Aufgabe HT 1 - Teil II: Aufgabe 3 · Abitur NRW Latein GK · Haupttermin · neu einsetzend 2021

Thema: Rede und Rhetorik: Ciceros Reden und Politik · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · neu einsetzend (2021)

Aufgabenstellung

Text:

Im Jahre 66 v. Chr. möchte Cicero die Volksversammlung dazu bewegen, dem Feldherrn Gnaeus Pompeius einen Oberbefehl mit außergewöhnlich umfassenden Befugnissen zu verleihen. Als Begründung führt er die militärischen Erfolge des Pompeius an:

1 Testis Hispania, quae saepissime plurimos hostes ab hoc superatos prostratosque

2 conspexit. Testis iterum et saepius Italia, quae, cum servili bello taetro

3 periculosoque premeretur, ab hoc auxilium absente expetivit. Quod bellum

4 exspectatione eius attenuatum atque imminutum est, adventu sublatum ac

5 sepultum. Testes nunc vero iam omnes orae atque omnes exterae gentes ac

6 nationes, denique maria omnia cum universa, tum in singulis oris omnes sinus et

7 portus. Quis enim toto mari locus per hos annos aut tam firmum habuit

8 praesidium, ut tutus esset, aut tam fuit abditus, ut lateret? Quis navigavit, qui non

9 se aut mortis aut servitutis periculo committeret, cum aut hieme aut referto

10 praedonum mari navigaret? Hoc tantum bellum, tam turpe, tam vetus, tam late

11 divisum atque dispersum, quis umquam arbitraretur aut ab omnibus

12 imperatoribus uno anno aut omnibus annis ab uno imperatore confici posse?

Übersetzungshilfen:

Z. 1 u. 2 · Testis · ergänzen Sie: est

Z. 1 · Hispania, -ae f. · Spanien

· prosternere, prosterno, prostravi, prostratum · niederwerfen

Z. 2 · Italia, -ae f. · Italien

· servile bellum, servilis belli n. · Sklavenaufstand

· taeter, taetra, taetrum · abscheulich

Z. 3 · absente · trotz seiner Abwesenheit

· expetere ab ( mit Abl.)

expetere, expeto, expetivi, expetitum · hier: = petere ab ( mit Abl.)

Z. 4 · exspectatione eius · durch die (bloße) Erwartung seines Eintreffens

· attenuare, attenuo, attenuavi, attenuatum · hier: abschwächen

· adventu · = adventu eius

· tollere, tollo, sustuli, sublatum · hier: beenden

Z. 4/5 · sublatum ac sepultum · ergänzen Sie: est

Z. 5 · Testes … · ergänzen Sie: … sunt

Z. 5 u. 6 · ora, orae f. · Küste

Z. 5 · vero iam · = etiam

Z. 6 · universa · in ihrer Gesamtheit ( Bezugswort ist maria)

· …, denique … cum …, tum … · schließlich … sowohl …, als auch

Z. 7 · mare, -is n. · Gemeint ist hier der Mittelmeerraum.

Z. 8 · latere, lateo, latui, – · hier: unentdeckt bleiben

· Quis navigavit, qui non … ( mit Konj.) · Wer fuhr zur See, ohne dass er … ( mit Ind.)

Z. 9 · se committere ( mit Dat.)

committere, committo, commisi commissum · sich einer Sache aussetzen

· hieme · Aufgrund der heftigen Stürme wurde in der Antike die Schifffahrt im Winter weitestgehend eingestellt.

Z. 9/10 · referto praedonum mari · = mari pleno piratarum

Z. 10 – 12 · Hoc tantum bellum, …, quis umquam arbitraretur … confici posse? · Legen Sie ihrer Übersetzung folgende veränderte Textfassung zugrunde:

Quis umquam arbitraretur hoc tantum … bellum … confici posse?

Z. 12 · conficere, conficio, confeci, confectum · beenden

3. In der vorliegenden Rede aus dem Jahr 66 v. Chr. tritt Cicero dafür ein, Pompeius ein Kommando mit außergewöhnlich umfassenden Befugnissen zu übertragen.

a)

Stellen Sie dar, welche Position Cicero in den philippischen Reden nach Caesars Ermordung im Jahre 44 v. Chr. gegenüber einer Ausweitung der Machtbefugnisse einzelner Personen vertreten hat. Beziehen Sie dazu Ihr Unterrichtswissen ein.

[8 Punkte]

b)

Nehmen Sie Stellung zu Ciceros Position gegenüber einer Ausweitung von Macht, wie er sie in den philippischen Reden vertritt.

[4 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 1 - Teil II: Aufgabe 3 · Abitur NRW Latein GK · Haupttermin · neu einsetzend 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3. a) Stellen Sie dar, welche Position Cicero in den philippischen Reden nach Caesars Ermordung im Jahre 44 v. Chr. gegenüber einer Ausweitung der Machtbefugnisse einzelner Personen vertreten hat. Beziehen Sie dazu Ihr Unterrichtswissen ein.

Lösung: Mögliche Ausführungen: - Gegen Antonius: Cicero versucht nach Caesars Ermordung (u. a. in der 1. Philippischen Rede), den Senat zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen Antonius zu einen. Antonius sei ein gefährlicher Gegner des freien Gemeinwesens, der nach absoluter Alleinherrschaft strebe; daher dürfe man ihm keinesfalls eine vorherrschende Machtstellung einräumen. - Für Oktavian: Oktavian sucht die Hilfe Ciceros und der Republikaner gegen Antonius. Cicero zeigt sich offen für eine Machtausweitung des jungen Oktavian und ruft in der 3. Philippischen Rede dazu auf, dessen private Initiative (Truppenaushebungen) durch den Senat offiziell zu legitimieren.

3. b) Nehmen Sie Stellung zu Ciceros Position gegenüber einer Ausweitung von Macht, wie er sie in den philippischen Reden vertritt.

Lösung: Mögliche Urteile: - Position A (Widerspruch/Pragmatismus): Während Cicero 66 v. Chr. Pompeius mit außerordentlicher Befehlsgewalt ausstattet, kämpft er 44 v. Chr. gegen Antonius' Machtausweitung. Er nimmt je nach Beurteilung der Bedrohungslage unterschiedliche Positionen ein; die Unterstützung von Oktavians Sondervollmachten erweist sich historisch als verhängnisvoller Irrtum. - Position B (Prinzipielle Konsequenz): Sowohl beim Appell zur Legalisierung von Oktavians Truppen als auch beim Oberbefehl des Pompeius plädiert Cicero für eine Machtausweitung einer Einzelperson, um eine existenzielle Krise der Republik abzuwenden; er handelt somit situationsbedingt, aber nach dem konsequenten Leitmotiv des Gemeinwohls (*salus publica*).

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