Aufgabe 3 · Abitur NRW Erziehungswissenschaft GK · Nachtermin 2021

Thema: Kognitive und moralische Entwicklung (Piaget, Kohlberg) · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 – Erziehungswissenschaft, Grundkurs

Aufgabenstellung 3 (Nachtermin)

Materialgrundlage

Christine Brinck: Fördern, bevor es zu spät ist. In: DIE ZEIT, Nr. 5/2012, 26.01.2012.

Online abrufbar unter: www.zeit.de/2012/05/C-Frueherziehung (Zugriff: 16.09.2019)

(Zwischenüberschriften und Quellenangaben wurden zugunsten einer besseren Lesbarkeit weggelassen. Die Rechtschreibung entspricht dem Original.)

Christine Brinck

Fördern, bevor es zu spät ist

[...] Bildungsforscher haben eine neue Lebensphase im Visier: die Zeit von der Geburt bis zur Einschulung der Kinder. [...] Weshalb verdient die frühkindliche Bildung überhaupt so große Beachtung? Und weshalb wird hierzulande zu wenig für sie getan?

„Alle Bildungsprozesse der Grundschule, der Jugend, des Lebens“, so schreibt es der Erziehungswissenschaftler Jörg Ramseger von der FU Berlin in einem Thesenpapier für die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, „wurzeln in den Bildungsprozessen der frühen Kindheit.“ Der benachteiligte Dreijährige ist schon im Kindergarten im Verzug, erst recht mit sechs in der Grundschule. Das Problem beginnt bereits in der ersten Lebenswoche und wächst im ersten Monat, im ersten Jahr. Nicht, weil das Kind arm ist, sondern weil seine Eltern sich ihm nicht zuwenden. Sie sprechen und singen nicht mit ihm, sie reimen und lachen nicht mit ihm. Sie wissen oft nicht, wie man Nähe zum Kind herstellt, weil sie selbst als Kind keine Nähe erfahren haben.

Benachteiligte Kinder sitzen oder liegen stattdessen schon früh vor dem Fernseher. Nur: Der Fernseher umarmt nicht, verstrickt nicht in Rede und Widerrede. Kinder, mit denen nicht gesprochen wird, lernen auch nicht, ordentlich zu sprechen. Kinder, deren Fragen nicht beantwortet werden, hören auf, Fragen zu stellen. Wem nicht vorgelesen wird, der wird viel schlechter lesen lernen.

Kleine Kinder sind sehr viel klüger, als wir vor zwanzig, dreißig Jahren noch für möglich gehalten haben. Die amerikanische Baby-Forscherin Alison Gopnik hat [...] viel zur Erhellung der kleinkindlichen Fähigkeiten beigetragen. Kinder sind Forscher, Beobachter, Zuhörer, Nachahmer und Denker. Lange bevor sie richtig sprechen, geschweige denn schreiben oder die Schuhe zubinden können, vermögen sie einen grammatikalisch richtigen von einem grammatikalisch falschen Satz zu unterscheiden.

Die Kinder in dieser Phase nicht zu fördern ist fatal. Im Gespräch mit dieser Zeitung konstatierte der Berliner Bildungsforscher Jürgen Baumert kurz und knapp: „Ein Kernproblem bleibt das mangelnde Beherrschen der deutschen Sprache.“ Die sprachliche Bildung des Kindes beginnt am ersten Tag und hat mit Interaktion zu tun und dem Spaß, den Babys als Unterhalter ihrer Umwelt haben. So spritzen sie beim abendlichen Bad gern Vater oder Mutter nass und lachen sich kaputt über deren verdutzte Gesichter. Ebensolche Interaktion erfährt das benachteiligte Kind zu selten, weil sein Gegenüber passiv und uninteressiert ist. Noch schlimmer kommt es, wenn die Eltern auf das Nassspritzen mit Wut, Unverständnis und Schlägen reagieren.

Babys brauchen zur Entwicklung Kommunikation wie Blumen die Sonne. Je mehr die Bezugspersonen mit ihnen plaudern, desto mehr blühen sie auf. Nach einer Studie der University of Chicago haben Kinder von redseligen Müttern mit 20 Monaten 131 Wörter mehr in ihrem Wortschatz als die von maulfaulen Müttern. Vier Monate später hatte sich die Lücke schon auf 295 Wörter ausgeweitet. Diese ständig wachsende Lücke schleppt das benachteiligte Kind mit sich herum, im Kindergarten, in der Grundschule. Es sei denn, es tritt eine Person in sein Leben, die mit ihm singt, spricht oder spielt.

Das knappe Fünftel der Schüler, die laut Pisa-Studie mit 15 nicht richtig lesen können, stammt zum Großteil aus anregungsarmen Familien.

