen
der menschlichen Natur im allgemeinen) eine Höhle oder eine gewisse nur ihm eigene Grotte, welche
das Licht der Natur bricht und verdirbt; teils infolge der eigenen und besonderen Natur eines jeden;
15 teils infolge der Erziehung und des Verkehrs mit anderen; teils infolge der Bücher, die ein jeder mit
Vorliebe liest, und der Autoritäten, denen er Verehrung und Bewunderung zollt; teils infolge der Un-
terschiedlichkeit der Eindrücke, wie sie einer voreingenommenen und vorurteilsvollen Sinnesart oder
aber einer gleichmütigen und gesetzten Stimmung entsprechen und dergleichen mehr.
[...]
Es gibt auch Idole infolge des engen Beieinanderseins und der Gemeinschaft des menschlichen Ge-
20 schlechts; diese nenne ich wegen des Verkehrs und der Gemeinschaft der Menschen Idole des Mark-
tes. Die Menschen gesellen sich nämlich mittels der Sprache zueinander; aber die Worte werden den
Dingen nach der Auffassung der Menge beigeordnet. Daher knebelt die schlechte und törichte Zuord-
nung der Worte den Geist auf merkwürdige Art und Weise. Auch die Definitionen oder Bezeichnun-
gen, mit denen sich die Gelehrten in einigen Punkten zu schützen und zu verteidigen pflegen, bessern
25 die Sachlage keineswegs. Sondern die Worte tun dem Verstand offensichtlich Gewalt an und verwir-
ren alles. Sie verführen die Menschen zu leeren und zahllosen Streitigkeiten und Erdichtungen.
Francis Bacon: Neues Organon, in: Wolfgang Krohn (Hg.): Philosophische Bibliothek Bd. 400a, Francis Bacon, Neues Organon, Hamburg 2. Aufl. 1999, S. 81, S. 99–103.
¹ Idole – Gegenstand schwärmerischer Verehrung; Götzenbild; hier: etwas, das durch Vorurteile der Erkenntnis der Natur im Wege steht und Fehler hervorruft
3
Diskutieren Sie die Rolle von Autorität bei der Herausbildung einer individuellen Persönlichkeit. Berücksichtigen Sie dabei Freuds Instanzenmodell. (30 BE)
Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen
Material
Peter Weingart: „Wahres Wissen“ und demokratisch verfasste Gesellschaft (2017)
Die derzeit verbreitete Rede vom „postfaktischen Zeitalter“ bezieht sich unter anderem auf die Be-
obachtung, dass vor allem Vertreterinnen und Vertreter populistischer Parteien sich bei ihren Äuße-
rungen nicht mehr an Fakten halten, sondern sich über etabliertes Wissen hinwegsetzen und bisweilen
auch schlicht lügen.
[...]
5 Zwar gilt die Demokratie als die beste aller Regierungsformen, weil sie den Gefahren des Machtmiss-
brauchs am effektivsten entgegenwirkt und den Interessenausgleich aller Mitglieder einer Gesellschaft
am erfolgreichsten zu gewährleisten vermag. Das urdemokratische Prinzip der Mehrheitsentscheidung
hat allerdings, wenn es in größeren Gemeinschaften realisiert wird, eine Schwäche: Es ist anfällig für
Emotionalisierung, Skandalisierung, kurz: für Propaganda und darauf gründende Ad-hoc-Entscheidun-
10 gen¹.
[...]
Entscheidungen werden auf ihre Akzeptabilität unter den im Parlament vertretenen Gruppierungen ge-
prüft, aber zugleich auch auf ihre Voraussetzungen und ihre vorhersehbaren Folgen, soweit es das ver-
fügbare Wissen erlaubt. Politik legitimiert sich also nicht nur durch Wahlen, sondern auch durch ihre
Rationalität. Widerspricht sie eklatant empirischer Evidenz², wird das entweder beim nächsten Urnen-
15 gang oder durch einen obersten Gerichtshof sanktioniert.
Das Problem dabei ist, dass in vielen Fällen nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, was die Evidenz
wirklich ist. So stellt sich die nächste Frage: Was ist „wahres Wissen“ und wie kommt die Gesell-
schaft zu „wahrem Wissen“?
[...]
Obgleich es zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen tief greifende Unterschiede bei
20 der Geschwindigkeit der Wissensproduktion, den Formen der Qualitätssicherung und den Kommuni-
kationsformen gibt, ähneln sie sich doch stark hinsichtlich der Prinzipien, nach denen sie operieren.
Diese umfassen die Offenlegung der eigenen Forschung, eine systematische Skepsis gegenüber den
Wahrheitsbehauptungen anderer Wissenschaftler und gegebenenfalls deren Überprüfung ohne Rück-
sicht auf das Ansehen der Person oder andere Interessen.
[...]
25 Nur allgemeine Zugänglichkeit und die vorbehaltlose Prüfung durch kompetente Fachkolleginnen
und -kollegen können Vertrauen in das produzierte Wissen schaffen. Denn wenn diese Prinzipien be-
folgt werden, gilt das durch sie erzeugte Wissen als objektiv. Objektivität des Wissens genießt in unse-
rer Gesellschaft einen sehr hohen Wert: Es dient als Referenz für die Klärung von Interessenkonflikten
und begründet das Vertrauen, das wiederum notwendige Voraussetzung für die Arbeitsteilung und da-
30 mit für den Fortschritt in der Wissenschaft ist.
[...]
Dieser Prozess ist nie abgeschlossen, zum einen, weil die Antworten auf Fragen zugleich immer neue
Fragen aufwerfen, die Forschung also – sofern entsprechende Mittel bereitstehen – immer weiterläuft.
Zum anderen ist nie auszuschließen, dass die gefundenen Antworten nicht durch eine neue Beobach-
tung, durch eine neue Entdeckung oder durch neue Interpretationen im Licht anderer Forschungser-
35 gebnisse revidiert werden. Forschungsergebnisse sind also nie endgültig. Das bedeutet allerdings
nicht, dass die durch die Fachgemeinschaft wissenschaftlich konsentierten³ Fakten beliebig bestreitbar
oder veränderbar wären. Genau das ist der Trugschluss der radikalen Sozialkonstruktivisten⁴.
Wissenschaftlich als gesichert geltende Fakten gelten so lange als „wahr“, bis sie widerlegt werden.
Diese Fakten finden Eingang in Lehrbücher, in denen das etablierte und unumstrittene Wissen konser-
40 viert und für die Unterrichtung kommender Generationen zusammengefasst ist.
[...]
An eine breite Öffentlichkeit gelangen diese Auseinandersetzungen über die Medien, die sie beobach-
ten und über sie berichten. Dabei verhalten sie sich gemäß ihrer eigenen Operationslogik: Spannung
und Sensation sind Nachrichtenwerte. Jede skeptische Stimme ist ihnen eine Meldung wert, weil sie
scheinbar das Rennen offen hält. [...] Daher erwecken innerwissenschaftliche Auseinandersetzungen
45 häufig den Eindruck, dass die Wissenschaft zerstritten und ihre Ergebnisse nicht glaubhaft seien.
[...]
Die Fragen, auf die Leugner von Fakten eine Antwort geben müssen, lauten: Woran orientieren sie ihr
Handeln? Wie stellen sie sich eine Einigung vor, wenn sich widerstreitende Argumente nicht unter Be-
zug auf Evidenzen lösen lassen? Es gibt derzeit keinen vertretbaren Gesellschaftsentwurf, der von der
Funktion gesicherten Wissens als Basis von Konsensfindung absehen würde. Ganz im Gegenteil: Evi-
50 denzbegründung ist nach wie vor Prinzip der Politik sowie der Beilegung oder Vermeidung von Kon-
flikten, die sich aus widersprüchlichen Meinungen ergeben.
Peter Weingart: „Wahres Wissen“ und demokratisch verfasste Gesellschaft, 2017, URL: http://www.bpb.de/apuz/245215/wahres-wissen-und-demokratisch-verfasste-gesellschaft (abgerufen am 03.10.2019).
Hinweis
Peter Weingart (*1941) ist emeritierter Professor für Soziologie der Universität Bielefeld.
