Aufgabe Vorschlag A - Teil II - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Altgriechisch LK 2022

Thema: Inhaltswiedergabe mit griechischen Textbelegen · Aus der Prüfung LK (2022)

Aufgabenstellung

Vorschlag A

Material 1 (Euripides, Elektra 963–987)

Vorbemerkung

Nachdem Orest (ΟΡ.) bereits Aigisth erschlagen hat, soll nun auch Klytaimnestra getötet werden. Damit sie die Intrige nicht zuvor bemerkt, empfiehlt Elektra (ΗΛ.) ihrem Bruder, den Leichnam von Aigisth zu verstecken:

ΗΛ. Τί δ’; ἐκ Μυκηνῶν μῶν βοηδρόμους ὁρῶ;

2 ΟΡ. οὔκ, ἀλλὰ τὴν τεκοῦσαν, ἥ μ’ ἐγείνατο.

ΗΛ. καλῶς ἄρ’ ἄρκυν ἐς μέσην πορεύεται.

4 καὶ μὴν ὄχοις γε καὶ στολῇ λαμπρύνεται.

ΟΡ. τί δῆτα δρῶμεν; μητέρ’ ἦ φονεύσομεν;

6 ΗΛ. μῶν σ’ οἶκτος εἷλε, μητρὸς ὡς εἶδες δέμας;

ΟΡ. φεῦ·

8 πῶς γὰρ κτάνω νιν, ἥ μ’ ἔθρεψε κἄτεκεν;

ΗΛ. ὥσπερ πατέρα σὸν ἥδε κἀμὸν ὤλεσεν.

10 ΟΡ. ὦ Φοῖβε, πολλήν γ’ ἀμαθίαν ἐθέσπισας –

ΗΛ. ὅπου δ’ Ἀπόλλων σκαιὸς ᾖ, τίνες σοφοί;

12 ΟΡ. ὅστις μ’ ἔχρησας μητέρ’, ἣν οὐ χρῆν, κτανεῖν.

ΗΛ. βλάπτῃ δὲ δὴ τί πατρὶ τιμωρῶν σέθεν;

14 ΟΡ. μητροκτόνος νῦν φεύξομαι, τόθ’ ἁγνὸς ὤν.

ΗΛ. καὶ μή γ’ ἀμύνων πατρὶ δυσσεβὴς ἔσῃ.

16 ΟΡ. ἐγὼ δὲ μητρὸς –; τῷ φόνου δώσω δίκας;

ΗΛ. τῷ δ’, ἢν πατρῴαν διαμεθῇς τιμωρίαν;

18 ΟΡ. ἆρ’ αὔτ’ ἀλάστωρ εἶπ’ ἀπεικασθεὶς θεῷ;

ΗΛ. ἱερὸν καθίζων τρίποδ’; ἐγὼ μὲν οὐ δοκῶ.

20 ΟΡ. οὐδ’ ἂν πιθοίμην εὖ μεμαντεῦσθαι τάδε.

ΗΛ. οὐ μὴ κακισθεὶς εἰς ἀνανδρίαν πεσῇ.

22 ΟΡ. ἀλλ’ ἦ τὸν αὐτὸν τῇδ’ ὑποστήσω δόλον;

ΗΛ. ᾧ καὶ πόσιν καθεῖλες, Αἴγισθον κτανών.

24 ΟΡ. ἔσειμι· δεινοῦ δ’ ἄρχομαι προβλήματος

καὶ δεινὰ δράσω γε. εἰ θεοῖς δοκεῖ τάδε,

26 ἔστω· πικρὸν δὲ χἠδὺ τἀγώνισμά μοι.

Übersetzungshilfen

V.1 · μῶν – in Fragen: doch nicht

ὁ βοηδρόμος, -ου – der Helfer

ὁρῶ – ergänze bei der Übersetzung: zu uns kommen

V.2 · τεκοῦσαν – Akk. Sg. fem. Part. Aor. Akt. von τίκτω (gebären)

ἐγείνατο – 3. Sg. Ind. Aor. Med. von γείνομαι (gebären, zur Welt bringen)

V.3 · ἡ ἄρκυς, -υος – das Netz, der Fallstrick

V.4 · καὶ μήν – hier: und noch

ὁ ὄχος, -ου – der Wagen

ἡ στολή, -ῆς – das Kleid

λαμπρύνομαι – sich glänzend zeigen

V.5 · ἦ – in Fragen: wirklich

V.6 · μῶν – siehe oben V.1

ὁ οἶκτος, -ου – das Mitleid, das Erbarmen

εἷλε – 3. Sg. Ind. Aor. Akt. von αἱρέω (nehmen, erfassen, ergreifen)

ὡς – hier: weil

τὸ δέμας – die Gestalt

V.7 · φεῦ – wehe! ach!

