Aufgabe HT 3 - Aufgabe 2 a) - Entwicklung sozialer Unglei… · Abitur NRW Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Wirtschaft 2021
Thema: Soziale Ungleichheit und Sozialstruktur · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Wirtschaft (2021)
Aufgabenstellung
Thema: Sozialstruktur im Wandel – Eine Herausforderung für Sozial- und Wirtschaftspolitik?
Oliver Nachtwey
Die Abstiegsgesellschaft
Über das Aufbegehren in der regressiven 1 Moderne
Einleitung
Hauptsache ruhig und sicher: Nach den beruflichen Zielen gefragt, gab im Jahr 2014 eine(r)
von drei Studierenden an, eine Festanstellung im öffentlichen Dienst anzustreben. [...] Der
öffentliche Dienst erscheint ihnen [...] als einer der wenigen Orte, an denen Beschäftigungs-
stabilität, Sicherheit und kalkulierbarer Aufstieg zu erwarten sind. Die geradezu spießige
5 Berufsperspektive der jungen Akademikerinnen und Akademiker ist nur ein kleiner Ausschnitt
aus einer Gesellschaft, in der die kollektive Angst vor dem sozialen Abstieg allgegenwärtig
zu sein scheint. Wie konnte es dazu kommen?
[...]
Seit dem Wirtschaftswunder galt Deutschland als eines der Länder, in denen Armut nur
10 eine marginale Rolle spielte. Angesichts der Euphorie über »die neue Vollbeschäftigung« 2,
wie sie in Büchern und Tageszeitungen verkündet wird, übersieht man allerdings leicht, wie
groß die soziale Ungleichheit hierzulande geworden, wie stark der Niedriglohnsektor gewach-
sen ist und die Prekarität 3 zugenommen hat. Unter der Oberfläche einer scheinbar stabilen
Gesellschaft erodieren seit Langem die Pfeiler der sozialen Integration, mehren sich Abstürze
15 und Abstiege.
[...]
In der sozialen Moderne 4 gedieh der Sozialstaat, alte Klassenschranken wurden abgetragen,
soziale Mobilität und Bildungschancen nahmen zu. Vor allem Kinder aus Arbeiterklassen-
familien erreichten ein bislang nicht gekanntes Niveau individueller Entfaltungsmöglichkeiten.
20 Ulrich Beck prägte für diese Entwicklung den Begriff des kollektiven »Fahrstuhleffekts«. Aus
Proletariern wurden Bürger – allerdings nur eingeschränkt Bürgerinnen, denn in der sozialen
Moderne herrschte das Modell des männlichen Familienernährers vor.
Die Konstellation der sozialen Moderne verlor seit den siebziger Jahren nach und nach an
Prägekraft, vor allem weil der Kapitalismus [...] nicht mehr die phänomenalen Wachstums-
25 raten des Goldenen Zeitalters 5 erreichte. Nach 1973 begann der lange Niedergang der west-
lichen Ökonomien, eine Krise, für die sie bis heute keine Lösung gefunden haben. Alle An-
strengungen – ob nun keynesianische Programme, neoliberale Deregulierung oder eine Flut
billigen Geldes – haben nichts gefruchtet. [...]
Mit der Dauerschwäche der Wirtschaft schwanden die Ressourcen und der Wille zur sozia-
30 len Integration. Öffentliche Unternehmen gerieten unter Privatisierungsdruck, der Sozialstaat
wurde umgebaut, die sozialen Bürgerrechte wurden reduziert. In nahezu allen gesellschaft-
lichen Bereichen [...] implementierte 6 man Markt- und Wettbewerbsmechanismen. Am Ende
wurden viele Errungenschaften der sozialen Moderne einer erneuten, aber diesmal regressi-
ven Modernisierung unterzogen [...] Prozesse regressiver Modernisierung verknüpfen häufig
35 gesellschaftliche Liberalisierungen mit ökonomischer Deregulierung. Horizontal, zwischen
Gruppen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen, zwischen den Geschlechtern und in
bestimmten Bereichen sogar zwischen den Ethnien, wird die Gesellschaft gleichberechtigter
und inklusiver, vertikal geht diese Gleichberechtigung mit größeren ökonomischen Ungleich-
heiten einher.