¹ Ad-hoc-Entscheidungen – aus dem Augenblick heraus entstandene Entscheidung
² Evidenz – vollständige, unmittelbare Einsichtigkeit, Deutlichkeit, Gewissheit; hier: empirische Evidenz – das von der Erfahrung Bestätigte, unumstößliche Tatsache, faktische Gegebenheit
³ konsentiert – allgemein anerkannt
⁴ Sozialkonstruktivisten – Anhänger der Überzeugung, dass jede „Wahrheit“ von ihrem sozialen Ursprung abhängig ist, also alles, was als wahr angesehen wird, nur ein soziales Konstrukt darstellt.
1
Fassen Sie den vorliegenden Text in eigenen Worten zusammen. (Material) (30 BE)
Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 2 · Erkenntnis und Wissenschaft: Wahrheit und Wissenschaftstheorie
Material
Peter Weingart: „Wahres Wissen“ und demokratisch verfasste Gesellschaft (2017)
Die derzeit verbreitete Rede vom „postfaktischen Zeitalter“ bezieht sich unter anderem auf die Be-
obachtung, dass vor allem Vertreterinnen und Vertreter populistischer Parteien sich bei ihren Äuße-
rungen nicht mehr an Fakten halten, sondern sich über etabliertes Wissen hinwegsetzen und bisweilen
auch schlicht lügen.
[...]
5 Zwar gilt die Demokratie als die beste aller Regierungsformen, weil sie den Gefahren des Machtmiss-
brauchs am effektivsten entgegenwirkt und den Interessenausgleich aller Mitglieder einer Gesellschaft
am erfolgreichsten zu gewährleisten vermag. Das urdemokratische Prinzip der Mehrheitsentscheidung
hat allerdings, wenn es in größeren Gemeinschaften realisiert wird, eine Schwäche: Es ist anfällig für
Emotionalisierung, Skandalisierung, kurz: für Propaganda und darauf gründende Ad-hoc-Entscheidun-
10 gen¹.
[...]
Entscheidungen werden auf ihre Akzeptabilität unter den im Parlament vertretenen Gruppierungen ge-
prüft, aber zugleich auch auf ihre Voraussetzungen und ihre vorhersehbaren Folgen, soweit es das ver-
fügbare Wissen erlaubt. Politik legitimiert sich also nicht nur durch Wahlen, sondern auch durch ihre
Rationalität. Widerspricht sie eklatant empirischer Evidenz², wird das entweder beim nächsten Urnen-
15 gang oder durch einen obersten Gerichtshof sanktioniert.
Das Problem dabei ist, dass in vielen Fällen nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, was die Evidenz
wirklich ist. So stellt sich die nächste Frage: Was ist „wahres Wissen“ und wie kommt die Gesell-
schaft zu „wahrem Wissen“?
[...]
Obgleich es zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen tief greifende Unterschiede bei
20 der Geschwindigkeit der Wissensproduktion, den Formen der Qualitätssicherung und den Kommuni-
kationsformen gibt, ähneln sie sich doch stark hinsichtlich der Prinzipien, nach denen sie operieren.
Diese umfassen die Offenlegung der eigenen Forschung, eine systematische Skepsis gegenüber den
Wahrheitsbehauptungen anderer Wissenschaftler und gegebenenfalls deren Überprüfung ohne Rück-
sicht auf das Ansehen der Person oder andere Interessen.
[...]
25 Nur allgemeine Zugänglichkeit und die vorbehaltlose Prüfung durch kompetente Fachkolleginnen
und -kollegen können Vertrauen in das produzierte Wissen schaffen. Denn wenn diese Prinzipien be-
folgt werden, gilt das durch sie erzeugte Wissen als objektiv. Objektivität des Wissens genießt in unse-
rer Gesellschaft einen sehr hohen Wert: Es dient als Referenz für die Klärung von Interessenkonflikten
und begründet das Vertrauen, das wiederum notwendige Voraussetzung für die Arbeitsteilung und da-
30 mit für den Fortschritt in der Wissenschaft ist.
[...]
Dieser Prozess ist nie abgeschlossen, zum einen, weil die Antworten auf Fragen zugleich immer neue
Fragen aufwerfen, die Forschung also – sofern entsprechende Mittel bereitstehen – immer weiterläuft.
Zum anderen ist nie auszuschließen, dass die gefundenen Antworten nicht durch eine neue Beobach-
tung, durch eine neue Entdeckung oder durch neue Interpretationen im Licht anderer Forschungser-
35 gebnisse revidiert werden. Forschungsergebnisse sind also nie endgültig. Das bedeutet allerdings
nicht, dass die durch die Fachgemeinschaft wissenschaftlich konsentierten³ Fakten beliebig bestreitbar
oder veränderbar wären. Genau das ist der Trugschluss der radikalen Sozialkonstruktivisten⁴.
Wissenschaftlich als gesichert geltende Fakten gelten so lange als „wahr“, bis sie widerlegt werden.
Diese Fakten finden Eingang in Lehrbücher, in denen das etablierte und unumstrittene Wissen konser-
40 viert und für die Unterrichtung kommender Generationen zusammengefasst ist.
[...]
An eine breite Öffentlichkeit gelangen diese Auseinandersetzungen über die Medien, die sie beobach-
ten und über sie berichten. Dabei verhalten sie sich gemäß ihrer eigenen Operationslogik: Spannung
und Sensation sind Nachrichtenwerte. Jede skeptische Stimme ist ihnen eine Meldung wert, weil sie
scheinbar das Rennen offen hält. [...] Daher erwecken innerwissenschaftliche Auseinandersetzungen
45 häufig den Eindruck, dass die Wissenschaft zerstritten und ihre Ergebnisse nicht glaubhaft seien.
[...]
Die Fragen, auf die Leugner von Fakten eine Antwort geben müssen, lauten: Woran orientieren sie ihr
Handeln? Wie stellen sie sich eine Einigung vor, wenn sich widerstreitende Argumente nicht unter Be-
zug auf Evidenzen lösen lassen? Es gibt derzeit keinen vertretbaren Gesellschaftsentwurf, der von der
Funktion gesicherten Wissens als Basis von Konsensfindung absehen würde. Ganz im Gegenteil: Evi-
50 denzbegründung ist nach wie vor Prinzip der Politik sowie der Beilegung oder Vermeidung von Kon-
flikten, die sich aus widersprüchlichen Meinungen ergeben.
Peter Weingart: „Wahres Wissen“ und demokratisch verfasste Gesellschaft, 2017, URL: http://www.bpb.de/apuz/245215/wahres-wissen-und-demokratisch-verfasste-gesellschaft (abgerufen am 03.10.2019).
Hinweis
Peter Weingart (*1941) ist emeritierter Professor für Soziologie der Universität Bielefeld.
¹ Ad-hoc-Entscheidungen – aus dem Augenblick heraus entstandene Entscheidung
² Evidenz – vollständige, unmittelbare Einsichtigkeit, Deutlichkeit, Gewissheit; hier: empirische Evidenz – das von der Erfahrung Bestätigte, unumstößliche Tatsache, faktische Gegebenheit
³ konsentiert – allgemein anerkannt
⁴ Sozialkonstruktivisten – Anhänger der Überzeugung, dass jede „Wahrheit“ von ihrem sozialen Ursprung abhängig ist, also alles, was als wahr angesehen wird, nur ein soziales Konstrukt darstellt.
2
Setzen Sie Weingarts Position (Material) in Beziehung zu Poppers Wissenschaftstheorie. (35 BE)
Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · Staatsphilosophie: Gesellschaftsvertrag, Staat und Individuum
Material
Peter Weingart: „Wahres Wissen“ und demokratisch verfasste Gesellschaft (2017)
Die derzeit verbreitete Rede vom „postfaktischen Zeitalter“ bezieht sich unter anderem auf die Be-
obachtung, dass vor allem Vertreterinnen und Vertreter populistischer Parteien sich bei ihren Äuße-
rungen nicht mehr an Fakten halten, sondern sich über etabliertes Wissen hinwegsetzen und bisweilen
auch schlicht lügen.
[...]
