Aufgabe NT 3 - Teilaufgabe 3 · Abitur NRW Sport LK · Nachtermin 2022
Thema: Motorisches Lernen und Vermittlung von Bewegungen · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2022)
Aufgabenstellung
„Die konditionellen Fähigkeiten stehen in wechselseitiger Beziehung zueinander und treten als sportspezifische Anforderung oft in Kombination auf und hängen auch mit koordinativen Aspekten zusammen.“
Quelle: http://www.sportunterricht.de/lksport/motge.html (verändert; Zugriff: 01.02.2022)
M 1: Bildreihe Balanceboard
M 2: Vereinfachungsstrategien nach Roth
Klaus Roth hat Empfehlungen für den Aufbau von Lehr- und Lernprozessen formuliert. Unter anderem schreibt er dort:
Überforderungsaspekte und methodische Prinzipien
Beim Neulernen komplexer motorischer Programme kann der Lernanfänger vielerlei Überforderungen ausgesetzt sein. Auf diese ist mit jeweils spezifischen Vereinfachungsstrategien zu reagieren. […]
1. Überforderungsaspekt: Programmlänge
Vereinfachungsstrategie: Prinzip der Verkürzung der Programmlänge
Die Gesamtbewegung ist zu „lang“, d. h., es sind zu viele Teile zeitlich-nacheinander (sukzessiv) zu bewältigen. Die angemessene Unterstützung lautet: Das motorische Programm muss in seiner Länge verkürzt, also in kleinere Abschnitte zerlegt werden. […]
Programmlängenverkürzungen sind dann lernwirksam, wenn die Zieltechnik durch gut isolierbare, nacheinander zu realisierende Bewegungsteile gekennzeichnet ist. Bei engen Wechselwirkungen und Verzahnungen zwischen sukzessive aufeinanderfolgenden Einzelabschnitten ist von ihrer Trennung abzuraten. […]
2. Überforderungsaspekt: Programmbreite
Vereinfachungsstrategien: Prinzip der Verkürzung der Programmbreite
Prinzip der Invariantenunterstützung 1
Die Gesamtbewegung ist zu „breit“, d. h., es sind einfach zu viele Teile gleichzeitig (simultan) zu koordinieren. Das erste Vereinfachungsprinzip liegt unmittelbar auf der Hand: die Breite des motorischen Programms wird verringert. […]
Hinsichtlich der Praktikabilität dieser Methode, ist von der gleichen Grundregel wie bei der Verkürzung der Programmlängen auszugehen:
Reduktionen der Programmbreite sind dann lernwirksam, wenn die Zieltechnik durch gut isolierbare, gleichzeitig auszuführende Bewegungsteile gekennzeichnet ist. Bei engen Wechselwirkungen und Verzahnungen zwischen den simultan zu koordinierenden Aktivitäten ist von einer Trennung abzusehen. […]
Das zweite grundlegende Vorgehen, das auf den Überforderungsaspekt „Programmbreite“ zielt, kann mit den Begriffen Invariantenunterstützung bzw. der Ausführungshilfe für strukturelle Bewegungsmerkmale überschrieben werden:
Bekannte Beispiele sind:
1. Rhythmusvorgaben (akustisch)
Diese Vorgaben betreffen den zeitlich-dynamischen Verlauf. Der Sportlehrer verdeutlicht die (zeitlichen) Schlüssel der Techniken durch bewegungsbegleitende Zurufe („Und jetzt“), rhythmisches Sprechen, Zählen oder Klatschbewegungen. Auch dynamische Aspekte, z. B. der explosive Absprung (Weit-/Hochsprung) bzw. Abwurf (Schlagballweitwurf, Speerwurf) oder der dynamische Schwungbeineinsatz beim Hürdenlauf, können durch sprachliche Impulse unterstützt und herausgearbeitet werden.
