Aufgabe Vorschlag A · Abitur Hessen Musik GK 2021

Thema: Formprinzipien der Wiener Klassik: Sonatenhauptsatz und Rondo · Aus der Prüfung GK (2021)

Aufgabenstellung

Vorschlag A

Der Wandel des Formmodells im Sonatenhauptsatz am Beispiel eines Auszugs des ersten Satzes der Londoner Sinfonie Nr. 94 in G-Dur (1792) von Joseph Haydn (1732–1809)

Material 1

Egon Voss: Die klassische Symphonie – Haydns Londoner Symphonien im Überblick (2007)

Die Londoner Symphonien etablieren die klassische Orchesterbesetzung, also das Orchester aus je zwei Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagotten, Hörnern und Trompeten sowie aus Pauken und mehrfach besetzten Streichinstrumenten [...]. Geführt wird das Orchester der Londoner Symphonien von den Streichinstrumenten, was quantitativ wie qualitativ zu verstehen ist. [...] Entsprechend sind die Streichinstrumente nahezu pausenlos beschäftigt und die maßgeblichen Träger des musikalischen Geschehens. [...]

Die Londoner Symphonien etablieren neben der Orchesterbesetzung noch andere als klassisch geltende Merkmale [...]. Das Hauptgewicht liegt in der Regel auf dem Anfangssatz. [...] Der 1. Satz hat nicht zuletzt darum besonderes Gewicht, weil dem schnellen oder Allegro-Teil ein langsamer vorangeht, die Langsame Einleitung. Die Londoner Symphonien etablieren sie endgültig als festen Bestandteil der klassischen Symphonie. [...]

Das der Einleitung folgende Allegro weist ausnahmslos Sonatensatzform auf, mit den Abschnitten Exposition, Durchführung und Reprise. Während die Wiederholung der Exposition nach wie vor obligatorisch ist, verzichtet Haydn zum ersten Mal in seinen Symphonien auf die Wiederholungsvorschrift für Durchführung und Reprise [...].

Das Allegro beginnt ohne Ausnahme mit dem Hauptthema. Dessen Formmodell ist [...] die klassische Periode, gebildet aus einem 4-, 8- oder 16-taktigen Vordersatz und einem ebenso langen und motivisch-thematisch korrespondierenden Nachsatz. [...] Diese Formung garantiert Prägnanz und Geschlossenheit. Der Hörer weiß, woran er ist. [...]

Thema und Tutti sind in den Londoner Symphonien meist Gegensätze: Das Thema erscheint als das Individuelle, das bezeichnenderweise zumeist im Piano vorgetragen wird, das Tutti und sein Forte dagegen repräsentieren das Allgemeine. Ihm entsprechen darum formelhafte Wendungen, Laufwerk und Akkordbrechungen, neutrale Figuren, die den Klang beleben, ohne – und dies ist wesentlich – von der spezifischen Thematik des jeweiligen Satzes geprägt zu sein. [...] Die Tutti-Abschnitte haben mehrere Funktionen zugleich: Sie führen das volle Orchester vor und damit die Dimension des Forte und Fortissimo (Dynamik), sie bestätigen die jeweiligen Tonarten (Harmonik), und sie bestreiten die Abschnitte zwischen den Themen (Form), also Überleitung und Epilog, was allerdings auch Modulation einschließt. Ihr Kennzeichen ist der rauschende Klang, und es gehört zu den besonderen Merkmalen der Londoner Symphonien, dass Klangwirbel und -rausch mit immer wieder anderen Mitteln erzeugt werden. [...]

Nach verbreiteter Ansicht tendiert Haydn [in seinem gesamten sinfonischen Schaffen] zur Monothematik¹. In den Anfangssätzen der Londoner Symphonien haben jedoch elf Werke² ausgeprägt-eigenständige Seitenthemen [...]. Das Prinzip allerdings, auf dem Wege zum Seitensatz das Hauptthema auf anderer Tonstufe, meist der Dominante, zu wiederholen, wendet Haydn in fünf [... Londoner] Symphonien an [...].

Egon Voss: Die klassische Symphonie – Haydns Londoner Symphonien im Überblick, in: Renate Ulm (Hg.): Haydns Londoner Symphonien, Kassel 2007, S. 24–31, Hervorhebungen getilgt.

¹ Gemeint ist hier, dass die Exposition auf ein Thema beschränkt ist, welches dann auf unterschiedlichen Tonstufen erklingt.

² Es gibt insgesamt 12 Londoner Sinfonien.

Material 2: Joseph Haydn: Sinfonie Nr. 94 in G-Dur, Hob. I: 94 (1792), 1. Satz: Adagio / Vivace assai, T. 1–107

Notenmaterial (T. 1–107):

Übersetzung der englischen Instrumentenbezeichnungen: Flute: Flöte; Oboe: Oboe; Bassoon: Fagott; Horn in G: Horn in G (erklingt eine Quarte tiefer); Trumpet: Trompete; Timpani: Pauken; Violin I: 1. Violine; Violin II: 2. Violine; Viola: Bratsche; Violoncello: Violoncello; Contrabass: Kontrabass.

