Aufgabe HT 1 - 3: Interpretation am Einzelwerk · Abitur NRW Kunst GK · Haupttermin 2023
Thema: Interpretation am Einzelwerk · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2023)
Aufgabenstellung
Materialgrundlage
Bildmaterial:
Abbildung 1: Francisco de Goya: Miren que grabes! („Seht, wie feierlich sie sind!“), Nr. 63, 1797 – 1799, Radierung, 30,6 x 20,1 cm, Museo Nacional del Prado, Madrid
Abbildung 2 (Detail): siehe oben
Textmaterial:
Zusatzinformationen
zum werkspezifischen Kontext:
Die vorliegende Radierung stammt aus Goyas Zyklus „Caprichos“ („Launen“, „Launenhaftigkeit“, „Allüren“).
Die Radierungen entstanden zwischen 1797 und 1799. Zu Goyas Lebzeiten wurde nur eine Ausgabe von den „Caprichos“ gedruckt. Ein von ihm angestrebter Verkauf kam jedoch nicht zustande, da er sein Vorhaben zurückzog.
Goya hat allen Darstellungen kommentierende Unterschriften gegeben. Die dargestellten Personen der Caprichos stellen nach Goyas Angaben keine bestimmten Personen seiner Zeit dar.
zum zeitgenössischen Verständnis und zur Bedeutung der Tiermotive:
Esel: bevorzugtes Reit- und Transporttier, schützenswert, dumm, faul, starrsinnig
Bär: gefährlich, unberechenbar, wild, furchteinflößend, steht auch für frevelhaften Herrscher oder Werkzeug Gottes
Adler: hochgeschätzt, stark, repräsentiert die umfassende Macht Gottes über die ganze Schöpfung
(Autorentexte nach: https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex (Zugriff: 23.04.2022) und https://symbolonline.de/index.php?title=Esel (Zugriff: 23.03.2022))
Kommentare zu den Tierdarstellungen:
Goya kommentiert die beiden dargestellten Reiter folgendermaßen:
„Zwei bestialische Wesen [mit Regierungsgewalt betraute]. Der eine wegen seiner Bigotterie [übertriebener Glaubenseifer; Scheinheiligkeit], der andere als Langfinger [Dieb] berüchtigt.“ (Ayala-Kommentar aus: Werner Hofmann: Goya. Hamburg: dtv Kunst 1981, S. 90)
3. Interpretieren Sie das Werk (Abbildungen 1 und 2), indem Sie Ihre bisherigen Untersuchungsergebnisse und die Zusatzinformationen einbeziehen.
Ziehen Sie dabei Ihr Wissen über den Künstler und sein Gesamtwerk (1790 – 1825) heran.
Erläutern Sie anhand der gestalterischen Besonderheiten und der Zusatzinformationen, inwiefern Goya durch das dargestellte Motiv Wirklichkeit in individuellen und gesellschaftlichen Zusammenhängen konstruiert. [34 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3. Interpretieren Sie das Werk (Abbildungen 1 und 2), indem Sie Ihre bisherigen Untersuchungsergebnisse und die Zusatzinformationen einbeziehen.
Lösung: Ausführliche und differenzierte Interpretation gemäß den Kriterien: 1. Deutung der Szenerie und Bildhandlung: - Szenisch-narrativer Charakter einer grotesken, unwirklichen Szene mit satirischer Zuspitzung. - Die Reiter-Träger-Konstellation als Metapher für das Ausbeutungsverhältnis zwischen herrschender Oberschicht/Klerus und unterdrücktem Volk. - Mimik und Gestik verdeutlichen die Diskrepanz zwischen Selbstgefälligkeit/Scheinheiligkeit der Machthaber (betende Hände, stolze Haltung) und Ohnmacht der Untertanen. - Verwendung von Tiermotiven und Mischwesen: Veranschaulichung des Verlustes menschlicher Vernunft; Anspielung auf übertriebenen Glaubenseifer/Bigotterie und Habgier/Diebstahl (Ayala-Kommentar). - Das jubelnde Publikum im Hintergrund als Kritik an der Verblendung und passiven Unterwürfigkeit der Masse. 2. Künstlerischer und historischer Kontext (Gesamtwerk 1790–1825): - Goyas aufklärerisch-liberale Grundhaltung im Spanien der Bourbonen und der Inquisition; Einfluss der Französischen Revolution. - Entstehung der „Caprichos“ (1797–1799) nach schwerer Krankheit und Taubheit als Wendepunkt hin zu freier, gesellschaftskritischer Kunst jenseits höfischer Konventionen. - Bezüge zu anderen Blättern der Caprichos (z. B. Blatt 43 „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ oder Esel-Radierungen wie Blatt 42 „Tú que no puedes“). 3. Wirklichkeitskonstruktion in individuellen und gesellschaftlichen Kontexten: - Keine fotorealistische Dokumentation, sondern allegorische und karikaturhafte Überzeichnung realer sozialer Missstände. - Verschränkung von subjektiver Traum-/Wahnwelt und objektiver Kritik an Korruption, Scheinheiligkeit und Despotismus. - Appellativer Charakter: Entlarvung gesellschaftlicher Heuchelei durch das Spannungsverhältnis von Ernst und grotesker Lächerlichkeit.
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