5 Zwar gilt die Demokratie als die beste aller Regierungsformen, weil sie den Gefahren des Machtmiss-
brauchs am effektivsten entgegenwirkt und den Interessenausgleich aller Mitglieder einer Gesellschaft
am erfolgreichsten zu gewährleisten vermag. Das urdemokratische Prinzip der Mehrheitsentscheidung
hat allerdings, wenn es in größeren Gemeinschaften realisiert wird, eine Schwäche: Es ist anfällig für
Emotionalisierung, Skandalisierung, kurz: für Propaganda und darauf gründende Ad-hoc-Entscheidun-
10 gen¹.
[...]
Entscheidungen werden auf ihre Akzeptabilität unter den im Parlament vertretenen Gruppierungen ge-
prüft, aber zugleich auch auf ihre Voraussetzungen und ihre vorhersehbaren Folgen, soweit es das ver-
fügbare Wissen erlaubt. Politik legitimiert sich also nicht nur durch Wahlen, sondern auch durch ihre
Rationalität. Widerspricht sie eklatant empirischer Evidenz², wird das entweder beim nächsten Urnen-
15 gang oder durch einen obersten Gerichtshof sanktioniert.
Das Problem dabei ist, dass in vielen Fällen nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, was die Evidenz
wirklich ist. So stellt sich die nächste Frage: Was ist „wahres Wissen“ und wie kommt die Gesell-
schaft zu „wahrem Wissen“?
[...]
Obgleich es zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen tief greifende Unterschiede bei
20 der Geschwindigkeit der Wissensproduktion, den Formen der Qualitätssicherung und den Kommuni-
kationsformen gibt, ähneln sie sich doch stark hinsichtlich der Prinzipien, nach denen sie operieren.
Diese umfassen die Offenlegung der eigenen Forschung, eine systematische Skepsis gegenüber den
Wahrheitsbehauptungen anderer Wissenschaftler und gegebenenfalls deren Überprüfung ohne Rück-
sicht auf das Ansehen der Person oder andere Interessen.
[...]
25 Nur allgemeine Zugänglichkeit und die vorbehaltlose Prüfung durch kompetente Fachkolleginnen
und -kollegen können Vertrauen in das produzierte Wissen schaffen. Denn wenn diese Prinzipien be-
folgt werden, gilt das durch sie erzeugte Wissen als objektiv. Objektivität des Wissens genießt in unse-
rer Gesellschaft einen sehr hohen Wert: Es dient als Referenz für die Klärung von Interessenkonflikten
und begründet das Vertrauen, das wiederum notwendige Voraussetzung für die Arbeitsteilung und da-
30 mit für den Fortschritt in der Wissenschaft ist.
[...]
Dieser Prozess ist nie abgeschlossen, zum einen, weil die Antworten auf Fragen zugleich immer neue
Fragen aufwerfen, die Forschung also – sofern entsprechende Mittel bereitstehen – immer weiterläuft.
Zum anderen ist nie auszuschließen, dass die gefundenen Antworten nicht durch eine neue Beobach-
tung, durch eine neue Entdeckung oder durch neue Interpretationen im Licht anderer Forschungser-
35 gebnisse revidiert werden. Forschungsergebnisse sind also nie endgültig. Das bedeutet allerdings
nicht, dass die durch die Fachgemeinschaft wissenschaftlich konsentierten³ Fakten beliebig bestreitbar
oder veränderbar wären. Genau das ist der Trugschluss der radikalen Sozialkonstruktivisten⁴.
Wissenschaftlich als gesichert geltende Fakten gelten so lange als „wahr“, bis sie widerlegt werden.
Diese Fakten finden Eingang in Lehrbücher, in denen das etablierte und unumstrittene Wissen konser-
40 viert und für die Unterrichtung kommender Generationen zusammengefasst ist.
[...]
An eine breite Öffentlichkeit gelangen diese Auseinandersetzungen über die Medien, die sie beobach-
ten und über sie berichten. Dabei verhalten sie sich gemäß ihrer eigenen Operationslogik: Spannung
und Sensation sind Nachrichtenwerte. Jede skeptische Stimme ist ihnen eine Meldung wert, weil sie
scheinbar das Rennen offen hält. [...] Daher erwecken innerwissenschaftliche Auseinandersetzungen
45 häufig den Eindruck, dass die Wissenschaft zerstritten und ihre Ergebnisse nicht glaubhaft seien.
[...]
Die Fragen, auf die Leugner von Fakten eine Antwort geben müssen, lauten: Woran orientieren sie ihr
Handeln? Wie stellen sie sich eine Einigung vor, wenn sich widerstreitende Argumente nicht unter Be-
zug auf Evidenzen lösen lassen? Es gibt derzeit keinen vertretbaren Gesellschaftsentwurf, der von der
Funktion gesicherten Wissens als Basis von Konsensfindung absehen würde. Ganz im Gegenteil: Evi-
50 denzbegründung ist nach wie vor Prinzip der Politik sowie der Beilegung oder Vermeidung von Kon-
flikten, die sich aus widersprüchlichen Meinungen ergeben.
Peter Weingart: „Wahres Wissen“ und demokratisch verfasste Gesellschaft, 2017, URL: http://www.bpb.de/apuz/245215/wahres-wissen-und-demokratisch-verfasste-gesellschaft (abgerufen am 03.10.2019).
Hinweis
Peter Weingart (*1941) ist emeritierter Professor für Soziologie der Universität Bielefeld.
¹ Ad-hoc-Entscheidungen – aus dem Augenblick heraus entstandene Entscheidung
² Evidenz – vollständige, unmittelbare Einsichtigkeit, Deutlichkeit, Gewissheit; hier: empirische Evidenz – das von der Erfahrung Bestätigte, unumstößliche Tatsache, faktische Gegebenheit
³ konsentiert – allgemein anerkannt
⁴ Sozialkonstruktivisten – Anhänger der Überzeugung, dass jede „Wahrheit“ von ihrem sozialen Ursprung abhängig ist, also alles, was als wahr angesehen wird, nur ein soziales Konstrukt darstellt.
3
Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) schreibt in seinem berühmten Buch „Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechts“:
„Wenn schließlich der untergehende Staat nurmehr in einer Schein- und leeren Form besteht, das Gesellschaftsband in aller Herzen zerrissen ist und krasser Eigennutz sich schamlos mit dem heiligen Namen des Allgemeinwohles schmückt, dann verstummt der Gemeinwille, und die Leute, von geheimen Beweggründen geleitet, argumentieren nicht mehr als Bürger, sondern als ob der Staat niemals existiert hätte, und unter dem Namen von Gesetzen treten gesetzlose Verordnungen in Kraft, die nur das Privatinteresse zum Ziel haben.