40 [...] Gewiss, das steigende Ausmaß von Armut, Prekarität und sozialer Ungleichheit wird
in der politischen Öffentlichkeit mittlerweile immer häufiger thematisiert, die neuen Ungleich-
heiten werden bisher aber nicht adäquat verhandelt. Sehnsuchtsobjekt, Handlungsnorm, poli-
tisches Leitbild bleibt der soziale Aufstieg: Aufstieg durch Leistung, Aufstieg durch Chancen-
gleichheit, Aufstieg durch Bildung. Was die Chancengleichheit betrifft, ist es keine neue
45 Nachricht, dass Kinder aus Arbeiterfamilien eben häufig nicht dieselben Bildungschancen
haben. Im gesellschaftlichen Wettkampf um Chancen bleiben trotz der formalen Gleichheit
am Ende doch diejenigen mit dem geringeren kulturellen Kapital auf der Strecke, während
die von vornherein Bessergestellten zuweilen auch ohne besondere eigene Leistungen Erfolge
erzielen.
50 Reden wir vielleicht deshalb die ganze Zeit über Aufstieg, weil er in der Realität immer
seltener anzutreffen ist? Das ist zumindest eine der Thesen dieses Buches. Der Wandel zur
Abstiegsgesellschaft vollzieht sich in mehreren Dimensionen. Zwar bestehen weiterhin große
Zonen der sozialen Stabilität, zentral ist jedoch, dass die Entwicklungsdynamik der deutschen
Gesellschaft sich verändert hat. So sind beispielsweise die Realeinkommen bis Anfang der
55 neunziger Jahre gestiegen, das sogenannte »Normalarbeitsverhältnis« (die unbefristete Arbeits-
stelle mit Kündigungsschutz, die ein gewisses Maß an sozialer Sicherheit gewährt) war in
dieser Zeit die Regel. Die soziale Dynamik hat sich in den letzten dreißig Jahren zuungunsten
der abhängig Beschäftigten entwickelt. Prekarität, in der sozialen Moderne ein Randphäno-
men, hat sich in der Abstiegsgesellschaft ausgebreitet [...] Zudem ist die sogenannte Mitte
60 geschrumpft, ein Teil ihrer Angehörigen ist abgestiegen – ein Novum in der deutschen Nach-
kriegsgeschichte. Dass Frauen deutlich häufiger erwerbstätig sind, bedeutet zwar einen Zuge-
winn an Emanzipation, in vielen Fällen sind Frauen nun allerdings gezwungen, Niedriglohn-
jobs anzunehmen, weil das Einkommen des Mannes nicht mehr ausreicht, um die Familie
über die Runden zu bringen.
65 Die Moderne entwickelt sich weiter, aber gleichzeitig zurück. Probleme, die längst als
überwunden galten, werden erneut relevant. Gerade durch den Umbau des Sozialstaats und
den Rückbau sozialer Staatsbürgerrechte kehren »Klassenstrukturierungen« auf die Bühne
der sozialen Ungleichheit zurück. Gleichwohl präsentieren sich soziale Klassen vorerst nicht
wie im späten 19. Jahrhundert als kollektive Milieus mit kampferprobten Organisationen.