2. Orientierungsvorgaben (visuell)
Die Hilfen betreffen die räumlich-zeitliche Ablaufgenauigkeit. Markierungspunkte/-schilder kommen z. B. beim Erlernen des Speerwurf- und Hochsprunganlaufs sowie bei der Schrittgestaltung im Hürdenlauf zur Anwendung,
3. Bewegungsführende Hilfen (taktil, kinästhetisch)
Hierunter fallen sowohl die klassischen Hilfestellungen bei Übungen im Gerätturnen, die zur Erfüllung der Aufgabenstellung und damit zum Aufbau einer fertigkeitsspezifischen Bewegungsvorstellung beitragen, als auch Lernformen zum Bewusstmachen bestimmter Winkelstellungen und der Verlagerung von Körperteilen. Der Sportlehrer führt z. B. den Wurfarm, der Schüler konzentriert sich mit geschlossenen Augen auf die Verwringung und das zeitliche Nacheinander von Knie-, Hüft- und Schultergelenk beim Aufbau der Bogenspannung.
Mit gleicher Zielsetzung, also im Sinne einer Ausführungshilfe, können die Präzisionsanforderungen für die Programminvarianten verringert oder, anders ausgedrückt, die Fehlertoleranzen erhöht werden. Diese Vereinfachungsstrategie ist besonders dann wirksam, wenn bereits geringfügige Abweichungen von der richtigen Technikgrundstruktur unwillkürlich zum Misslingen der Gesamtbewegung führen. Als konkrete methodische Maßnahmen zu nennen sind vor allem Veränderungen der Gerätedimensionen (Turnbank statt Schwebebalken), ihrer Handhabbarkeit (Jonglieren mit Tüchern statt mit Bällen oder Keulen) oder ihrer Störempfindlichkeit (Gig 2 statt Rennboot).
3. Überforderungsaspekt: Parameteranforderungen
Vereinfachungsstrategie: Prinzip der Parameterveränderung
Eine in der Praxis nicht selten auftretende Schwierigkeit des Lernanfängers ergibt sich daraus, dass die motorischen Programme (in ihrer angestrebten Form) mit bestimmten, z. T. große Anforderungen stellenden Parametern ausgeführt werden müssen. Typische „Überforderungsfälle“ sind:
1. Zu hohe Ablaufgeschwindigkeit
Dem Schüler wird geholfen, indem zu Beginn langsamer geübt wird (Slow-Motion-Üben). Der Speerwurfanlauf wird zunächst mit einer Geh- und nicht mit einer Laufbewegung geschult; die Drehungen beim Diskuswerfen werden in Zeitlupe simuliert; die Schwimmtechniken werden deutlich unterhalb der Wettkampfgeschwindigkeiten trainiert usw. Zu berücksichtigen ist, dass es durch die Geschwindigkeitsreduzierungen nicht zu einer Veränderung oder gar zu einem Zerfall der invarianten Programmstrukturen kommen darf. Ab welcher Grenze dies eintreten kann, ist von individuellen Faktoren, vor allem aber von der jeweiligen Zieltechnik abhängig. Es gibt im Sport eine ganze Reihe von Bewegungen, die nur in einem sehr geringen Ausmaß zeitlich gedehnt werden können (Überschlag-, Kippbewegungen, Sprünge im Eiskunstlaufen usw.).
2. Zu kurze Bewegungsdauer
Der Lernende wird – bei nicht veränderten Ausführungsgeschwindigkeiten – über Vergrößerungen des Bewegungsumfangs unterstützt. Z. B. werden im Gerätturnen erhöhte Absprungflächen oder Sprunghilfen eingesetzt, um den Zeitdruck bei der Koordination von Drehbewegungen um die Längs- und/oder Breitenachse zu mindern.
3. Zu hohe Kraftanforderungen
In diesem Fall übt der Anfänger zunächst mit geringeren Intensitäten oder zeitlichen Ausdehnungen der Krafteinsätze. Die Wurf-/Stoßtechniken in der Leichtathletik werden mit kleineren, leichteren Sportgeräten eingeführt, die Dimensionen zu überwindender Hindernisse (Sprungpferd, Hürden) verringert, Zweikampftechniken mit passiven, leichteren Partnern geschult, die Gesamtdauer statischer Elemente (Kreuzhang im Turnen an den Ringen) verkürzt, oder sie werden durch Fremdhilfen erleichtert.
