Aufgabe Vorschlag D - Teil II.1 · Abitur Hessen Altgriechisch GK 2022

Thema: Inhaltswiedergabe mit griechischen Textbelegen · Aus der Prüfung GK (2022)

Aufgabenstellung

Material 1

Vorbemerkung

Orest und Elektra stehen vor dem Leichnam Aigisths. Orest schlägt vor, ihn den wilden Tieren zum Fraß vorzuwerfen, um ihn zu entehren. Elektra zieht es jedoch vor, ihn mit Worten herabzusetzen, und redet ihn wie folgt an:

Ἔγημας αἰσχρῶς μητέρ᾽, ἄνδρα τ᾽ ἔκτανες

2 στρατηλατοῦνθ᾽ Ἕλλησιν, οὐκ ἐλθὼν Φρύγας.

ἐς τοῦτο δ᾽ ἦλθες ἀμαθίας, ὥστ᾽ ἤλπισας,

4 ὡς ἐς σὲ μὲν δὴ μητέρ᾽ οὐχ ἕξεις κακὴν

γήμας – ἐμοῦ δὲ πατρὸς ἠδίκει λέχη.

6 ἴστω δ᾽, ὅταν τις, διολέσας δάμαρτά του

κρυπταῖσιν εὐναῖς, εἶτ᾽ ἀναγκασθῇ λαβεῖν,

8 δύστηνός ἐστιν, εἰ δοκεῖ τὸ σωφρονεῖν

ἐκεῖ μὲν αὐτὴν οὐκ ἔχειν, παρ᾽ οἷ δ᾽ ἔχειν. [...]

10 πᾶσιν δ᾽ ἐν Ἀργείοισιν ἤκουες τάδε·

„ὁ τῆς γυναικός, οὐχὶ τἀνδρὸς ἡ γυνή.“

12 καίτοι τόδ᾽ αἰσχρόν, προστατεῖν γε δωμάτων

γυναῖκα, μὴ τὸν ἄνδρα· κἀκείνους στυγῶ

14 τοὺς παῖδας, ὅστις τοῦ μὲν ἄρσενος πατρὸς

οὐκ ὠνόμασται, τῆς δὲ μητρὸς ἐν πόλει.

16 ἐπίσημα γὰρ γήμαντι καὶ μείζω λέχη

τἀνδρὸς μὲν οὐδείς, τῶν δὲ θηλειῶν λόγος. [...]

18 ὕβριζες ὡς δὴ βασιλικοὺς ἔχων δόμους

κάλλει τ᾽ ἀραρώς. ἀλλ᾽ ἐμοίγ᾽ εἴη πόσις

20 μὴ παρθενωπός, ἀλλὰ τἀνδρείου τρόπου.

τὰ γὰρ τέκν᾽ αὐτῶν Ἄρεος ἐκκρεμάννυται,

22 τὰ δ᾽ εὐπρεπῆ δὴ κόσμος ἐν χοροῖς μόνον.

Übersetzungshilfen

V. 1 · ἔγημας – 2. Sg. Ind. Aor. Akt. von γαμέω (heiraten)

ἔκτανες – 2. Sg. Ind. Aor. Akt. von κτείνω ( hier: ermorden)

V. 2 · στρατηλατοῦντ[α] – Akk. Sg. mask. Part. Präs. Akt. von στρατηλατέω ( m. Dat.: jmdm. Heerführer sein)

Φρύγας – zu den Phrygern = nach Troja ( Aigisth war in Griechenland geblieben)

V. 3 · ἐς τοῦτο ≈ ἐς τοσοῦτο – zu einem solchen Maß ( m. Gen.: an etw.)

ἤλπισας – 2. Sg. Ind. Aor. Akt. von ἐλπίζω (hoffen, erwarten)

V. 4 · ὡς [...] κακήν – du würdest meine Mutter doch sicher nicht als eine [auch] an dir schlecht [handelnde Ehefrau] besitzen

