Aufgabe HT 3 - 2 · Abitur NRW Katholische Religion LK · Haupttermin 2021

Thema: Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Materialgrundlage: Halík, Tomáš *: Ich will, dass du bist. Über den Gott der Liebe. Freiburg i. Br. 2015, S. 203–212 (Auszug)

(Die deutsche Übersetzung wurde in den Z. 47 f. leicht geändert.)

Heute werden häufig drei Begriffe miteinander verwechselt, die drei sehr unterschiedliche

Erscheinungen bezeichnen: die Furcht (eine konkrete Besorgnis um etwas oder vor etwas),

die Angst (eine „Einstellung“ eines Menschen, eine innere Beklemmung ohne ersichtliche

konkrete äußere Ursache) und die Ehrfurcht (eine tiefe Furcht vor dem Heiligen, Unbegreif-

5 baren und Nicht-Verfügbaren). Furcht und Angst sind primär psychologische Zustände [...].

Die Ehrfurcht, von beiden zu unterscheiden, ist vor allem eine religiöse Erscheinung [...].

Die Aufklärer haben die Religion – ihren Ursprung und ihr Wesen – mit der Furcht verbun-

den. Zweifellos gibt es pathologische 1 Formen von Religion, die auf Furcht gründen und Furcht

verbreiten. Ein typisch religiöses Phänomen ist jedoch etwas ganz anderes als Furcht oder

10 Angst, nämlich die Ehrfurcht – der Schwindel in Anbetracht der Größe und der Unbegreif-

barkeit des Heiligen, häufig verbunden mit dem Erlebnis menschlicher Unscheinbarkeit, Ver-

letzlichkeit, Endlichkeit. [...]

Gott ist – es sei immer wieder daran erinnert – die Tiefe der Wirklichkeit, die für uns jenes

radikale Andere ist, das absolute Geheimnis, das nicht nur alles übersteigt, mit dem wir je in

15 Berührung gekommen sind, sondern was wir uns in den Vorstellungen unserer Phantasie über-

haupt vorstellen können. Wer nie den Schwindel dieser Tiefe erlebt hat, sollte vielleicht den

Begriff Gott lieber nicht benutzen, weil er Gefahr läuft, dass er dann mit diesem Wort nur jene

Götzen meint, die wir in unseren Gedanken herstellen und mit denen wir dann ganz nach

Belieben umspringen können. Im besten Fall streiten wir diesen Produkten unserer Phantasie

20 jede reale Existenz ab (auch wenn sie dann trotzdem noch existieren und auf ihre Art und

Weise auf uns wirken), oder wir machen sie uns dienlich, indem wir aus ihnen magische

Glücks-Amulette, Instrumente zur Erfüllung unserer Wünsche, Symbole unserer Kultur, Erzie-

hungsmittel zur Züchtigung der Kinder oder ähnliches herstellen. Das alles sind Ausdrücke

von Idolatrie 2 und Aberglauben, des direkten Gegensatzes zum Glauben.

25 Ohne das Erlebnis jenes Schwindels, jener heiligen Furcht, die uns gleichzeitig unsere End-

lichkeit und Unvollkommenheit offenbart, ist [...] wirklich jede Rede von Gott leer, einschließ-

lich der Rede über die Liebe zu Gott. Es scheint mir, dass viele fromme Handbücher über die

Liebe zu Gott nur „mit dem Papier rascheln“ und voll von süßer Sentimentalität und Wall-

fahrtskitsch sind, weil ihre Autoren allem Anschein nach nie jenen Fall in die Tiefe des Seins

30 erlebt haben, jenes Staunen über die Nicht-Selbstverständlichkeit der Existenz der Welt und

von uns selbst, jenes betäubende Getöse beim Zusammensturz aller unserer bisherigen Sicher-

heiten und Gedankenkonstruktionen, wenn im Fenster unserer Seele die Glasscheibe der Worte

und Bilder zerbirst und ein so starker Luft- und Lichtstrom in unser Inneres fällt, dass wir die

Augen schließen und um Atem ringen müssen.

35 [...]