V.8 · κτάνω – 1. Sg. Konj. Aor. Akt. von κτείνω (töten)

νιν = αὐτήν

κἄτεκεν = καὶ ἔτεκεν – 3. Sg. Ind. Aor. Akt. von τίκτω (gebären)

V.9 · κἀμόν = καὶ ἐμόν

ὤλεσεν – 3. Sg. Ind. Aor. Akt. von ὄλλυμι (töten)

V.10 · ὁ Φοῖβος, -ου – Apollon

ἡ ἀμαθία, -ας – die Unwissenheit

θεσπίζω – weissagen, verkünden

V.11 · ὅπου – hier: wenn

σκαιός, -ά, -όν – töricht

τίνες σοφοί – ergänze: εἰσίν

V.12 · ὅστις – hier: dadurch, dass (der Satz aus V. 10 wird hier fortgeführt)

χράω – verkünden, weissagen

ἣν οὐ χρῆν – hier: gegen alles Recht

κτανεῖν – Inf. Aor. Akt. von κτείνω (töten)

V.13 · βλάπτῃ δὲ [...] σέθεν – lies: τί δὲ δὴ βλάπτῃ τιμωρῶν πατρὶ σοῦ

βλάπτῃ – 2. Sg. Ind. Präs. Pass. von βλάπτω (schädigen)

τιμωρῶν – Nom. Sg. mask. Part. Präs. Akt. von τιμωρέω ( mit Dat.: für jmdn. Rache nehmen)

σέθεν = σοῦ

V.14 · ὁ μητροκτόνος, -ου – der Muttermörder ( dies ist hier in Verbindung mit φεύξομαι prädikativ zu übersetzen)

φεύξομαι – mediales Futur mit aktiver Bedeutung von φεύγω

τόθ’ = τότε – hier: vorher

ἁγνός, -ή, -όν – schuldlos, unbefleckt

V.15 · μή – bezieht sich auf ἀμύνων (V.15)

ἀμύνω m. Dat. – hier: jmdn. rächen

δυσσεβής, -ές – gottlos, schändlich

ἔσῃ – 2. Sg. Ind. Fut. Med. von εἰμί (sein)

V.16 · ἐγὼ δὲ μητρὸς –; – Ich [soll Mörder] der Mutter [werden]? ( Orest unterbricht seinen Satz.)

τῷ = τίνι – hier: von wem?

δώσω – 1. Sg. Ind. Fut. Akt. von δίδωμι (geben)

δίδωμι δίκας m. Gen. – wegen etw. bestraft werden

V.17 · τῷ – siehe oben V.16 (Elektra greift hier Orests Frage aus V.16 auf)

ἤν = ἐάν

ἡ πατρῴα τιμωρία – die Rache für den Vater

διαμεθῇς – 2. Sg. Konj. Aor. Akt. von διαμεθίημι (unterlassen)

V.18 · ἆρ[α] αὔτ[ε] ἀλάστωρ εἶπ[ε] [...]; – sprach so etwa ein Rachegeist [...]?

ἀπεικασθείς – Nom. Sg. mask. Part. Aor. Pass. von ἀπεικάζω (angleichen)

θεῷ – Anspielung auf Apoll, den Gott des delphischen Orakels

V.19 · καθίζω m. Akk. – auf etw. sitzen

ὁ τρίπους, -οδος – der Dreifuß

V.20 · πιθοίμην – 1. Sg. Opt. Aor. Med. von πείθομαι ( hier: Vertrauen haben)

μεμαντεῦσθαι – Inf. Perf. Pass. von μαντεύομαι (weissagen)

V.21 · οὐ μὴ [...] πεσῇ – übersetze wie: μὴ πίπτε

κακισθείς – Nom. Sg. mask. Part. Aor. Pass. von κακίζω ( hier: sich feige zeigen)

V.22 · ἦ – siehe oben V.5

ὑποστήσω – 1. Sg. Konj. Aor. Akt. von ὑφίστημι (heimlich bereiten)

ὁ δόλος, -ου – die List

V.23 · ᾧ – das Relativpronomen bezieht sich auf δόλον in V.22: mit der [List]

καί – hier: auch

ὁ πόσις, -ιος – der Gatte

καθεῖλες – 2. Sg. Ind. Aor. Akt. von καθαιρέω (töten)

κτανών – Nom. Sg. mask. Part. Aor. Akt. von κτείνω (töten)

V.24 · ἔσειμι = εἴσειμι – [in das Haus] hineingehen

τὸ πρόβλημα, -ατος – hier: die Aufgabe

V.25 · δράσω – 1. Sg. Ind. Fut. Akt. von δράω (tun)

V.26 · ἔστω – so soll es sein!

χἠδύ = καὶ ἡδύ

ἡδύς, ἡδεῖα, ἡδύ – süß

τἀγώνισμα = τὸ ἀγώνισμα, -ατος – der Kampf

Arbeitsübersetzung (nach Hellmuth Flashar)

El. Warum? Sehe ich etwa Helfer, die von Mykene zu uns kommen?

Or. Nein, doch die Mutter sehe ich, die mich geboren hat.

El. Dann geht sie mitten ins Netz hinein!

Noch glänzt sie stolz im Wagen und in ihrem Festgewand.

