Sujet 2 - Partie 1 : Synthèse du dossier · Bac Allemand Métropole remplacement 2021

Thème : Construction et organisation des liens sociaux · Tiré du sujet Métropole France remplacement (2021)

Énoncé

Document A

Bundesweiter Vorlesetag

Freitag ist bundesweiter Vorlesetag. Aber ab wann soll man Kindern eigentlich vorlesen? Und welche Bücher sind die schönsten? Wir haben eine Vorlese-Expertin gefragt. Birgit Nerenberg war mehr als 25 Jahre lang Buchhändlerin. Sie geht regelmäßig zum Vorlesen in Kinderkrippen und Familienzentren der Stadt Hannover.

Frau Nerenberg, warum ist Vorlesen so wichtig?

Vorlesen ist für die Sprachentwicklung wichtig. Kinder, denen vorgelesen wird, haben viel früher einen größeren Wortschatz und ihre Vorstellungskraft, Fantasie wird entwickelt. Vorlesen ist auch immer eine Liebeserklärung der Eltern an die Kinder. Man rückt ganz eng zusammen. Vorlesen bedeutet auch Nähe.

Wann soll man denn mit dem Vorlesen beginnen?

So früh wie möglich.

Sie gehen selbst viel in Kindergärten. Lesen Sie auch in Krippen vor?

Ja, schon für Kinder ab 16 Monaten. Wenn ich dann Bilderbücher vorlese, versuche ich, die Bilder zum Leben zu erwecken. Das gefällt sogar Kindern, die noch nicht richtig sprechen können.

Viele Kinder heute lieben aber auch das Smartphone oder das iPad ihrer Eltern. Hat das Kinderbuch noch eine Chance gegen die sozialen Medien?

Ja, das ist einfach etwas anderes, ob ich in einem Bilderbuch blättere oder es auf dem iPad anschaue. Ich diabolisiere die modernen Medien nicht, aber Kinder lieben Bücher. Und wenn man ihnen dieses Angebot über das Vorlesen macht, greifen sie zu.

Sollte man besser aktuelle Bücher vorlesen, oder solche von früher, die man selbst geliebt hat?

Das ist unwichtig. Wichtig ist, dass man Bücher vorliest, an denen man selber Spaß hat. Bei Büchern von früher transportiert man eigene Erfahrungen mit. Ich würde dann aber immer die Kinder zuerst ihre Eindrücke schildern lassen und dann selbst etwas sagen.

Manche Bücher von früher sind heute in Verruf geraten und gelten als veraltet.

Diese Bücher sind eben in einer anderen Zeit geschrieben. Kinder verstehen das sofort, wenn man es ihnen erklärt. Das finde ich vollkommen unproblematisch.

Was macht ein richtig gutes Kinderbuch aus?

Die Illustrationen sollten ausdrucksstark sein. Kinder im Vorschulalter lieben Bilderbücher mit Überraschungseffekten, mit Wortwitz. Das Wichtigste ist: Es sollte dem Vorleser und dem Zuhörer Spaß machen.

Nach: Interview von Jutta Rinas, 2016.

Document B

In seinem Buch „Kinder brauchen Märchen" erklärt der österreichische Kinderpsychologe Bruno Bettelheim, warum wir unseren Kindern Märchen erzählen sollen.

Sowohl Mythen als auch Märchen beantworten die ewigen Fragen: Wie ist die Welt wirklich? Wie soll ich darin leben? Wie kann ich ich-selbst sein? Die Antworten des Mythos sind definitiv, das Märchen ist suggestiv. Seine Botschaften können Lösungen geben, aber es spricht sie nicht aus. Das Märchen überlässt es der Phantasie des Kindes, ob und wie es das, was die Geschichte vom Leben und vom Menschen erzählt, auf sich selbst beziehen will. Das Märchen entwickelt sich so, wie das Kind denkt und die Welt erlebt. Deshalb ist das Märchen für das Kind so überzeugend 15. Aus dem Märchen schöpft es viel größere Zuversicht 16 als aus einem Tröstungsversuch 17 mit Argumenten von Erwachsenen. Das Kind vertraut dem Märchen, weil seine Weltsicht mit dem des Märchens identisch ist.

