Abitur NRW Musik 2023 · GK · Haupttermin

Abiturprüfung Musik in Nordrhein-Westfalen 2023, GK · Haupttermin: 1 Aufgabe mit Lösungen. Themen: Programmmusik und absolute Musik. Kostenlos.

Themen der Prüfung: Programmmusik und absolute Musik · Elektroakustische und elektronische Musik · Gestaltungsaufgabe: Komposition mit Erläuterung

Aufgabe 1 · Elektroakustische und elektronische Musik

Aufgabenstellung: Minimal Techno (Paul Kalkbrenner: Peet)

Techno gilt vor allem als Musik zum Tanzen. Der seit den 1990er-Jahren existierende Minimal Techno wird darüber hinaus auch „nur“ zum Zuhören aufgelegt. Der aus Berlin stammende DJ und Komponist Paul Kalkbrenner (*1977) zählt zu den bekanntesten Vertretern dieses Stils. Seine Stücke (Tracks) beruhen auf rhythmisch-melodischen Bausteinen, den sogenannten Patterns. Das Komponieren mit Wiederholungen wird bisweilen kritisiert oder sogar scharf abgelehnt. Der Schriftsteller Ulrich Holbein (*1953) äußerte sich zu repetitiver Musik folgendermaßen:

„Wiederholt ein Musiker einen ganzen Abschnitt, so kann der Hörer darin ein Bauprinzip, eine gestalterische Absicht annehmen. Tritt die Wiederholung zum dritten- und viertenmal auf, so kann der Hörer schon den Verdacht hegen, dass ihn der Musiker für gedächtnisschwach hält. Bei noch häufigerer Wiederholung dürfen bereits Vermutungen über die Einfalt des Musikers selbst angestellt werden.“

1 repetitive Musik: Kompositionen, die auf Wiederholungen einzelner kurzer Fragmente basieren; die Entwicklung innerhalb der Komposition wird durch oft minimale Veränderung einzelner Parameter erzielt.

2 Einfalt: Naivität, Einfachheit, hier auch mangelnde Fähigkeit und Einfallslosigkeit.

Materialgrundlage

• Hörbeispiel: Paul Kalkbrenner: Peet (Dauer: 03'33'')

• Notenbeispiele:

– NB 01: Pattern-Katalog (Paul Kalkbrenner: Peet)

– NB 02: Grafische Verlaufspartitur zu Peet

NB 01: Paul Kalkbrenner: Peet, Pattern-Katalog

NB 02: Paul Kalkbrenner: Peet, Verlaufspartitur

1.

Geben Sie wieder, welchen Eindruck Sie beim Hören des Tracks Peet von Paul Kalkbrenner gewonnen haben. Erläutern Sie die Äußerung Ulrich Holbeins. (22 Punkte)

2.

Analysieren Sie den Technotrack Peet vor dem Hintergrund von Ulrich Holbeins Aussage anhand des Pattern-Katalogs und der Verlaufspartitur. Beziehen Sie dabei ein: den Einsatz der Patterns,

den formalen Verlauf,

die rhythmische Gestaltung,

die verwendeten Sounds und ihre elektronische Bearbeitung,

den Umgang mit der Dynamik.

(37 Punkte)

3.

Philip Glass (*1937), ein bedeutender Vertreter der Minimal Music, die den Minimal Techno beeinflusste, formulierte:

„Wenn die Ausbreitung des musikalischen Materials zur Grundlage der Aufmerksamkeit des Hörers wird, dann kann er Musik als Gegenwart [wahrnehmen], befreit von dramatischer Struktur, als bloßes Medium des Klangs.“

Stellen Sie das Zitat von Philip Glass den Äußerungen Ulrich Holbeins gegenüber und erörtern Sie beide Positionen, indem Sie Ihre Analyseergebnisse und Ihre sonstigen Erfahrungen mit dieser Musik einbeziehen. Beurteilen Sie Paul Kalkbrenners Peet hinsichtlich der denkbaren Rezeptionsweisen von Hörerinnen und Hörern (z. B. als Tanzmusik, als Musik zum Zuhören, als Musik zur Entspannung). (28 Punkte)

Aufgabe 2 · Programmmusik und absolute Musik

Abiturprüfung 2023 – Musik, Grundkurs

Aufgabenstellung:

Der russische Komponist Modest Mussorgski (1839 – 1881) komponierte 1874 seinen Klavier-Zyklus Bilder einer Ausstellung auf der Grundlage verschiedener Bilder des Malers Viktor Hartmann (1834 – 1873), von denen nicht mehr alle existieren. Zur Verfügung stehen das Stück Gnomus aus diesem Zyklus sowie unterschiedliche Deutungen und Kommentare aus Konzertführern und CD-Booklets dazu. Die ursprüngliche Bildvorlage dieser Komposition ist nicht mehr überliefert. Der Kritiker Wladimir Stassow (1824 – 1906), ein Zeitgenosse Mussorgskis, beschreibt die Darstellung auf dem Bild Hartmanns als ein hässliches Männlein mit krummen Beinchen, das ggf. eine Weihnachtsbaumfigur zeigen soll: „… so etwas wie ein Nussknacker zum Zerbrechen von in den Mund des Gnomen hin-einzulegenden Nüssen“.

Materialgrundlage

Text 1: Friedrich Wührer: Meisterwerke der Klaviermusik:

Das erste Bild heißt „Gnomus“. Es stellt ein Zwerglein dar, welches auf seinen kleinen, krummen Beinen ungeschickte Bewegungen macht. Aber Mussorgskys Inneres sieht und „zeichnet“ mehr: die unheimlich drohende, hasserfüllte Wildheit der gezeichneten Kreatur.

Text 2: Werner Oehlmann: Reclams Klaviermusikführer (Bd. 2):

Das erste Bild „Gnomus“ schildert das groteske Herumstolpern eines Zwerges mit einer verrenkten Figur:

auch die schweren Schritte (pesante) des kleinen Ungetüms ergeben kein eigentlich musikalisches Motiv.

Text 3: Emilia Fried: Beilage zum Faksimile:

Bei Mussorgsky haben wir es hier mit einem grotesken, tragisch schattierten Musikstück zu tun. Das ist ein schlagendes Beispiel der Vermenschlichung eines ulkigen Vorbilds: in die Musik, [die das ungelenke Hüpfen] und sonderbare Grimassen des kleinen Missgeschöpfes wiedergibt, brechen gequälte Ausrufe und flehende, stöhnende Klänge herein. Dieser Zwerg kommt einigen sonstigen Figuren von Mussorgsky nahe, die hinter ihrem abstoßenden Äußeren eine fühlende und leidende Seele beherbergen.

Text 4: Beilage zur CD SKM 47595:

Gnomus ist ein Kinderspielzeug, ein Weihnachtsnussknacker in Zwergengestalt. Die Musik spiegelt die bizarren und grotesken Bewegungen der Figur aus der Sicht eines Kindes wider.

Text 5: Christoph Rueger: Harenberg Klaviermusikführer:

„Gnomus“ (sempre vivo, es-Moll, 3/4), der unglückliche Zwerg, bei dem der Galeriebesuch beginnt, wird sowohl äußerlich beschrieben (groteske Sprünge, Schellengeklingel der Narrenkappe, ruckartige, zuckende Bewegungen) als auch in seiner inneren Tragik gezeichnet; auf dem Höhepunkt dieser Episode erscheint unter einer sich verzweifelt aufreckenden Gebärde eine unbarmherzig in die Tiefe ziehende chromatische Basslinie, dann wechseln beide Handpartien einander ab. Nach einer gespenstisch hüpfenden Extratour fegt der Missgestaltete mit einer diabolischen Passage davon.

Text 6: Beilage zur CD des German Marimba Duos:

Hartmanns Bild war der Entwurf für einen Nussknacker des Petersburger Künstlervereins – ein daherwackelnder Zwerg, dem allerdings keineswegs nur ein komischer Zug anhaftet, sondern ebenso etwas Mystisch-Diabolisches.

Übersicht der musikalischen Vortragsbezeichnungen im Stück:

Bezeichnung · Bedeutung

sempre vivo · immer belebt/schnell

meno vivo · weniger belebt/schnell

poco meno mosso · etwas langsamer

pesante · schwer

poco a poco accelerando · nach und nach schneller werdend

velocissimo · sehr wild

con tutta forza · mit aller Kraft

Notenbeispiel: Modest Mussorgski: Gnomus, aus: Bilder einer Ausstellung

1.

