Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Philosophie GK 2022
Thema: Staatsphilosophie: Gesellschaftsvertrag, Staat und Individuum · Aus der Prüfung GK (2022)
Aufgabenstellung
Material
Peter Weingart: „Wahres Wissen“ und demokratisch verfasste Gesellschaft (2017)
Die derzeit verbreitete Rede vom „postfaktischen Zeitalter“ bezieht sich unter anderem auf die Be-
obachtung, dass vor allem Vertreterinnen und Vertreter populistischer Parteien sich bei ihren Äuße-
rungen nicht mehr an Fakten halten, sondern sich über etabliertes Wissen hinwegsetzen und bisweilen
auch schlicht lügen.
[...]
5 Zwar gilt die Demokratie als die beste aller Regierungsformen, weil sie den Gefahren des Machtmiss-
brauchs am effektivsten entgegenwirkt und den Interessenausgleich aller Mitglieder einer Gesellschaft
am erfolgreichsten zu gewährleisten vermag. Das urdemokratische Prinzip der Mehrheitsentscheidung
hat allerdings, wenn es in größeren Gemeinschaften realisiert wird, eine Schwäche: Es ist anfällig für
Emotionalisierung, Skandalisierung, kurz: für Propaganda und darauf gründende Ad-hoc-Entscheidun-
10 gen¹.
[...]
Entscheidungen werden auf ihre Akzeptabilität unter den im Parlament vertretenen Gruppierungen ge-
prüft, aber zugleich auch auf ihre Voraussetzungen und ihre vorhersehbaren Folgen, soweit es das ver-
fügbare Wissen erlaubt. Politik legitimiert sich also nicht nur durch Wahlen, sondern auch durch ihre
Rationalität. Widerspricht sie eklatant empirischer Evidenz², wird das entweder beim nächsten Urnen-
15 gang oder durch einen obersten Gerichtshof sanktioniert.
Das Problem dabei ist, dass in vielen Fällen nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, was die Evidenz
wirklich ist. So stellt sich die nächste Frage: Was ist „wahres Wissen“ und wie kommt die Gesell-
schaft zu „wahrem Wissen“?
[...]
Obgleich es zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen tief greifende Unterschiede bei
20 der Geschwindigkeit der Wissensproduktion, den Formen der Qualitätssicherung und den Kommuni-
kationsformen gibt, ähneln sie sich doch stark hinsichtlich der Prinzipien, nach denen sie operieren.
Diese umfassen die Offenlegung der eigenen Forschung, eine systematische Skepsis gegenüber den
Wahrheitsbehauptungen anderer Wissenschaftler und gegebenenfalls deren Überprüfung ohne Rück-
sicht auf das Ansehen der Person oder andere Interessen.
[...]
25 Nur allgemeine Zugänglichkeit und die vorbehaltlose Prüfung durch kompetente Fachkolleginnen
und -kollegen können Vertrauen in das produzierte Wissen schaffen. Denn wenn diese Prinzipien be-
folgt werden, gilt das durch sie erzeugte Wissen als objektiv. Objektivität des Wissens genießt in unse-
rer Gesellschaft einen sehr hohen Wert: Es dient als Referenz für die Klärung von Interessenkonflikten
und begründet das Vertrauen, das wiederum notwendige Voraussetzung für die Arbeitsteilung und da-
30 mit für den Fortschritt in der Wissenschaft ist.
[...]
Dieser Prozess ist nie abgeschlossen, zum einen, weil die Antworten auf Fragen zugleich immer neue
Fragen aufwerfen, die Forschung also – sofern entsprechende Mittel bereitstehen – immer weiterläuft.
Zum anderen ist nie auszuschließen, dass die gefundenen Antworten nicht durch eine neue Beobach-
tung, durch eine neue Entdeckung oder durch neue Interpretationen im Licht anderer Forschungser-
35 gebnisse revidiert werden. Forschungsergebnisse sind also nie endgültig. Das bedeutet allerdings
nicht, dass die durch die Fachgemeinschaft wissenschaftlich konsentierten³ Fakten beliebig bestreitbar
oder veränderbar wären. Genau das ist der Trugschluss der radikalen Sozialkonstruktivisten⁴.