Quelle: Roth, K. (1998): Wie lehrt man schwierige geschlossene Fertigkeiten. In: Bielefelder Sportpädagogen (Hrsg.): Methoden im Sportunterricht, 3. neu bearb. Aufl. S. 31 ff., Hofmann-Verlag, Schorndorf (verändert)
1 Als „Invarianten“ werden Anforderungen eines Bewegungsablaufs bezeichnet, die unveränderlich sind und zur Lösung der Bewegungsaufgabe bewältigt werden müssen.
2 Als „Gig“ bezeichnet man ein sogenanntes Wanderruderboot, welches eine stabilere Wasserlage hat.
Tabelle: Überforderungsaspekte und Vereinfachungsstrategien
Überforderungsaspekt · Vereinfachungsstrategie · Anwendungsfelder
Programmlänge · Prinzip der Verkürzung der Programmlänge
· (Azyklische) Fertigkeiten mit vielen hintereinandergeschalteten, wechselwirkungsarmen Teilen
Programmbreite · Prinzip der Verringerung der Programmbreite
Prinzip der Invariantenunterstützung
· Fertigkeiten mit vielen gleichzeitig auszuführenden Teilen: asynchrone (zyklische) Bewegungen
Bewegungen mit hohen räumlichen, zeitlichen und dynamischen Präzisionsanforderungen
Parameteranforderungen · Prinzip der Parameterveränderung
· Fertigkeiten mit: hoher Bewegungsgeschwindigkeit
kurzer Bewegungszeit
hohen dynamischen Anforderungen (Intensität, Dauer)
3. Analysieren Sie den Bewegungsablauf, der in M 1, Bild 3 – 7, gezeigt wird, im Hinblick auf mögliche Aspekte der Überforderung (M 2). Entwerfen Sie danach unter Beachtung von mindestens zwei Prinzipien aus M 2 eine Übungsreihe aus vier beispielhaften Übungen, mit der diese Fertigkeit vermittelt werden kann. (30 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Analysieren Sie den Bewegungsablauf, der in M 1, Bild 3 – 7, gezeigt wird, im Hinblick auf mögliche Aspekte der Überforderung (M 2).
Lösung: Analyse der drei Überforderungsaspekte nach Roth (M 2): - Programmlänge: Zusammensetzung aus Anwinkeln der Arme, Kniebeuge, Kniestreckung, Armstreckung, Absenken der Arme. Eine Überforderung ist hier eher nicht zu erwarten, da es sich um einfache, langsam auszuführende Bewegungen handelt. - Programmbreite: Die genannten Teilbewegungen müssen zeitgleich mit dem dynamischen Balancieren auf der Rolle ausgeführt werden. Durch die Kombination des Balancierens mit dem Kraftübungsablauf ist eine Überforderung bei Anfängern sehr wahrscheinlich. - Parameteranforderungen: Das Gewicht der Kurzhanteln stellt eine Parameteranforderung dar. Je nach Höhe des Gewichts kann eine Überforderung entstehen bzw. verstärkt werden.
Entwerfen Sie danach unter Beachtung von mindestens zwei Prinzipien aus M 2 eine Übungsreihe aus vier beispielhaften Übungen, mit der diese Fertigkeit vermittelt werden kann.
Lösung: Beispielhafte methodische Übungsreihe mit vier (bis fünf) Übungen: 1. Aufsteigen, Stehen, Wippen und Rollen auf dem Board mit Abstützung beider Hände an einer Wand oder auf einem hüfthohen Kasten *(Verkürzung der Programmlänge / Invariantenunterstützung / Parameterveränderung)*. 2. Stehen auf dem Board mit zunehmend reduzierter Abstützung nur einer Hand bzw. der Fingerspitzen bis hin zum freien Stehen in der Balance *(schrittweiser Abbau der Invariantenunterstützung)*. 3. Ausführung leichter Kniebeugen ohne Gewichte auf dem Board mit Abstützung der Hände *(Invariantenunterstützung und Parameterveränderung)*. 4. Reduzierung der Abstützung und zunehmend stärkeres Absenken bis zur 90-Grad-Kniebeuge sowie anschließende Hinzunahme geringer Zusatzgewichte bzw. Armbewegungen.
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