Aufgabe 1 · Abitur NRW Erziehungswissenschaft LK · Nachtermin 2021

Thema: Bildung und Schule (Klafki, Fend) · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 – Erziehungswissenschaft, Leistungskurs

Materialgrundlage

Aladin El-Mafaalani: Mythos Bildung. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2020, S. 9 – 20

(Zwischenüberschriften und Quellenangaben wurden zugunsten einer besseren Lesbarkeit weggelassen. Die Rechtschreibung entspricht dem Original.)

Aladin El-Mafaalani

Mythos Bildung

1 Unsere Gesellschaft ist ungerecht, ungerechter als andere, ungerecht zu Kindern. Und das ist nicht neu. Neu sind aber die Folgen, die dieser uralte Befund zeitigt. Genau genommen ist das deutsche Bildungssystem heute insgesamt deutlich durchlässiger als früher. Paradoxerweise führt ein Mehr an Durchlässigkeit nicht zu weniger Bildungsungleichheit, dafür aber zu neuen 5 Problemen. Und diese neuen Probleme gefährden sowohl den Wohlstand als auch den sozia- len Zusammenhalt als auch die Legitimationsgrundlagen unserer Gesellschaft. Und daher müssen uralte Fragen neu gestellt werden.

Durch die Bildungsexpansionen in den letzten 60 Jahren hat sich das Bildungsniveau in der Bevölkerung wesentlich erhöht und damit wuchsen auch die Bildungs- und Teilhabechancen 10 aller Bevölkerungsgruppen. Nicht zuletzt auch deshalb ist die Gesellschaft heute deutlich dynamischer, pluraler und liberaler. Gleichzeitig gibt es nach wie vor junge Menschen, die von diesen Chancenzuwächsen nicht profitieren. Für sie wird die Situation hochproblematisch. Sie laufen Gefahr, den Kompetenz- und Flexibilitätsanforderungen heute und in Zukunft nicht zu genügen. Sie sind zurückgefallen – zumindest im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Ein- 15 fache und mittlere Bildungsabschlüsse haben an Wert verloren, wodurch sich für einen Teil der jungen Menschen die Benachteiligung verstärkt, weil diese entwertete Bildung keinen sicheren Platz in der Gesellschaft garantiert. Die Bildungsexpansion hat die Perspektiven und Chancen verschoben – sehr viele haben davon profitiert, aber bei Weitem nicht alle.

[...]

20 Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit sind Legitimationsgrundlagen unserer Gesell- schaft. Sie waren schon immer eher Postulate als Realität. Aber solange man sich in den unte- ren und mittleren Schichten darauf verlassen konnte, dass es die eigenen Kinder einmal bes- ser haben werden, ließen sich ungerechte Verhältnisse legitimieren – so war es noch in den 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahren. Im Jahr 2020 sind es nicht nur ökonomische und arbeits- 25 marktpolitische Gründe – Stichwort Fachkräftemangel und demografischer Wandel –, die diese uralten Zusammenhänge zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen hochproble- matisch erscheinen lassen, sondern auch normative: Es ist schlichtweg ungerecht, Kinder mit ungleichen Chancen in eine hochkomplexe und ungewisse Zukunft zu entlassen, in der sie die Folgen persönlich verantworten sollen. Es gibt also eine seltene Allianz zwischen ökono- 30 mischen und normativen Argumenten, und die hat der Bildungspolitik einen hohen Stellen- wert eingeräumt – einen zu hohen.

Bildung hat bei Eltern und Lehrern, bei Regierung und Opposition, bei Arbeitnehmer und Arbeitgebervertretern höchste Priorität. Alle sind sich einig, und genau das ist Anlass zur Skepsis. Denn für nahezu jedes gesellschaftliche Problem wird Bildung als die Lösung präsen- 35 tiert. Wenn man nicht mehr weiterweiß, wird Bildung als Zauberformel und Allheilmittel, als Lückenfüller oder als Totschlagargument ins Spiel gebracht. Bildung ist ein Mythos, ein kaum bestimmbarer Begriff, den man über jedes gesellschaftliche Problem stülpen kann. Das Bil- dungssystem soll es richten. Dabei ist das Bildungssystem das zentrale Problem.

