Aufgabe 4 - Teilaufgaben 2 und 3 · Abitur NRW Evangelische Religion GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Thema: Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)

Aufgabenstellung

Johannes Röser

Ist Gott „systemrelevant 1 “?

Die kirchlichen Nachrichtenagenturen hatten sich in den letzten Wochen nahezu inflationär

überschlagen mit Meldungen über die Not leerer Kirchen, über das Verbot, öffentliche Got-

tesdienste zu feiern. […]

Die Wahrheit ist, dass den allermeisten Bürgern ohne Gottesdienst religiös gar nichts fehlt.

5 Umfragen haben ermittelt, dass nur eine Minderheit von gut zehn Prozent die aktive direkte

Teilnahme an der österlichen Liturgie vermisst hat. Spätestens Corona bringt es an den Tag:

Kirche, Religion wird vom größten Teil des Volkes nicht mehr als „systemrelevant“ betrach-

tet. Selbst der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier musste in seiner österli-

chen Ansprache dieser Tatsache Tribut zollen. Er hat vorrangig auf die frühlingshaften Aller-

10 weltsgefühle Bezug genommen: „Draußen erblüht die Natur, und wir sehnen uns hinaus ins

Freie – und zueinander: zu lieben Menschen, Familie, Freunden. So waren wir es gewohnt.

So gehörte es dazu. Doch dieses Jahr ist alles anders. […]“

Erst nachrangig – und das zeigt die Realität in dieser Gesellschaft auf – deutete er, obwohl

selber ein engagierter Christ, knapp, fast ein wenig verschämt und distanziert den christlichen

15 Sinn an: „Ausgerechnet an Ostern, dem Fest der Auferstehung, wenn Christen weltweit den

Sieg des Lebens über den Tod feiern, müssen wir uns einschränken. Einschränken, damit

Krankheit und Tod nicht über das Leben siegen.“

Selbst das Hochfest der Christenheit ist demnach keineswegs „systemrelevant“, weder für

das gesellschaftliche Leben noch für den Zusammenhalt. Nahezu die Hälfte der bundesdeut-

20 schen Bevölkerung gehört gar keiner Kirche mehr an. Für den „Ruck durch die Gesellschaft“,

den ein früherer Bundespräsident einmal beschwor, reicht das Grundgesetz mit seinen Wert-

ansagen völlig aus, wenn auch in seiner Präambel aus Pietätsgründen gegenüber den christ-

lichen Gründervätern und Gründermüttern noch die Verantwortung vor Gott genannt wird.

Für die Versorgung mit Moral ist Jesus Christus als Gottes- und Menschensohn jedoch nicht

25 zur Welt gekommen, dafür musste er nicht leben, leiden, sterben, von Gott auferweckt wer-

den. Wozu dann sonst – wenn nicht zu einer über diese Welt hinausweisenden Hoffnung für

diese Welt? […]

Und Gott selbst? Ist er „systemrelevant“? Die Naturgesetze der kosmischen wie biologischen

Evolution funktionieren ohne „ihn“. Die Wissenschaften verbuchen einen Fortschritt nach

30 dem anderen, ohne Gott in ihre Modelle, Theorien, Beweise aufnehmen zu müssen. Berühmt

ist die Aussage des Mathematikers und Astronomen Pierre Simon Laplace, der auf die Frage

Napoleons „Aber wo ist Gott in Ihrem System?“ antwortete: „Sir, diese Hypothese habe ich

nicht nötig!“

Auch für die Rettung der Menschen vor schrecklichen Erregern, für die Erfindung von Arz-

35 neien und Impfstoffen, für die ungeheuer staunenswerten Entdeckungen der Biomedizin, Gen-

forschung, Hirnforschung über die Entstehung, Produktion und Unterstützung natürlichen wie

künstlichen Lebens braucht man Gott nicht. Der Hirnforscher Gerhard Roth sagte einmal:

„Wenn es Gott gibt, ist er völlig anders, als jeder Theologe ihn sich vorstellt.“ Oder sollte

man sich immerhin dem Physiker Werner Heisenberg zuwenden, der zumindest andeutete:

40 „Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem

Grund des Bechers wartet Gott.“

Wenn also Gott – auf welche Weise? Schon vor den großen Pestepidemien oder Naturkata-

strophen wie dem Erdbeben von Lissabon hatten heftige „Systemstörungen“ die Menschen

in ihrem Glauben erschüttert. Genauer: den Systemglauben gebrochen. In der Not flüchteten

45 sich viele in den Wunderglauben. Viele andere aber nicht. Wieder andere ahnten: Gott passt

in keines der – ob frommen oder unfrommen – Systeme, in die ihn die Menschen mit ihren

religiösen, nicht-religiösen, kulturellen, wissenschaftlichen oder alltagsgeschichtlichen Vor-

stellungen zwängen wollten. Gott – wenn, dann der große Systembrecher. […]

Könnte es sein, dass die Christenheit durch Corona und dessen Erschütterung die Chance er-

50 hält, ein saturiertes 2 weltliches wie religiöses Systemdenken zu sprengen? Also einen unan-

gepassten Gottesglauben und anstößigen Christusglauben neu zu lernen? Gar die Auferste-

hung als entscheidenden Akt der Sinngebung wiederzuentdecken?

„Gott funktioniert nicht“, sagte der streitbare Seelsorger Thomas Frings in einem Buch glei-

chen Titels. Gott ist kein Erfüllungsgehilfe noch so frommer, menschlich verständlicher und

55 weiterhin magisch infizierter, ja durchsetzter Bitten um dieses oder jenes, ob um Gesundheit

oder Seelenheil, ob um gesunde Kinder oder eine gelingende Prüfung, ob um einen berufli-

chen Erfolg, einen ertragreichen Geschäftsabschluss oder einen Liebespartner fürs Leben…

All das hatte und hat seinen Platz in der Frömmigkeitsgeschichte verschiedenster Religionen.

Und erweist sich doch mehr und mehr als Trugschluss, der modernen Menschen den Glauben

60 eher zerstört als erbaut. Denn eigentlich passen auch die wahren Gebete nicht wirklich ins

System, weil sie, in expressivster existentiellster Form, dieses sprengen. Ein mit Bitten funk-

tionalistisch angeforderter Gott, der – obwohl er kein Funktionär ist – bei Nichterfüllung stets

damit entschuldigt werden muss, dass er schon wisse, wozu das gut ist, gleitet ins Absurde.

Mehr noch als das Leid der Welt ist dies der Fels des Atheismus.

65 Der Theologe Johann Baptist Metz sagte einmal: „Wir haben heute eine Kirchenkrise; aber

viel entscheidender ist doch: Es gibt eine Gotteskrise. Diese Krise ist kein Kirchenproblem,

sondern ein Menschheitsproblem. Es gibt einen Atheismus, der Gott im Munde führen kann,

ohne ihn ernsthaft zu meinen.“ Es kann im Glaubensringen eigentlich nur darum gehen: Gott

Gott sein lassen. Sich Gott nähern in der Einsamkeit der eigenen Existenz, in der Ergriffenheit

70 zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit, in der Erschütterung von Sterblichkeit und Ewig-

keit, Anfangslosigkeit und Anfang, in der Undurchschaubarkeit von Zufall und Notwendig-

keit, in der Rätselhaftigkeit des Zusammenspiels von Materie und Geist, Nichts und allem,

dem Unsichtbaren wie dem Sichtbaren. Denn darin besteht das wahre Wunder.

Krisenzeiten könnten durchaus auch heute Heilszeiten sein. Selbst wenn eine Epidemie nicht

75 von Gott zum Bestrafen sündiger Menschen, gar einer sündigen Menschheit geschickt ist,

kann diese schwere existentielle Prüfung Anlass geben, in sich zu gehen, die Frage nach der

wahren, guten, richtigen Existenz, nach einem sinnvollen Leben neu zu stellen – nach dem

ewigen Leben.

