Aufgabe 3 · Abitur NRW Musik LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023

Thema: Gestaltungsaufgabe: Komposition mit Erläuterung · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung:

In den zahlreichen Opern, die den Mythos von Orpheus und Eurydike behandeln, regte immer wieder auch die musikalische Darstellung des Hades, des Totenreichs der Unterwelt, die Fantasie der Komponisten zum Einsatz ungewöhnlicher und neuartiger Gestaltungsmittel an. Im Jahr 1918 vollendete der Maler und Dichter Oskar Kokoschka (1886 – 1980) sein expressionistisches Drama Orpheus und Eurydike, das wenig später von dem Komponisten Ernst Krenek (1900 – 1991) seiner gleichnamigen Oper zugrunde gelegt wurde.

Ihnen liegen vor:

Die Regieanweisung Oskar Kokoschkas zur Einleitung der 1. Szene des II. Aktes der Oper (Orpheus sucht im Hades nach Eurydike),

15 Samples als mögliches Klangmaterial der Komposition, darunter ein längeres Sample mit einer Klangaufnahme aus Claudio Monteverdis Oper L’Orfeo (1607, siehe „Hinweise zur Gestaltungsgrundlage“).

Oskar Kokoschka: Regieanweisung zur Einleitung der 1. Szene des II. Aktes:

Orpheus versucht, die modrigen Nebel durchschreitend, Eurydike unter den Schatten zu erkennen, indem er von Gruppe zu Gruppe kommt. Einige versuchen ihm die Hände zu lecken, während andere die Knieenden an Händen und Füßen zerren, schadenfroh in eine Grube stoßen. Bettler mit Krücken verteilen Kehricht aus einem Sack, um welchen sich faule Dicke zum Fressen anstellen, streiten. Irrsinnige versuchen die Wände hinaufzuklettern und gleiten ab, Mörder mit Dolchen springen auf seinen Schatten. Verliebte kriechen auf allen Vieren davon, wenn er naht, hängen wie ein Schwarm zusammen. Manche haben Tiergesichter oder Schwänze und Klauen. Kichern, Murmeln, gellendes Lachen aus dem Innern.

Hinweise zur Gestaltungsgrundlage:

Oskar Kokoschka begann die Arbeit an seinem Drama Orpheus und Eurydike zu Beginn des Ersten Weltkrieges im Jahre 1915, als er sich schwer verletzt in russischer Gefangenschaft befand, und schloss die Arbeit 1918 ab. In seine Version des antiken Stoffes fließen die traumatischen Erfahrungen seiner Kriegserlebnisse in vielfach erschreckenden Bildern und Szenen ein, die mit teils drastischen Worten geschildert werden. 1922 arbeitete er das Drama für den Komponisten Ernst Krenek in ein Opernlibretto um.

Der Begriff „Atmo“ bei den Samples Sa 01 und Sa 02 bezeichnet komplexe „Klangatmosphären“, die sich aus Hintergrund- oder Umweltgeräuschen zusammensetzen.

Das „Monteverdi-Zitat“ (Sa 12) stammt aus Claudio Monteverdis Oper L’Orfeo (1606/07). Es handelt sich um einen Ausschnitt aus einem Gesang im I. Akt der Oper, in dem Eurydike kurz vor dem verhängnisvollen Schlangenbiss, der zu ihrem Tod führt, Orpheus ihre Liebe bekräftigt. Der Gesangstext des Ausschnitts lautet:

Io non dirò qual sia

Nel tuo gioir Orfeo la gioia mia,

che non ho meco il core,

ma teco stasi in compagnia d’Amore.

Ich kann nicht sagen,

wie groß mein Glück ist, Orpheus, wenn du dich freust,

denn mein Herz weilt nicht mehr bei mir,

da du es mit deiner Liebe an dich gefesselt hast.

Soundsamples:

Nr. · Bezeichnung · Dauer

Sa 01 · Atmo Tropfsteinhöhle · 01'00''

Sa 02 · Atmo Wind · 00'15''

Sa 03 · Bombenexplosion · 00'08''

Sa 04 · Flügelflattern Taube · 00'03''

Sa 05 · Flüstern · 00'17''

Sa 06 · Fußschritte · 00'29''

Sa 07 · Gongschlag · 00'20''

Sa 08 · Kichern · 00'10''

Sa 09 · Klavier Saitenglissando · 00'41''

Sa 10 · Meereswelle · 00'12''

Sa 11 · Metalltor schließen · 00'03''

Sa 12 · Monteverdi-Zitat · 00'39''

Sa 13 · Nebelhorn Schiff · 00'07''

Sa 14 · Papiergeraschel · 00'15''

Sa 15 · Stimmengemurmel · 00'15''

1.

