Aufgabe HT 2: Teilaufgabe 3 - Tod und Auferweckung Jesu · Abitur NRW Katholische Religion LK · Haupttermin 2022

Thema: Tod und Auferweckung Jesu: Heilsbedeutung · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2022)

Aufgabenstellung

Materialgrundlage

Knapp, Andreas / Wolfers, Melanie*: Glaube, der nach Freiheit schmeckt. Eine Einladung an Zweifler und Skeptiker. Freiburg i. Br./Basel/Wien ³2016, S. 324–328 (Auszug).

* Andreas Knapp (*1958) ist promovierter Theologe, Ordensmann und spiritueller Lyriker.

* Melanie Wolfers (*1971) ist promovierte Theologin, Ordensfrau und Leiterin eines Projekts für junge Erwachsene mit Angeboten zur Spiritualität und sozialen Verantwortung.

Anders als in vielen Weltanschauungen kommt für den jüdisch-christlichen Glauben das Böse

nicht aus der Materie. Im Gegensatz zu Gott hat der Teufel kein Antlitz. Er ist auch kein

Gegen-Gott. Satan ist eine Art anonyme Struktur, eine seelenlose Mechanik, die sich auto-

matisch immer wieder wie von selbst aufzieht. Der Teufel ist ein perfides Programm. Weil

5 dieses so teuflisch raffiniert wirkt, hat es den Anschein von Intelligenz und gleicht einem

eiskalten Rechner.

Die Logik der Gewalt, die mit Gewalt ausgetrieben werden muss, klingt höchst rational und

plausibel. Das endlose Zirkelprogramm des Bösen kommt auch in der sprichwörtlich geworde-

nen Feststellung zum Ausdruck: Der Teufel wird mit dem Beelzebul¹ ausgetrieben. (Lk 11,15)

10 Daher bleibt der Mensch im Bösen gefangen. Der Veitstanz² der Gewalt beginnt immer wie-

der von vorn. Hinter der bildlichen Rede vom Teufel steht also die Erfahrung, dass das Böse

nicht bloß die Summe und das Ergebnis von menschlichen Taten ist. Das Böse hat Wirkkräfte,

die über die einzelne Person hinausgehen.

Wenn sich ein Mensch vom Teufel „inspirieren“ lässt, so wird er immer mehr besetzt von

15 Gier, Hass oder Gewalt. „Hausbesetzer“ wie Rachegedanken, Misstrauen, das Streben nach

Macht oder Reichtum und alle Formen von Sucht nehmen einen immer mehr gefangen. Da-

durch gerate ich in einen unendlichen Teufelskreis und kann immer weniger aus mir heraus-

und auf andere zugehen. […] Ich rotiere immer mehr um mich selbst und „verzehre“ mich

dabei. Auf vielen Höllendarstellungen wird dies eindrucksvoll illustriert: Die Hölle ist ein

20 Schlund oder ein Drachenmaul und frisst die Menschen. Natürlich wohnen in der Hölle keine

Drachen oder Dinos. Auch gibt es keine Feuerteufel, die ihre Opfer weich kochen oder gril-

len. Die Hölle frisst die Person aber insofern, als sie die Befähigung zu Freiheit und Freund-

schaft zerstört. Weil der Teufel ein gesichtsloses Zerstörungspotential ist, vernichtet er das

Personale – das also, was den Menschen zum Menschen macht.

25 Teufel und Dämonen gibt es wirklich, insofern sie wirksam sind. Ihre Realität ist aber nur

eine geliehene. Sie beziehen ihre Energie nämlich von denen, die sie besetzen und aussaugen.

Die Gier nach Macht oder Reichtum ist beispielsweise nur insoweit wirksam, als ich dieser

Gier Raum gebe. Ebenso kann auf gesellschaftlicher Ebene eine nationalistische oder kapi-

talistische Ideologie nur dann zum herrschenden Programm werden, wenn Menschen dieses

30 Programm installieren. Der Teufel führt „nur“ ein parasitäres Scheinleben. Er gleicht einem

Virus, das selbst ja kein Leben ist, sondern sich in der lebendigen Zelle einnistet. Das Virus

programmiert die Zelle um. Sie produziert dann nicht mehr das, was ihrem Leben dient. Viel-

mehr stellt sie jetzt weitere Viren her und zerstört sich dadurch oft selbst. In ähnlicher Weise

befällt und besetzt das Böse den menschlichen Geist. Er lässt ihn ein destruktives Programm

35 reproduzieren, das den Menschen immer mehr von sich selbst, von anderen und von Gott ent-

fremdet und ihn deshalb letztlich zerstört. Daher warnt die Bibel: „Gebt dem Teufel keinen

Raum!“ (Eph 4,27)

Wie kann der Mensch dem Kreis der Hölle entkommen? Gott hat für uns die Hand ins Feuer

der von Menschen gemachten Hölle gelegt. Denn in Jesus Christus wurde er Opfer der mensch-

40 lichen Gewalt und blieb doch seiner Liebe treu. Durch Tod und Auferstehung Jesu wurde der

blinde Kreislauf der Gewalt entlarvt und die Unschuld des Opfers öffentlich proklamiert.

Damit wurde dem Teufel die Maske vom Gesicht gerissen: Der Mechanismus, dass man einen

Sündenbock opfern muss, damit Friede einkehrt, ist offengelegt und als Lüge gebrandmarkt.

