Aufgabe 1 · Abitur NRW Geographie GK · Nachtermin 2022
Thema: Disparitäten und Entwicklungsstrategien · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2022)
Aufgabenstellung
Thema: Leichtindustrie als Entwicklungsfaktor? – Das Beispiel der Bekleidungsindustrie in Myanmar
Materialgrundlage
M 1: Atlaskarten nach Wahl
M 2: Myanmar – landeskundliche Informationen
- nach britischer Kolonialherrschaft Gründung des Staates Myanmar am 4. Januar 1948
- Militärdiktatur mit weitgehender internationaler Isolation des Landes
- ab 2011 Phase der Öffnung und Demokratisierung; 2015 erste freie Wahlen. 2021 erneute Machtübernahme durch das Militär
- Einwohner der 4 größten Städte (2017): Yangon 4.728.524, Mandalay 1.225.546, Naypyitaw 333.506 (Regierungssitz seit 2005), Taunggyi 264.804
Großraum Yangon:
- Sitz nationaler und internationaler Unternehmen
- wichtige Branchen: Textil- und Bekleidungsindustrie, Finanzsektor, Kfz-Zulieferindustrie, Medien, Tourismus
- Internationaler Flughafen, wichtigster Verkehrsknotenpunkt, größter Seehafen Myanmars
- 7 Universitäten und nationale Forschungseinrichtungen
M 3: Myanmar – Strukturdaten
M 4: Bekleidungsindustrie in Myanmar – Daten und Fakten
- Produktion: Bekleidung 88 %, Schuhe 7 %, Hand- und Reisetaschen 5 %
- überwiegend Fertigung von hochwertigen Funktions- und Outdoortextilien
- insgesamt 1,1 Millionen Beschäftigte, davon über 90 % Frauen
- Schwerpunkt der Textilfertigung: Großraum Yangon
- 2011 Liberalisierung und Öffnung des Marktes
- seit 2012 zollfreier Zugang zum europäischen Binnenmarkt
- 2015 Einführung eines monatlichen Mindestlohns von 85 US-$
- geringe arbeitsrechtliche Vorgaben und gewerkschaftliche Organisation
Anmerkung: Hauptbestandteil der Textilimporte sind Vorprodukte, wie Stoffe und Garne
M 5: Bekleidungsunternehmen im Großraum Yangon
Anmerkung: Industriezonen: seit Beginn der 2000er Jahre vom Staat errichtete Gewerbeparks zur Ansiedlung ausländischer Unternehmen (überwiegend Bekleidungsunternehmen)
M 6: Textile Wertschöpfungskette
M 7: Monatliche Mindestlöhne in der Bekleidungsindustrie im Vergleich (in US-$)
M 8: Pressemeldungen
EU setzt Kambodscha und Myanmar unter Druck
Die Europäische Union gewährt Kambodscha und Myanmar Handelspräferenzen. Da beide Länder gegen Menschenrechte verstoßen, droht die EU mit dem Entzug dieser Privilegien. Experten warnen vor unbeabsichtigten Folgen. Doch dieser von der EU gewährte Sonderstatus steht im Falle Kambodschas seit Februar 2018 und im Falle Myanmars seit Ende 2017 auf dem Prüfstand, denn der Status ist an Bedingungen geknüpft, wie aus der entsprechenden Verordnung der EU aus dem Jahr 2012 hervorgeht.
Chinesischer Textilproduzent baut Roboterproduktion in den USA auf
China ist nach wie vor der globale Textilproduktionsstandort Nummer 1. Einer der größten Textilproduzenten des Landes beginnt nun jedoch andere Wege zu beschreiten. Mit der Fertigstellung einer Fabrik im US-Bundesstaat Arkansas wird es dort ab dem Jahr 2018 zur Produktion von Dutzenden Millionen T-Shirts zu einem Stückpreis von gerade einmal 33 Cents kommen.
1.
Lokalisieren Sie Myanmar und kennzeichnen Sie, wie sich das Land seit 2000 entwickelt hat. [21 Punkte]
2.
Erläutern Sie die Standortbedingungen sowie die Entwicklung und die Bedeutung der Bekleidungsindustrie in Myanmar. [28 Punkte]
3.
Erörtern Sie, inwieweit die Bekleidungsindustrie zu einer zukunftsfähigen Entwicklung Myanmars beitragen kann. [31 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Lokalisieren Sie Myanmar und kennzeichnen Sie, wie sich das Land seit 2000 entwickelt hat.
Lösung: Myanmar liegt in Südostasien, zwischen Indien/Bangladesch im Westen und China/Laos/Thailand im Osten, am Golf von Bengalen und der Andamanensee. Seit 2000 zeigt sich eine positive ökonomische Entwicklung: deutlicher Anstieg des insgesamt niedrigen BIP/Kopf (von 228 auf 1.299 US- gegenüber Export 22,4 Mrd. US-$) und eine einseitige, auf Rohstoffe und Agrargüter konzentrierte Exportgüterstruktur. Gleichzeitig vollzieht sich eine positive demografische und soziale Entwicklung, doch bestehen weiterhin große Herausforderungen: anhaltend hohes Bevölkerungswachstum (44,6 auf 52,8 Mio.), zwar steigender, aber weiterhin geringer Verstädterungsgrad (26→32 %) und eine im internationalen Vergleich niedrige Lebenserwartung (54→66 Jahre). Aus dem niedrigen HDI-Wert (0,463→0,583), dem geringen Pro-Kopf-Einkommen und der Alphabetisierungsrate (64→73 %) lässt sich ableiten, dass die Befriedigung von Grundbedürfnissen für einen Großteil der Bevölkerung noch unzureichend ist. Insgesamt ist Myanmar trotz positiver Entwicklungstendenzen seit 2000 mit Bezug auf sozioökonomische Indikatoren weiterhin als Entwicklungsland einzustufen.