Entwerfen Sie ein Gestaltungskonzept für die elektroakustisch realisierte Einleitung des zweiten Aktes von etwa drei Minuten Länge. Gehen Sie dabei wie folgt vor:

Ihr Verständnis des Szenarios, das Kokoschka entwickelt hat, unter Einbezug der „Hinweise zur Gestaltungsgrundlage“ darstellen,

daraus Gestaltungsideen entwickeln,

sich begründet für eine oder mehrere Ihnen aus dem Unterricht bekannte Kompositionstechniken aus dem Bereich der elektroakustischen und elektronischen Musik entscheiden und deren gestalterische Möglichkeiten nutzen,

die fünfzehn Samples auf ihre Einsatzmöglichkeit gemäß Ihren Gestaltungsideen prüfen, gegebenenfalls eine begründete Auswahl treffen und bei Bedarf weitere Samples sowie elektronisch generierte Klänge hinzufügen und beschreiben,

für diese Samples elektroakustische Bearbeitungsverfahren auswählen,

die Parameter Klangdauer/-dichte und Dynamik sowie gegebenenfalls die räumliche Klangverteilung berücksichtigen,

einen Kompositionsplan skizzieren.

Beachten Sie bei Ihren gestalterischen Überlegungen jeweils deren Funktion und ästhetische Wirkung. [39 Punkte]

2.

Komponieren Sie nach Ihrem Gestaltungskonzept die Einleitung zum zweiten Akt mit einer Länge von etwa drei Minuten. Halten Sie Ihre Komposition als grafische Partitur mit Legende fest, die Sie bei Bedarf durch traditionelle Notation und Hinweise zur Ausführung ergänzen können. [30 Punkte]

3.

Erläutern Sie Ihr Kompositionsergebnis im Hinblick auf die Wirkung, die Sie erzielen wollten. Bewerten Sie dabei vor allem, welche Gestaltungsmöglichkeiten die von Ihnen gewählten Verfahren für die musikalische Umsetzung Ihres Szenarioverständnisses bieten. [18 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 · Abitur NRW Musik LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Entwerfen Sie ein Gestaltungskonzept für die elektroakustisch realisierte Einleitung des zweiten Aktes von etwa drei Minuten Länge...

Lösung: Ausarbeitung eines differenzierten Gestaltungskonzepts mit Analyse des Szenarios (Versehrtheit, Grausamkeit, Kriegserfahrungen), Festlegung von Gestaltungsideen (Schwellenimpuls, Grundatmo, 'Orpheus-Rhythmus', Schattenkomplexe, Steigerungsdramaturgie), Auswahl von Kompositionstechniken der Musique concrète / elektronischen Musik, Analyse und Auswahl der Samples (sowie ggf. synthetischer Klänge) inklusive elektroakustischer Transformationsverfahren (Filterung, Time-Stretch, Verhallung, Granulation, Panning) und eines strukturierten Kompositionsplans.

2. Komponieren Sie nach Ihrem Gestaltungskonzept die Einleitung zum zweiten Akt mit einer Länge von etwa drei Minuten. Halten Sie Ihre Komposition als grafische Partitur mit Legende fest...

Lösung: Grafische Partitur mit Legende über eine Spieldauer von ca. 3 Minuten. Sie verdeutlicht die Schichtung der Klangebenen (z. B. Atmo/Hintergrund, Orpheus-Spur, Schattengruppen, Initial- und Schlusssignale), Zeitverläufe, Dynamik sowie Bearbeitungshinweise (Filterung, Raumklang/Panning, Time-Stretch).

3. Erläutern Sie Ihr Kompositionsergebnis im Hinblick auf die Wirkung, die Sie erzielen wollten. Bewerten Sie dabei vor allem, welche Gestaltungsmöglichkeiten die von Ihnen gewählten Verfahren...

Lösung: Ausführliche Reflexion der intendierten Hörerfahrung (Erzeugung einer jenseitigen, beklemmenden Atmosphäre durch das Changieren zwischen Wiedererkennbarkeit realer Geräusche und surrealer Verfremdung) sowie kritische Bewertung der eingesetzten elektroakustischen Techniken im Hinblick auf die Darstellung der Bühnenvorgänge und des psychischen Erlebens von Orpheus.

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