Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Katholische Religion GK 2022
Thema: Jesus Christus: Reich-Gottes-Botschaft, Kreuz, Auferstehung und Nachfolge · Aus der Prüfung GK (2022)
Aufgabenstellung
Material 1
Franz Langstein: Predigt zu Mt 16,13–20 (2020)
Liebe Schwestern und Brüder!
1. Vor einigen Jahren hörte ich eine Predigt, in der der Prediger viel erzählte über das Geheimnis
Gottes, seine Fremdheit, seine Ferne, seine Unaussprechlichkeit, seine Unbegreiflichkeit usw. Alles
richtig und von tiefer Ehrfurcht bestimmt. Mich erinnerte das an eine Geschichte: da unterhielten sich
5 zwei Forscher, die im Urwald auf eine Lichtung stießen, die mit vielen Blumen angelegt war. Einer
der Forscher meinte sofort: „Hier muss ein Gärtner am Werk gewesen sein. Von selbst kann dies nicht
so wunderbar geordnet worden sein.“ „Nein“, meinte der andere, „es gibt keinen Gärtner.“ Da
schlugen sie die Zelte auf und überwachten die Lichtung. Kein Gärtner ließ sich blicken. Daraufhin
sagte der erste: „Vielleicht ist der Gärtner unsichtbar.“ Da spannten sie einen Stacheldraht um die
10 Lichtung und setzten ihn unter Strom. Aber nichts tat sich. Es kam kein Gärtner. Der erste aber ließ
nicht locker und behauptete: „Vielleicht ist der Gärtner unberührbar und unempfindlich gegen
elektrische Schläge und vielleicht hinterlässt er keine Spuren?“ Der andere antwortete: „Sag mal, was
ist denn eigentlich der Unterschied zwischen deinem unsichtbaren, unberührbaren, gegen elektrische
Ströme unempfindlichen und keine Spuren hinterlassenden Gärtner und überhaupt keinem Gärtner?“
15 Das ist genau der Punkt: Wir können Gott so sehr in das Reich des Geheimnisvollen, des
Unaussprechlichen, Unfassbaren, Unbegreiflichen, ja Unerfahrbaren hineinpredigen, dass man sich
fragen muss, wo da noch der Unterschied ist zwischen diesem fernen Gott und überhaupt keinem Gott.
Und ich glaube, dass das auch ein Problem unserer Zeit ist. Viele Menschen verbieten sich eine
Aussage über Gott oder gar eine Definition Gottes. Was ganz verständlich ist und vielleicht sogar
20 richtig. Aber genau damit rückt er weit weg. Worum geht es also? Es geht um die Frage: Wie kann
Gott aus dem Abstrakten ins Konkrete kommen? Wie kann Gott aus dem Geheimnis seines Daseins in
unsere Welt so treten, dass er sichtbar wird, erfahrbar wird? Also so, dass er nicht mehr
unaussprechlich ist, sondern dass wir Aussagen über ihn machen können?
2. […] Jesus fragt seine Jünger: „Für wen haltet ihr mich?“ Genau das ist die entscheidende Frage an
25 das Christentum, damit das Christentum als solches auch Christentum bleibt. Das ist eine Frage, die
den Kern des Glaubens betrifft. Ohne diesen Kern wären wir keine Christen. Es ist zu wenig zu sagen:
[…] Jesus sei ein Kämpfer für Gott, ein Mensch, der sich im Volk für Gott und für die Mitmenschen
eingesetzt hat. „Für wen haltet ihr mich?“ Wer ist Jesus für das Christentum?
3. Das ist die alles entscheidende Frage. Für uns Christen ist Jesus der, der uns Gott aus dem
30 Geheimnis in die konkrete Erfahrung gebracht hat. Jesus ist der, der Gott aus der Unsichtbarkeit in die
Sichtbarkeit gebracht hat. Jesus ist der, der Gott aus der Unaussprechlichkeit gebracht hat, so dass wir
durch das Leben und die Worte Jesu sehr wohl sagen können, wie Gott ist. Und Jesus ist der, der den
fernen Gott in die Nähe, ja in die Unmittelbarkeit des Menschen gebracht [hat]. Im Kolosserbrief heißt
es: „Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“. Also das Abbild Gottes. Die Selbstoffenbarung
35 Gottes. Und genau das ist das Einzigartige und Unverwechselbare des Christentums: Die Sichtbarkeit
Gottes durch Jesus Christus. Die Erfahrbarkeit Gottes durch Jesus Christus.