Fassen Sie die Aussagen der Texte zu Mussorgskis Gnomus zusammen. Stellen Sie dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus. Beschreiben Sie Ihren Wahrnehmungseindruck bezüglich der Komposition. [27 Punkte]

2.

Analysieren Sie die Komposition auf der Grundlage Ihrer Ergebnisse aus Teilaufgabe 1 und beachten Sie dabei diese Aspekte: formale Anlage,

motivische Arbeit,

Dynamik und Artikulation (hier auch Akzentsetzungen),

Tempo und Bewegung (Rhythmik).

[33 Punkte]

3.

Interpretieren Sie die Komposition. Bewerten Sie anschließend auf dieser Basis und mithilfe Ihrer Analyseergebnisse die Aussagen der verschiedenen Autoren. Ziehen Sie in Ihrer Stellungnahme auch andere Kompositionen heran, die Ihnen bekannt sind. [27 Punkte + 13 Punkte Darstellungsleistung = 40 Punkte]

Aufgabe 3 · Gestaltungsaufgabe: Komposition mit Erläuterung

Aufgabe 3: Gestaltungsaufgabe

Materialgrundlage:

Fotografie: Jan K. Tyrel: Berlin: Foggy Rush Hour (Nightly Delivery)

Samples: Sa 01 – Sa 16 (siehe Übersicht unten)

Liste der mitgelieferten Samples:

Kürzel

Bezeichnung

Dauer

Sa 01 · startender Dieselmotor · 00'05''

Sa 02 · Motorengeräusche stehender Autos · 00'29''

Sa 03 · Klimaanlage · 00'10''

Sa 04 · Linienbus an Haltestelle · 00'24''

Sa 05 · Windgeräusche · 00'25''

Sa 06 · Regen · 00'26''

Sa 07 · Abwasserkanal · 00'36''

Sa 08 · rollender Straßenverkehr · 01'28''

Sa 09 · Presslufthammer · 00'09''

Sa 10 · Schlag auf Metall · 00'01''

Sa 11 · Fahrradhupe · 00'01''

Sa 12 · Fahrradklingel · 00'01''

Sa 13 · Rennrad · 01'24''

Sa 14 · Autohupe · 00'01''

Sa 15 · heulender Wind, tief · 00'10''

Sa 16 · Pusten · 00'02''

1.

Entwerfen Sie ausgehend von der Fotografie Berlin: Foggy Rush Hour (Nightly Delivery) von Jan K. Tyrel ein Gestaltungskonzept für eine elektroakustische Komposition mit einer Dauer von ungefähr zwei Minuten. Gehen Sie dazu wie folgt vor:

Beschreiben Sie die Abbildung.

Ihre Deutung der Fotografie darstellen,

Entwickeln Sie daraus musikalische Gestaltungsideen.

Entscheiden Sie sich begründet für eine oder mehrere aus dem Unterricht bekannte Kompositionstechniken der elektroakustischen und elektronischen Musik und nutzen Sie deren gestalterische Möglichkeiten.

die Samples im Hinblick auf ihre Eignung für Ihre Gestaltungsideen überprüfen, gegebenenfalls eine Auswahl treffen und bei Bedarf zusätzliche Samples ergänzen und beschreiben,

Wählen Sie elektroakustische Möglichkeiten zur Bearbeitung der Samples aus.

Erstellen Sie einen Kompositionsplan.

Beziehen Sie bei Ihren gestalterischen Vorüberlegungen jeweils deren Funktion und ästhetische Wirkung ein. [39 Punkte]

2.

Komponieren Sie nach Ihrem Gestaltungskonzept ein Musikstück mit ungefähr zwei Minuten Länge. Halten Sie Ihre Arbeit in einer grafischen Partitur mit Legende fest, die Sie bei Bedarf durch traditionelle Notation und Hinweise zur Ausführung ergänzen können. [30 Punkte]

3.

Erläutern Sie Ihre Entscheidungen beim Komponieren und nennen Sie Chancen und Grenzen einer kompositorischen Arbeit mit vorgegebenen Samples. [18 Punkte]

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