Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Philosophie GK 2022
Thema: Die Frage nach dem Ich: Freud, La Mettrie und das Bewusstsein · Aus der Prüfung GK (2022)
Aufgabenstellung
Material 1
Hans-Georg Gadamer: Hermeneutik¹ und Autorität – eine Bilanz (1991)
Es ist sicherlich richtig, daß die Aufklärungsbewegung der Neuzeit und ihr wissenschaftliches Gewis-
sen darauf beruhen, daß man Vorurteile und damit auch bloße Berufung auf Autoritäten nicht gelten
läßt. Es gibt ein berühmtes Beispiel, dessen traditionelle, ‚autoritative Lösung‘ bis in die beginnende
Neuzeit gegolten hat [...]: Wieviele Beine hat eine Fliege? Aristoteles, die Autorität, hat das Falsche
5 gesagt und behauptet, die Fliege hätte acht Beine. In Wirklichkeit hat sie nur sechs. Die verkehrte An-
zahl wurde gegen allen Augenschein immer wieder im scholastischen² Unterricht aufgrund der Autori-
tät des Aristoteles falsch gelehrt. [...] Man ließ maßgebliche Lehren unangetastet und verteidigte sie
selbst gegen alle Beobachtung. Bei Galilei ist dieser Sachverhalt im Dialog über die beiden Weltsys-
teme in einer berühmten Weise vorgeführt worden. Dort wird ein [...] an die Autoritäten (resp.
10 Schriftautoritäten) Glaubender erfunden und als Partner des Gesprächs eingeführt, der – wiederum un-
ter Berufung auf Aristoteles, bei dem es ‚anders‘ stehe – sich weigert, durch Galileis Fernrohr³ zu
schauen.
Als ich an die hermeneutischen Fragestellungen neu herantrat, befand ich mich in der Welt unserer
Moderne [...] Wir haben es in der Tat mit ganz anderen Komponenten zu tun, wenn wir etwa so kom-
15 plexe Dinge wie gesellschaftliche Vorgänge oder wirtschaftliche Zusammenhänge oder das Verständ-
nis von Texten und Überlieferungen im Auge haben. Hier muß man sich eingestehen, daß es den Null-
grad von Beteiligtheit⁴ einfach nicht gibt. So kam ich zu der Behauptung, die auch heute noch immer
sehr verblüfft, daß ich von den legitimierten oder legitimierbaren Vorurteilen spreche.
[...]
[E]s ist – in welcher Form auch immer – ein Autoritätsverhältnis, das schon zwischen Eltern und Kin-
20 dern, Lehrern und Schülern, und am Ende in jedem Berufszweig, in jeder geordneten Kooperation von
Menschen eine Rolle spielt. Einer ist in irgendeiner Sache eine Autorität für den anderen. Das meint
nichts als die vernünftige Anerkennung, daß der andere an Sachkenntnis einem überlegen ist.
[...]
[I]ch [frage] mich, was Autorität in solchem produktiven Sinne bedeutet. Wir stehen eben immer
schon in Zusammenhängen, in denen man sich plötzlich erkennt und zu denen man sich bekennt. Der
25 Zusammenhang, in dem man ohnehin steht, ist: Man macht in Wahrheit keine Beobachtung, man ge-
winnt keine Erfahrung, ohne von Erwartungspotentialen gesteuert zu sein [...]
Wie kann man die Notwendigkeit einer Freiheit ermöglichenden Autorität mit der Durchregelung aller
Dinge unserer Welt in Einklang setzen? [...] Wir müssen Überlieferung, die uns bestimmt und die wir
nicht rational beherrschen, gleichwohl gelten lassen. Das tut jeder, der eine Autorität in seinem Leben
30 anerkennt. [...] So war mir klar geworden, daß in den Geisteswissenschaften Begriffe etwas anderes
sind als in der Begriffsbildung und in der Arbeitsweise der Naturwissenschaften. Irgendwo hat jedes
Wort noch etwas von einer Wirkungsgeschichte in sich, und dieses vielfältige Mittönen von Ge-
schichte und Erfahrung unterscheidet gerade von den präzisen Bezeichnungskonventionen, mit denen
sich Mathematik und deren Anwendung auf die messenden Naturwissenschaften kommunikabel⁵ ma-
35 chen. Es ist deswegen ein ganz verrückter Mißverstand, daß der Laie noch immer glaubt, die Philoso-
phie sei nur etwas, wo man definiert. Nein, so einfach haben wir es nicht, daß uns etwas gegeben ist
und wir nun – als ob wir uns an dem orientieren könnten, das uns gegeben ist – Begriffe definieren, so
wie man etwas mit einem Kennzeichen versieht, um es sofort immer wiedererkennen zu können. Nein,
so ist es auch für uns nicht mit der Autorität, daß sie die Instanz wäre, Weisungen zu geben. Sprechen
40 ist eingebettet in ein ständiges System von Handlung und Gegenhandlung, von kritischer Frage und
gewagter Antwort, in welchem die gelassene Anerkennung von Autorität neue und gelassene Frei-
heitsgrade hervorbringt.
Hans-Georg Gadamer: Hermeneutik und Autorität – eine Bilanz, in: Ders.: Hermeneutische Entwürfe: Vorträge und Aufsätze, Tübingen 2000, S. 42–47.