In der Kindheit ist mehr als in allen anderen Altersstufen alles im Werden. Das Märchen bietet der Phantasie den Stoff, der dem Kind in symbolischer Form zeigt, worum es bei dem Kampf um die Selbstverwirklichung 18 geht und es gibt ein gutes Ende. Obwohl das Märchen phantastische Symbolbilder für die Lösung von Problemen bringt, sind die dargestellten Probleme selbst doch ganz gewöhnlich: ein Kind leidet unter der Eifersucht 19 seiner Geschwister wie Aschenputtel. Ein Kind wird von seinen Eltern als unfähig angesehen wie in so vielen Märchen. Der Märchenheld erringt den Sieg 20 über diese Probleme.

Nach: Bruno Bettelheim, Kinder brauchen Märchen, 1975.

15 überzeugend sein: être convaincant

16 die Zuversicht = die Hoffnung

17 trösten: consoler

18 die Selbstverwirklichung: l'épanouissement personnel

19 die Eifersucht: la jalousie

20 der Sieg: la victoire

Document C

Document D

Hanna sitzt im Gefängnis 21. Der Erzähler schickt ihr seit Jahren Kassetten, auf denen er literarische Texte vorliest. Zum ersten Mal schreibt Hanna zurück.

1 Ich las den Gruß und war erfüllt von Freude und Jubel. „Sie schreibt, sie schreibt!" Was

immer ich in all den Jahren über Analphabetismus hatte finden können, hatte ich

gelesen. Ich wusste von der Hilflosigkeit im Alltag, beim Finden eines Weges und einer

Adresse oder beim Wählen eines Gerichts im Restaurant, von der Ängstlichkeit, mit

5 der der Analphabet vorgegebenen Mustern 22 und bewährten Routinen folgt, von der

Energie, die das Verbergen der Lese- und Schreibunfähigkeit erfordert und vom

eigentlichen Leben abzieht. Analphabetismus ist Unmündigkeit 23. Indem Hannah den

Mut gehabt hatte, lesen und schreiben zu lernen, hatte sie den Schritt aus der

Unmündigkeit zur Mündigkeit getan, einen aufklärerischen Schritt.

Nach: Bernhard Schlink, Der Vorleser, 1995

21 das Gefängnis: la prison

22 vorgegebene Muster: schémas tout préparés

23 die Unmündigkeit ≠ mündig sein = für sich selbst sprechen und Entscheidungen treffen dürfen

SUJET 2

Thématique: « Formes et fondements des liens sociaux dans l'espace germanophone »

Axe d'étude: « Socialisation et sociabilité: espaces et enjeux »

Partie 1: Synthèse du dossier (16 points)

Fassen Sie das vorliegende Dossier zusammen (ca. 500 Wörter), indem Sie auf folgende Punkte eingehen:

Stellen Sie die drei Texte ( documents A, B, et D) und das Bild ( document C) vor und erläutern Sie den thematischen Hintergrund.

Erläutern Sie, inwiefern das Interview ( document A) und der Text von Bettelheim ( document B) die Rolle des Lesens und des Vorlesens in der Entwicklung des Menschen thematisieren.

„Analphabetismus ist Unmündigkeit“. Kommentieren Sie dieses Zitat aus dem Text von B. Schlink ( document D). Inwiefern trifft dieses Zitat auch auf die Texte A und B ( documents A et B)?

Lesen verbindet. Erläutern Sie, inwiefern diese Aussage auf das ganze Dossier ( documents A, B, C et D) zutrifft. Stützen sie sich dabei auf alle Texte ( documents A, B et D) und auf das Gemälde ( document C). Achten Sie dabei insbesondere auf die Symbolik des Fensters.

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Corrigé

Corrigé proposé par AprenAI (non officiel)

Fassen Sie das vorliegende Dossier zusammen (ca. 500 Wörter), indem Sie auf folgende Punkte eingehen: Stellen Sie die drei Texte (documents A, B, et D) und das Bild (document C) vor... Erläutern Sie die Rolle des Lesens und Vorlesens... Kommentieren Sie „Analphabetismus ist Unmündigkeit“... Lesen verbindet...

