Aufgabe HT 3: Teilaufgabe 2 - Tod und Auferweckung Jesu · Abitur NRW Katholische Religion LK · Haupttermin 2022

Thema: Tod und Auferweckung Jesu: Heilsbedeutung · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2022)

Aufgabenstellung

Materialgrundlage: Jan-Heiner Tück*, Gelobt seist du, Niemand. Paul Celans Dichtung – eine theologische Provokation (Poetikdozentur Literatur und Religion Bd. 5). Freiburg i. Br. 2020, S. 301–316 (Auszug).

Der Verheißung von Versöhnung und Frieden steht die unversöhnte Geschichte, das zerrüt-

tete Verhältnis zwischen Tätern und Opfern entgegen. Kann sie wirklich geheilt werden?

Ohne eine Theologie des Gerichts, in der die Abgründe der Geschichte noch einmal scho-

nungslos aufgedeckt werden, droht die Hoffnung auf Versöhnung in die Sackgasse einer fal-

5 schen Harmonisierung zu geraten. Daher muss einem „idyllischen Messianismus der univer-

salen Vergebung“ (Lévinas 1) durch die Strenge, die im Gerichtsgedanken enthalten ist, ent-

gegengewirkt werden. Diese Strenge wird gerade von einigen Stimmen Überlebender nach-

drücklich in Erinnerung gerufen. So sagt Elie Wiesel 2 über die Opfer der Shoah: „[...] ich

hoffe, dass ihren Mördern niemals verziehen werden wird. Ich will nicht, dass Gott ihnen ver-

10 zeiht, was sie den Kindern angetan haben. Niemals.“ [...]

Deutlich ist, dass die historisch zerrütteten und nicht mehr heilbaren Täter-Opfer-Konstella-

tionen Fragen aufwerfen, die ins Eschatologische hineinreichen. Das definitive Nicht-verzei-

hen-können der Opfer und das lügnerische Beharren der Täter auf ihrer Unschuld wären in

der Tat der Fels, an dem die Hoffnung auf Versöhnung zerschellen müsste. Kann das Unver-

15 zeihliche verziehen werden? [...] Können die Opfer dazu bewegt werden, die hyperbolische

Ethik 3 einer Feindesliebe mitzuvollziehen, die im Täter den vergebungsbedürftigen Nächsten

sieht? Und können umgekehrt ihre Peiniger aus dem Kerker ihrer steifnackigen Unbußfertig-

keit befreit werden, um umzukehren und reuevoll das Angebot der Vergebung anzunehmen?

Wir wissen es nicht.

20 Wenn aber der Glaube an die Auferweckung der Toten keine trügerische Illusion ist, dann

darf im Sinne einer theologischen Meditation die Hoffnung eingespielt werden, dass das

zerstörte Leben der Opfer wiederhergestellt wird. Die ungestillten Fragen, die verstummten

Schreie, der angestaute Groll reichen in die Wirklichkeit Gottes hinein – werden sie Antwort

finden? Die Opfer erkennen, dass sie durch und durch erkannt sind (vgl. 1 Kor 13,12). Gott

25 hat sie nicht vergessen, ihre Namen sind in sein lebensstiftendes Gedächtnis eingeschrieben.

Der sichtbare Erweis dafür wird die Begegnung mit Jesus sein, dem Messias, der die Inkar-

nation der memoria Dei 4 ist, insofern er den Vergessenen, Verachteten und Verlorenen bis

ins Äußerste nachgegangen ist und durch sein Sterben den Tod getötet hat, um alle ins unzer-

störbare Leben zu führen. Die Opfer müssen nicht darum kämpfen, in ihrem Leid wahrge-

30 nommen zu werden, sie sind erkannt und werden wohl ihrerseits die unbedingte Solidarität

Jesu anerkennen können. Gilt aber auch die Umkehrung, dass die Opfer in ihrem Leiden

untergründig dem Leiden des Messias nahe waren? Jean-Marie Lustiger 5 hat diesen schwer

vollziehbaren Gedanken ausgesprochen, als er hervorhob: „Die Leiden der Opfer und ihr

