Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2 · Abitur Hessen Erziehungswissenschaft LK 2022

Thema: Öffentliches Bildungssystem, Schule und Schulabsentismus · Aus der Prüfung LK (2022)

Aufgabenstellung

2 Das System öffentlicher Bildung und Erziehung

2.1

Beschreiben Sie fünf Merkmale der Unterrichtsgestaltung, die einen qualitätsvollen und erfolgreichen Unterricht erzeugen können. [15 BE]

Material 3: Die Vorzüge von Homeschooling sind eng begrenzt (2020)

Auch als Ruheständler ist der Oldenburger Erziehungswissenschaftler Hilbert Meyer noch viel unterwegs in deutschen Schulen und hält engen Kontakt zu vielen Lehrkräften und Schulleitungen. Wie beurteilt er die Erfahrungen aus der Coronakrise? Ein Gespräch.

[...] PÄDAGOGIK: Reines Homeschooling gibt es ja kaum mehr. Mittelfristig dürfte die Frage wichtiger sein, wie gut wir mit dem Blended Learning, also mit der Kombination von Präsenz- und Fernunterricht, klargekommen sind. Könnte diese Kombination zum Zukunftsmodell werden?

Hilbert Meyer: Meine Skepsis ist groß! Natürlich ist Blended Learning möglich – das hat die Pandemie gezeigt. Aber es ist sehr schwer, dabei didaktisch-methodische Qualitätsansprüche an Unterricht aufrechtzuerhalten, z. B. die Ausbalancierung von offenen und geschlossenen Aufgabenstellungen, die Nutzung von Feedback, die Stärkung des selbstgesteuerten Lernens, Hilfen beim Aufbau von Medienmündigkeit, die gezielte Unterstützung von Schüler*innen in prekären Lebensverhältnissen und so weiter. Es überrascht ja nicht, dass es an vielen Schulen einen Rückfall in die Steinzeit-Didaktik gab: Die Schüler*innen kamen einmal pro Woche in die Klasse, die Lehrperson erläuterte das Lernpaket für die nächste Woche, beantwortete Rückfragen, sprach ein wenig Mut zu und schickte alle wieder nach Hause. Lernpaket – was für ein schrecklicher Begriff! Oft genug bestand das Päckchen nur aus den Seitenangaben zu den Aufgaben in den Deutsch- und Mathebüchern und aus Arbeitsblättern, deren Problematik seit Langem bekannt ist, die nun aber immer deutlicher wird. Eine engagierte Gymnasiallehrerin kommentierte das so: „Ich unterrichte nicht mehr Französisch, ich stelle nur noch Aufgaben.“ Und ein Schulleiter sagte mir am Telefon: „Jetzt wird deutlich, wie gut die eine Kollegin ihr Geschäft versteht und wie schlecht die andere.“ Die Stärke der Schule war seit jeher das sinnstiftende Kommunizieren in einer Lerngemeinschaft – und das ist in digitalen Settings nur in seltenen Glücksfällen möglich. Deshalb geht es für mich in der Coronapandemie um Schadensbegrenzung – mehr ist nicht drin!

PÄDAGOGIK: Einige sehen einen deutlichen Vorteil des Fernunterrichts darin, dass die Schüler*innen im eigenen Takt lernen und den Tagesablauf selbstständig gestalten können. Wie siehst du das?

Hilbert Meyer: Das stimmt natürlich ein Stück weit. Aber wer profitiert davon? Es gibt Schüler*innen, die schnell, selbstständig und gut arbeiten; andere, die schnell und schludrig sind; und dritte, die langsam arbeiten, die zögerlich sind, die die Aufgaben vor sich herschieben und von ihren Eltern zur Arbeit gezwungen werden müssen. Leistungsstarke und gut strukturierte Schüler*innen haben Vorteile davon, im eigenen Takt zu arbeiten und nicht durch Mitschüler*innen abgelenkt zu werden. Aber was passiert mit jenen Schüler*innen, die die unverzichtbare klare Struktur nicht herzustellen vermögen, deren Erziehungsberechtigte keine Helikoptereltern sind, sondern so mit eigenen Problemen zu tun haben, dass sie gar nicht dazu kommen, ihre Kinder beim Lernen zu begleiten, einen vernünftigen Arbeitsplatz einzurichten und nachzuschauen, ob die Aufgaben erledigt worden sind? Die Heterogenität der Schülerschaft war schon immer groß. Aber beim Blended Learning wird sie unauffällig auffälliger, weil die Lehrpersonen das Arbeitsverhalten ja nicht mehr beobachten und auch nicht helfend eingreifen können. Sie verlieren Schüler*innen aus dem Blick, manche tauchen regelrecht ab, liefern keine Hausaufgaben ab oder tricksen, z. B. indem sie leere Dateien abgeben und behaupten, beim Abschicken seien sie noch voll gewesen. [...]