V. 5 · γήμας – Nom. Sg. mask. Part. Aor. Akt. von γαμέω (heiraten)

ἠδίκει λέχη – sie hatte dem Ehebett [schon seit Jahren] Unrecht getan

V. 6–9 · ἴστω [...] ἔχειν – ergänze und ordne:

ὅταν δ[έ] τις,

διολέσας δάμαρτά του κρυπταῖσιν εὐναῖς,

εἶτ[α] ἀναγκασθῇ

[αὐτὴν] λαβεῖν,

ἴστω· δύστηνός ἐστιν,

εἰ δοκεῖ

αὐτὴν τὸ σωφρονεῖν ἐκεῖ μὲν οὐκ ἔχειν, παρ᾽ οἷ δ᾽ ἔχειν

V. 6 · ἴστω – er muss wissen

ὅταν m. Konj. – immer wenn m. Ind.

τις – ein [Mann] ( Subjekt des ganzen Satzgefüges [V. 6–9])

διολέσας – Nom. Sg. mask. Part. Aor. Akt. von διόλλυμι (zugrunde richten)

ἡ δάμαρ, -ρτος – die Ehefrau

του = τινός – eines [anderen Mannes]

V. 7 · ἡ εὐνή, -ῆς – das Bett, das Liebeslager

λαμβάνω – hier: [zur Frau] nehmen

V. 8 · δύστηνός εἰμι – einen schlimmen Stand haben, in einer bedauernswerten Lage sein

δοκεῖ = νομίζει, davon abhängig ist der AcI in V. 8/9

τὸ σωφρονεῖν – das Besonnensein, die Selbstbeherrschung

V. 9 · ἐκεῖ – dort ( d.h. bei ihrem Ehemann)

παρ᾽ οἷ δ[έ] – bei ihm aber ( d.h. bei ihrem Liebhaber)

V. 10 · οἱ Ἀργεῖοι, -ων – die Argeier ( Bewohner der Stadt Argos)

V. 11 · ὁ [...] γυνή – ergänze und ordne:

ὁ [ἀνὴρ] τῆς γυναικός [ἐστιν],

οὐχὶ ἡ γυνὴ τ[οῦ] ἀνδρός [ἐστιν]

Das hier eingefügte ἐστιν m. Gen. bedeutet: (er, sie, es) gehört zum Besitz von jmdm.

V. 12 · τόδ[ε] αἰσχρόν – ergänze: ἐστίν, davon abhängig ist der AcI in V. 12/13

προστατέω m. Gen. – der Vorstand von etw. sein, die Leitung von etw. haben

V. 13 · κἀκείνους = καὶ ἐκείνους

στυγέω – verabscheuen

V. 14/15 · ὅστις [...] ὠνόμασται ( Sg.) – welche auch immer den Namen [...] erhalten haben ( Pl.)

V. 14 · ἄρσην, -ενος – männlich

V. 16 · ἐπίσημα [...] λέχη – denn bei einem, der sich durch Heirat ein berühmtes und allzu großes Bett verschafft hat

V. 17 · οὐδεὶς λόγος [ἐστίν] m. Gen. – es ist keine Rede von jmdm.

τἀνδρός = τοῦ ἀνδρός

ἡ θήλεια, -ας – die Frau

V. 18/19 · ὡς δὴ [...] ἔχων [...] τ᾽ ἀραρώς – weil du ja [...] hattest und [...] ausgestattet warst

V. 19 · τὸ κάλλος, -ους – die Schönheit

ἐμοίγε εἴη – mir jedenfalls möge zuteil werden

V. 20 · παρθενωπός, -όν – wie ein Mädchen aussehend

τἀνδρείου τρόπου = τοῦ ἀνδρείου τρόπου

V. 21 · αὐτῶν – von diesen/solchen Männern

ὁ Ἄρης, -εος – Ares ( Gott des Krieges)