70 Deshalb erfährt der traditionelle Klassenkampf keine Neuauflage, obwohl es eine Vielzahl
neuer sozialer Konflikte gibt. [...] Es zeichnet sich ein neues Aufbegehren ab, ein demokra-
tischer Klassenkonflikt, der in seinem Kern vom Kampf um politische und soziale Bürger-
rechte getrieben wird. Neue Bürgerproteste sind ein Nebenprodukt der politischen Entfrem-
dung in der Postdemokratie 7. Allerdings, und hierin besteht eine große Gefahr, breiten sich
75 auch Apathie 8, soziale Abgrenzung und antidemokratische Affekte 9 aus. Auf der einen Seite
produzieren Abstiegsängste – insbesondere in der Mittelschicht – mitunter das Bedürfnis nach
sozialdarwinistischer oder xenophobischer Distinktion 10, ein Phänomen, das zum Beispiel in
den Debatten darüber zum Ausdruck kommt, ob Deutschland sich abschafft oder ob die Kultur
der Unterklasse unproduktiv ist. [...]
80 Auf der anderen Seite regt sich ein zuweilen neuartiger Protest, bei dem es sowohl um
soziale Themen als auch um demokratische Partizipation geht. Ob bei den Gebäudereinige-
rinnen, in den Kitas, bei Amazon oder in Krankenhäusern: Es wird wieder vermehrt gestreikt
– und zwar von Gruppen, von denen man früher annahm, sie ließen sich gewerkschaftlich nur
schlecht organisieren, weil die Jobs häufig temporär und prekär sind. [...] Abstiegsangst und
85 Prekarität werden nicht länger als individuelles Schicksal wahrgenommen, es handelt sich
vielmehr um eine kollektive Erfahrung. [...]
Was allen Protesten bisher allerdings fehlt, ist eine Idee von einer gelingenden Zukunft.
Man sehnt sich lediglich nach den vermeintlich besseren Zeiten der sozialen Moderne zurück.
[...] Auf eine Periode vermehrter sozialer Proteste folgt alsbald wieder eine seltsame Ruhe.
90 Doch solange die Probleme, auf die die Proteste reagieren, nicht gelöst sind, wird die gesell-
schaftliche Spannung aller Voraussicht nach anhalten. [...]
Sollte sich die hier präsentierte Diagnose als richtig erweisen, könnten wir vor einem neuen
Zyklus sozialer Auseinandersetzungen stehen, in denen einmal mehr um eine bessere Gesell-
schaft gerungen wird. Und in diesen Konflikten entscheidet sich womöglich die Zukunft unse-
95 rer Demokratie.
Zum Autor: Oliver Nachtwey, geb. 1975, ist ein deutscher Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel.
1 regressiv: (hier:) eine Regression aufweisend; rückläufig, rückschrittlich
2 Anführungszeichen erfolgen hier und im Folgenden in einer nicht normgerechten Schreibweise.
3 Prekarität: (hier:) schwierige Lage, problematische soziale Situation
4 soziale Moderne: (hier:) wertende Beschreibung eines Zeitraums, in dem soziale Ungleichheiten abgebaut worden seien und eine Demokratisierung der Gesellschaft stattgefunden habe (1950er – 1970er Jahre)
5 Goldenes Zeitalter: (hier:) Zeitraum der sozialen Moderne
6 implementieren: (hier:) in ein bestehendes System einbauen
7 Postdemokratie: von verringerten Partizipationsmöglichkeiten geprägte Demokratie
8 Apathie: (hier:) Teilnahmslosigkeit; Zustand der Gleichgültigkeit gegenüber den Menschen und der Umwelt
9 Affekt: (hier:) heftige Erregung, Gemütsbewegung
10 Bedürfnis nach sozialdarwinistischer oder xenophobischer Distinktion: (hier:) Bedürfnis nach einer gesellschaftlichen Abgrenzung entlang als natürlich angenommener sozialer Unterschiede bzw. einer feindlichen Ausgrenzung fremder Menschen
2. a) Analysieren Sie den Text, indem Sie die Position des Autors und seine Argumentation zur Entwicklung der sozialen Ungleichheit in Deutschland herausarbeiten. [30 Punkte]

Lösung
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2. a) Analysieren Sie den Text, indem Sie die Position des Autors und seine Argumentation zur Entwicklung der sozialen Ungleichheit in Deutschland herausarbeiten.
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