Von allein schließe sich die Lücke nicht, stellte die britische Forscherin Marian Whitehead fest. Denn die „sprachliche Grundbildung ist abhängig von der Entwicklung gemeinsamer Bedeutungsinhalte und Kommunikation mit anderen, lange bevor Wörter und Schreiben eine Rolle spielen“.

Nun haben wir uns angewöhnt, viel Geld in kompensatorische Maßnahmen zu stecken, um die Kinder zum An- und hoffentlich Abschluss zu führen. Doch später ist fast immer zu spät. In Berlin allein werden für Sprachförderung jährlich 50 Millionen Euro versenkt – mit fragwürdigem Ergebnis. Denn sie werden meist nicht präventiv im Vorschulalter eingesetzt, sondern zur Reparatur, wenn die Kinder sprachlich längst im Abseits stehen. Der amerikanische Psychologe Eric Turkheimer kam 2003 nach Auswertung einer großen Zwillingsstudie zu dem Schluss: Intelligenz kann durchaus genetisch determiniert sein; nur bekommen benachteiligte Kinder oft keine Chance, ihr Maximum auszuloten. Anders ausgedrückt: Im richtigen Umfeld würde sich die Schere nicht so weit öffnen.

Neuerdings versuchen viele Kommunen, die Vernachlässigung von Kleinkindern mithilfe von Familienhebammen zu verhindern. Über die Dauer des Wochenbetts hinaus, häufig das ganze erste Lebensjahr hindurch, begleiten sie junge Mütter und Familien. Doch was geschieht mit diesen Kindern nach dem ersten oder zweiten Lebensjahr? Wer berät, wer begleitet die unwissenden oder gar unverantwortlichen Eltern von Zwei- und Dreijährigen? Mit drei Jahren besuchen zwar die meisten Kinder einen Kindergarten, aber dessen Qualität hängt von der Wohngegend ab und von Einsatz und Ausbildung des Personals. Also geht die Schere weiter auseinander. Das benachteiligte, schlecht sprechende Kind, dem daheim Struktur und Anregung fehlen, wird durch vier Stunden Kindergartenverwahrung zwar mehr gefordert als vor der häuslichen Glotze, aber weniger als das Kind im privaten Montessori-Kindergarten.

Gute Vorschule ist ein teures Projekt, freilich eines, das große Rendite verspricht. Das Versagen der vernachlässigten und benachteiligten Kinder im späteren Leben ist nicht nur ein persönliches Schicksal, sondern auch ein gesellschaftliches Problem. 58400 Jugendliche verließen 2009 laut einer Bertelsmann-Studie die Schule ohne Abschluss. Seit Jahren soll die Abbrecherquote halbiert werden, doch sie sinkt nur langsam, weil die Intervention für die Risikogruppen fast immer zu spät kommt. [...]

Anmerkung zur Autorin: Christine Brinck ist Journalistin und Autorin und schreibt für verschiedene Zeitungen Artikel v. a. im Bereich Bildung und Gesellschaft.

Zugelassene Hilfsmittel: Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung

1.

Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) des Textes, stellen Sie dessen Inhalt dar und skizzieren Sie, wie die Argumentation aufgebaut ist.

[18 Punkte]

2.

Setzen Sie die Positionen der Autorin sowohl zu einem Modell der kognitiven Entwicklung als auch zur Montessoripädagogik in Beziehung.

[32 Punkte]

3.

Prüfen Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse, inwieweit frühkindliche Bildung dazu beitragen kann, die von Brinck dargestellte Benachteiligung von Kindern in ihren Familien auszugleichen.

[30 Punkte]

Hinweis zur Gesamtbewertung: Für die inhaltliche Leistung der drei Teilaufgaben werden maximal 80 Punkte vergeben. Für die Darstellungsleistung werden weitere maximal 20 Punkte vergeben (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 · Abitur NRW Erziehungswissenschaft GK · Nachtermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) des Textes, stellen Sie dessen Inhalt dar und skizzieren Sie, wie die Argumentation aufgebaut ist. (18 Punkte)

Lösung: Individuelle textanalytische Ausarbeitung gemäß den Vorgaben der Lehrkraft.

2. Setzen Sie die Positionen der Autorin sowohl zu einem Modell der kognitiven Entwicklung als auch zur Montessoripädagogik in Beziehung. (32 Punkte)

Lösung: Individuelle theoriegeleitete Verknüpfung und Analyse gemäß den Vorgaben der Lehrkraft.

3. Prüfen Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse, inwieweit frühkindliche Bildung dazu beitragen kann, die von Brinck dargestellte Benachteiligung von Kindern in ihren Familien auszugleichen. (30 Punkte)

Lösung: Individuelles kriteriengeleitetes pädagogisches Urteil gemäß den Vorgaben der Lehrkraft.

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