Wissenschaftlich als gesichert geltende Fakten gelten so lange als „wahr“, bis sie widerlegt werden.
Diese Fakten finden Eingang in Lehrbücher, in denen das etablierte und unumstrittene Wissen konser-
40 viert und für die Unterrichtung kommender Generationen zusammengefasst ist.
[...]
An eine breite Öffentlichkeit gelangen diese Auseinandersetzungen über die Medien, die sie beobach-
ten und über sie berichten. Dabei verhalten sie sich gemäß ihrer eigenen Operationslogik: Spannung
und Sensation sind Nachrichtenwerte. Jede skeptische Stimme ist ihnen eine Meldung wert, weil sie
scheinbar das Rennen offen hält. [...] Daher erwecken innerwissenschaftliche Auseinandersetzungen
45 häufig den Eindruck, dass die Wissenschaft zerstritten und ihre Ergebnisse nicht glaubhaft seien.
[...]
Die Fragen, auf die Leugner von Fakten eine Antwort geben müssen, lauten: Woran orientieren sie ihr
Handeln? Wie stellen sie sich eine Einigung vor, wenn sich widerstreitende Argumente nicht unter Be-
zug auf Evidenzen lösen lassen? Es gibt derzeit keinen vertretbaren Gesellschaftsentwurf, der von der
Funktion gesicherten Wissens als Basis von Konsensfindung absehen würde. Ganz im Gegenteil: Evi-
50 denzbegründung ist nach wie vor Prinzip der Politik sowie der Beilegung oder Vermeidung von Kon-
flikten, die sich aus widersprüchlichen Meinungen ergeben.
Peter Weingart: „Wahres Wissen“ und demokratisch verfasste Gesellschaft, 2017, URL: http://www.bpb.de/apuz/245215/wahres-wissen-und-demokratisch-verfasste-gesellschaft (abgerufen am 03.10.2019).
Hinweis
Peter Weingart (*1941) ist emeritierter Professor für Soziologie der Universität Bielefeld.
¹ Ad-hoc-Entscheidungen – aus dem Augenblick heraus entstandene Entscheidung
² Evidenz – vollständige, unmittelbare Einsichtigkeit, Deutlichkeit, Gewissheit; hier: empirische Evidenz – das von der Erfahrung Bestätigte, unumstößliche Tatsache, faktische Gegebenheit
³ konsentiert – allgemein anerkannt
⁴ Sozialkonstruktivisten – Anhänger der Überzeugung, dass jede „Wahrheit“ von ihrem sozialen Ursprung abhängig ist, also alles, was als wahr angesehen wird, nur ein soziales Konstrukt darstellt.
3
Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) schreibt in seinem berühmten Buch „Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechts“:
„Wenn schließlich der untergehende Staat nurmehr in einer Schein- und leeren Form besteht, das Gesellschaftsband in aller Herzen zerrissen ist und krasser Eigennutz sich schamlos mit dem heiligen Namen des Allgemeinwohles schmückt, dann verstummt der Gemeinwille, und die Leute, von geheimen Beweggründen geleitet, argumentieren nicht mehr als Bürger, sondern als ob der Staat niemals existiert hätte, und unter dem Namen von Gesetzen treten gesetzlose Verordnungen in Kraft, die nur das Privatinteresse zum Ziel haben.
Folgt daraus, dass der Gemeinwille vernichtet oder verfälscht ist? Nein! Er bleibt sich immer gleich, unveränderlich und rein.“
Diskutieren Sie anhand von Rousseau und unter Berücksichtigung von Weingart (Material), welche Rolle das Individuum im Staat spielen sollte. (35 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3 Diskutieren Sie anhand von Rousseau und unter Berücksichtigung von Weingart (Material), welche Rolle das Individuum im Staat spielen sollte.
Lösung: Differenzierte Diskussion zur Rolle des Individuums im Staat unter Einbezug von Rousseaus Konzept des Gemeinwillens (volonté générale) und Weingarts Analyse der faktenbasierten Rationalität.
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