Or. Was also tun wir der Mutter an? Sollen wir sie töten?

El. Packt dich etwa Mitleid, da du die Mutter jetzt gesehen hast?

Or. Wie soll ich die töten, die mich aufzog und gebar?

El. So, wie sie deinen und meinen Vater erschlagen hat.

Or. Phoibos Apollon, viel Unverständiges hast du verkündet.

El. Wenn Apollon töricht ist, wer ist dann weise?

Or. Der du mir verkündet hast, die Mutter gegen alles Recht zu töten.

El. Was nimmst du Schaden, wenn du deinen Vater rächst?

Or. Als Muttermörder werde ich dann fliehen müssen, der ich vorher schuldlos war.

El. Doch rächst du nicht den Vater, stehst du als Frevler da.

Or. Ich soll die Mutter … – Von wem werde ich wegen des Mordes bestraft werden?

El. Und von wem, wenn du die Rache am Vater unterlässt?

Or. Sprach so ein Rachegeist, der dem Gott glich?

El. Auf heiligem Dreifuß sitzend? Das glaube ich nicht.

Or. Auch ich hab’ kein Vertrauen, dass dies ein rechter Seherspruch gewesen sei.

El. Versinke nicht verzagt in Feigheit.

Or. Soll ich die gleiche List auch ihr bereiten?

El. Ja, mit der du Aigisth, ihren Gatten, getötet hast.

Or. Ich gehe hinein. Ich beginne ein grausames Werk

und werde Grausames tun; wenn es den Göttern gefällt,

soll es so sein. Bitter und süß ist der Kampf für mich.

Übersetzung nach Hellmuth Flashar.

II Interpretation

1 Geben Sie den Inhalt des Gesprächs zwischen Elektra und Orest unter Verwendung von griechischen Textbelegen wieder (Material 1 und Arbeitsübersetzung).

[25 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag A - Teil II - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Altgriechisch LK 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1 Geben Sie den Inhalt des Gesprächs zwischen Elektra und Orest unter Verwendung von griechischen Textbelegen wieder (Material 1 und Arbeitsübersetzung).

Lösung: In einer Einleitung sollen Angaben zu Autor und Thema sowie gegebenenfalls zur Textgattung gemacht werden: In dem vorliegenden Textausschnitt aus Euripides' Tragödie Elektra sprechen die Geschwister Elektra und Orest über die von ihnen geplante Ermordung ihrer Mutter Klytaimnestra. - Orest wehrt sich zunächst dagegen, Klytaimnestra zu töten (μητέρ' ἦ φονεύσομεν), da diese ihn schließlich geboren (τὴν τεκοῦσαν, ἥ μ' ἐγείνατο / κἄτεκεν) und aufzogen habe (μ' ἔθρεψε). - Er verweist darauf, dass die Weissagung des Gottes Apollon in hohem Maße unverständlich (πολλήν γ' ἀμαθίαν ἐθέσπισας) und unrechtmäßig sei (οὐ χρῆν); immerhin werde er durch die prophezeite Tat zu einem Muttermörder (μητροκτόνος). - Ferner fragt er, wem er dafür später einmal Rechenschaft ablegen solle (τῷ φόνου δώσω δίκας). - Schließlich beugt er sich zwar dem Druck seiner Schwester Elektra, erklärt aber vorher, dass es ein grausames Werk sei (δεινοῦ δ' ἄρχομαι προβλήματος // δεινὰ δράσω) und er es allein deshalb vollende, weil es den Göttern so gefalle (θεοῖς δοκεῖ τάδε). Für ihn sei der Muttermord bitter und süß zugleich (πικρὸν δὲ χἠδύ). - Elektra hingegen zeigt in dem Gespräch kein Zeichen eines Zweifels, sondern verlangt die Umsetzung ihrer Pläne unbeirrt (ᾧ καὶ πόσιν καθεῖλες, Αἴγισθον κτανών). - Mit augenscheinlicher Freude stellt sie fest, dass die jetzt noch so stolze Klytaimnestra (στολῇ λαμπρύνεται) die List nicht bemerkt habe, sondern ahnungslos in die Falle tappe (καλῶς ἄρ' ἄρκυν ἐς μέσην πορεύεται). - Die Zweifel des Bruders tut sie als Mitleid (οἶκτος) und Feigheit (ἀνανδρίαν) ab; beides sei angesichts des Umstands, dass Klytaimnestra Agamemnon erschlagen habe (ὥσπερ πατέρα σὸν ἥδε κἀμὸν ὤλεσεν / βλάπτῃ δὲ δή τί πατρὶ τιμωρῶν σέθεν), ungerechtfertigt. - Zudem werde Orest, wenn er seinen Vater nicht räche, als gottlos gelten (μή γ' ἀμύνων πατρὶ δυσσεβὴς ἔσῃ / τῷ δ', ἢν πατρῴαν διαμεθῇς τιμωρίαν), insbesondere da die Ermordung Apollons erklärter Wille sei (ὅπου δ' Ἀπόλλων σκαιὸς ᾖ, τίνες σοφοί).

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