Folgt daraus, dass der Gemeinwille vernichtet oder verfälscht ist? Nein! Er bleibt sich immer gleich, unveränderlich und rein.“
Diskutieren Sie anhand von Rousseau und unter Berücksichtigung von Weingart (Material), welche Rolle das Individuum im Staat spielen sollte. (35 BE)
Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen
Material
Axel Honneth: Drei, nicht zwei Begriffe der Freiheit (2015)
Auf der einen Seite, so glauben wir, gehört zur normativen Kultur der Moderne ein bloß „negativer“
Begriff von Freiheit, der darin besteht, dem Einzelnen eine möglichst umfangreiche, vor äußeren Ein-
griffen geschützte Sphäre der rein persönlichen Interessenverfolgung einzuräumen, auf der anderen
Seite aber sind wir ebenso stark davon überzeugt, dass die individuelle Freiheit erst eigentlich darin
5 besteht, sich im Handeln an persönlich für richtig gehaltenen Gründen zu orientieren und in dem Sinn
selbst zu bestimmen¹. […] Im Folgenden möchte ich die These vertreten, dass diese […] Zweiteilung
unserer Freiheiten in einer gravierenden Hinsicht unvollständig ist; denn in beiden Modellen wird die
Möglichkeit ausgeschlossen, dass sich die Absichten eines Aktors² nur im wechselseitigen Zusam-
menwirken zwischen mehreren Subjekten formieren und auch nur erst im gemeinschaftlichen Handeln
10 ungezwungen realisiert werden können. […]
Ich denke an unsere regelmäßige oder nur gelegentliche Mitwirkung an Prozessen der demokratischen
Willensbildung, wie wir sie dann vollziehen, wenn wir an politischen Diskussionen teilnehmen, zu
Protesten aufrufen, Stellungnahmen unterschreiben oder auch nur Handzettel auf einer Demonstration
verteilen. Was an derartigen Handlungen zunächst und unmittelbar auffällt, ist, wie schwierig, ja un-
15 möglich es ist, sie mit Hilfe der herkömmlichen Kategorie der negativen Freiheit zu beschreiben, ob-
wohl wir sie doch wohl als individuelle Vollzüge von Freiheit wahrnehmen. Gewiss, wir machen bei
politischen Stellungnahmen der genannten Art davon Gebrauch, dass uns ein rechtlich geschützter
Raum der staatlichen Nichteinmischung zur Verfügung steht, der es uns erlaubt, unsere Überzeugun-
gen in der Öffentlichkeit frei und ungezwungen kundzutun; aber bereits die Vorstellung, als Urheberin
20 einer solchen Meinungskundgabe allein das isolierte, von allen anderen abgeschnittene „Ich“ zu be-
greifen, wie es das Modell der negativen Freiheit nahelegt, erst recht aber der damit verknüpfte Ge-
danke, die Handlung als bereits mit dieser Kundgabe für abgeschlossen und also für das Ende des
Freiheitsvollzugs zu halten, ist einigermaßen irreführend. Die politische Überzeugung, die in den öf-
fentlichen Stellungnahmen geäußert wird, wäre irgendwie falsch beschrieben, wenn sie auf den priva-
25 ten Willensentschluss eines einsam agierenden Subjekts zurückgeführt würde; die individuelle Wil-
lensbestimmung wird hier weder rein monologisch vorgenommen, noch zielt sie irgendwie auf eine
bloß private Verwirklichung ihres Gehalts. […]
Nun ließe sich gegen die bislang entwickelte Argumentation einwenden, dass die aufgeführten Bei-
spiele vielleicht Fälle nicht von negativer, sondern von positiver Freiheit darstellen […] Mit Konzep-
30 ten positiver Freiheit soll bekanntlich verhindert werden, dass wir eine individuelle Handlung allein
schon deswegen „frei“ nennen, weil ihr bei der Ausführung keine äußeren, willkürlich gesetzten Hin-
dernisse im Wege stehen; zu diesem Zweck wird versucht, die Freiheit einer Handlung an die zusätzli-
che Bedingung zu knüpfen, dass durch sie höhere Ziele oder Werte realisiert werden […] Solange wir
allerdings unter einer derart charakterisierten Freiheit wiederum nur eine Tätigkeit verstehen, die ein
35 einzelnes Subjekt vollzieht, […] scheint es auf der Hand zu liegen, dass sich mit ihrer Hilfe die zuvor
beispielhaft genannten Handlungen nicht in ihrem Freiheitscharakter erschließen lassen; denn deren
Besonderheit bestand doch gerade darin, dass mehrere Subjekte füreinander tätig sein mussten, um das
zu realisieren, was sie aus ihrer je individuellen Perspektive als eine gemeinsame Ausübung von Frei-
heit erleben. Die Übereinstimmung mit der Vorstellung der positiven Freiheit besteht hier zwar viel-
40 leicht darin, dass sich auch die Bürgerinnen und Bürger […] an gewissen Idealen orientieren müssen –
sagen wir dem Gut einer gleichberechtigten Ausübung von Volkssouveränität […] –, um in der ge-
meinten Weise füreinander tätig sein zu können; aber es ist dieses „Füreinander“, welches den ganzen
Unterschied zur herkömmlichen Idee positiver Freiheit ausmacht, weil in der demokratischen Willens-
bildung […] das erstrebte Gut nur verwirklicht werden kann, wenn mehrere Subjekte ungezwungen
45 Handlungen vollziehen, die sich wechselseitig ergänzen und somit ein freies Zusammenwirken ermög-
lichen.
Axel Honneth: Drei, nicht zwei Begriffe der Freiheit, in: ders.: Die Armut unserer Freiheit, Berlin 2020, S. 139 ff.
¹ Honneth bezieht sich hier mit dem Begriff „individuelle Freiheit“ auf eine zweiteilige Unterscheidung von „positiver“ Freiheit (im Sinn der Möglichkeit, nach selbstgesetzten Maximen bzw. Zielen zu handeln) und „negativer“ Freiheit (im Sinn von Freiheit von Einschränkungen der Handlungsmöglichkeiten) des russisch-britischen Philosophen Isaiah Berlin (1909–1997).
² Aktor – technisches Bauelement, das aktiv und veränderlich in geregelte Prozesse eingreift. Der Begriff wird hier auf das Zusammenwirken von Subjekten übertragen, die als sich gegenseitig regelnde Aktoren verstanden werden.
Hinweise
Axel Honneth (*1949) war bis 2015 Professor für Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.
Der Textauszug stammt aus einem zuerst im Jahr 2015 veröffentlichten Aufsatz.
Aufgaben
1
Geben Sie den vorliegenden Text wieder. (Material) (30 BE)
Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2 · Staatsphilosophie: Gesellschaftsvertrag, Staat und Individuum
Material
Axel Honneth: Drei, nicht zwei Begriffe der Freiheit (2015)
Auf der einen Seite, so glauben wir, gehört zur normativen Kultur der Moderne ein bloß „negativer“
Begriff von Freiheit, der darin besteht, dem Einzelnen eine möglichst umfangreiche, vor äußeren Ein-
griffen geschützte Sphäre der rein persönlichen Interessenverfolgung einzuräumen, auf der anderen
Seite aber sind wir ebenso stark davon überzeugt, dass die individuelle Freiheit erst eigentlich darin
5 besteht, sich im Handeln an persönlich für richtig gehaltenen Gründen zu orientieren und in dem Sinn
selbst zu bestimmen¹. […] Im Folgenden möchte ich die These vertreten, dass diese […] Zweiteilung
unserer Freiheiten in einer gravierenden Hinsicht unvollständig ist; denn in beiden Modellen wird die
Möglichkeit ausgeschlossen, dass sich die Absichten eines Aktors² nur im wechselseitigen Zusam-
menwirken zwischen mehreren Subjekten formieren und auch nur erst im gemeinschaftlichen Handeln
10 ungezwungen realisiert werden können. […]
Ich denke an unsere regelmäßige oder nur gelegentliche Mitwirkung an Prozessen der demokratischen
Willensbildung, wie wir sie dann vollziehen, wenn wir an politischen Diskussionen teilnehmen, zu
Protesten aufrufen, Stellungnahmen unterschreiben oder auch nur Handzettel auf einer Demonstration
verteilen. Was an derartigen Handlungen zunächst und unmittelbar auffällt, ist, wie schwierig, ja un-
15 möglich es ist, sie mit Hilfe der herkömmlichen Kategorie der negativen Freiheit zu beschreiben, ob-
wohl wir sie doch wohl als individuelle Vollzüge von Freiheit wahrnehmen. Gewiss, wir machen bei
politischen Stellungnahmen der genannten Art davon Gebrauch, dass uns ein rechtlich geschützter
Raum der staatlichen Nichteinmischung zur Verfügung steht, der es uns erlaubt, unsere Überzeugun-
gen in der Öffentlichkeit frei und ungezwungen kundzutun; aber bereits die Vorstellung, als Urheberin
20 einer solchen Meinungskundgabe allein das isolierte, von allen anderen abgeschnittene „Ich“ zu be-
greifen, wie es das Modell der negativen Freiheit nahelegt, erst recht aber der damit verknüpfte Ge-
danke, die Handlung als bereits mit dieser Kundgabe für abgeschlossen und also für das Ende des
Freiheitsvollzugs zu halten, ist einigermaßen irreführend. Die politische Überzeugung, die in den öf-
fentlichen Stellungnahmen geäußert wird, wäre irgendwie falsch beschrieben, wenn sie auf den priva-
25 ten Willensentschluss eines einsam agierenden Subjekts zurückgeführt würde; die individuelle Wil-
lensbestimmung wird hier weder rein monologisch vorgenommen, noch zielt sie irgendwie auf eine
bloß private Verwirklichung ihres Gehalts. […]
Nun ließe sich gegen die bislang entwickelte Argumentation einwenden, dass die aufgeführten Bei-
spiele vielleicht Fälle nicht von negativer, sondern von positiver Freiheit darstellen […] Mit Konzep-
30 ten positiver Freiheit soll bekanntlich verhindert werden, dass wir eine individuelle Handlung allein
schon deswegen „frei“ nennen, weil ihr bei der Ausführung keine äußeren, willkürlich gesetzten Hin-
dernisse im Wege stehen; zu diesem Zweck wird versucht, die Freiheit einer Handlung an die zusätzli-
che Bedingung zu knüpfen, dass durch sie höhere Ziele oder Werte realisiert werden […] Solange wir
allerdings unter einer derart charakterisierten Freiheit wiederum nur eine Tätigkeit verstehen, die ein
35 einzelnes Subjekt vollzieht, […] scheint es auf der Hand zu liegen, dass sich mit ihrer Hilfe die zuvor
beispielhaft genannten Handlungen nicht in ihrem Freiheitscharakter erschließen lassen; denn deren
Besonderheit bestand doch gerade darin, dass mehrere Subjekte füreinander tätig sein mussten, um das
zu realisieren, was sie aus ihrer je individuellen Perspektive als eine gemeinsame Ausübung von Frei-
heit erleben. Die Übereinstimmung mit der Vorstellung der positiven Freiheit besteht hier zwar viel-
40 leicht darin, dass sich auch die Bürgerinnen und Bürger […] an gewissen Idealen orientieren müssen –
sagen wir dem Gut einer gleichberechtigten Ausübung von Volkssouveränität […] –, um in der ge-
meinten Weise füreinander tätig sein zu können; aber es ist dieses „Füreinander“, welches den ganzen
Unterschied zur herkömmlichen Idee positiver Freiheit ausmacht, weil in der demokratischen Willens-
bildung […] das erstrebte Gut nur verwirklicht werden kann, wenn mehrere Subjekte ungezwungen
45 Handlungen vollziehen, die sich wechselseitig ergänzen und somit ein freies Zusammenwirken ermög-
lichen.
