Aufgabe Vorschlag B - 3 · Abitur Hessen Deutsch LK 2022
Thema: Erörterung und Stellungnahme · Aus der Prüfung LK (2022)
Aufgabenstellung
Material
E.T.A. Hoffmann: Der Magnetiseur – Eine Familienbegebenheit (1814)
Maria, die Tochter eines Barons, lernt den Arzt Alban durch ihren Bruder Ottmar kennen, der den von ihm verehrten Freund in die Familie einführt. Nach dem ersten Besuch Albans wird Maria von einer rätselhaften Krankheit heimgesucht, die der Arzt aufgrund seiner besonderen Fähigkeiten heilen soll. In einem Brief berichtet Maria ihrer Freundin Adelgunde über den Krankheitsverlauf und Albans Heilkunst.
Nun muß ich Dir aber etwas Besonderes sagen – nämlich, was mein Genesen betrifft, das habe ich ei-
nem herrlichen Mann zu danken, den Ottmar schon früher ins Haus gebracht, und der in der Residenz 1
unter all den großen und geschickten Ärzten der einzige sein soll, der das Geheimnis besitzt, eine sol-
che sonderbare Krankheit wie die meinige schnell und sicher zu heilen. – Das Besondere ist aber, daß
5 in meinen Träumen und Erscheinungen immer ein schöner ernster Mann im Spiele war, der unerachtet
seiner Jugend mir wahrhafte Ehrfurcht einflößte, und der bald auf diese, bald auf jene Weise, aber im-
mer in langen Talaren gekleidet, mit einer diamantnen Krone auf dem Haupte, mir wie der romanti-
sche König in der märchenhaften Geisterwelt erschien und allen bösen Zauber löste. Ich mußte ihm
lieb und innig verwandt sein, denn er nahm sich meiner besonders an, und ich war ihm dafür mit mei-
10 nem Leben verpflichtet. […] Ach, liebe Adelgunde, wie erschrak ich nun, als ich auf den ersten Blick
in Alban jenen romantischen König aus meinen Träumen erkannte. – Alban ist nämlich eben der sel-
tene Arzt, den Ottmar schon vor langer Zeit einmal als seinen Herzensfreund aus der Residenz mit-
brachte; indessen war er mir damals bei dem kurzen Besuch so gleichgültig geblieben, daß ich mich
nachher nicht einmal seines Äußeren zu entsinnen wußte. – Alsdann aber, als er wiederkam, zu meiner
15 Heilung berufen, wußte ich mir selbst von der innern Empfindung, die mich durchdrang, nicht Re-
chentschaft zu geben. – So wie Alban überhaupt in seiner Bildung, in seinem ganzen Betragen eine ge-
wisse Würde, ich möchte sagen, etwas Gebietendes hat, das ihn über seine Umgebung erhebt, so war
es mir gleich, als er seinen ernsten durchdringenden Blick auf mich richtete: ich müßte alles unbedingt
tun, was er gebieten würde, und als ob er meine Genesung nur recht lebhaft wollen dürfe, um mich
20 ganz herzustellen. Ottmar sagte: ich solle durch den sogenannten Magnetismus 2 geheilt werden, und
Alban werde durch gewisse Mittel mich in einen exaltierten 3 Zustand setzen, in dem ich schlafend und
in diesem Schlaf erwachend, selbst meine Krankheit genau einsehen und die Art meiner Kur bestim-
men werde. Du glaubst nicht, liebe Adelgunde, welch ein eignes Gefühl von Angst – Furcht, ja Grau-
sen und Entsetzen mich durchbebte, wenn ich an den bewußtlosen und doch höher lebenden Zustand
25 dachte, und doch war es mir nur zu klar, daß ich mich vergebens dagegen sträuben würde, was Alban
beschlossen. – Jene Mittel sind angewendet worden, und ich habe, meiner Scheu, meiner Furcht zum
Trotz, nur wohltätige Folgen gespürt. – Meine Farbe, meine Munterkeit ist wiedergekehrt, und statt
der entsetzlichen Spannung, in der mir oft das Gleichgültigste zur Qual wurde, befinde ich mich in ei-
nem ziemlich ruhigen Zustande. Jene närrischen Traumbilder sind verschwunden, und der Schlaf er-