1

Nennen Sie die in dem Text aufgeführten Merkmale der Londoner Sinfonien von Haydn. (Material 1) [25 BE]

2

Analysieren Sie vor dem Hintergrund der in Aufgabe 1 genannten Merkmale das vorliegende Notenbeispiel im Hinblick auf die Form und arbeiten Sie charakteristische Merkmale der musikalischen Gestaltung, insbesondere des thematischen Materials ab „Vivace assai“ (T. 18 mit Auftakt), heraus. (Material 2, Hörbeispiel) [50 BE]

3

Beurteilen Sie auf der Grundlage Ihrer Ergebnisse aus den Aufgaben 1 und 2, inwieweit die im Text aufgeführten Merkmale auf das vorliegende Musikbeispiel zutreffen. [25 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag A · Abitur Hessen Musik GK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Nennen Sie die in dem Text aufgeführten Merkmale der Londoner Sinfonien von Haydn. (Material 1)

Lösung: Merkmale der Londoner Sinfonien laut Material 1: - klassische Orchesterbesetzung unter Führung der Streichinstrumente (quantitativ wie qualitativ; nahezu pausenlos beschäftigt) - Hauptgewicht einer Sinfonie liegt auf dem ersten Satz - Etablierung der langsamen Einleitung als fester Bestandteil - auf die langsame Einleitung folgt ein Allegro in der Sonatensatzform (Exposition, Durchführung, Reprise) - nur die Exposition wird wiederholt (Verzicht auf Wiederholungsvorschrift für Durchführung und Reprise) - Allegro-Teil beginnt mit dem Hauptthema im Formmodell der klassischen Periode - thematische Abschnitte und Tutti sind gegensätzlich angelegt und wechseln sich ab (Thema meist im Piano, Tutti im Forte) - Tutti-Abschnitte beinhalten u. a. Akkordbrechungen, Laufwerk und haben mehrere Funktionen (volles Orchester vorführen, Tonarten bestätigen, Überleitung/Epilog bilden, modulieren; rauschender Klang) - größtenteils eigenständige Seitenthemen (elf Werke); fünf Werke nutzen das Prinzip der Wiederholung des Hauptthemas auf anderer Tonstufe (Monothematik).

2. Analysieren Sie vor dem Hintergrund der in Aufgabe 1 genannten Merkmale das vorliegende Notenbeispiel im Hinblick auf die Form und arbeiten Sie charakteristische Merkmale der musikalischen Gestaltung, insbesondere des thematischen Materials ab „Vivace assai“ (T. 18 mit Auftakt), heraus. (Material 2, Hörbeispiel)

Lösung: Übersicht der formalen Gestaltung: - T. 1–17: langsame Einleitung, Adagio im 3/4-Takt - T. 18 mit Auftakt–107: Exposition (Vivace assai im 6/8-Takt) * T. 18 mit Auftakt–58: 1. Themengruppe bzw. Hauptsatz mit 1. Thema/Hauptthema (T. 18 mit Auftakt–21,1) * T. 59–79: Überleitung mit Modulation nach D-Dur * T. 80–99: 2. Themengruppe bzw. Seitensatz mit 2. Thema/Seitenthema (T. 80 mit Auftakt–86) * T. 99–107: Schlussgruppe (Alternativ kann T. 68–74 als 2. Thema und T. 80–107 als Schlussgruppe gedeutet werden.) Musikalische Gestaltung ab „Vivace assai“: - T. 18 mit Auftakt–21,1: viertaktiges 1. Thema mit charakteristischem Quartsprung in Vl. 1 im Piano; Grundtonart G-Dur erst auf Schlusston erreicht (gleichzeitig Beginn des Tutti). - T. 21–38: Tutti im Forte, schnelle 16tel-Läufe, ab T. 35 thematische Beziehung zum 1. Thema, reduziert auf Streicher und Fagott. - T. 39–43,1: Nach Pause Wiederkehr des 1. Themas in Vl. 1 mit Oboen-Gegenstimme. - T. 43–54: Forte-Tutti mit Dreiklangsbrechungen. - T. 54–59: 1. Thema in Moll. - T. 59–66: Tutti im Forte als modulierende Überleitung nach D-Dur. - T. 66–74: Tänzerische, schwebende Figur in Vl. 1 (D-Dur), piano, gefolgt von fließender 16tel-Bewegung (T. 74–79 Tutti). - T. 80 mit Auftakt–86: siebentaktiges Thema in Vl. 1 (D-Dur), piano; zweitaktiges Motiv wiederholt sich (T. 82 mit Auftakt–83), gefolgt von Kadenz (T. 84–86) mit Tonsprüngen. - T. 87–99: Veränderte Wiederholung mit Holzbläsern, Bläserfigur mit Oboen-Triller (ab T. 93). - T. 99–107: Forte-Tutti, greift 16tel-Skalen auf; Epilog endet in Unisono-Bewegungen und leitet mit Repetitionston h zur Wiederholung über.

3. Beurteilen Sie auf der Grundlage Ihrer Ergebnisse aus den Aufgaben 1 und 2, inwieweit die im Text aufgeführten Merkmale auf das vorliegende Musikbeispiel zutreffen.

Lösung: Beurteilung des Zutreffens der Merkmale: - Zutreffend: * Besetzung: Klassische Orchesterbesetzung unter Führung der Streicher, die nahezu pausenlos Träger des Geschehens sind. * Form: Langsame Einleitung vorhanden (T. 1–17); Sonatensatzform im schnellen Teil mit wiederholter Exposition (T. 18–107). * Kontrast: Themen stehen im Piano (vorgestellt von Vl. 1), Tutti im Forte mit typischen Skalen, Akkordbrechungen und formstabilisierenden/modulierenden Funktionen. * Seitenthema: Haydn verwendet ein eigenständiges Seitenthema (keine reine Monothematik). * Wiederholung des Hauptthemas vor dem Seitensatz auf anderer Stufe (in Moll, T. 54 ff.). - Nicht zutreffend bzw. modifiziert: * Noch keine Klarinetten besetzt (obwohl laut Text klassisch). * Themenbildung: Das 1. Thema (4 Takte) bildet keine klassische Periode mit symmetrischem Vorder- und Nachsatz; auch das 2. Thema (7 Takte) ist nicht streng periodisch aufgebaut.

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