Axel Honneth: Drei, nicht zwei Begriffe der Freiheit, in: ders.: Die Armut unserer Freiheit, Berlin 2020, S. 139 ff.
¹ Honneth bezieht sich hier mit dem Begriff „individuelle Freiheit“ auf eine zweiteilige Unterscheidung von „positiver“ Freiheit (im Sinn der Möglichkeit, nach selbstgesetzten Maximen bzw. Zielen zu handeln) und „negativer“ Freiheit (im Sinn von Freiheit von Einschränkungen der Handlungsmöglichkeiten) des russisch-britischen Philosophen Isaiah Berlin (1909–1997).
² Aktor – technisches Bauelement, das aktiv und veränderlich in geregelte Prozesse eingreift. Der Begriff wird hier auf das Zusammenwirken von Subjekten übertragen, die als sich gegenseitig regelnde Aktoren verstanden werden.
Hinweise
Axel Honneth (*1949) war bis 2015 Professor für Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.
Der Textauszug stammt aus einem zuerst im Jahr 2015 veröffentlichten Aufsatz.
Aufgaben
2
Setzen Sie die Ausführungen Honneths (Material) in Beziehung zu Rousseaus Konzeption vom Gesellschaftsvertrag. (40 BE)
Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 3 · Die Frage nach dem Ich: Freud, La Mettrie und das Bewusstsein
Material
Axel Honneth: Drei, nicht zwei Begriffe der Freiheit (2015)
Auf der einen Seite, so glauben wir, gehört zur normativen Kultur der Moderne ein bloß „negativer“
Begriff von Freiheit, der darin besteht, dem Einzelnen eine möglichst umfangreiche, vor äußeren Ein-
griffen geschützte Sphäre der rein persönlichen Interessenverfolgung einzuräumen, auf der anderen
Seite aber sind wir ebenso stark davon überzeugt, dass die individuelle Freiheit erst eigentlich darin
5 besteht, sich im Handeln an persönlich für richtig gehaltenen Gründen zu orientieren und in dem Sinn
selbst zu bestimmen¹. […] Im Folgenden möchte ich die These vertreten, dass diese […] Zweiteilung
unserer Freiheiten in einer gravierenden Hinsicht unvollständig ist; denn in beiden Modellen wird die
Möglichkeit ausgeschlossen, dass sich die Absichten eines Aktors² nur im wechselseitigen Zusam-
menwirken zwischen mehreren Subjekten formieren und auch nur erst im gemeinschaftlichen Handeln
10 ungezwungen realisiert werden können. […]
Ich denke an unsere regelmäßige oder nur gelegentliche Mitwirkung an Prozessen der demokratischen
Willensbildung, wie wir sie dann vollziehen, wenn wir an politischen Diskussionen teilnehmen, zu
Protesten aufrufen, Stellungnahmen unterschreiben oder auch nur Handzettel auf einer Demonstration
verteilen. Was an derartigen Handlungen zunächst und unmittelbar auffällt, ist, wie schwierig, ja un-
15 möglich es ist, sie mit Hilfe der herkömmlichen Kategorie der negativen Freiheit zu beschreiben, ob-
wohl wir sie doch wohl als individuelle Vollzüge von Freiheit wahrnehmen. Gewiss, wir machen bei
politischen Stellungnahmen der genannten Art davon Gebrauch, dass uns ein rechtlich geschützter
Raum der staatlichen Nichteinmischung zur Verfügung steht, der es uns erlaubt, unsere Überzeugun-
gen in der Öffentlichkeit frei und ungezwungen kundzutun; aber bereits die Vorstellung, als Urheberin
20 einer solchen Meinungskundgabe allein das isolierte, von allen anderen abgeschnittene „Ich“ zu be-
greifen, wie es das Modell der negativen Freiheit nahelegt, erst recht aber der damit verknüpfte Ge-
danke, die Handlung als bereits mit dieser Kundgabe für abgeschlossen und also für das Ende des
Freiheitsvollzugs zu halten, ist einigermaßen irreführend. Die politische Überzeugung, die in den öf-
fentlichen Stellungnahmen geäußert wird, wäre irgendwie falsch beschrieben, wenn sie auf den priva-
25 ten Willensentschluss eines einsam agierenden Subjekts zurückgeführt würde; die individuelle Wil-
lensbestimmung wird hier weder rein monologisch vorgenommen, noch zielt sie irgendwie auf eine
bloß private Verwirklichung ihres Gehalts. […]
Nun ließe sich gegen die bislang entwickelte Argumentation einwenden, dass die aufgeführten Bei-
spiele vielleicht Fälle nicht von negativer, sondern von positiver Freiheit darstellen […] Mit Konzep-
30 ten positiver Freiheit soll bekanntlich verhindert werden, dass wir eine individuelle Handlung allein
schon deswegen „frei“ nennen, weil ihr bei der Ausführung keine äußeren, willkürlich gesetzten Hin-
dernisse im Wege stehen; zu diesem Zweck wird versucht, die Freiheit einer Handlung an die zusätzli-
che Bedingung zu knüpfen, dass durch sie höhere Ziele oder Werte realisiert werden […] Solange wir
allerdings unter einer derart charakterisierten Freiheit wiederum nur eine Tätigkeit verstehen, die ein
35 einzelnes Subjekt vollzieht, […] scheint es auf der Hand zu liegen, dass sich mit ihrer Hilfe die zuvor
beispielhaft genannten Handlungen nicht in ihrem Freiheitscharakter erschließen lassen; denn deren
Besonderheit bestand doch gerade darin, dass mehrere Subjekte füreinander tätig sein mussten, um das
zu realisieren, was sie aus ihrer je individuellen Perspektive als eine gemeinsame Ausübung von Frei-
heit erleben. Die Übereinstimmung mit der Vorstellung der positiven Freiheit besteht hier zwar viel-
40 leicht darin, dass sich auch die Bürgerinnen und Bürger […] an gewissen Idealen orientieren müssen –
sagen wir dem Gut einer gleichberechtigten Ausübung von Volkssouveränität […] –, um in der ge-
meinten Weise füreinander tätig sein zu können; aber es ist dieses „Füreinander“, welches den ganzen
Unterschied zur herkömmlichen Idee positiver Freiheit ausmacht, weil in der demokratischen Willens-
bildung […] das erstrebte Gut nur verwirklicht werden kann, wenn mehrere Subjekte ungezwungen
45 Handlungen vollziehen, die sich wechselseitig ergänzen und somit ein freies Zusammenwirken ermög-
lichen.
