Aufgabe 3 · Abitur NRW Volkswirtschaftslehre GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Thema: Außenhandel, Globalisierung und Standort Deutschland · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)

Aufgabenstellung

Thema: Zurück zur lokalen Produktion – eine Chance für den Wirtschaftsstandort Deutschland?

Materialgrundlage

Christian Rickens: Die lokale Produktion ist nicht nur für Siemens eine Chance. In: Handelsblatt vom 20.10.2020 (Anpassungen an die sprachliche Richtigkeit wurden vorgenommen.)

Die lokale Produktion ist nicht nur für Siemens eine Chance

1 Es ist nur ein halbes Wort, das Siemens in seiner Konzernstrategie verändert hat. Doch da- hinter steht ein anderer Blick auf die Welt. Zu den Megatrends, von denen der Technolo- giekonzern profitieren wollte, gehörte bislang die Globalisierung. Nun ist stattdessen von der „Glocalization“ die Rede. Hinter dem Kunstbegriff steht die richtige Erkenntnis, dass die 5 Globalisierung derzeit eher auf dem Rückzug ist.

Das betrifft vor allem die Lieferketten der großen Konzerne, die seit den Neunzigerjahren immer verzweigter und damit anfälliger geworden waren: Die Schraube aus China, die Mutter dazu aus Vietnam, beides zusammengedreht in Mexiko und verpackt in einem Pappkarton made in Sweden – dieses Modell funktionierte prächtig, solange die Grenzen offen waren und 10 die Warenströme ungehindert fließen konnten. Konzerne kauften Vorprodukte und Arbeits- leistungen weltweit dort ein, wo Preis und Leistung stimmten. Gerade die deutsche Industrie konnte so an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen.

Nicht erst durch Corona ist dieses Modell anfällig geworden. Jede Störung durch Seuchen, Naturkatastrophen, Streiks oder Unruhen irgendwo in der Lieferkette kann die komplette Pro- 15 duktion lahmlegen. Hinzu kommt die Welle des Protektionismus, die in den vergangenen Jahren um den Globus geschwappt ist. Um im Bild zu bleiben: Eine kleine Veränderung in den Zollbestimmungen für chinesische Schrauben oder schwedische Pappkartons kann aus einem hocheffizienten Produktionsnetzwerk plötzlich eines machen, das nicht mehr konkur- renzfähig ist.

20 Aus Sicht eines Unternehmens wie Siemens gibt es darauf nur eine richtige Reaktion: Neben der Effizienz der eigenen Lieferkette muss künftig verstärkt deren Resilienz 1 in den Blick ge- nommen werden. Die Widerstandsfähigkeit gegen externe Schocks ist in unruhigen Zeiten wichtiger als der letzte Zehntelcent Preisvorteil bei den Herstellungskosten. In der Praxis be- deutet das oft, dass Produkte wieder verstärkt in jenem Wirtschaftsraum produziert werden, 25 in dem sie auch verkauft werden sollen – auch wenn Lohnkosten oder sonstige Standortbe- dingungen dort nicht optimal sind. Die Globalisierung wird ein Stück weit zurückgedreht.

Gerade für die deutsche Industrie können sich aus dem Trend zur „Glokalisierung“ sogar neue Geschäftsmodelle ergeben. Wenn ein Unternehmen nicht mehr dort produzieren kann, wo Arbeit am billigsten ist, werden Lösungen für die automatisierte und digitalisierte Fertigung 30 wichtiger. Ein Feld, auf dem deutsche Maschinen- und Anlagenbauer viel zu bieten haben. [...]

Für die Gesamtwirtschaft ist der Trend Chance und Bedrohung zugleich. Eine Chance des- halb, weil sich nun womöglich einige Fehlentwicklungen korrigieren lassen, die die Globali- sierung in den vergangenen Jahrzehnten mit sich gebracht hat. Und eine Bedrohung, weil die 35 gewaltigen Wohlstandsgewinne auf dem Spiel stehen, die die Globalisierung nahezu allen beteiligten Volkswirtschaften beschert hat.

Es wird ja gerne vergessen: Nicht staatliche Entwicklungshilfe hat im globalen Süden Hun- derte Millionen Menschen aus bitterer Armut befreit, sondern die Globalisierung. Dank ihr gab es plötzlich in Entwicklungs- und Schwellenländern genug Jobs, um eine neue globale 40 Mittelschicht heranwachsen zu lassen. Zu ihr gehören die Fabrikarbeiterin in Marokko, der philippinische Seemann auf einem Containerfrachter oder auch der Blumenzüchter in Kenia, der seine Rosen plötzlich in deutschen Supermärkten verkaufen konnte. Die Einkommen die- ser Menschen mögen für deutsche Verhältnisse noch immer bescheiden anmuten, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen hart.

