Aufgabe 2 - Teilaufgabe 2 · Abitur NRW Evangelische Religion GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Thema: Leid und Theodizee: angemessen von Gott sprechen · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)

Aufgabenstellung

Petra Bahr

Karsamstag: Gott ist tot (aber nicht mehr lange)

Das Kreuz ist leer, der Leichnam fort. Die Freunde des Gekreuzigten sind wie vom Erdboden verschwunden. Sie haben kapituliert vor dem Ausgang der Geschichte. Müde sind sie und selber wie tot, so ohne Aussicht auf ein Zeichen der Hoffnung. Karsamstag, der Tag der Leere. Vom Morgengrauen bis tief in die Nacht nur das Nichts.

Dieser mittlere Tag des Triduums, wie die Zeit zwischen der Passion und der Verkündigung der Auferstehung in der christlichen Tradition hieß, ist der vielleicht unbekannteste heilige Tag der westlichen Christenheit. Drei Tage, in denen nicht nur die Heilsgeschichte sich wie in einem Brennglas verdichtet, sondern auch alle Dimensionen der menschlichen Existenz ausgeleuchtet werden.

Vom Karfreitag bleiben immerhin rappelvolle Aufführungen der Bach’schen Passionen 1 und der laute Kampf um den stillen Feiertag. Während die einen zur Todesstunde Jesu schweigen, dröhnt es draußen vor der Kirche aus billigen Verstärkern, weil es Leute gibt, die diese Stille für alle nicht ertragen. Doch gerade in der Bestreitung wird auch die kulturelle Bedeutung des Kreuzes noch einmal offensichtlich.

Viele Menschen mögen sich dem Gott dieser Passion nicht mehr anvertrauen, der sich in diesem Schmerzensmann zeigt. Doch dass im Mittelpunkt dieses Glaubens nicht der Übermensch steht, sondern der Zerbrochene, Entwürdigte, Belächelte, öffnet immer noch einen Raum, der Menschen berührt, und sei es nur diese intime Zone zwischen ästhetischer Erfahrung und religiöser Berührung. Auch das Osterfest ist zumindest mit religiösen Restbeständen vital. Dem schier Unglaublichen, der Auferweckung von den Toten, wird als Feier des Neubeginns mit Brunch und Spaziergang in heiterer Frühlingsluft oder Kurzurlaub im Sonnenschein begegnet. Unbestritten ist Ostern ein wichtiges Ziel des kollektiven Festkalenders, ein Fest, das sich mit säkular-religiösen Erwartungen so leicht ausstaffieren konnte, dass der Bedeutungsverlust des Christentums durch das Gewicht der Dekorartikel ausgeglichen wird. […]

Der Karsamstag ist dagegen immer schon eine Art Brückentag zwischen Karfreitag und Ostern, immer schon nur ein Übergang von hier nach dort. Dabei würde sein ursprünglicher Sinn einer zaudernden, melancholisch gewordenen Christenheit neue Bedeutsamkeit geben können. Das Kar 2, der Hinweis auf das Weinen, hängt ja an diesem besonderen Samstag. Es ist der Tag der Leere und der Gottesferne, das schlimmste Zwischen der menschlichen Existenz. In den alten Traditionen der westlichen Christenheit der einzige Tag, an dem keine Messe gefeiert wird. Auch die Kirchen bleiben leer. Kein Blumenschmuck, keine Kerzen auf dem Altar. Im Glaubensbekenntnis bekommt dieser Welttrauertag einen bestimmten Richtungssinn. Und der führt nach unten. „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“, heißt es fast lakonisch. Zwischen dem „gekreuzigt, gestorben und begraben“ und „am dritten Tage auferstanden von den Toten“ ist dieser Satz leicht zu verstolpern.

Die Künstler des Abendlands hat dieser Satz fasziniert. Nicht das Kreuz ist das Schlimmste, was dem Sohn Gottes passiert. Das Schlimmste kommt erst noch, am Tag danach. Sie bevölkern ihre Höllengemälde mit schauderhaften Wesen, untoten Zombies und wilden Tieren, die sich in Gewaltexzesse verstricken – und zeigen den Gottessohn in diesem Inferno oft genug ungerührt, als wüsste er schon, dass die Reise ins Herz der Finsternis nicht lang dauern kann.

Auch die Kirchenväter haben ihre Fantasie an diesen Ort geschickt. Sie zeichnen die Erfahrung radikaler Gottesverlassenheit und tiefer Einsamkeit. Den Tod eben.