ἐκκρεμάννυμαι m. Gen. – jmds. Anhänger/Gefolgsmann sein

V. 22 · τὰ δ᾽ εὐπρεπῆ δὴ [τέκνα ἐστίν] [...] – dagegen [sind] die hübschen [Kinder] doch [...]

Arbeitsübersetzung

Du hast schändlich meine Mutter geheiratet und [meinen Vater,] den Mann, der den Griechen Heerführer war, ermordet, nachdem du [selbst] nicht [einmal mit]gekommen warst zu den Phrygern. Dabei erreichtest du ein solches Maß an Unverstand, dass du annahmst, du würdest meine Mutter, nachdem du sie geheiratet hättest, doch sicher nicht als eine [auch] an dir schlecht [handelnde Ehefrau] besitzen – dem Ehebett meines Vaters hatte sie jedoch [schon seit Jahren] Unrecht getan. Aber immer wenn ein [Mann] die Ehefrau eines [anderen Mannes] durch heimliche Liebeslager zugrunde richtet und sich anschließend gezwungen sieht, [sie zur Frau] zu nehmen, muss er wissen: Er ist in einer bedauernswerten Lage, wenn er meint, dass sie die Besonnenheit dort [bei ihrem ersten Mann] zwar nicht besessen habe, bei ihm aber nun besitze. [...]

Und unter allen Argeiern hörtest du dies [über dich und meine Mutter]: „Der [Mann gehört zum Besitz] der Frau, nicht die Frau [zum Besitz] des Mannes.“ Und das ist doch wirklich schändlich, wenn die Leitung des Hausstandes eine Frau hat, nicht der Mann. Auch verabscheue ich all jene Kinder, die in der Stadt nicht den Namen ihres männlichen Vaters, sondern den ihrer Mutter erhalten haben. Denn wenn [ein Mann] sich durch Heirat ein berühmtes und allzu großes Bett verschafft hat, ist bei ihm keine Rede [mehr] von dem Mann, sondern [nur noch] von den Frauen. [...]

Du legtest Hochmut an den Tag, weil du ja königliche Gemächer besaßest und mit Schönheit ausgestattet warst. Aber mir jedenfalls möge ein Ehemann zuteil werden, der nicht wie ein Mädchen aussieht, sondern von mannhafter Art ist. Denn die Kinder von diesen sind Gefolgsleute des Ares, dagegen [sind] die hübschen [Kinder] doch allenfalls Schmuck bei den Tänzen.

II Interpretation

1

Fassen Sie zusammen, welche Vorwürfe Elektra im vorliegenden Text gegen den toten Aigisth erhebt (Material 1 und Arbeitsübersetzung).

(35 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag D - Teil II.1 · Abitur Hessen Altgriechisch GK 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Fassen Sie zusammen, welche Vorwürfe Elektra im vorliegenden Text gegen den toten Aigisth erhebt (Material 1 und Arbeitsübersetzung).

Lösung: In einer Einleitung werden Angaben zu Autor (Euripides), Werk (Tragödie Elektra) und Thema gemacht: Elektra entehrt verbal den Leichnam Aigisths. Zusammenfassung der Vorwürfe: 1. Vorwurf mangelnder Rechtschaffenheit: - Ehebruch: Schädigung des betrogenen Ehemannes Agamemnon und Vernichtung der verführten Ehefrau Klytaimnestra (erst Heimlichtuerei, dann Heirat aus Zwang statt Liebe). - Mord an Agamemnon: Verbrechen am siegreichen Heerführer der Griechen, einer Persönlichkeit von großem Ruhm und Verdienst. 2. Vorwurf mangelnder Männlichkeit: - Feigheit: Statt am Trojanischen Krieg teilzunehmen, blieb Aigisth als Drückeberger zu Hause. - Schwäche und Unterlegenheit: Unterordnung unter Klytaimnestra; skandalöser Rollentausch im Haus, bei dem die Frau herrscht und der Mann verspottet wird (bis hin zur Benennung der Kinder nach der Mutter). - Schönling und Verweichlichung: Effeminiertes, mädchenhaftes Aussehen (nur für Tänze tauglich) statt kriegerischer Männlichkeit. - Dummheit/Torheit: Selbstverliebte Illusion, eine notorische Ehebrecherin dauerhaft an sich binden zu können.

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