Aufgabe Vorschlag B - Teil I · Abitur Hessen Altgriechisch LK 2021

Thema: Übersetzung: Homer (epischer Hexameter) · Aus der Prüfung LK (2021)

Aufgabenstellung

I Übersetzung

Übersetzen Sie den Text (Material 1) in angemessenes Deutsch.

Material 1 (Vorschlag B)

Vorbemerkung

Achill hatte dem sterbenden Hektor angekündigt, seinen Leichnam niemals den Eltern zurückzugeben, und den Toten dann auch mehrfach geschändet. Am Schluss der Ilias gelangt Priamos unter göttlichem Geleit in das Zelt des Achill und bittet diesen kniefällig um die Rückgabe von Hektors Leichnam. Dabei erinnert er Achill an dessen eigenen Vater Peleus, um Mitgefühl zu erregen.

Ὣς φάτο, τῷ δ’ ἄρα πατρὸς ὑφ’ ἵμερον ὦρσε γόοιο·

2 ἁψάμενος δ’ ἄρα χειρὸς ἀπώσατο ἦκα γέροντα. […]

καί μιν φωνήσας ἔπεα πτερόεντα προσηύδα·

4 „ἆ δείλ’, ἦ δὴ πολλὰ κάκ’ ἄνσχεο σὸν κατὰ θυμόν.

πῶς ἔτλης ἐπὶ νῆας Ἀχαιῶν ἐλθέμεν οἶος,

6 ἀνδρὸς ἐς ὀφθαλμούς, ὅς τοι πολέας τε καὶ ἐσθλοὺς

υἱέας ἐξενάριξε; σιδήρειόν νύ τοι ἦτορ.

8 ἀλλ’ ἄγε δὴ κατ’ ἄρ’ ἕζευ ἐπὶ θρόνου, ἄλγεα δ’ ἔμπης

ἐν θυμῷ κατακεῖσθαι ἐάσομεν ἀχνύμενοί περ· […]“

10 τὸν δ’ ἠμείβετ’ ἔπειτα γέρων Πρίαμος θεοειδής·

„μή πω μ’ ἐς θρόνον ἵζε, διοτρεφές, ὄφρα κεν Ἕκτωρ

12 κεῖται ἐνὶ κλισίῃσιν ἀκηδής, ἀλλὰ τάχιστα

λῦσον, ἵν’ ὀφθαλμοῖσιν ἴδω· σὺ δὲ δέξαι ἄποινα

14 πολλά, τά τοι φέρομεν· σὺ δὲ τῶνδ’ ἀπόναιο, καὶ ἔλθοις

σὴν ἐς πατρίδα γαῖαν, ἐπεί με πρῶτον ἔασας

16 αὐτόν τε ζώειν καὶ ὁρᾶν φάος ἠελίοιο.“

τὸν δ’ ἄρ’ ὑπόδρα ἰδὼν προσέφη πόδας ὠκὺς Ἀχιλλεύς·

18 „μηκέτι νῦν μ’ ἐρέθιζε, γέρον· νοέω δὲ καὶ αὐτὸς

Ἕκτορά τοι λῦσαι, […].

20 τῶ νῦν μή μοι μᾶλλον ἐν ἄλγεσι θυμὸν ὀρίνῃς,

μή σε, γέρον, οὐδ’ αὐτὸν ἐνὶ κλισίῃσιν ἐάσω

22 – καὶ ἱκέτην περ ἐόντα – Διὸς δ’ ἀλίτωμαι ἐφετμάς.“

ὣς ἔφατ’, ἔδεισεν δ’ ὁ γέρων καὶ ἐπείθετο μύθῳ.

(183 Wörter)

Übersetzungshilfen

Vers · Erläuterung

V. 1 · φάτο – Subjekt ist Priamos

τῷ – gemeint ist Achilleus

ὑφ’ […] ὦρσε – 3. Sg. Ind. Aor. Akt. von ὑπόρνυμι (erregen, erwecken)

ὁ ἵμερος γόοιο m. Gen. – die trauervolle Sehnsucht nach jmdm./etw.

V. 2 · ἅπτομαι m. Gen. – berühren

ἀπώσατο – 3. Sg. Ind. Aor. Med. von ἀπωθέομαι (von sich wegstoßen, wegschieben)

ἦκα – sanft

V. 4 · ἆ δείλ[ε] – ach, Armer!

ἦ δή – ja, in der Tat

ἄνσχεο – 2. Sg. Ind. Aor. Med. von ἀνέχομαι (aushalten, ertragen)

V. 5 · ἔτλης – du hast es über dich gebracht

ἐλθέμεν = ἐλθεῖν

V. 6 · τοι = σοι

πολέας = πολλούς

V. 7 · ἐξενάριξε – 3. Sg. Ind. Aor. Akt. von ἐξεναρίζω (töten)

σιδήρειος, -α, -ον – eisern

σιδήρειον – ergänze: ἐστί

τοι – siehe oben V. 6

V. 8 · κατ’ […] ἕζευ – lass dich nieder

ἔμπης – trotzdem (weist auf das konzessive Partizip ἀχνύμενοί περ [V. 9])

V. 9 · κατακεῖσθαι ἐάσομεν – wir wollen ruhen lassen ( d.h. nicht davon sprechen)

V. 11 · ἵζω m. Akk. – jmdn. setzen

ὄφρα – solange

V. 12 · ἡ κλισίη, -ης – das Zelt (κλισίῃσιν ist hier im Singular zu übersetzen)

ἀκηδής, -ές – unversorgt

V. 13 · λῦσον – hier: gib heraus

δέξαι – 2. Sg. Imperativ Aor. Med. von δέχομαι (annehmen)