Es kann sein, dass die Gottesfrage nach Corona noch mehr verstummt, dass die Kirchen noch

80 leerer werden und dass das Christentum noch heftiger an Plausibilität verliert. Den Nachdenk-

lichen jedoch kann Gott näherkommen als der Systemlose, Systemsprengende – als ganz

Anderes, aber nicht völlig fremd.

[…] Das Kirchensystem, das sich seit langem mit sich selbst beschäftigt und anscheinend

immer mehr um sich selber dreht, braucht den Paradigmenwechsel, den Blickwechsel: hin zu

85 dem, was uns inmitten der Glaubensprobleme eine Glaubensweite schafft, in der Gott – in

Christus – uns näher ist, als wir uns selber sind. Gott ist nicht „systemrelevant“, Gott war nie

„systemrelevant“. Gott ist Gott – Gott sei Dank.

1 systemrelevant: Anspielung auf die Diskussion während der Coronakrise um die Frage, welche Gesellschaftsbereiche für das Funktionieren der Gesellschaft von besonderer Bedeutung sind

2 saturiert: bezeichnet den Zustand bürgerlicher Zufriedenheit

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne dabei den Sinn zu verändern.)

Johannes Röser ist katholischer Publizist und Journalist.

2.

Entfalten Sie die Gottesbilder, die in der Exoduserzählung zum Ausdruck kommen, und vergleichen Sie sie mit der Vorstellung von Gott, die Johannes Röser in seinem Text darlegt. (30 Punkte)

3.

Erörtern Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse und anhand von Beispielen Ihrer Wahl, inwiefern die Frage nach Gott beim Umgang mit gesellschaftlichen Krisenerfahrungen eine Hilfe sein kann, und nehmen Sie begründet Stellung. (26 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe 4 - Teilaufgaben 2 und 3 · Abitur NRW Evangelische Religion GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Entfalten Sie die Gottesbilder, die in der Exoduserzählung zum Ausdruck kommen, und vergleichen Sie sie mit der Vorstellung von Gott, die Johannes Röser in seinem Text darlegt.

Lösung: Ausarbeitung gemäß den Kriterien von Teilaufgabe 2: - Gottesbilder der Exoduserzählung: Gott als Unverfügbarer/Unbegreiflicher (Offenbarung des Gottesnamens JHWH in Ex 3,14), Befreier aus der Knechtschaft (Ex 3,7ff.), Geber der Gebote zur Bewahrung der Freiheit (Dekalog, Ex 20,1–17), treuer Bundespartner. - Gemeinsamkeiten mit Röser: Unverfügbarkeit Gottes, Gott als personales Gegenüber, Ablehnung von Funktionalisierung (kein Diener menschlicher Wünsche). - Unterschiede: Exoduserzählung betont geschichtsmächtiges, rettendes Eingreifen und Bundesbeziehung mit konkretem Volk; Röser argumentiert abstrakt-philosophisch/zeitdiagnostisch und fokussiert das Christusereignis.

3. Erörtern Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse und anhand von Beispielen Ihrer Wahl, inwiefern die Frage nach Gott beim Umgang mit gesellschaftlichen Krisenerfahrungen eine Hilfe sein kann, und nehmen Sie begründet Stellung.

Lösung: Erörterung gemäß den Kriterien von Teilaufgabe 3: - Darstellung von mindestens zwei Beispielen für gesellschaftliche Krisenerfahrungen (z. B. Pandemie, Klimakrise, Kriege, Flucht). - Hilfreiche Aspekte der Gottesfrage: Sinnstiftung, Trost, Hoffnung über den Tod hinaus, Motivation zu solidarischem Handeln, Entlastung durch Vertrauen auf Gottes Souveränität. - Grenzen/problematische Aspekte: Bewältigung ohne Religion (Wissenschaft/Politik genügen), Theodizeefrage und Zweifel angesichts unermesslichen Leids, Gefahr destruktiver Gottesbilder (strafender Gott). - Eigene begründete und abwägende Stellungnahme.

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