Sterben sind ein Teil der Leiden des Messias. Sie sind eingeborgen in den Kelch Gottes wie

35 die Tränen seiner Kinder. Der Gedanke ist erlaubt, im Geheimnis Gottes, daß im Empfang

des Verzeihens, das der Gekreuzigte schenkt, die ungezählten Opfer, denen er sich in seinem

Leiden zugesellt hat, auch ihm zugesellt werden im Verzeihen, das er gewährt.“ Die Verge-

bung des Unvergebbaren wäre damit selbst eine messianische Gabe.

Lustiger selbst – Jude, Katholik und Priester – hat die Erfahrung gemacht, nicht vergeben zu

40 können. In den frühen 1960er Jahren ist er als Studentenpfarrer der Sorbonne nach München

gefahren. Nach der Ankunft [...] sah [er] die Leute kommen und gehen, Junge, Gleichaltrige

und Ältere. Auf einmal schoss ihm durch den Kopf, was diese Menschen zur Zeit des Krie-

ges getan oder eben nicht getan hatten. Die Vorstellung, dass viele von ihnen Mitläufer oder

Schlimmeres gewesen sein mochten, war ihm so unerträglich, dass er nicht anders konnte,

45 als den nächsten Zug zurück nach Paris zu nehmen. [...] Kein Mensch habe die Macht, das

einmal Begangene rückgängig zu machen. Man könne versuchen zu vergessen, als habe das

Begangene nicht stattgefunden. Aber ein solcher Akt der retrograden Annullierung 6 des Ver-

gangenen sei nicht nur illusorisch, sondern auch problematisch. [...] Allein Gott könne das

Unwiederbringliche zurückgeben und durch die Auferstehung der Toten Vergebung gewäh-

50 ren.

An dieser Stelle erinnert Lustiger an den Sterberuf Jesu: „Vater vergib ihnen, denn sie wis-

sen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,34) Der Gekreuzigte verzeiht nicht selbst, sondern adressiert

die Bitte um Vergebung an Gott, den Vater. Dieser aber entspricht der Bitte, indem er den

Gekreuzigten aus dem Tod erweckt und ihm ein neues Leben gewährt, das keinen Tod mehr

55 kennt. Der verklärte Leib des Auferstandenen aber bleibt von Stigmen 7 der Passion gezeich-

net. Die Geschichte seines Leidens ist im neuen Leben nicht verdrängt, vergessen oder annul-

liert. Die Wundmale sind seine Erkennungsmale. Er zeigt sie nicht vor, um die Jünger des

Verrats oder der Feigheit zu überführen. Vielmehr sind sie Quelle der Heilung und der Ver-

gebung.

60 Lustiger selbst hat [...] das Zeugnis abgelegt, dass ihm in der Begegnung mit dem auferweck-

ten Gekreuzigten eine neue, vergebungsbereite Haltung geschenkt worden ist. Er ist fest davon

überzeugt, dass es eine untergründige Kommunikation der Opfer der Geschichte [...] mit dem

leidenden Messias gibt, der seinen Tod als Opfer für alle freiwillig auf sich genommen hat

[...]. Im Gericht aber werden die Rollen von Opfern und Tätern nicht einfach in dem Sinne

65 vertauscht, dass nun die Opfer über die Täter zu Gericht sitzen und an ihnen die fällige Ver-

geltung vollziehen. Es ist vielmehr das Pneuma 8 des auferweckten Gekreuzigten, das den Frei-

heitsraum prägen wird, in dem sich Opfer und Täter begegnen. Die Hoffnung, dass der Geist

des auferweckten Gekreuzigten die Opfer befähigt, sich von der Vergebungsbereitschaft be-

stimmen zu lassen, achtet deren Freiheit als autonome Instanz. Wenn die Opfer sehen, dass