Axel Honneth: Drei, nicht zwei Begriffe der Freiheit, in: ders.: Die Armut unserer Freiheit, Berlin 2020, S. 139 ff.
¹ Honneth bezieht sich hier mit dem Begriff „individuelle Freiheit“ auf eine zweiteilige Unterscheidung von „positiver“ Freiheit (im Sinn der Möglichkeit, nach selbstgesetzten Maximen bzw. Zielen zu handeln) und „negativer“ Freiheit (im Sinn von Freiheit von Einschränkungen der Handlungsmöglichkeiten) des russisch-britischen Philosophen Isaiah Berlin (1909–1997).
² Aktor – technisches Bauelement, das aktiv und veränderlich in geregelte Prozesse eingreift. Der Begriff wird hier auf das Zusammenwirken von Subjekten übertragen, die als sich gegenseitig regelnde Aktoren verstanden werden.
Hinweise
Axel Honneth (*1949) war bis 2015 Professor für Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.
Der Textauszug stammt aus einem zuerst im Jahr 2015 veröffentlichten Aufsatz.
Aufgaben
3
Diskutieren Sie vor dem Hintergrund der Ausführungen Honneths (Material), welche Rolle andere Menschen für die Freiheit des Einzelnen spielen. Beziehen Sie dabei die Theorie Freuds zur menschlichen Psyche mit ein. (30 BE)
Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen
Material
Michel Serres: Erfindet euch neu! (2013)
Die Kleinen Däumlinge 1 suchen Arbeit. Haben sie welche gefunden, hören sie nicht auf zu suchen, da
sie wissen, daß sie die eben aufgetriebene Arbeit von heute auf morgen wieder verlieren können. […]
Bei der Arbeit langweilen sie sich. Der Tischler nebenan hatte einst rohe Planken aus dem Sägewerk
bekommen, die er lange trocknen ließ, um aus diesem Vorrat je nach Auftragslage Hocker, Tische
5 oder Türen zu zimmern. Dreißig Jahre später liefert ihm eine Fabrik fertige Fenster, die er in großen
Mengen in genormte Fensterhöhlen einsetzt. Er langweilt sich. Sie auch. Ihr Werk kapitalisiert sich
anderswo, da oben, in den Planungsbüros. Das Kapital ist nicht allein die Konzentration des Geldes,
sondern auch die des Wassers in den Stauseen, der Rohstoffe unter der Erde, der Intelligenz in einem
Ingenieursbüro, weit entfernt von denen, die seine Planungen ausführen. Die Langeweile aller rührt
10 von dieser Konzentration, dieser Unterschlagung, diesem Ertragsraub her.
Die seit 1970 steil angestiegene Produktivität läßt zusammen mit dem seinerseits exponentiellen
Wachstum der Weltbevölkerung Arbeit immer knapper werden. Wird bald nur noch eine Aristokratie
von ihr profitieren? Die Arbeit, einst aus der industriellen Revolution geboren […] – stirbt sie heute
einen langsamen Tod? Der kleine Däumling hat miterlebt, wie die Blaumänner seltener wurden; die
15 neuen Technologien werden auch die Zahl der Anzugträger einbrechen lassen. Wird nicht die Arbeit
auch deshalb verschwinden, weil die Produkte, mit denen sie die Märkte flutet, häufig zu Umweltschä-
den führen, die durch das Betreiben der Maschinen, die Fabrikation und den Transport der Waren an-
gerichtet werden? […]
Däumelinchen träumt von einem neuartigen Werk, angelegt darauf, diese Schäden wiedergutzuma-
20 chen und den Werktätigen zuträglich zu sein – und sie spricht, sonst hätte sie einträglich gesagt, nicht
bloß vom Gewinn, sondern auch vom Glück. Sie listet im Grunde die Handlungen auf, die nicht diese
zweifache Belastung, die des Planeten und die der Menschen, mit sich brächten. […]
Da es nur noch Individuen gibt und die Gesellschaft sich nur noch um die Arbeit herum organisiert, da
alles sich nur noch um sie dreht, selbst die Begegnungen, selbst die privaten Abenteuer, die gar nichts
25 mit ihr zu tun haben, träumt Däumelinchen davon, in ihr aufzugehen. Aber entweder findet sie keine
Arbeit, oder sie langweilt sich mit ihr. Sie versucht sich darum auch eine Gesellschaft vorzustellen, die
nicht mehr wirklich von der Arbeit strukturiert würde. Aber wovon dann? […]
Von Gedudel erfüllt, übertönen und dämpfen das Dauergetöse der Medien und die Geräuschkulisse
der Werbung durch ihren nervtötenden Lärm und den gezielten Einsatz von Betäubungsmitteln jene
30 realen Stimmen – und die virtuellen der Blogs und Sozialen Netzwerke, deren unbezifferbare Mitglie-
derzahlen inzwischen Ausmaße erreichen, die denen der Weltbevölkerung nahekommen. Zum ersten
Mal in der Geschichte kann man die Stimme aller hören. Die menschliche Rede erschallt durch den
Raum und mit der Zeit. […]
Bürokratie, Medien, Werbung, Technokratie, Unternehmen, Politik, Universitäten, Verwaltungen, bis-
35 weilen selbst die Wissenschaft – unter Einsatz der Inkompetenzvermutung üben große öffentliche und
private Maschinen ihre gigantische Macht aus, indem sie sich an vermeintliche Dummköpfe wenden,
die als Massenpublikum verunglimpft und von den Showkanälen verachtet werden. Gemeinsam mit
anderen ihresgleichen, denen sie Kompetenz unterstellen, belehren uns die Kleinen Däumlinge […]
mit ihrer diffusen Stimme darüber, daß jene Dinosaurier 2, die um so mehr Platz beanspruchen, als sie
40 im Aussterben begriffen sind, die Emergenz 3 neuer Kompetenzen ignorieren.
Däumelinchen, Codename für die Studentin, die Patientin, die Arbeiterin, den Angestellten, den Re-
gierten, den Passagier, die Elektrikerin, den Heranwachsenden oder Jugendlichen, was sage ich, das
Kind, den Verbraucher, kurzum: jene Namenlosen des öffentlichen Raums, die man Bürgerinnen und
Bürger nennt, Däumelinchen also kann, wenn sie nur vorher eine kluge Seite im Netz besucht hat, ge-
45 rade soviel oder mehr über den behandelten Gegenstand, die anstehende Entscheidung, die veröffent-
lichte Information, die Gesundheit, die Körperpflege etc. wissen wie ein Lehrer oder Meister, ein Di-
rektor oder Leiter, ein Journalist, ein Verantwortlicher, ein Wirtschaftsboss, ein gewählter Volksver-
treter, selbst ein Präsident […]
Heute weiß jeder Kleine Däumling von der Straße glänzend Bescheid über Atomphysik, Leihmütter,
50 genmanipulierte Organismen, Chemie, Ökologie. […] Es gilt die Kompetenzvermutung. […]
Zum zweifellos ersten Mal in der Geschichte werden die Öffentlichkeit, die Individuen, die Personen,
der Mann, die Frau von der Straße, die man einst vulgär nannte, kurzum: wird Däumelinchen in der
Lage sein, und ist es in Wahrheit schon heute, über mehr Weisheit, mehr Wissen, mehr Information,
mehr Entscheidungsfähigkeit zu verfügen als jene Dinosaurier mit ihrem unmäßigen Energiehunger
55 und ihrer mäßigen Produktivität, denen wir, unterjochte Sklaven, noch immer zu Diensten sind. […]
Letztlich führt der Umbruch zur Auflösung sämtlicher Konzentrationen, seien es solche der Produktiv-
kraft oder der Industrie, seien es selbst sprachliche oder kulturelle, zugunsten weitgestreuter, vielfälti-
ger und singulärer 4 Verteilungen.
Michel Serres: Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation, Berlin 4. Aufl. 2019, S. 52 f., 63 f.