30 quickt mich, indem selbst das tolle Zeug, was mir oft darin vorkommt, statt mich zu quälen, mich be-
lebt und erheitert. – […]. [Z]uweilen muß ich plötzlich an Alban denken, er steht vor mir, und ich ver-
sinke nach und nach in einen träumerischen Zustand, dessen letzter Gedanke, in dem mein Bewußtsein
untergeht, mir fremde Ideen bringt, welche mit besonderem, ich möchte sagen, golden glühendem Le-
ben mich durchstrahlen, und ich weiß, daß Alban diese göttlichen Ideen in mir denkt, denn er ist dann
35 selbst in meinem Sein wie der höhere belebende Funke, und entfernt er sich, was nur geistig gesche-
hen kann, da die körperliche Entfernung gleichgültig ist, so ist alles erstorben. Nur in diesem mit Ihm
und in Ihm Sein kann ich wahrhaftig leben, und es müßte, wäre es ihm möglich, sich mir geistig ganz
zu entziehen, mein Selbst in toter Öde erstarren; ja, indem ich dieses schreibe, fühle ich nur zu sehr,
daß nur Er es ist, der mir den Ausdruck gibt, mein Sein in ihm wenigstens anzudeuten. – Ich weiß
40 nicht, Adelgundchen, ob ich Dir nicht fremdartig oder vielleicht als eine phantastische Schwärmerin
erscheine, ob Du mich überhaupt verstehst, und es war mir, als ob eben jetzt leise und wehmütig der
Name: Hypolit 4, über Deine Lippen gleite. – Glaube mir, daß Hypolit nie inniger von mir geliebt
wurde, ich nenne ihn oft im frommen Gebet um sein Heil. – Die heiligen Engel mögen ihn schirmen
vor jedem feindlichen Streich, der ihm in wilder Feldschlacht droht. Aber, seitdem Alban mein Herr
45 und Meister ist, dünkt es mich, nur durch Ihn könne ich meinen Hypolit stärker und inniger lieben, und
als habe ich die Macht, mich wie sein Schutzgeist zu ihm zu schwingen und ihn mit meinem Gebet
wie mit einem Seraphsfittich 5 zu umhüllen, so daß der Mord ihn vergebens, listig spähend, um-
schleicht. Alban, der hohe, herrliche Mann, führt mich als die durch das höhere Leben geweihte Braut
in seine Arme; aber nicht ohne seinen Meister darf das Kind sich in die Stürme der Welt wagen. – Erst
50 seit wenigen Tagen erkenne ich ganz Albans wahrhaftige Größe. – Aber glaubst du wohl, liebe Adel-
gunde, daß, als ich noch kränker und über alle Maßen reizbar war, sich oft niedrige Zweifel gegen
meinen Herrn und Meister in meiner Brust erhoben? – Da hielt ich es denn für gesündigt gegen Liebe
und Treue, wenn selbst im Gebet für meinen Hypolit Albans Gestalt in meinem Innern aufstieg, zür-
nend und drohend, daß ich ohne ihn mich hinauswagen wolle aus dem Kreise, den er mir beschrieben,
55 wie ein böses Kind, das, des Vaters Warnung vergessend, hinauslaufe aus dem friedlichen Garten in
den Wald, wo feindliche Tiere blutgierig hinter den grünen anmutigen Büschen lauern. Ach, Adel-
gunde! – diese Zweifel quälten mich schrecklich. Lache mich recht aus, wenn ich Dir sage, daß ich
sogar auf den Gedanken geriet: Alban wolle mich künstlich umstricken und unter dem Schein des hei-
ligen Wunders irdische Liebe in meinem Innern entzünden. – Ach, Hypolit! – Neulich saßen wir, der
60 Vater, der Bruder, der alte Bickert 6 und ich traulich abends beisammen; Alban war, wie es seine Ge-
wohnheit ist, noch auf weitem Spaziergange begriffen. Es war die Rede von Träumen, und der Vater
sowie Bickert wußten davon allerlei Wunderbares und Ergötzliches zu sagen. Da nahm auch Ottmar
das Wort und erzählte, wie nach Albans Rat und unter seiner Leitung es einem seiner Freunde gelun-
gen sei, eines Mädchens innige Liebe dadurch zu gewinnen, daß er ohne ihr Wissen, wenn sie schlief,
65 in ihrer Nähe war und ihre innersten Gedanken durch magnetische Mittel auf sich leitete. Dazu kam,
