Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2 · Abitur Hessen Philosophie GK 2021
Thema: Staatsphilosophie: Gesellschaftsvertrag, Staat und Individuum · Aus der Prüfung GK (2021)
Aufgabenstellung
Material
Andreas Sentker: Der Weckruf (2019)
Was macht ein wissenschaftliches Gutachten politisch glaubwürdig? Der Umfang der Stellungnahme?
Ihre Dringlichkeit? Die Zahl der Autoren? Der Glanz ihrer Titel? Was sorgt dafür, dass ein Papier
nicht in einer ministeriellen Schublade verschwindet?
Ganz gewiss kein Fall für die Schublade ist jenes Papier 1, das die Leopoldina, die Nationale Akademie
5 der Wissenschaften, am Dienstag zur deutschen Klimapolitik vorgelegt hat. Das Bemerkenswerte an
ihm ist sein Ton: deutlich, kritisch und ermutigend zugleich.
Forscher sind vorsichtige Menschen, Meister der Relativierung. Statt Position zu beziehen, verweisen
sie gern auf die Vorläufigkeit und Unvollständigkeit ihres Wissens – und bleiben im Ungefähren.
Anders die 14 Mitglieder der Arbeitsgruppe zur Klimapolitik: Unmissverständlich prangern sie das
10 zögerliche Handeln, das Verfehlen der selbst gesteckten Ziele, das Versagen der deutschen Politik an.
Und glasklar formuliert ist ihre Schlussfolgerung: Ein „unmittelbarer Transformationsschub“ müsse
her. Jetzt. Heute. Nicht erst im nächsten Jahr und schon gar nicht in irgendeiner politisch womöglich
opportuneren Zukunft.
Die Wissenschaftler verweisen zu Recht auf einen schärfer werdenden „Generationenkonflikt“ um die
15 Frage künftiger Lebensbedingungen [...]. Sie berechnen mahnend die möglichen Kosten eines
business as usual 2 für Deutschland: Allein für die Nichteinhaltung der europäischen Klimaziele
betragen sie 62 Milliarden Euro bis zum Jahr 2030.
Entscheidend aber ist: Statt den drohenden Untergang zu beschwören, werben die Sachverständigen
für den Aufbruch. Und tatsächlich muss wirksame Klimapolitik kein Akt von Verzweiflung und
20 Verzicht sein. Die Politik hat – so schreiben die Forscher – im Gegenteil die einmalige Chance, viele
zu Gewinnern zu machen.
Wer die Gunst des Augenblicks begreifen will, darf nicht nur das Papier der Leopoldina lesen. Erst vor
wenigen Tagen hat der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen
Entwicklung sein ökonomisches Urteil zur deutschen Klimapolitik vorgelegt. Selten zuvor waren
25 Wissenschaft und Ökonomie so bis ins Detail einer Meinung. Die Gutachter der Leopoldina fordern
einen „einheitlichen und sektorübergreifenden 3 Preis für Treibhausgasemissionen“ – bei den
Wirtschaftsweisen heißt der Preis „sektorübergreifend einheitlich“. Und selten stießen ihre
Vorschläge – bei allem populistischen Geraune: Klimasteuer, das wird teuer – auf so rasch wachsende
gesellschaftliche Akzeptanz. Teuer, so Forscher und Ökonomen unisono, wird vor allem das
30 Nichtstun.
Darum belassen es die Forscher auch nicht dabei, nur den Preis für CO 2 als politisches
Steuerungsinstrument einzusetzen. Die Einnahmen, fordern sie, müssen transparent in die
Klimapolitik reinvestiert werden. Als sozialer Ausgleich in Form einer Klima-Dividende. Als Puffer,
um die Kosten des Klimaschutzes (etwa die Strompreise!) abzufedern. Schließlich und zentral aber als
35 Investitions- und Innovationsprogramm.
Und wer zahlt? Vor allem die Wohlhabenden. Sie haben den nachweislich größeren ökologischen
Fußabdruck.
Gewinnen aber können alle: die Politik, wenn sie jetzt die Weichen für den Wandel – in der Sprache
der Nachhaltigkeitsdebatte: die große Transformation – stellt. Damit auch künftige Generationen gut
40 leben können und die Politik sich selbst ihren Gestaltungsspielraum für die Zukunft sichert. Die
Wirtschaft profitiert, weil sie weiter Wertschöpfung betreiben kann, statt beschränkte Ressourcen
weiter zu erschöpfen. Und die nachhaltigeren und besseren Infrastrukturen, etwa für Mobilität und
Energieversorgung, werden allen Menschen nützen.
Auch für die Wissenschaft ist dieser Umbau ein Gewinn. Ihre Ideen werden gefragt sein: für die
45 Energiespeicher der Zukunft wie für intelligent vernetzte Mobilitätssysteme.
Es sind [...] nicht nur Ingenieure oder Materialwissenschaftler, die den Innovationsprozess begleiten
müssen, sondern auch Gesellschaftsforscher, Historiker oder Psychologen. Denn der notwendige
Wandel macht vielen Menschen Angst. Die Politik kann ihn aber nur mit den Bürgern organisieren,
nicht gegen sie.
50 Das fängt beim richtigen Ton an. Es ist höchste Zeit für ein Aufbruchssignal. Jetzt!
1 Pressemitteilung „Klimaziele 2030“ der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina am Dienstag, den 23.07.2019
2 business as usual (engl.) – alles geht seinen Gang, weitermachen wie bisher
3 sektorübergreifend – jede Ebene betreffend, sei es national, regional, europäisch usw., hier insbesondere Energieerzeugung und -nutzung, Bereiche der Landnutzung, Ernährung, Küstenschutz, Schutz der Artenvielfalt, Widerstandskraft von Öko- und Sozialsystemen usw.
Andreas Sentker: Der Weckruf, 24.07.2019, in: DIE ZEIT Nr. 31/2019, URL: https://www.zeit.de/2019/31/leopoldina-nationale-wissenschaftsakademie-klimaschutz-bundesregierung-energiepolitik (abgerufen am 31.08.2020).
Hinweis
Andreas Sentker (*1964) ist geschäftsführender Redakteur der Wochenzeitschrift DIE ZEIT.
2
Stellen Sie unter Bezugnahme auf Hobbes, Rawls und Sentker (Material) dar, wie staatliches Handeln hinsichtlich gravierender Umweltprobleme vorgestellt werden könnte.
(45 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2 Stellen Sie unter Bezugnahme auf Hobbes, Rawls und Sentker (Material) dar, wie staatliches Handeln hinsichtlich gravierender Umweltprobleme vorgestellt werden könnte.
Lösung: Darstellung staatlichen Handelns zur Bewältigung von Umweltproblemen aus den Perspektiven von Thomas Hobbes, John Rawls und Andreas Sentker.
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