Aufgabe Vorschlag B - Teil II.1 · Abitur Hessen Altgriechisch GK 2022

Thema: Inhaltswiedergabe mit griechischen Textbelegen · Aus der Prüfung GK (2022)

Aufgabenstellung

Material

Vorbemerkung

Thetis hört in den Tiefen des Meeres ihren Sohn Achill über den Tod des Patroklos wehklagen. Ihren eigenen Schmerz hierüber teilt sie zunächst ihren Schwestern mit, um dann Achill aufzusuchen:

Θéτις δ’ ἐξῆρχε γóοιο·

2 „κλῦτε, κασíγνηται Νηρηῗδες, ὄφρ’ εὖ πᾶσαι

εἴδετ’ ἀκοúουσαι, ὅσ’ ἐμῷ ἔνι κήδεα θυμῷ.

4 ὤ μοι ἐγὼ δειλή, ὤ μοι δυσαριστοτóκεια·

ἥ τ’ ἐπεὶ ἂρ τéκον υἱὸν ἀμúμονá τε κρατερóν τε,

6 ἔξοχον ἡρώων· [...]

τὸν μὲν ἐγὼ θρéψασα [...]

8 νηυσὶν ἐπιπροéηκα κορωνíσιν Ἴλιον εἴσω

Τρωσὶ μαχησóμενον· τὸν δ’ οὐχ ὑποδéξομαι αὖτις

10 οἴκαδε νοστήσαντα δóμον Πηλήϊον εἴσω.

ὄφρα δé μοι ζώει καὶ ὁρᾷ φáος ἠελíοιο,

12 ἄχνυται, οὐδé τí οἱ δúναμαι χραισμῆσαι ἰοῦσα.

ἀλλ’ εἶμ’, ὄφρα ἴδωμι φíλον τéκος ἠδ’ ἐπακοúσω,

14 ὅττι μιν ἵκετο πéνθος ἀπὸ πτολéμοιο μéνοντα.“ [...]

τῷ δὲ βαρὺ στενáχοντι παρíστατο πóτνια μήτηρ,

16 ὀξὺ δὲ κωκúσασα κáρη λáβε παιδὸς ἑοῖο,

καí ῥ’ ὀλοφυρομéνη ἔπεα πτερóεντα προσηúδα·

18 „τéκνον, τí κλαíεις; τí δé σε φρéνας ἵκετο πéνθος;

ἐξαúδα, μὴ κεῦθε· τὰ μὲν δή τοι τετéλεσται

20 ἐκ Διóς, ὡς ἄρα δὴ πρíν γ’ εὔχεο χεῖρας ἀνασχών,

πáντας ἐπὶ πρúμνῃσιν ἀλήμεναι υἷας Ἀχαιῶν

22 σεῦ ἐπιδευομéνους, παθéειν τ’ ἀεκήλια ἔργα.“

Übersetzungshilfen

Vers · Erklärung / Vokabel

V. 1 · ἐξáρχω m. Gen. – etw. beginnen

ὁ γóος, -οιο – die Klage, Wehklage

V. 2 · κλúω – hören

ἡ κασιγνήτη, -ης – die Schwester

ἡ Νηρηῗς, -ῗδος – die Nereide ( Tochter des Meergreises Nereus)

ὄφρα m. Konj. – damit m. Ind.

V. 3 · εἴδετ[ε] = εἰδῆτε – 2. Pl. Konj. Perf. Akt. von οἶδα (wissen)

ὅσ[α] [...] κήδεα – wie viele Sorgen/Kümmernisse

ἔνι = ἔν-εστι(ν)

V. 4 · ὤ μοι – o weh mir

δυσαριστοτóκεια – ich Unglücksheldenmutter

V. 5 · ἥ τ’ ἐπεὶ ἂρ – denn [...] ja, Thetis begründet im Folgenden, weshalb sie sich als δειλή und δυσαριστοτóκεια (V. 4) empfindet

τéκον – 1. Sg. Ind. Aor. Akt. von τíκτω (gebären)