4. […] Petrus hat die Taten Jesu gesehen: Seine Liebe zu den Menschen, seine Wunder, seine Art und
Weise, wie er von Gott sprach. Petrus ahnt, dass da mit Jesus jemand auf Erden war, dessen Leben
nicht allein nur menschlich zu erklären war. Petrus ahnt, dass in Christus eine größere Macht, ein
40 höheres Geheimnis ins Dasein drängt, ja Gott gegenwärtig wird. Und Petrus kann das nicht in Worte
fassen. Er bedient sich der Worte, die damals geläufig waren. Auf die Frage, für wen die Jünger Jesus
halten, antwortet er: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“. Das ist jetzt weniger eine
dogmatische Aussage als vielmehr eine Aussage, die sich ergibt aus dem, wie die Jünger Jesus
erfahren haben. Sie haben seine Liebe gespürt und geahnt, dass dahinter die göttliche Liebe
45 durchscheint. Sie haben seine Worte gehört und es kam ihnen vor, als ob Gott zu ihnen sprechen
würde. Sie sahen seine Taten und spürten, dass da eine göttliche Macht am Werk war. Kurz: Sie haben
durch Christus Gott erfahren.
Franz Langstein: Predigt am 21. Sonntag im Jahreskreis 2020, Marburg 2020, URL: https://www.st-johannes-marburg.de/marburgstjohannes/pfarrei_stjohannes/Archiv/2020/23_08_2020.php (abgerufen am 19.07.2021).
Hinweis
Franz Langstein (geb. 1958): katholischer Pfarrer
Material 2
Kevin Smith: Buddy Christ (1999)
Hinweise
Die Figur „Buddy Christ“ stammt aus dem US-amerikanischen Spielfilm „Dogma“ von Kevin Smith, der 1999 entstand.
Kevin Smith (geb. 1970): US-amerikanischer Regisseur, Produzent, Drehbuchautor, Schauspieler und Comicautor
Vorschlag B – Gott: verborgen und offenbar
3.1
Beschreiben Sie das Jesusbild, das mit der „Buddy-Christ“-Figur vermittelt wird. (Material 2) [15 BE]
3.2
Beurteilen Sie vor dem Hintergrund der Reich-Gottes-Botschaft Jesu, ob die „Buddy-Christ“-Figur geeignet ist, „Gott aus der Unsichtbarkeit in die Sichtbarkeit“ zu bringen. [30 BE]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3.1 Beschreiben Sie das Jesusbild, das mit der „Buddy-Christ“-Figur vermittelt wird. (Material 2)
Lösung: Die Figur zeigt Jesus als modernen „Kumpel-Typ“ bzw. Popkultur-Helden: Traditionelle Merkmale (lange Haare, Bart, Gewand, Herz-Jesu-Emblem) werden kombiniert mit heiter-lockeren Gesten (breites Grinsen, sichtbare Zähne, Zwinkern mit dem rechten Auge, Siegerpose mit Daumen nach oben links, auffordernder Zeigegestus der rechten Hand auf den Betrachter). Jesus wird als cooler, nahbarer und dynamischer Gewinner-Typ inszeniert.
3.2 Beurteilen Sie vor dem Hintergrund der Reich-Gottes-Botschaft Jesu, ob die „Buddy-Christ“-Figur geeignet ist, „Gott aus der Unsichtbarkeit in die Sichtbarkeit“ zu bringen.
Lösung: Ambivalente Beurteilung: Einerseits suggeriert die Figur Niedrigschwelligkeit und Nähe, was an Jesu Zuwendung zu den Menschen anknüpfen kann. Andererseits verharmlost sie die Reich-Gottes-Botschaft: Jesu echte Nähe erwies sich im Teilen von Leid, Kreuz, Hingabe und der radikalen Option für die Armen, nicht in oberflächlicher Kumpelhaftigkeit und Show-Gesten. Die Figur bannt Jesus in ein eindimensionales Klischee („Sunnyboy/Superman“), blendet Konflikt, Kreuz und Gottes unbegreifliche Transzendenz völlig aus und widerspricht damit dem Geist des biblischen Bilderverbots und der Analogielehre.
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