Die Hölle, das ist für sie nicht das Reich einer dämonischen Mafia, in der die Bösen wohnen und ihre Taten bis ins Unendliche wiederholen. Es ist der Ort der tiefsten Entmenschlichung, weil hier das Vergessen wohnt, genauer gesagt: die, die vergessen worden sind. Gott, so beschreibt es ein anonymer Kirchenvater, nimmt sich Zeit, um die aufzusuchen, die von der Welt vergessen worden sind. Die Erfahrung der Leere, das große Nichts, die Abwesenheit Gottes ist an diesem Tag so groß, weil Gott die entfernten Winkel der Welt aufsucht. Dem düstersten Rand der Welt ist Gott an diesem Tag nah.

Damit bekommt die Abwesenheit eine andere Qualität, sie ist nämlich mit einer Art mitbedachter Gegenwart in der Fremde verbunden. Gott ist da, wo kein Mensch je hinwill. Auch das ist Stellvertretung. In dieser Lesart ist der Karsamstag der Zeitraum zwischen der Erfahrung all der sinnlosen, bösartigen, unverständlichen Tode und der immer schon schwer fassbaren Hoffnung auf ein Ende dieser unendlichen Geschichte. Im Karsamstag spiegelt sich der Zustand der Welt, dieser Tag ist der tiefste Ausdruck des ungläubigen Glaubens, der in der Aussicht auf Ostern liegt, im Zwischen. Zwischen Tod und Leben. Zwischen Kapitulation und Hoffnung. […]

Was kann es bedeuteten, dass Gott sich diesen Höllentrip zumutet und an die Vergessenen erinnert? Am Karsamstag wird die Verlassenheit des Menschen explizit. Das, was Tod bedeutet, wird aussprechbar und ansprechbar, in seinem Schrecken und seiner Banalität, ebenso wie die Angst, die sich mit beidem verbindet.

Wer diesen Tag einfach überspringt, verdichtet zwar die Erfahrung von Karfreitag und Ostern zu einem extremen Erlebnis. Um die Spannung des Zwischen, die so schwer auszuhalten ist, werden diese heiligen Tage allerdings gekürzt. Der Mitteltag im Triduum ist der Tag, an dem ausgiebig Zeit ist für erschöpften Glauben und Kleinmütigkeit, die in jeder Generation anders aussieht.

Die Identifikation mit den Jüngern, die ängstlich in ihren Verstecken sitzen, weil sie nicht mehr wissen, wozu sie sich eigentlich bekennen sollen, sollte weniger verschämt geschehen. Denn genau so sind Christen doch, auch wenn sie schon tausendmal Ostern gefeiert haben: eine Karsamstagsbande, Menschen, die nicht nur die Anwesenheit Gottes feiern, sondern auch die Erfahrung seiner Abwesenheit und die zähe Qual dieser Erfahrung zum Thema machen können.

All die vergeblichen Gebete und die Lieder, die einem im Halse stecken bleiben und falsch klingen. Die Feigheit vor den Fragen der anderen und der Sprachnot angesichts der ausgestellten Osterfreude, die doch das Innerste nicht erreicht.

Die Kraft des christlichen Glaubens liegt doch darin, dass der innere Streit, der Unglaube Teil der religiösen Sprache sind. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, schreit der Gekreuzigte in der Sprache eines Psalms. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“, wird ein Jünger namens Thomas später sagen, einer von denen, die sich unter dem Schatten des Kreuzes in tiefe Traurigkeit verstrickt haben.

Die Bedeutung des Karsamstags hat sich in der Liturgie der Osternacht erhalten. Die ersten dunklen Minuten in der kalten Kirche, die eisige Luft des frühen Aprils, die in die Glieder fährt, bis zum Osterlicht im Morgengrauen ist es auch in der Sprache der Gebete noch lang.

Deshalb machen Christen einmal im Jahr „die Nacht durch“, um diesen Weg symbolisch nachzuvollziehen. Sie sollten dem Karsamstag nicht ausweichen.

1 Bach’sche Passionen: musikalische Umsetzungen der Passionsgeschichte durch den Komponisten Johann Sebastian Bach

2 Kar: althochdeutsch Kara: Trauer, Klage

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Petra Bahr ist evangelische Theologin.

2. Entfalten Sie einen Lösungsansatz für die Theodizee-Frage, die sich aus dem Leid in der Welt für das Gottesbild ergibt, und bringen Sie diesen mit der Gottesvorstellung in Beziehung, die Petra Bahr entwirft. [30 Punkte]

Ihre Ausarbeitung wurde erfasst. Vergleichen Sie Ihre Lösung mit den Kriterien der offiziellen Musterlösung.

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 - Teilaufgabe 2 · Abitur NRW Evangelische Religion GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Entfalten Sie einen Lösungsansatz für die Theodizee-Frage, die sich aus dem Leid in der Welt für das Gottesbild ergibt, und bringen Sie diesen mit der Gottesvorstellung in Beziehung, die Petra Bahr entwirft.

Lösung: Ausarbeitung zur Entfaltung eines Theodizee-Ansatzes sowie dessen theologischem Vergleich mit Bahrs Entwurf gemäß dem Erwartungshorizont.

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