V. 6 · ἔξοχος, -ον m. Gen. – unter jmdm. herausragend, vor jmdm. ausgezeichnet

V. 7 · θρéψασα – Nom. Sg. fem. Part. Aor. Akt. von τρéφω (aufziehen, großziehen)

V. 8 · νηυσìν [...] κορωνíσιν – mit den geschweiften Schiffen

ἐπιπροéηκα – 1. Sg. Ind. Aor. Akt. von ἐπιπροΐημι (schicken, entsenden), Objekt ist das Pronomen τóν (V. 7), das sich auf Achill bezieht

Ἴλιον εἴσω – nach Ilios ( Troja)

V. 9 · ὑποδéχομαι αὖτις – wieder zurückbekommen, wieder empfangen

V. 10 · δóμον Πηλήϊον εἴσω – in das Haus des Peleus ( des Vaters von Achill)

V. 11 · ὄφρα m. Ind. – solange m. Ind.

μοι – kann unübersetzt bleiben

τὸ φáος, -ους – das Licht

ἠελíοιο = τοῦ ἡλíου

V. 12 · ἄχνυμαι – traurig sein, leiden

τι Adv. – in irgendeiner Weise

οἱ [...] χραισμéω – ihm nützlich sein, ihm helfen

ἰοῦσα – Nom. Sg. fem. Part. Präs. Akt. von εἶμι (hingehen)

V. 13 · εἶμι – ich gehe hin ( eigentlich Futur)

ὄφρα m. Konj. – siehe oben V. 2

ἴδωμι – 1. Sg. Konj. Aor. Akt. von ὁρáω (sehen)

τὸ τéκος, -ους – das Kind

ἠδ[é] – und

ἐπακοúω = ἀκοúω

V. 14 · ὅττι [...] πéνθος – was für ein Leid auch immer

ἵκετο – 3. Sg. Ind. Aor. Med. von ἱκνéομαι ( m. Akk.: jmdn. befallen, heimsuchen)

ἀπὸ πτολéμοιο μéνω – vom Krieg fern bleiben

V. 15 · τῷ – bezieht sich auf Achill

παρíστατο – 3. Sg. Ind. Impf. Med. von παρíσταμαι ( m. Dat.: zu jmdm. hinzutreten, an jmdn. herantreten)

V. 16 · ὀξú Adv. – grell, laut

κωκúω – aufschreien, beweinen

ἑοῖο – Gen. Sg. fem. des Possessivpronomens

V. 17 · ῥ’ = ἄρα

ὀλοφúρομαι – wehklagen, jammern

V. 18 · τí [...] πéνθος – welches Leid

ἵκετο – 3. Sg. Ind. Aor. Med. von ἱκνéομαι ( m. dopp. Akk.: jmdn. in Bezug auf etw. befallen, heimsuchen)

V. 19 · ἐξαúδα – sprich es aus!

κεúθω – verbergen, verheimlichen

τὰ μὲν δή τοι τετéλεσται – die Wünsche sind dir doch in Erfüllung gegangen

V. 20 · ὡς ἄρα δή – genau wie

εὔχεο – 2. Sg. Ind. Impf. Med. von εὔχομαι (erbitten)

ἀνασχών – Nom. Sg. mask. Part. Aor. Akt. von ἀνéχω (emporhalten)

V. 21/22 · πáντας [...] ἔργα – AcI mit eingeschobenem PC, ordne:

πáντας υἷας Ἀχαιῶν

σεῦ ἐπιδευομéνους

ἐπὶ πρúμνῃσιν ἀλήμεναι, παθéειν τ’ ἀεκήλια ἔργα

V. 21 · ἐπὶ πρúμνῃσιν – an den Hecks, an den hinteren Enden der Schiffe

ἀλήμεναι – Inf. Aor. Pass. von εἰλéω (zusammendrängen)

υἷας = υἱοúς

V. 22 · σεῦ = σοῦ

ἐπιδευομéνους – Akk. Pl. mask. Part. Präs. Med. von ἐπιδεúομαι ( m. Gen.: jmdn. vermissen, entbehren)

ἀεκήλια ἔργα – schreckliche Dinge

Arbeitsübersetzung

Und Thetis stimmte an die Klage:

„Hört, Schwestern, Nereiden! Dass ihr es alle

vernehmt und gut wisst, wie viele Kümmernisse ich habe in meinem Mute!

Wehe mir, ich Arme! Wehe mir, ich Unglücksheldenmutter!