[I]n der neuzeitlichen Gestalt der Religion, so scheint es mir, ist die Ehrfurcht, jene tiefe re-

ligiöse Ur-Erfahrung, wie weggeweht. Ehrfurcht ist die Reaktion auf den ambivalenten Cha-

rakter des Heiligen, auf diese paradoxe Einheit der Gegensätze [...]. Das Heilige ist myste-

rium tremendum et fascinans 3 – sowohl erschreckend, als auch faszinierend. Die biblische

40 Auffassung Gottes als eines unbegreiflichen Geheimnisses (erinnern wir uns an das Buch Ijob

[...]) hat unauffällig, Schritt für Schritt das banale Bild Gottes ersetzt, das die dunkle Seite

nicht mehr beinhaltete.

[...] Vor allem der Gott der hebräischen Bibel überschreitet radikal unsere menschlichen Vor-

stellungen davon, was gut und was böse ist – und ist alles andere als ein gutmütiger Greis auf

45 dem hinteren Teil der Bühne der Welt, von dem wir schon von vornherein wissen, was wir

von ihm erwarten können.

Dieser banale, eindimensionale Gott, dieses himmlische gutmütige Väterchen, hat jedoch in

der Religion stets einer Horrorvision die Waage gehalten – dem Schrecken der Hölle. Mittel-

alterliche, und insbesondere barocke Phantasien über die Folterkammern der Unterwelt und

50 die stinkenden Teufel, die um die Roste herumhüpfen, auf denen die Seelen der Sünder gebra-

ten werden, sind auch aus der neuzeitlichen Volksfrömmigkeit [...] nicht verschwunden. [...]

Erst die Erfahrungen mit den Tragödien und den Gräueln des 20. Jahrhunderts haben die tra-

ditionellen Bilder der Hölle überschattet. Regime, die das Paradies auf Erden versprochen

hatten, bereiteten in ihren Konzentrationslagern den Menschen eine derartige Hölle, ange-

55 sichts derer die traditionellen religiösen Schilderungen der Hölle lächerlich geworden sind.

Gleichzeitig ist auch das banale Bild Gottes als eines ausschließlich guten Gottes (als des

Garanten dessen, dass in der Welt das siegen wird, was die Menschen für gut halten) ange-

sichts dieser Tragödien unglaubwürdig geworden.

Es ist daher zweifellos gut, dass heute die Furcht vor der Hölle aus dem Christentum ver-

60 schwunden ist. Zwar wird häufig darüber gejammert und sich darüber beklagt, dass die Priester

heutzutage nicht mehr von der Hölle predigten, dass die Kirche gar „ihren eschatologischen

Schalter geschlossen habe“. Aber ich habe selbst einige dieser Höllenpredigten gehört, und

muss gestehen, [...] dass es geschickter gewesen wäre, wenn der Prediger geschwiegen hätte

[...].

65 Wenn der Glaube an die letzten Dinge die Kleider jener Vorstellungen ablegen muss, denen

er wirklich schon entwachsen ist, die ihm tatsächlich schon zu klein geworden sind, kann er

sich mit dem einfachen Gewand der Hoffnung bekleiden.

* Tomáš Halík, geb. 1948, ist ein tschechischer Soziologe, Religionsphilosoph und römisch-katholischer Priester.

1 pathologisch: krankhaft.

2 Idolatrie: Bilderverehrung, -anbetung, Götzendienst.

3 mysterium tremendum et fascinans (lat.): erschreckendes und (zugleich) faszinierendes Geheimnis.

2. a)

Entfalten Sie anhand von zwei Textstellen Gottesbilder aus dem Buch Exodus und untersuchen Sie, inwiefern Gott dort „die Tiefe der Wirklichkeit“ (Z. 13) ist, „die für uns jenes radikale Andere ist, das absolute Geheimnis, das [...] alles übersteigt, mit dem wir je in Berührung gekommen sind“ (Z. 13 ff.). [18 Punkte]

b)

Setzen Sie sich mit der Position Halíks auseinander, ohne echte Gotteserfahrung müsse man den Begriff „Gott“ völlig aufgeben, weil man mit dem Reden über Gott sonst nur Götzen hervorbringe, „die wir in unseren Gedanken herstellen und mit denen wir dann ganz nach Belieben umspringen können“ (Z. 18 f.). [12 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 3 - 2 · Abitur NRW Katholische Religion LK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. a) Entfalten Sie anhand von zwei Textstellen Gottesbilder aus dem Buch Exodus und untersuchen Sie, inwiefern Gott dort „die Tiefe der Wirklichkeit“ (Z. 13) ist, „die für uns jenes radikale Andere ist, das absolute Geheimnis, das [...] alles übersteigt, mit dem wir je in Berührung gekommen sind“ (Z. 13 ff.).