PÄDAGOGIK: Du hast vorhin schon den Aspekt der ungenügenden Chancengerechtigkeit unseres Schulsystems angesprochen: Die ohnehin sozial benachteiligten Kinder und Jugendlichen könnten durch Homeschooling noch weiter abgehängt werden. Was tun, damit die Bildungsgerechtigkeit durch die Coronakrise nicht noch weiter verstärkt wird?

Hilbert Meyer: Ich sehe keine Chancen, durch Digitalisierung das Problem der Bildungsgerechtigkeit zu beheben – im Gegenteil, die soziale Kopplung des Lernerfolgs wird durch Digitalisierung und Blended Learning größer! Ich habe gelesen, dass z. B. Jörg Dräger, der Leiter der Bertelsmann-Abteilung für Bildung, in seinem Buch „Die Digitale Bildungsrevolution“ (2017) angekündigt hat, dass nun endlich – gut 200 Jahre nach der in der Französischen Revolution geborenen Idee der „Bildung als Menschenrecht“ – eine nachhaltige Demokratisierung der Bildung möglich werde, weil jeder, der das will, kostenlosen Zugriff zu den Vorlesungen in Princeton und Harvard hätte und sich seine Lernerfolge online testieren lassen könne. Solche Vorstellungen gehen meines Erachtens völlig an der Wirklichkeit vorbei. Schüler*innen, die sowieso auf der Überholspur sind, können damit klarkommen. Schüler*innen aus prekären Lebenslagen, z. B. mit Lernbeeinträchtigungen oder fehlender Sprachkompetenz, erreicht man so nicht. Sie brauchen – mehr als alle anderen – persönliche und direkte Zuwendung, Ermutigung und Kritik. Was tun? Um diese Risikoschüler*innen wirklich nachhaltig unterstützen zu können, benötigen wir eine inklusive Schule für alle und eine Didaktik der Vielfalt, in der gemeinsames Lernen und individuelle Profilbildung von der ersten Klasse an miteinander verknüpft werden können. In dem mit vier Koautor*innen verfassten Buch „Bildung gegen Spaltung“ [...] haben wir das Konzept einer solchen inklusiven Schule beschrieben, in der an die Stelle von Bildungsstandards und Kompetenzkatalogen „Stufenkoffer der Bildung“ treten, die definieren, welche Lernmöglichkeiten den Schüler*innen auf jeder Schulstufe geboten werden sollten. Die Umsetzung eines solchen Konzepts erfordert viel Arbeit und eine klare pädagogische Haltung – aber alles, was wir dort vorschlagen, ist schon irgendwo in Deutschland erfolgreich realisiert worden.

geändert nach: Die Vorzüge von Homeschooling sind eng begrenzt, in: PÄDAGOGIK Kooperation im Kollegium. Weinheim, Jahrgang 72, Heft 12/2020, S. 44 ff.

2.2

Arbeiten Sie aus dem Interview „Die Vorzüge von Homeschooling sind eng begrenzt“ (Material 3) die Position von Hilbert Meyer zum Blended Learning heraus. [20 BE]

2.3

Diskutieren Sie ausgehend von Material 3 die Vor- und Nachteile, die mit Blended Learning einhergehen. [15 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2 · Abitur Hessen Erziehungswissenschaft LK 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2.1 Beschreiben Sie fünf Merkmale der Unterrichtsgestaltung, die einen qualitätsvollen und erfolgreichen Unterricht erzeugen können.

Lösung: Fünf Merkmale guten Unterrichts nach Hilbert Meyer (auszuwählen aus zehn Merkmalen): - Klare Strukturierung des Unterrichts: Ein funktionierendes Unterrichtsmanagement und ein erkennbarer „roter Faden“; verständliche Lehrersprache, Rollenklarheit und Klarheit der Aufgabenstellungen. - Lernförderliches Klima: Wertschätzung, gegenseitiger Respekt, Höflichkeit, Rücksichtnahme, angstfreies Lernen und Wohlbefinden aller Beteiligten. - Inhaltliche Klarheit: Verständliche Aufgabenstellung, plausibler thematischer Gang, verbindliche Ergebnissicherung, Aufgreifen von Vorerfahrungen und eine Kultur der Fehlerfreundlichkeit. - Transparente Leistungserwartungen: Besprechung und nachvollziehbare Erläuterung von Erwartungen und Rückmeldungen, Klarheit über Aufgaben, regelmäßiges Feedback. - Hoher Anteil echter Lernzeit: Maximierung der aktiv und aufgabenbezogen genutzten Lernzeit, Vermeidung von Disziplinstörungen und Abschweifungen. - Sinnstiftendes Kommunizieren: Schüler*innen erleben Lernen als bedeutsam und lustvoll, bringen Interessen ein und erhalten differenzierte Rückmeldungen. - Methodenvielfalt: Variation von Sozialformen, Verlaufs- und Handlungsmustern sowie Grundformen (Lehrgang, Freiarbeit, Projektarbeit etc.). - Individuelles Fördern: Unterstützung jedes Kindes entsprechend seiner Potenziale durch differenzierte Aufgaben, Lernschleifen und Hilfestellungen. - Intelligentes Üben: Passgenaue Übungsformate im richtigen Rhythmus, Förderung von Lernstrategien und Übungskompetenz. - Vorbereitete Umgebung: Funktionale Ordnung, anregende Raumgestaltung, passender Lärmpegel und pfleglicher Umgang mit Lernwerkzeugen.