daß der Vater und auch mein alter treuer Bickert sich, wie sie noch nie in meiner Gegenwart getan, be-
stimmt und hart gegen den Magnetismus und auch in gewisser Art gegen Alban erklärten – alle Zwei-
fel gegen den Meister erwachten mit doppelter Stärke in meiner Seele – wie wenn er sich geheimer
höllischer Mittel bediente, mich zu seiner Sklavin zu fesseln; wie wenn er dann geböte, ich solle, nur
70 ihn in Sinn und Gedanken tragend, Hypolit lassen? Ein nie gekanntes Gefühl ergriff mich mit tötender
Angst; ich sah Alban in seinem Zimmer mit unbekannten Instrumenten und häßlichen Pflanzen und
Tieren und Steinen und blinkenden Metallen umgeben, wie er in krampfhafter Bewegung seltsame
Kreise mit den Armen und Händen beschrieb. Sein Gesicht, sonst so ruhig und ernst, war zur grausi-
gen Larve 7 verzogen, und aus seinen glutroten Augen schlängelten sich in ekelhafter Schnelle blanke,
75 glatte Basiliske 8, wie ich sie sonst in den Lilienkelchen zu erblicken wähnte. Da war es, als gleite ein
eiskalter Strom über meinen Rücken hin, ich erwachte aus meinem ohnmachtähnlichen Zustande; Al-
ban stand vor mir – aber, du heiliger Gott! nicht er war's, nein! jene entsetzliche Larve, die meine Ein-
bildung geschaffen! – Wie habe ich am andern Morgen mich vor mir selbst geschämt!
Ernst Theodor Amadeus Hoffmann: Poetische Werke, Bd. 1, Berlin/New York 1993, S. 193–197.
Hinweis: Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Residenz – Wohnsitz eines weltlichen oder kirchlichen Oberhauptes
2 Magnetismus – hier: Fähigkeit mancher Menschen, hypnotisierende Heilkräfte auszustrahlen
3 exaltiert – aufgeregt, übersteigert
4 Hypolit – Verlobter Marias und Bruder Adelgundes
5 Seraphsfittich – Engelsflügel
6 Bickert – Maler, langjähriger Hausfreund der Familie
7 Larve – Gesichtsmaske; auch leeres, nichtssagendes Gesicht
8 Basilisk – mythisches schlangen- oder echsenartiges Ungeheuer
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In ihrem 1967 erschienenen Werk „Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens“ äußern sich die beiden Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich über die Bedeutung von Tabus:
„Von einem Tabu geht ein faktisches Verbot aus: ‚Du sollst nicht...‘ Aber das Verbot ist darüber hinaus mit einer Denkhemmung verknüpft. Die zentrale Definition eines Tabus lautet: Wo immer man nicht mehr weiter zu fragen wagt oder nicht einmal auf den Gedanken kommt, es zu tun, hat man es mit einem Tabu zu tun. Die Gefühle, mit denen man ihm begegnet, können also gar nicht anders als zwiespältig sein. Seit Adam und Eva lockt es insgeheim die Lust, es zu übertreten, hervor.“
Diskutieren Sie, ausgehend von diesem Zitat, die Rolle von Tabus und Tabubrüchen in literarischen Werken vor dem Hintergrund von Aufgabe 1 und 2 sowie Ihrer Leseerfahrungen im Deutschunterricht der Qualifikationsphase.
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Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3 In ihrem 1967 erschienenen Werk „Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens“ äußern sich die beiden Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich über die Bedeutung von Tabus: [...] Diskutieren Sie, ausgehend von diesem Zitat, die Rolle von Tabus und Tabubrüchen in literarischen Werken vor dem Hintergrund von Aufgabe 1 und 2 sowie Ihrer Leseerfahrungen im Deutschunterricht der Qualifikationsphase.
Lösung: Ausführliche Erörterung zur Funktion von Tabus und Tabubrüchen in literarischen Kontexten.
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