Lösung: Entfaltung zweier Textstellen aus Exodus (z. B. Ex 3,1–17 und Ex 32,1–35): 1. Ex 3,1–17 (Brennender Dornbusch): - Offenbarung als Gott der Väter, der zugleich heilig und unnahbar bleibt („Komm nicht näher heran!“, Ex 3,5). - Mose verhüllt sein Angesicht aus Ehrfurcht (Ex 3,6). - Das Symbol des brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbuschs verweist auf die bleibende Andersartigkeit und unbegreifliche Gegenwart Gottes. - Offenbarung des Namens JHWH (Ex 3,14): Deutbar als Zusage des Beistands („Ich bin da für euch“), wahrt aber zugleich die Unverfügbarkeit und das Geheimnis Gottes. 2. Ex 32,1–35 (Goldenes Kalb / Bundesbruch): - Das Volk versucht, sich mit dem gegossenen Kalb einen verfügbaren Gott handgreiflich herzustellen. - Gottes Reaktion offenbart seinen Zorn und seine Souveränität; Gott ist kein harmloser Garant menschlicher Wünsche, sondern kündigt den Bund auf (Ex 32,9–10). - Moses Fürbitte und Gottes Reue verdeutlichen die Beziehungsdynamik zwischen Gott und Mensch; Gott lässt sich ansprechen, bleibt aber unverfügbarer Richter über Schuld. Untersuchung im Hinblick auf Halíks Zitat: Beide Szenen spiegeln das „radikale Andere“ und das „absolute Geheimnis“: In Ex 3 sprengt Gott durch den brennenden Dornbusch Naturgesetze und entzieht sich durch seinen Namen jeder begrifflichen Fixierung. In Ex 32 wird der Versuch des Menschen, Gott zu verdinglichen und nach Belieben zu handhaben (Idolatrie), radikal verurteilt.

2. b) Setzen Sie sich mit der Position Halíks auseinander, ohne echte Gotteserfahrung müsse man den Begriff „Gott“ völlig aufgeben, weil man mit dem Reden über Gott sonst nur Götzen hervorbringe, „die wir in unseren Gedanken herstellen und mit denen wir dann ganz nach Belieben umspringen können“ (Z. 18 f.).

Lösung: Mögliche Argumentationslinien zur Auseinandersetzung: Zustimmende Aspekte: - Gefahr der Projektion (Feuerbach, Religionskritik): Der Mensch neigt dazu, Gott nach seinen eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Ängsten zu konstruieren und für Zwecke zu instrumentalisieren. - Theologische Tradition der Negativen Theologie / Mystik: Von Gott lässt sich angemessener im Schweigen sprechen („Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, Wittgenstein). - Jüdisches Bilderverbot und Scheu vor der Aussprache des Gottesnamens JHWH als Schutz vor Götzendienst und Vereinnahmung. Ablehnende bzw. relativierende Aspekte: - Der Mensch ist ein sprachliches und beziehungsorientiertes Wesen: Glaube braucht Sprache, Gebet und Gemeinschaft, um artikuliert und geteilt zu werden. - Glaubensentwicklung als Prozess: Eine tiefe Gotteserfahrung steht selten am Beginn, sondern wächst oft erst heran; ein Verzicht auf das Reden von Gott würde die Weitergabe des Glaubens an nachfolgende Generationen verunmöglichen. - Biblische Tradition nutzt bewusst vielfältige, metaphorische und teils widersprüchliche Bilder, die nicht objektivieren, sondern das Geheimnis Gottes in Annäherungen erfahrbar machen. Fazit: Ein differenziertes Urteil wägt ab zwischen der berechtigten Warnung vor Götzendienst und der Notwendigkeit menschlicher Glaubenskommunikation.

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