Hinweise
Michel Serres (1930–2019) war ein französischer Mathematiker und Philosoph, Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität Sorbonne in Paris sowie Professor an der Stanford University in Kalifornien/USA.
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Gemeint ist der kleine Normalbürger.
2 Dinosaurier – Gemeint sind die o. g. Institutionen sowie die öffentliche und private Medienmaschinerie.
3 Emergenz – (lateinisch emergere: auftauchen, herauskommen, emporsteigen) bezeichnet die Möglichkeit der Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente.
4 singulär – nur vereinzelt vorkommend; nur vereinzelt auftretend
1 Fassen Sie den vorliegenden Text in eigenen Worten zusammen. (Material) (30 BE)
Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 2 · Staatsphilosophie: Gesellschaftsvertrag, Staat und Individuum
Material
Michel Serres: Erfindet euch neu! (2013)
Die Kleinen Däumlinge 1 suchen Arbeit. Haben sie welche gefunden, hören sie nicht auf zu suchen, da
sie wissen, daß sie die eben aufgetriebene Arbeit von heute auf morgen wieder verlieren können. […]
Bei der Arbeit langweilen sie sich. Der Tischler nebenan hatte einst rohe Planken aus dem Sägewerk
bekommen, die er lange trocknen ließ, um aus diesem Vorrat je nach Auftragslage Hocker, Tische
5 oder Türen zu zimmern. Dreißig Jahre später liefert ihm eine Fabrik fertige Fenster, die er in großen
Mengen in genormte Fensterhöhlen einsetzt. Er langweilt sich. Sie auch. Ihr Werk kapitalisiert sich
anderswo, da oben, in den Planungsbüros. Das Kapital ist nicht allein die Konzentration des Geldes,
sondern auch die des Wassers in den Stauseen, der Rohstoffe unter der Erde, der Intelligenz in einem
Ingenieursbüro, weit entfernt von denen, die seine Planungen ausführen. Die Langeweile aller rührt
10 von dieser Konzentration, dieser Unterschlagung, diesem Ertragsraub her.
Die seit 1970 steil angestiegene Produktivität läßt zusammen mit dem seinerseits exponentiellen
Wachstum der Weltbevölkerung Arbeit immer knapper werden. Wird bald nur noch eine Aristokratie
von ihr profitieren? Die Arbeit, einst aus der industriellen Revolution geboren […] – stirbt sie heute
einen langsamen Tod? Der kleine Däumling hat miterlebt, wie die Blaumänner seltener wurden; die
15 neuen Technologien werden auch die Zahl der Anzugträger einbrechen lassen. Wird nicht die Arbeit
auch deshalb verschwinden, weil die Produkte, mit denen sie die Märkte flutet, häufig zu Umweltschä-
den führen, die durch das Betreiben der Maschinen, die Fabrikation und den Transport der Waren an-
gerichtet werden? […]
Däumelinchen träumt von einem neuartigen Werk, angelegt darauf, diese Schäden wiedergutzuma-
20 chen und den Werktätigen zuträglich zu sein – und sie spricht, sonst hätte sie einträglich gesagt, nicht
bloß vom Gewinn, sondern auch vom Glück. Sie listet im Grunde die Handlungen auf, die nicht diese
zweifache Belastung, die des Planeten und die der Menschen, mit sich brächten. […]
Da es nur noch Individuen gibt und die Gesellschaft sich nur noch um die Arbeit herum organisiert, da
alles sich nur noch um sie dreht, selbst die Begegnungen, selbst die privaten Abenteuer, die gar nichts
25 mit ihr zu tun haben, träumt Däumelinchen davon, in ihr aufzugehen. Aber entweder findet sie keine
Arbeit, oder sie langweilt sich mit ihr. Sie versucht sich darum auch eine Gesellschaft vorzustellen, die
nicht mehr wirklich von der Arbeit strukturiert würde. Aber wovon dann? […]
Von Gedudel erfüllt, übertönen und dämpfen das Dauergetöse der Medien und die Geräuschkulisse
der Werbung durch ihren nervtötenden Lärm und den gezielten Einsatz von Betäubungsmitteln jene
30 realen Stimmen – und die virtuellen der Blogs und Sozialen Netzwerke, deren unbezifferbare Mitglie-
derzahlen inzwischen Ausmaße erreichen, die denen der Weltbevölkerung nahekommen. Zum ersten
Mal in der Geschichte kann man die Stimme aller hören. Die menschliche Rede erschallt durch den
Raum und mit der Zeit. […]
Bürokratie, Medien, Werbung, Technokratie, Unternehmen, Politik, Universitäten, Verwaltungen, bis-
35 weilen selbst die Wissenschaft – unter Einsatz der Inkompetenzvermutung üben große öffentliche und
private Maschinen ihre gigantische Macht aus, indem sie sich an vermeintliche Dummköpfe wenden,
die als Massenpublikum verunglimpft und von den Showkanälen verachtet werden. Gemeinsam mit
anderen ihresgleichen, denen sie Kompetenz unterstellen, belehren uns die Kleinen Däumlinge […]
mit ihrer diffusen Stimme darüber, daß jene Dinosaurier 2, die um so mehr Platz beanspruchen, als sie
40 im Aussterben begriffen sind, die Emergenz 3 neuer Kompetenzen ignorieren.
Däumelinchen, Codename für die Studentin, die Patientin, die Arbeiterin, den Angestellten, den Re-
gierten, den Passagier, die Elektrikerin, den Heranwachsenden oder Jugendlichen, was sage ich, das
Kind, den Verbraucher, kurzum: jene Namenlosen des öffentlichen Raums, die man Bürgerinnen und
Bürger nennt, Däumelinchen also kann, wenn sie nur vorher eine kluge Seite im Netz besucht hat, ge-
45 rade soviel oder mehr über den behandelten Gegenstand, die anstehende Entscheidung, die veröffent-
lichte Information, die Gesundheit, die Körperpflege etc. wissen wie ein Lehrer oder Meister, ein Di-
rektor oder Leiter, ein Journalist, ein Verantwortlicher, ein Wirtschaftsboss, ein gewählter Volksver-
treter, selbst ein Präsident […]
Heute weiß jeder Kleine Däumling von der Straße glänzend Bescheid über Atomphysik, Leihmütter,
50 genmanipulierte Organismen, Chemie, Ökologie. […] Es gilt die Kompetenzvermutung. […]
Zum zweifellos ersten Mal in der Geschichte werden die Öffentlichkeit, die Individuen, die Personen,
der Mann, die Frau von der Straße, die man einst vulgär nannte, kurzum: wird Däumelinchen in der
Lage sein, und ist es in Wahrheit schon heute, über mehr Weisheit, mehr Wissen, mehr Information,
mehr Entscheidungsfähigkeit zu verfügen als jene Dinosaurier mit ihrem unmäßigen Energiehunger
55 und ihrer mäßigen Produktivität, denen wir, unterjochte Sklaven, noch immer zu Diensten sind. […]
Letztlich führt der Umbruch zur Auflösung sämtlicher Konzentrationen, seien es solche der Produktiv-
kraft oder der Industrie, seien es selbst sprachliche oder kulturelle, zugunsten weitgestreuter, vielfälti-
ger und singulärer 4 Verteilungen.
Michel Serres: Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation, Berlin 4. Aufl. 2019, S. 52 f., 63 f.
Hinweise
Michel Serres (1930–2019) war ein französischer Mathematiker und Philosoph, Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität Sorbonne in Paris sowie Professor an der Stanford University in Kalifornien/USA.
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Gemeint ist der kleine Normalbürger.
2 Dinosaurier – Gemeint sind die o. g. Institutionen sowie die öffentliche und private Medienmaschinerie.
3 Emergenz – (lateinisch emergere: auftauchen, herauskommen, emporsteigen) bezeichnet die Möglichkeit der Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente.