Der kritische Blick, der in diesem Buch 1 auf Bildung, Bildungschancen und Bildungsinstitu- 40 tionen geworfen wird, leitet sich aus drei miteinander zusammenhängenden Grundproblemen ab, die in einem deutlichen Spannungsverhältnis zueinander stehen:

Erstens ist es die Gesellschaft, die Ungleichheiten zulässt und produziert, die ohne das Bil- dungssystem, insbesondere die Schulen, noch viel größer wären. Denn in keinem Teilbereich der Gesellschaft werden Menschen derart gleichbehandelt wie im Bildungssystem. Die Chan- 45 cenungleichheit bleibt jedoch bestehen, weil ungleiche Startchancen im Bildungssystem nicht systematisch ausgeglichen werden. Sie werden aber nicht primär im Bildungssystem produ- ziert. Aber: Wo Ungleiches gleichbehandelt wird, reproduziert sich Ungleichheit. Vielmehr müsste Ungleiches gezielt ungleich behandelt werden.

Zweitens wird durch die Bildungsinstitutionen, die diese Ungleichheiten nicht ausgleichen, 50 soziale Ungleichheit überhaupt erst legitimiert. Wenn am Ende „nur“ ein Hauptschulabschluss steht, dann rechtfertigt dieses Ergebnis der Bildungslaufbahn geringere Lebenschancen – und zwar auch für die Betroffenen selbst. Ungleiche Chancen reproduzieren sich selbstverständ- lich auch dann, wenn Privilegien gewahrt werden.

Drittens gibt es keinen anderen gesellschaftlichen Bereich, in dem dieser Kreislauf durchbro- 55 chen werden könnte. Das Bildungssystem ist der einzige „Ort“, an dem Kompetenzen und Leistungsfähigkeit systematisch entwickelt – und nicht nur bewertet – werden. Nur durch das Bildungssystem, insbesondere die Schulen, können alle Menschen gleichermaßen erreicht werden. Daher ist die Forderung an das Bildungssystem, systematisch auf Ungleichheit ein- zuwirken und sozialer Benachteiligung entgegenzuwirken, berechtigt. Hier werden die Wei- 60 chen für alle anderen gesellschaftlichen Bereiche gelegt.

Gleichzeitig haben wir ein in vielerlei Hinsicht über Jahrzehnte hinweg unverändertes Bil- dungssystem, in dem sich extrem viel gewandelt hat, sodass man es kaum wiedererkennt. Heute gehen die meisten Kinder auf ein Gymnasium, die wenigsten auf eine Hauptschule. Mehr junge Erwachsene beginnen ein Studium als eine duale Ausbildung. Dadurch hat sich 65 klammheimlich – man sollte eigentlich sagen: strategielos – das Wesen von Bildungsgängen und -institutionen verändert, ohne dass sich im Hinblick auf Chancengleichheit Wesentliches verbessert hätte. Die Bildungsexpansion hat Ungleichheit deshalb kaum reduziert, weil es lediglich ein Mehr vom Gleichen ist. Es kommt aber darauf an, etwas anders zu machen.

Etwas anders machen bedeutet aber weder Revolution noch Restauration 2 des Schulsystems 70 und des Unterrichts. Notwendig wäre ein Umdenken. Das Bildungssystem darf nicht auf Lehr- kräfte und ihren Unterricht oder abstrakte Schulsystemfragen reduziert werden. Erst über die- sen Perspektivwechsel – so die hier verfolgte These – kann das Bildungssystem, insbesondere das Schulsystem, so aufgestellt werden, dass es zum einen die hohen Erwartungen in ganz unterschiedlichen Bereichen zukünftig auch erfüllen kann und zum anderen soziale Ungleich- 75 heiten systematisch bekämpft.

Wenn man sich mit sozialer Benachteiligung von Kindern beschäftigt, stellt man nämlich fest, dass diese ziemlich wenig mit dem Unterricht zu tun hat und entsprechend auch kaum durch Unterricht und Lehrkräfte (allein) ausgeglichen werden kann. Vielmehr unterscheiden sich die Lebenswelten der Kinder enorm und damit die Erfahrungshorizonte und die Entwicklungs- 80 möglichkeiten. [...]

1 Bei dem Text handelt es sich um das Vorwort zum in der Materialgrundlage angegebenen Buch.

2 Restauration: Wiederherstellung

Anmerkung zum Autor: Aladin El-Mafaalani ist ein deutscher Soziologe.

1.

Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) des Autors, stellen Sie den Textinhalt dar und skizzieren Sie, wie die Argumentation aufgebaut ist. [18 Punkte]

2.

Erläutern Sie die Aussagen des Autors unter Heranziehung der Funktionen von Schule nach Helmut Fend. [32 Punkte]

3.