45 Doch das ändert nichts daran: Für diese Klientel war die Globalisierung ein Aufstiegsver- sprechen. Und auch die Industriestaaten haben in Summe von der Globalisierung profitiert, vor allem durch günstige Produkte und viele Jahre inflationsfreies Wachstum. In kaum einem Industriestaat ist es hingegen gelungen, die Verlierer der Globalisierung – das waren vor allem gering qualifizierte Arbeitskräfte – für ihre Verluste angemessen zu entschädigen.

50 Womit wir bei den Fehlentwicklungen der Globalisierung wären, die sich durch den Trend zur „Glocalization“ im besten Fall korrigieren lassen. Vor allem muss es darum gehen, die wahren sozialen und ökologischen Kosten einer weltumspannenden Produktion besser in die Kalkulation miteinzubeziehen, sie zu „internalisieren“, wie es Ökonomen nennen.

Würden etwa die Klimaschäden, die Containerschiffe und Frachtflugzeuge verursachen, in 55 vollem Umfang auf die Transportkosten aufgeschlagen, wären viele Lieferketten deutlich regionaler geknüpft. Und hätten Arbeiter in allen Ländern das gleiche Recht, sich gewerk- schaftlich zu organisieren, hätten sich auch die weltweiten Unterschiede bei den Lohnkosten schneller angeglichen als das in den vergangenen Jahren der Fall war.

Konzerne, die derzeit nach der richtigen „Glocalization“-Strategie suchen, sollten daher nicht 60 nur auf Zollschranken und Corona-Infektionszahlen schauen. Zu einer resilienten Lieferkette gehört es auch, die wahren ökologischen und sozialen Kosten von Standortentscheidungen zu berücksichtigen. Sonst könnte schon bald der Staat den Unternehmen diese Aufgabe abneh- men.

1 Resilienz: Widerstands- und Anpassungsfähigkeit

1.

Analysieren Sie, was der Autor über die Entwicklung des Welthandels, die Möglichkeiten der „Glokalisierung“ und die Fehlentwicklungen der Globalisierung aussagt. Erläutern Sie, mit welchem Leitbild des Außenhandels sich die Haltung des Autors verbinden lässt. (32 Punkte)

2.

Stellen Sie drei Ursachen bzw. Triebkräfte des wirtschaftlichen Globalisierungsprozesses dar. Beschreiben Sie drei Standortfaktoren bezogen auf Deutschland als Wirtschaftsstandort und erläutern Sie, weshalb hohe Lohnkosten nicht zwangsläufig einen Nachteil bedeuten. (24 Punkte)

3.

Diskutieren Sie, ob sich eine „Glokalisierung“ für den Wirtschaftsstandort Deutschland insgesamt als vorteilhaft erweisen könnte. (24 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 · Abitur NRW Volkswirtschaftslehre GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie, was der Autor über die Entwicklung des Welthandels, die Möglichkeiten der „Glokalisierung“ und die Fehlentwicklungen der Globalisierung aussagt. Erläutern Sie, mit welchem Leitbild des Außenhandels sich die Haltung des Autors verbinden lässt. (32 Punkte)

Lösung: Ausführliche Textanalyse und Leitbildzuordnung gemäß Kriterienkatalog (Teilaufgabe 1).

2. Stellen Sie drei Ursachen bzw. Triebkräfte des wirtschaftlichen Globalisierungsprozesses dar. Beschreiben Sie drei Standortfaktoren bezogen auf Deutschland als Wirtschaftsstandort und erläutern Sie, weshalb hohe Lohnkosten nicht zwangsläufig einen Nachteil bedeuten. (24 Punkte)

Lösung: Darstellung dreier Ursachen der Globalisierung, Beschreibung dreier Standortfaktoren Deutschlands und Erläuterung der Lohnstückkosten (Teilaufgabe 2).

3. Diskutieren Sie, ob sich eine „Glokalisierung“ für den Wirtschaftsstandort Deutschland insgesamt als vorteilhaft erweisen könnte. (24 Punkte)

Lösung: Erörterung mit Pro- und Kontra-Argumenten sowie kriterienorientiertem Gesamturteil (Teilaufgabe 3).

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