Réponse : Musterlösung (ca. 500 Wörter): Das vorliegende Dossier befasst sich mit der Bedeutung des Lesens, des Vorlesens und der Schriftkultur für die Sozialisation und die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen. Es besteht aus vier Dokumenten: einem Interview von Jutta Rinas mit der ehemaligen Buchhändlerin Birgit Nerenberg anlässlich des bundesweiten Vorlesetags (Dokument A, 2016), einem Auszug aus Bruno Bettelheims Werk *Kinder brauchen Märchen* (Dokument B, 1975), Johann Hamzas Ölgemälde *Der Vorleser* (Dokument C) sowie einem Auszug aus Bernhard Schlinks Roman *Der Vorleser* (Dokument D, 1995). Gemeinsam ist allen Dokumenten die Frage, wie Lesen Menschen prägt und miteinander verbindet. Zunächst heben die Dokumente A und B hervor, wie grundlegend Lesen und Vorlesen für die Entwicklung des Kindes sind. Im Interview betont Nerenberg, dass Vorlesen die Sprachentwicklung fördert: Kinder, denen vorgelesen wird, haben früher einen größeren Wortschatz, und ihre Vorstellungskraft und Fantasie werden entwickelt. Man solle so früh wie möglich damit beginnen, schon mit Kleinkindern. Bettelheim vertieft die psychologische Dimension: Märchen beantworten die ewigen Fragen des Menschen, ohne die Lösung auszusprechen. Sie überlassen es der Phantasie des Kindes, die Botschaft auf sich selbst zu beziehen. Weil das Märchen der kindlichen Weltsicht entspricht, schöpft das Kind daraus Zuversicht und findet in symbolischer Form Wege, alltägliche Probleme wie Eifersucht oder das Gefühl der Unfähigkeit zu bewältigen und sich selbst zu verwirklichen. Dokument D zeigt dagegen die Folgen fehlender Lese- und Schreibfähigkeit. Der Erzähler beschreibt die Hilflosigkeit des Analphabeten im Alltag, seine Angst, die ihn an vorgegebene Muster bindet, und die Energie, die das Verbergen seiner Schwäche kostet. Daraus folgert er: „Analphabetismus ist Unmündigkeit“. Wer nicht lesen kann, kann nicht für sich selbst sprechen und Entscheidungen treffen; er bleibt abhängig – im Sinne Kants unfähig, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Indem Hanna lesen und schreiben lernt, tut sie einen „aufklärerischen Schritt“ zur Mündigkeit. Das Zitat trifft auch auf A und B zu: Vorlesen und Märchen legen das Fundament für sprachliche Kompetenz, Urteilskraft und Selbstverwirklichung, also für die spätere Mündigkeit des Kindes. Schließlich zeigt das ganze Dossier, dass Lesen verbindet. Für Nerenberg ist Vorlesen „eine Liebeserklärung der Eltern an die Kinder“; man rückt eng zusammen, Vorlesen bedeutet Nähe, und Vorleser wie Zuhörer sollen Spaß daran haben. Bei Bettelheim wird das Märchen zu einem Band zwischen den Generationen: Erwachsene geben Geschichten weiter, denen das Kind mehr vertraut als ihren Argumenten. In Schlinks Roman überwinden die besprochenen Kassetten die Gefängnismauern und halten über Jahre eine Beziehung aufrecht; Hannas erste schriftliche Antwort macht daraus einen echten Dialog. Das Gemälde von Hamza veranschaulicht diese Verbindung: Ein junger Mann liest einem älteren Herrn vor, der ihm zugewandt und aufmerksam zuhört; zwischen Jung und Alt entsteht eine vertraute Gemeinschaft. Das große Fenster hinter ihnen hat dabei symbolische Bedeutung: Es lässt Licht in das von Büchern geprägte Zimmer und gibt den Blick auf die weite Landschaft frei. So wie das Fenster den Innenraum mit der Außenwelt verbindet, öffnet das Lesen den Menschen zur Welt, erweitert seinen Horizont und bringt ihn anderen näher. Zusammenfassend belegt das Dossier, dass Lesen weit mehr ist als eine Technik: Es fördert die Entwicklung des Kindes, macht den Menschen mündig und schafft soziale Bindungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen den Generationen und sogar über Gefängnismauern hinweg.

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