Gott braucht keine Opfer und in seinem Namen darf keine Gewalt verübt werden. Indem Jesus

45 den Todeskreisel der Gewalt durchbrochen hat, steht dem Menschen ein neuer Lebensraum

offen. Er kann Hass durch Liebe überwinden. Mit der Auferstehung Christi hat das Reich

Gottes definitiv begonnen, und dem Menschen ist ein Neuanfang möglich. Wer an die Liebe

glaubt, kann aus dem Wiederholungszwang der Gewalt und dem inneren Kreisen um sich

selbst ausbrechen. Wenn Dämonen bewirken, dass Menschen sich einigeln, so heilt der Geist

50 Jesu Christi durch Kommunikation und Gemeinschaft. Und wer liebt, hat auch den Tod schon

überwunden.

Zur Liebe aber sind wir nicht gezwungen. Wir sind daher frei, zu wählen, ob wir die offene

Hand Gottes ergreifen wollen oder ob wir uns für immer in die Hölle des Hasses und der Ein-

samkeit einschließen. Gott verurteilt niemanden zur Hölle. Es ist der Mensch selbst, der sich

55 dazu verdammen und exekutieren kann. Nach Cleve Staples Lewis³ werden die Tore der Hölle

von innen her zugehalten. Und über dem Eingang der Hölle steht geschrieben: „Ich gehöre

mir selbst.“ Hier schließt sich jemand ein und will in alle Ewigkeit keinem Du mehr begeg-

nen. Er wählt die Isolation und läuft um seine Insel, wo er nur noch auf seine eigenen Fußspu-

ren trifft. Im tödlichen Kreislauf um sich selbst verweigert er sich trotzig jeder Beziehung

60 und Gemeinschaft. Wenn sich also jemand in seinem Willen zur Einsamkeit selbst definitiv

den Riegel vorschiebt, entsteht für ihn das Niemandsland der Hölle. […] Ob all dies tatsäch-

lich jemand will, oder ob die Hölle leer ist, wissen wir nicht. Doch weil der Mensch frei ist,

besteht prinzipiell die Möglichkeit, dass sich jemand endgültig verschließt.

Alles Sprechen vom Himmel, Gericht, Fegefeuer und Hölle sind Bilder für etwas, das jeden

65 begrifflichen Rahmen sprengt. […]

Weil Christus durch seine Auferstehung alle Grenzen der Raumzeit überschritten hat, begeg-

net er jedem Menschen im Augenblick des Todes. Denn im Sterben verlässt die menschliche

Person das Koordinatensystem von Raum und Zeit. Jedem Menschen, der je auf dieser Welt

gelebt hat oder noch leben wird, bietet Christus jenseits der Todesschwelle die Hand an. Ja,

70 er bittet ihn, in einem letzten Akt der Freiheit zu sich und zu Gott ja zu sagen.

Wenn Christus jedem Menschen […] im Tod begegnet, geschieht dort jenes Gericht, das

über Himmel und Hölle entscheidet. Das göttliche Gericht ist in letzter Konsequenz ein

Selbstgericht des Menschen: Will ich im Blick auf das Ganze meines Lebens die radikale

Selbstvernichtung wählen, indem ich alle Liebe ablehne? […] Oder will ich mich in die offe-

75 nen Arme Christi werfen, in jenem seligen Schmerz, der alle Lieblosigkeit ausbrennt? Dann

wird wahr: Ende gut – alles gut.

¹ Beelzebul: hier eine andere Bezeichnung für den Teufel.

² Veitstanz: hier als Bezeichnung für ein mittelalterliches Phänomen, die Tanzwut, verwendet, bei der Menschen(mengen) willenlos, unwillkürlich zuckend tanzten, bis sie erschöpft oder verwundet zusammenbrachen. Zurückzuführen ist dieses Phänomen wahrscheinlich auf Vergiftungen, ausgelöst etwa durch den Mutterkornpilz, der Getreide befallen kann.

³ Cleve (Clive – Anmerkung d. Verf.) Staples Lewis: (1898 – 1963) irischer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler.

Aufgabe 3: Entfalten Sie eine theologische Interpretation des Todes Jesu am Kreuz und untersuchen Sie, ob sich die Darlegungen der Autorin / des Autors in den Zeilen 38 – 51 in dieser Interpretation wiederfinden. [20 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 2: Teilaufgabe 3 - Tod und Auferweckung Jesu · Abitur NRW Katholische Religion LK · Haupttermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3. Entfalten Sie eine theologische Interpretation des Todes Jesu am Kreuz

Lösung: Deutung z. B. nach Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.): - Neutestamentliche Kreuzestheologie steht im Kontrast zu paganen Sühnevorstellungen: Nicht der Mensch versöhnt Gott durch Opfergaben, sondern Gott selbst handelt in radikaler Liebe („für uns“). - Jesus Christus opfert sich selbst in stellvertretender Hingabe; der Kreuzestod wird zum universalen Versöhnungstag. - Das „Opfer“ des Gläubigen besteht primär darin, sich von Gottes Liebe beschenken und heilen zu lassen.

3. Untersuchen Sie, ob sich die Darlegungen der Autorin / des Autors in den Zeilen 38 – 51 in dieser Interpretation wiederfinden

Lösung: - Übereinstimmung: Ablehnung des archaischen Sühneopfermechanismus („Gott braucht keine Opfer“); Gott erweist sich als treu liebend und durchbricht den tödlichen Kreislauf menschlicher Gewalt. - Konvergenz: Der Mensch verursacht die Not („von Menschen gemachte Hölle“ / „gestörtes Recht“); Erlösung ist ungeschuldete Heilsgabe. - Besonderer Akzent bei Knapp/Wolfers: Stärkere Betonung des Durchbrechens sozialer/struktureller Gewaltmechanismen (Sündenbocklüge) und der aktiven Entscheidung des Menschen für die Liebe.

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