70 die Täter mit der Wahrheit ihrer Vergangenheit schonungslos konfrontiert werden, wenn sie

sehen, dass die Täter nicht mehr ausweichen können vor dem, was sie begangen haben, son-

dern vom sie einholenden Schmerz der Wahrheit überwältigt werden und zu Umkehr und

Reue finden, können sie – immer im Modus der Hoffnung gesprochen – in die messianische

Haltung des auferweckten Gekreuzigten eintreten und ihre Feinde als vergebungsbedürftige

75 Nächste ansehen. Im Akt des Verzeihens können sie darauf verzichten, ihre Peiniger und Hen-

ker so zu sehen, wie sie sie unmittelbar erlebt haben, und ihnen dadurch die Möglichkeit ein-

räumen, sich selbst neu und anders zu sehen. Das Allerunmöglichste kann für die Opfer mög-

lich werden, wenn sie die Gabe der Vergebung annehmen und sich zu eigen machen. [...]

Die Hoffnung auf eschatologische Versöhnung sinkt nur dann nicht auf das Niveau einer bil-

80 ligen Harmonisierung, wenn die Differenz zwischen Tätern und Opfern gewahrt bleibt. Erst

im Gericht wird die Wahrheit der Geschichte vollends aufgerichtet werden, und zwar so, dass

die Würde der Opfer wiederhergestellt wird und die abgründige Schuld der Täter ans Licht

kommt.

* Jan-Heiner Tück (* 1967) ist ein deutscher katholischer Theologe und Professor für Dogmatik an der Universität Wien.

1 Emmanuel Lévinas (1905 – 1995): französisch-litauischer Philosoph und Autor.

2 Elie Wiesel (1928 – 2016): Überlebender des Holocaust, Schriftsteller, Publizist.

3 hyperbolische Ethik: hier: übersteigerte, an das Äußerste gehende Ethik.

4 Inkarnation der memoria Dei: Gottes fleischgewordenes Nichtvergessen jedes Opfers.

5 Jean-Marie Lustiger (1926 – 2007): 1940 zum Katholizismus konvertierter Jude, Kardinal der römisch-katholischen Kirche, Erzbischof von Paris.

6 Akt der retrograden Annullierung: Akt des Ungeschehenmachens.

7 Stigmen: Wundmale.

8 Pneuma: göttlicher Geist.

2. Erläutern Sie, welche grundlegende Rolle der Glaube an die Auferweckung Jesu für das Christentum spielt, und verknüpfen Sie Ihre Ausführungen mit der Bedeutung, die Tück der Auferweckung Jesu beimisst. [16 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 3: Teilaufgabe 2 - Tod und Auferweckung Jesu · Abitur NRW Katholische Religion LK · Haupttermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Erläutern Sie, welche grundlegende Rolle der Glaube an die Auferweckung Jesu für das Christentum spielt, und verknüpfen Sie Ihre Ausführungen mit der Bedeutung, die Tück der Auferweckung Jesu beimisst.

Lösung: 1. Fundamentale Bedeutung der Auferweckung Jesu (z. B. nach S. Pemsel-Maier): - Dreh- und Angelpunkt des christlichen Glaubens: Hoffnung auf Auferweckung begründet christliche Zukunftshoffnung. - Offenbarung Gottes als 'Gott des Lebens', der den Tod endgültig überwindet. - Gott handelt aus alleiniger Initiative (Macht- und Heilstat); Befreiung von Schuld und Tod. - Christologische Beglaubigung des Wirkens und der Reich-Gottes-Botschaft Jesu. - Sendungsimpuls für die Verkündigung der Frohen Botschaft. 2. Beziehung zu Tücks Darstellung: - Gemeinsamkeit: Fundamentale Bedeutung der Auferweckung und Transzendierung innerweltlicher Erfahrung. - Beide sehen die Auferweckung als Heilstat Gottes des Vaters. - Spezifischer Akzent bei Tück: Fokus auf das postmortale Gerichtsgeschehen, die Wiederherstellung der Würde der Opfer und die Ermöglichung eschatologischer Feindesliebe und Vergebung durch das Pneuma des Auferweckten.

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