4 singulär – nur vereinzelt vorkommend; nur vereinzelt auftretend
2 Setzen Sie die Überlegungen von Serres (Material) in Beziehung zur Staatstheorie von Marx. (40 BE)
Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · Erkenntnis und Wissenschaft: Wahrheit und Wissenschaftstheorie
Material
Michel Serres: Erfindet euch neu! (2013)
Die Kleinen Däumlinge 1 suchen Arbeit. Haben sie welche gefunden, hören sie nicht auf zu suchen, da
sie wissen, daß sie die eben aufgetriebene Arbeit von heute auf morgen wieder verlieren können. […]
Bei der Arbeit langweilen sie sich. Der Tischler nebenan hatte einst rohe Planken aus dem Sägewerk
bekommen, die er lange trocknen ließ, um aus diesem Vorrat je nach Auftragslage Hocker, Tische
5 oder Türen zu zimmern. Dreißig Jahre später liefert ihm eine Fabrik fertige Fenster, die er in großen
Mengen in genormte Fensterhöhlen einsetzt. Er langweilt sich. Sie auch. Ihr Werk kapitalisiert sich
anderswo, da oben, in den Planungsbüros. Das Kapital ist nicht allein die Konzentration des Geldes,
sondern auch die des Wassers in den Stauseen, der Rohstoffe unter der Erde, der Intelligenz in einem
Ingenieursbüro, weit entfernt von denen, die seine Planungen ausführen. Die Langeweile aller rührt
10 von dieser Konzentration, dieser Unterschlagung, diesem Ertragsraub her.
Die seit 1970 steil angestiegene Produktivität läßt zusammen mit dem seinerseits exponentiellen
Wachstum der Weltbevölkerung Arbeit immer knapper werden. Wird bald nur noch eine Aristokratie
von ihr profitieren? Die Arbeit, einst aus der industriellen Revolution geboren […] – stirbt sie heute
einen langsamen Tod? Der kleine Däumling hat miterlebt, wie die Blaumänner seltener wurden; die
15 neuen Technologien werden auch die Zahl der Anzugträger einbrechen lassen. Wird nicht die Arbeit
auch deshalb verschwinden, weil die Produkte, mit denen sie die Märkte flutet, häufig zu Umweltschä-
den führen, die durch das Betreiben der Maschinen, die Fabrikation und den Transport der Waren an-
gerichtet werden? […]
Däumelinchen träumt von einem neuartigen Werk, angelegt darauf, diese Schäden wiedergutzuma-
20 chen und den Werktätigen zuträglich zu sein – und sie spricht, sonst hätte sie einträglich gesagt, nicht
bloß vom Gewinn, sondern auch vom Glück. Sie listet im Grunde die Handlungen auf, die nicht diese
zweifache Belastung, die des Planeten und die der Menschen, mit sich brächten. […]
Da es nur noch Individuen gibt und die Gesellschaft sich nur noch um die Arbeit herum organisiert, da
alles sich nur noch um sie dreht, selbst die Begegnungen, selbst die privaten Abenteuer, die gar nichts
25 mit ihr zu tun haben, träumt Däumelinchen davon, in ihr aufzugehen. Aber entweder findet sie keine
Arbeit, oder sie langweilt sich mit ihr. Sie versucht sich darum auch eine Gesellschaft vorzustellen, die
nicht mehr wirklich von der Arbeit strukturiert würde. Aber wovon dann? […]
Von Gedudel erfüllt, übertönen und dämpfen das Dauergetöse der Medien und die Geräuschkulisse
der Werbung durch ihren nervtötenden Lärm und den gezielten Einsatz von Betäubungsmitteln jene
30 realen Stimmen – und die virtuellen der Blogs und Sozialen Netzwerke, deren unbezifferbare Mitglie-
derzahlen inzwischen Ausmaße erreichen, die denen der Weltbevölkerung nahekommen. Zum ersten
Mal in der Geschichte kann man die Stimme aller hören. Die menschliche Rede erschallt durch den
Raum und mit der Zeit. […]
Bürokratie, Medien, Werbung, Technokratie, Unternehmen, Politik, Universitäten, Verwaltungen, bis-
35 weilen selbst die Wissenschaft – unter Einsatz der Inkompetenzvermutung üben große öffentliche und
private Maschinen ihre gigantische Macht aus, indem sie sich an vermeintliche Dummköpfe wenden,
die als Massenpublikum verunglimpft und von den Showkanälen verachtet werden. Gemeinsam mit
anderen ihresgleichen, denen sie Kompetenz unterstellen, belehren uns die Kleinen Däumlinge […]
mit ihrer diffusen Stimme darüber, daß jene Dinosaurier 2, die um so mehr Platz beanspruchen, als sie
40 im Aussterben begriffen sind, die Emergenz 3 neuer Kompetenzen ignorieren.
Däumelinchen, Codename für die Studentin, die Patientin, die Arbeiterin, den Angestellten, den Re-
gierten, den Passagier, die Elektrikerin, den Heranwachsenden oder Jugendlichen, was sage ich, das
Kind, den Verbraucher, kurzum: jene Namenlosen des öffentlichen Raums, die man Bürgerinnen und
Bürger nennt, Däumelinchen also kann, wenn sie nur vorher eine kluge Seite im Netz besucht hat, ge-
45 rade soviel oder mehr über den behandelten Gegenstand, die anstehende Entscheidung, die veröffent-
lichte Information, die Gesundheit, die Körperpflege etc. wissen wie ein Lehrer oder Meister, ein Di-
rektor oder Leiter, ein Journalist, ein Verantwortlicher, ein Wirtschaftsboss, ein gewählter Volksver-
treter, selbst ein Präsident […]
Heute weiß jeder Kleine Däumling von der Straße glänzend Bescheid über Atomphysik, Leihmütter,
50 genmanipulierte Organismen, Chemie, Ökologie. […] Es gilt die Kompetenzvermutung. […]
Zum zweifellos ersten Mal in der Geschichte werden die Öffentlichkeit, die Individuen, die Personen,
der Mann, die Frau von der Straße, die man einst vulgär nannte, kurzum: wird Däumelinchen in der
Lage sein, und ist es in Wahrheit schon heute, über mehr Weisheit, mehr Wissen, mehr Information,
mehr Entscheidungsfähigkeit zu verfügen als jene Dinosaurier mit ihrem unmäßigen Energiehunger
55 und ihrer mäßigen Produktivität, denen wir, unterjochte Sklaven, noch immer zu Diensten sind. […]
Letztlich führt der Umbruch zur Auflösung sämtlicher Konzentrationen, seien es solche der Produktiv-
kraft oder der Industrie, seien es selbst sprachliche oder kulturelle, zugunsten weitgestreuter, vielfälti-
ger und singulärer 4 Verteilungen.
Michel Serres: Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation, Berlin 4. Aufl. 2019, S. 52 f., 63 f.
Hinweise
Michel Serres (1930–2019) war ein französischer Mathematiker und Philosoph, Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität Sorbonne in Paris sowie Professor an der Stanford University in Kalifornien/USA.
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Gemeint ist der kleine Normalbürger.
2 Dinosaurier – Gemeint sind die o. g. Institutionen sowie die öffentliche und private Medienmaschinerie.
3 Emergenz – (lateinisch emergere: auftauchen, herauskommen, emporsteigen) bezeichnet die Möglichkeit der Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente.
4 singulär – nur vereinzelt vorkommend; nur vereinzelt auftretend
3 „Zum zweifellos ersten Mal in der Geschichte werden die Öffentlichkeit, die Individuen, die Personen, der Mann, die Frau von der Straße, die man einst vulgär nannte, kurzum: wird Däumelinchen in der Lage sein, und ist es in Wahrheit schon heute, über mehr Weisheit, mehr Wissen, mehr Informationen zu verfügen als jene Dinosaurier […]“. (Material)
Diskutieren Sie ausgehend vom Zitat die Auswirkungen allgemeinverfügbarer Internetwahrheiten vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Kriterien. Beziehen Sie sich dabei vor allem auf die Kriterien für gute Wissenschaft nach Feyerabend oder Popper. (30 BE)
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- Texterschließung: Text zusammenfassen · 8 Aufgaben
- Staatsphilosophie: Gesellschaftsvertrag, Staat und Individuum · 5 Aufgaben
- Erkenntnis und Wissenschaft: Wahrheit und Wissenschaftstheorie · 4 Aufgaben
- Die Frage nach dem Ich: Freud, La Mettrie und das Bewusstsein · 4 Aufgaben
- Technikphilosophie und Verantwortungsethik (Jonas) · 3 Aufgaben