Erläutern Sie die Standortbedingungen sowie die Entwicklung und die Bedeutung der Bekleidungsindustrie in Myanmar.
Lösung: Als maßgebliche Standortfaktoren für die Ansiedlung der arbeitsintensiven Bekleidungsindustrie lassen sich herausstellen: hohes Arbeitskräftepotenzial, vergleichsweise geringes Lohnniveau, eine grundlegende Verkehrsinfrastruktur, geringe Sozialstandards und gewerkschaftliche Organisation sowie die Wirtschaftsliberalisierung und der Zugang zum europäischen Binnenmarkt seit Beginn der 2010er Jahre. Die Konzentration der Bekleidungsindustrie in der Region Yangon lässt sich mit Agglomerationsvorteilen begründen: hohe Einwohnerzahl bzw. großes Arbeitskräftereservoir, Yangon als Knotenpunkt aller relevanten Verkehrsträger, unmittelbare Nähe zu staatlichen Institutionen und Behörden sowie die Verfügbarkeit unternehmensbezogener Dienstleistungen. Die Entwicklung der Bekleidungsindustrie zeigt sich differenziert: kontinuierliches Wachstum der Bekleidungsproduktion und -exporte, anhaltend steigende Anzahl von Unternehmensgründungen, Fertigung internationaler Marken vorrangig für asiatische Bekleidungsunternehmen (Outsourcing), ein dominierender Anteil Chinas bei Investitionen und Importen von Vorprodukten für die Bekleidungsindustrie sowie ein seit Öffnung des europäischen Marktes überwiegend in die EU sowie in asiatische Industrieländer gerichteter Export. Daraus lassen sich weitere ökonomische Bedeutungsaspekte ableiten: wirtschaftliche Impulse durch ausländische Direktinvestitionen, die Branche als wichtige Deviseneinnahmequelle, eine Verbesserung der Einkommenssituation durch Mindestlohn sowie ein Arbeitsplatzangebot insbesondere für Frauen. Dem stehen kritisch negative Bedeutungsaspekte gegenüber: große Abhängigkeit von meist ausländischen Bekleidungsunternehmen, große Abhängigkeit vom Zugang zum europäischen Binnenmarkt, geringe Wertschöpfung und niedrige Produktivität sowie eine Zunahme der regionalen Disparitäten durch Arbeitskräftezuwanderung nach Yangon.
Erörtern Sie, inwieweit die Bekleidungsindustrie zu einer zukunftsfähigen Entwicklung Myanmars beitragen kann.
Lösung: Für eine weitere positive Entwicklung und wirtschaftliche Bedeutung der Bekleidungsindustrie in Myanmar sprechen: Standortvorteile durch bestehende Produktionsstrukturen, der stetig steigende Wert der Bekleidungsexporte, Europa und der ostasiatische Raum als wirtschaftsstarke Hauptexportländer, im internationalen Vergleich weiterhin geringe Lohnkosten (M7: Myanmar mit 95 US-$ im unteren Bereich) sowie eine Verbesserung sozialer Standards durch Mindestlöhne. Zugleich sind Auswirkungen politischer Maßnahmen und räumlicher Verlagerungen zu problematisieren: Die Handelspräferenzen für die Belieferung des absatzstärksten europäischen Marktes sind wegen Menschenrechtsverstößen in Gefahr (M8), es droht eine neue Konkurrenzsituation durch Verlagerung der Bekleidungsindustrie in Länder mit noch niedrigeren Lohnkosten sowie eine mögliche Verringerung ausländischer, insbesondere chinesischer Direktinvestitionen. Mögliche Auswirkungen ergeben sich auch aus der Optimierung der Herstellungskette: eine Veränderung des Arbeitskräftebedarfs in einer bisher arbeitsintensiven Branche durch automatisierte Produktion (M8: Roboterproduktion in den USA), eine Verlagerung von Produktionskapazitäten im Zuge von Nearshoring, die Einhaltung ökologischer Standards und der Einsatz ressourcenschonender Technologien bevorzugt an Standorten im Nahbereich der Abnehmerregionen sowie ein möglicher Nachfragerückgang durch längere Benutzungsdauer hochwertigerer Bekleidungswaren. Daraus wird deutlich, dass der Standort Myanmar langfristig nur durch strukturelle Veränderungen gesichert werden kann: eine Erhöhung der Wertschöpfung, eine weitergehende Qualifizierung der Beschäftigten sowie weitere Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur. Abschließend ist eine begründete Stellungnahme zu formulieren, die die genannten Chancen und Risiken gegeneinander abwägt.
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