Denn ich gebar ja einen Sohn, einen untadligen und starken,

hervorragend unter den Helden; [...]

und als ich ihn aufgezogen [...],

schickte ich ihn mit den geschweiften Schiffen hinaus nach Ilios,

um mit den Troern zu kämpfen, und werde ihn nicht wieder empfangen,

dass er nach Hause zurückkehrt in das Haus des Peleus.

Und solange er mir lebt und sieht das Licht der Sonne,

härmt er sich ab, und ich kann ihm nicht helfen, wenn ich hingehe.

Aber ich will gehen, um mein liebes Kind zu sehen, und um zu hören,

welch ein Kummer ihn überkam, während er vom Kampfe fernblieb.“ [...]

Und zu ihm, dem schwer Stöhnenden, trat die hehre Mutter,

und schrill aufschreiend fasste sie das Haupt ihres Sohnes

und sprach jammernd zu ihm die geflügelten Worte:

„Kind! Was weinst du? Welches Leid überkam dich in deinem Sinn?

Sprich es aus! Verbirg es nicht! Ist dir doch das in Erfüllung gegangen

von Zeus her, wie du es ja doch vorher zumindest immer erbatest, die Hände emporhaltend:

Dass alle an den hinteren Enden der Schiffe zusammengedrängt wurden, die Söhne der Achaier,

dich entbehrend, und schmähliche Dinge erfuhren.“

Übersetzung nach Wolfgang Schadewaldt.

II Interpretation

1 Skizzieren Sie – gestützt auf griechische Textbelege – diejenigen Gegebenheiten in Achills Leben, welche Thetis in ihrer Rede anspricht (Material und Arbeitsübersetzung).

[35 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag B - Teil II.1 · Abitur Hessen Altgriechisch GK 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Skizzieren Sie – gestützt auf griechische Textbelege – diejenigen Gegebenheiten in Achills Leben, welche Thetis in ihrer Rede anspricht (Material und Arbeitsübersetzung).

Lösung: Wesentliche Stationen und Gegebenheiten: - Herkunft / Abstammung: Achill ist der Sohn des Peleus (δόμον Πηλήϊον, V. 10) und der Thetis (δυσαριστοτόκεια, V. 4; τὸν μὲν ἐγὼ θρέψασα, V. 7). - Besondere Heldenfähigkeiten: Er zeichnet sich gegenüber anderen Helden durch herausragende Tugenden und Stärke aus (τέκον υἱὸν ἀμύμονά τε κρατερόν τε, ἔξοχον ἡρώων, V. 5–6). - Kriegszug: Auf Veranlassung seiner Mutter nimmt er am Zug der Griechen gegen Troja teil (ἐπιπροέηκα [...] Ἴλιον εἴσω Τρωσὶ μαχησόμενον, V. 8–9). - Schicksalhafter früher Tod / keine Heimkehr: Thetis weiß, dass Achill nicht lebend zurückkehren wird (τὸν δ’ οὐχ ὑποδέξομαι αὖτις οἴκαδε νοστήσαντα δόμον Πηλήϊον εἴσω, V. 9–10). - Konflikt und Passivität: Er leidet unter der Situation, fern vom Kampf zu bleiben (ἄχνυται, V. 12; ὅττι μιν ἵκετο πένθος ἀπὸ πτολέμοιο μένοντα, V. 14) und die Achaier dadurch in Bedrängnis zu bringen (πάντας ἐπὶ πρύμνῃσιν ἀλήμεναι υἷας Ἀχαιῶν σεῦ ἐπιδευομένους, παθέειν τ’ ἀεκήλια ἔργα, V. 21–22). - Gebet an Zeus: Achill selbst hatte Thetis um diese Notlage der Griechen gebeten (πρίν γ’ εὔχεο χεῖρας ἀνασχών, V. 20), und Zeus hat die Bitte erfüllt (τὰ μὲν δή τοι τετέλεσται ἐκ Διός, V. 19–20). - Unverständnis über seine Trauer: Thetis versteht nicht, warum er weint (τέκνον, τί κλαίεις, V. 18), obwohl seine Wünsche erfüllt wurden, eilt ihm aber bei, um ihn anzuhören und beizustehen (ἀλλ’ εἶμ’, ὄφρα ἴδωμι φίλον τέκος ἠδ’ ἐπακούσω, V. 13).

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