τὰ ἄποινα, -ων – das Lösegeld

V. 14 · τοι – siehe oben V. 6

ἀπόναιο – 2. Sg. Opt. Aor. Med. von ἀπονίναμαι ( m. Gen.: etw. genießen)

V. 15 · πρῶτον – bereits

ἐάω m. AcI – (zu)lassen, dass

V. 16 · αὐτόν – beziehe αὐτόν auf με (V. 15)

ζώειν = ζῆν

V. 17 · ὑπόδρα – von unten anblickend, finster blickend

V. 18 · ἐρεθίζω – reizen

νοέω – hier: beabsichtigen

V. 19 · τοι – siehe oben V. 6

V. 20 · τῶ – darum

μή […] ὀρίνῃς – errege nicht (Verbot)

V. 21 · μή σε […] οὐδ’ αὐτὸν […] ἐάσω – übersetze frei: damit ich nicht dich selbst töte

ἡ κλισίη, -ης – siehe oben V. 12

V. 22 · ὁ ἱκέτης, -ου – der Schutzflehende

ἀλίτωμαι – 1. Sg. Konj. Aor. Med. von ἀλιταίνω ( m. Akk.: sich gegen etw. vergehen), hier wird der mit μή (V. 21) eingeleitete Finalsatz weitergeführt

ἡ ἐφετμή, -ῆς – der Auftrag

V. 23 · ἔδεισεν – 3. Sg. Ind. Aor. Akt. von δείδω (sich fürchten)

Arbeitsübersetzung (Wolfgang Schadewaldt)

So sprach er und erregte ihm die Lust nach der Klage um den Vater,

und er fasste seine Hand und stieß sanft den Alten von sich. […]

Und er begann und sagte zu ihm die geflügelten Worte:

„Ah, Armer! Ja, schon viel Schlimmes hast du ausgehalten in deinem Mute!

Wie hast du es gewagt, zu den Schiffen der Achaier zu kommen, allein,

unter die Augen des Mannes, der dir viele und edle

Söhne erschlug? Von Eisen muss dir das Herz sein!

Aber komm! Setze dich auf den Stuhl, und die Schmerzen wollen wir gleichwohl

ruhen lassen im Mut, so bekümmert wir auch sind, […].“

Ihm antwortete darauf der greise Priamos, der gottgleiche:

„Setze mich noch nicht auf den Stuhl, Zeusgenährter, solange Hektor

liegt in der Hütte unversorgt, sondern gib ihn mir eiligst

los, dass ich ihn mit den Augen sehe! Und du nimm das Lösegeld,

das viele, das wir dir bringen: Mögest du sie genießen und kommen

in dein väterliches Land, da du mich zuerst verschont hast,

dass ich selber lebe und sehe das Licht der Sonne.“

Da sah ihn von unten herauf an und sagte zu ihm der fußschnelle Achill:

„Reize mich jetzt nicht mehr, Alter! Ich gedenke auch selber,

dir den Hektor loszugeben, […].

Darum errege mir jetzt nicht noch mehr den Mut in Schmerzen!

Dass ich nicht, Alter, auch dich selbst in der Hütte nicht verschone,

bist du auch ein Schutzsuchender, und frevle ich gegen des Zeus Gebote!“

So sprach er. Da fürchtete sich der Greis und gehorchte dem Wort.

Übersetzung nach Wolfgang Schadewaldt.

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag B - Teil I · Abitur Hessen Altgriechisch LK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Übersetzen Sie den Text (Material 1) in angemessenes Deutsch.

Lösung: So sprach er, und in jenem erweckte er trauervolle Sehnsucht nach dem Vater. Er fasste den Greis bei der Hand und schob ihn sanft von sich weg. […] Und laut rief er ihm die geflügelten Worte zu: „Ach, Armer! Ja, in der Tat hast du viel Böses in deinem Gemüt ertragen! Wie hast du es über dich gebracht, allein zu den Schiffen der Achaier zu kommen, vor die Augen des Mannes, der dir viele und edle Söhne getötet hat? Eisern ist fürwahr dein Herz! Aber wohlan, setze dich auf den Sessel! Die Schmerzen aber wollen wir dennoch in unserem Gemüt ruhen lassen, wiewohl wir betrübt sind. […]“ Ihm antwortete darauf der gottgleiche Greis Priamos: „Setze mich noch keineswegs auf den Sessel, von Zeus Ernährter, solange Hektor im Zelt unversorgt liegt, sondern gib ihn so schnell wie möglich heraus, damit ich ihn mit meinen Augen sehe! Du aber nimm das viele Lösegeld an, das wir dir bringen! Möchtest du doch daran Freude haben und zurückgelangen in dein heimatliches Land, da du mich nun zuerst hast leben und das Licht der Sonne sehen lassen!“ Finster blickte ihn darauf der schnelle Achilleus an und sprach: „Reize mich nun nicht mehr, Greis! Ich beabsichtige auch selbst, dir Hektor herauszugeben […]. Darum errege mir nicht noch mehr mein Gemüt in den Schmerzen, damit ich dich, Greis, nicht einmal selbst im Zelt verschone – auch wenn du ein Schutzflehender bist – und mich gegen die Gebote des Zeus vergehe!“ So sprach er, und der Greis fürchtete sich und gehorchte dem Wort.

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