¹ Hermeneutik – 1. Lehre von der Auslegung und Erklärung eines Textes oder eines Kunst- oder Musikwerks; 2. das Verstehen von Sinnzusammenhängen in Lebensäußerungen aller Art aus sich selbst heraus (z. B. in Kunstwerken, Handlungen, geschichtlichen Ereignissen)
² scholastisch – hier: mittelalterlich
³ Galileis Fernrohr – hierbei handelt es sich um ein mit Linsen bestücktes Fernrohr, welches weit entfernte Objekte seitenrichtig und vergrößert darstellen kann.
⁴ Nullgrad von Beteiligtheit – hier: vorurteilsfrei, wertneutral, sachlich, objektiv
⁵ kommunikabel – mitteilbar, verständlich
Material 2
Francis Bacon: Neues Organon (1620)
Der Mensch, Diener und Erklärer der Natur, schafft und begreift nur so viel, als er von der Ordnung
der Natur durch die Sache oder den Geist beobachten kann; mehr weiß oder vermag er nicht.
[...]
Die Idole¹ und falschen Begriffe, welche vom menschlichen Verstand schon Besitz ergriffen haben
5 und tief in ihm wurzeln, halten den Geist der Menschen nicht nur in der Weise in Beschlag, daß der
Wahrheit nur mit Mühe ein Zugang offensteht; sondern auch dort, wo der Zugang gegeben und bewil-
ligt worden ist, werden jene selbst bei der Erneuerung der Wissenschaften wiederum auftauchen als
eine rechte Last, wenn die Menschen nicht, vor ihnen gewarnt, sich gegen sie nach Möglichkeit schüt-
zen.
[...]
10 Die Aufstellung der Begriffe und Sätze durch wahre Induktion ist gewiß das geeignete Heilmittel, die
Idole abzuhalten und zu eliminieren [...]
Die Idole der Höhle sind die Idole des einzelnen Menschen. Denn ein jeder hat (neben den Abirrungen
der menschlichen Natur im allgemeinen) eine Höhle oder eine gewisse nur ihm eigene Grotte, welche
das Licht der Natur bricht und verdirbt; teils infolge der eigenen und besonderen Natur eines jeden;
15 teils infolge der Erziehung und des Verkehrs mit anderen; teils infolge der Bücher, die ein jeder mit
Vorliebe liest, und der Autoritäten, denen er Verehrung und Bewunderung zollt; teils infolge der Un-
terschiedlichkeit der Eindrücke, wie sie einer voreingenommenen und vorurteilsvollen Sinnesart oder
aber einer gleichmütigen und gesetzten Stimmung entsprechen und dergleichen mehr.
[...]
Es gibt auch Idole infolge des engen Beieinanderseins und der Gemeinschaft des menschlichen Ge-
20 schlechts; diese nenne ich wegen des Verkehrs und der Gemeinschaft der Menschen Idole des Mark-
tes. Die Menschen gesellen sich nämlich mittels der Sprache zueinander; aber die Worte werden den
Dingen nach der Auffassung der Menge beigeordnet. Daher knebelt die schlechte und törichte Zuord-
nung der Worte den Geist auf merkwürdige Art und Weise. Auch die Definitionen oder Bezeichnun-
gen, mit denen sich die Gelehrten in einigen Punkten zu schützen und zu verteidigen pflegen, bessern
25 die Sachlage keineswegs. Sondern die Worte tun dem Verstand offensichtlich Gewalt an und verwir-
ren alles. Sie verführen die Menschen zu leeren und zahllosen Streitigkeiten und Erdichtungen.
Francis Bacon: Neues Organon, in: Wolfgang Krohn (Hg.): Philosophische Bibliothek Bd. 400a, Francis Bacon, Neues Organon, Hamburg 2. Aufl. 1999, S. 81, S. 99–103.
¹ Idole – Gegenstand schwärmerischer Verehrung; Götzenbild; hier: etwas, das durch Vorurteile der Erkenntnis der Natur im Wege steht und Fehler hervorruft
3
Diskutieren Sie die Rolle von Autorität bei der Herausbildung einer individuellen Persönlichkeit. Berücksichtigen Sie dabei Freuds Instanzenmodell. (30 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Diskutieren Sie die Rolle von Autorität bei der Herausbildung einer individuellen Persönlichkeit. Berücksichtigen Sie dabei Freuds Instanzenmodell.
Lösung: Eine überzeugende Diskussion verbindet die psychoanalytische Theorie Freuds mit einer facettenreichen philosophischen Erörterung: - Bezug zu Freuds Instanzenmodell: - In der kindlichen Entwicklung schränkt äußere Autorität (Eltern) die Triebe des Es ein. - Durch Internalisierung elterlicher Gebote und Verbote bildet sich das Über-Ich (Gewissensinstanz). - Diese Kanalisierung ist zivilisatorisch notwendig, birgt jedoch das Risiko von Gewissenskonflikten, Schuldgefühlen und Neurosen, wenn das Ich die Anforderungen von Es, Über-Ich und Realität nicht ausgleichen kann. - Diskussion verschiedener Dimensionen von Autorität: - *Differenzierung:* Sachautorität (aufgrund von Kompetenz/Wissen), Amtsautorität (institutionell begründet), persönliche Autorität/Charisma. - *Funktionale Legitimation:* Autorität als notwendige Orientierung zur Einbindung in gesellschaftliche Werte. - *Pädagogisches Ziel:* Autorität ist legitim, wenn sie auf ihre eigene Überwindung hin angelegt ist (Kant: „Erziehung zur Mündigkeit“ und Selbstbestimmung). - *Kritikpunkte:* Autorität als Instrument bloßer Disziplinierung, Unterdrückung von Individualität oder Festschreibung überholter Traditionen ohne rationale Prüfung.
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