2.2 Arbeiten Sie aus dem Interview „Die Vorzüge von Homeschooling sind eng begrenzt“ (Material 3) die Position von Hilbert Meyer zum Blended Learning heraus.

Lösung: Wesentliche Aspekte zu Meyers Position (mit Text- bzw. Zeilenbelegen): - Begriff & Ausgangspunkt: Blended Learning verbindet Präsenz- und Fernunterricht. - Skeptische Grundhaltung: Meyer steht Blended Learning sehr kritisch gegenüber, da zentrale Qualitätsansprüche an Unterricht im digitalen Raum kaum gewährleistet werden können. - Verlust von Unterrichtsqualität: Balance zwischen Aufgabenformaten, Feedbackkultur, selbstgesteuertes Lernen und Medienmündigkeit lassen sich kaum realisieren; stattdessen droht Rückfall in eine reine Aufgabenstell-Didaktik („Steinzeit-Didaktik“, Arbeitsblätter ohne echte Vermittlung). - Verlust der Lerngemeinschaft: Das sinnstiftende Kommunizieren in einer Lerngemeinschaft gehe in digitalen Settings weitgehend verloren. - Verschärfung von Ungleichheit: Die Heterogenität wird problematisch, da strukturierte und leistungsstarke Schüler*innen profitieren, während schwächere Lernende mangels familiärer Unterstützung oder eigener Strukturierung den Anschluss verlieren („tauchen regelrecht ab“). - Verstärkung von Bildungsungerechtigkeit: Digitalisierung löst keine Ungerechtigkeit, sondern vergrößert die soziale Koppelung des Schulerfolgs; Schüler*innen aus prekären Lagen benötigen direkte persönliche Zuwendung. - Pädagogische Konsequenz / Gegenentwurf: Meyer fordert eine „inklusive Schule für alle“ und eine „Didaktik der Vielfalt“ mit individueller Profilbildung statt starrer Bildungsstandards (Konzept des „Stufenkoffers der Bildung“).

2.3 Diskutieren Sie ausgehend von Material 3 die Vor- und Nachteile, die mit Blended Learning einhergehen.

Lösung: Vorteile von Blended Learning: - Selbstbestimmtes Arbeiten: Leistungsstarke, gut strukturierte Lernende können im eigenen Lerntempo und nach persönlichen Interessen arbeiten. - Konzentration: Wegfall störender Einflüsse durch Mitschüler*innen kann die Arbeits- und Lernbereitschaft steigern. - Autonomie & Flexibilität: Anpassung von Lernzeiten und -orten an individuelle Rhythmen fördert Selbstorganisation und Motivation. Nachteile von Blended Learning: - Exklusion von Risikogruppen: Lernende mit Beeinträchtigungen, Sprachdefiziten oder geringer Selbstdisziplin werden abgehängt. - Abhängigkeit vom Elternhaus: Fehlende Unterstützung bildungsferner oder überlasteter Eltern verstärkt Bildungsungleichheit. - Defizite bei Sozialkompetenzen: Team-, Kritik- und Kompromissfähigkeit können im Fernunterricht kaum eingeübt werden. - Mangelnde Beziehungsarbeit: Eingeschränkter persönlicher Austausch zwischen Lehrkraft und Lernenden erschwert individuelle Förderung und vertiefte Leistungsbeurteilung. Fazit: Blended Learning bietet für selbstständige und privilegierte Lerntypen Chancen und fördert Medien- sowie Selbstlernkompetenzen für die moderne Arbeitswelt. Dem Ziel umfassender Chancengerechtigkeit wird es jedoch nicht gerecht, da es bestehende soziale Scheren vergrößert, weshalb ohne intensive direkte pädagogische Unterstützung und multiprofessionelle Förderung keine faire Bildungsteilhabe gewährleistet werden kann.

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