„Wo Ungleiches gleichbehandelt wird, reproduziert sich Ungleichheit. Vielmehr müsste Ungleiches gezielt ungleich behandelt werden.“ (Z. 47 f.)

Ziehen Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ausführungen pädagogische Konsequenzen, damit den Forderungen des Autors entsprochen werden kann. Beziehen Sie dabei Aspekte aus mehreren Referenzen ein. [30 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 · Abitur NRW Erziehungswissenschaft LK · Nachtermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) des Autors, stellen Sie den Textinhalt dar und skizzieren Sie, wie die Argumentation aufgebaut ist. (18 Punkte)

Lösung: Ausführliche Textanalyse bestehend aus: - Hauptaussage(n): Um ungerechten gesellschaftlichen Verhältnissen, die sich insbesondere auf einen Teil junger Menschen auswirken, zu begegnen, bedarf es eines Umdenkens im Bildungssystem. Trotz Bildungsexpansion profitieren benachteiligte Kinder kaum; der beeinträchtigte Start in Bezug auf Erfahrungs- und Lebenswelt erfährt keinen Ausgleich, weshalb das Bildungssystem als ungerecht zu beurteilen ist. - Inhaltliche Aspekte: Ungerechtigkeit und Durchlässigkeit als Gefährdung des gesellschaftlichen Wohlstands; Verstärkung der Benachteiligung durch Entwertung einfacher/mittlerer Abschlüsse; normative und ökonomische Legitimation ungerechter Verhältnisse; Bildung als scheinbares Allheilmittel/Zauberformel; drei Grundprobleme (Gleichbehandlung von Ungleichem reproduziert Ungleichheit; Legitimation sozialer Ungleichheit durch Bildungsabschlüsse; Schule als einziger systematischer Förderort); strategieloser Wandel ohne Abbau von Ungleichheit; Notwendigkeit eines Perspektivenwechsels jenseits von Unterricht/Lehrkräften hin zu den ungleichen Lebenswelten der Kinder. - Argumentationsaufbau: Der Autor problematisiert zunächst die Nichtbegünstigten der Bildungsexpansion, behauptet anschließend die Legitimation von Ungleichheit durch das Bildungssystem, erläutert die drei Grundprobleme und fordert schließlich ein grundlegendes Umdenken.

2. Erläutern Sie die Aussagen des Autors unter Heranziehung der Funktionen von Schule nach Helmut Fend. (32 Punkte)

Lösung: Systematische Verknüpfung der Textaussagen mit den Schulfunktionen nach Helmut Fend: - Eigene Schwerpunktsetzung (z. B. Konstruktion individueller Identität, Bedeutung des Bildungssystems, Sozialisationsverständnis) [4 Punkte]. - Ermittlung relevanter Aspekte aus dem Text (z. B. Entwertung von Abschlüssen, Legitimation sozialer Ungleichheit, Ungerechtigkeit persönlicher Zurechnung ungleicher Startchancen) [4 Punkte]. - Darstellung der Funktionen von Schule nach Fend: gesellschaftliche Reproduktion vs. individuelle Entwicklung; insbesondere Enkulturations-, Qualifikations-, Allokations- und Legitimations-/Integrationsfunktion [10 Punkte]. - Differenzierte Verknüpfung von Text und Theorie [10 Punkte]: * Reproduktion gesellschaftlicher Verhältnisse durch Schule, * Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit als Legitimationsgrundlagen (Legitimationsfunktion verschleiert Ungleichheit durch den Glauben an das Leistungsprinzip), * Bildungsexpansion und Qualifikationsfunktion (höhere Bildungsabschlüsse für den Arbeitsmarkt bei gleichzeitiger Entwertung und verschärftem Selektionsdruck), * Allokationsfunktion: Zuweisung von Lebenschancen über Berechtigungen/Zertifikate, wobei Durchlässigkeit als Instrument dient, Ungleiches aber durch Gleichbehandlung reproduziert wird, * Schule als Ort systematischer Kompetenz- und Leistungsentwicklung (Doppelfunktion von Förderung und Selektion). - Abstrahierendes Fazit/Resümee [4 Punkte].

3. „Wo Ungleiches gleichbehandelt wird, reproduziert sich Ungleichheit. Vielmehr müsste Ungleiches gezielt ungleich behandelt werden.“ (Z. 47 f.) Ziehen Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ausführungen pädagogische Konsequenzen, damit den Forderungen des Autors entsprochen werden kann. Beziehen Sie dabei Aspekte aus mehreren Referenzen ein. (30 Punkte)

Lösung: Pädagogische Konsequenzen und kriteriengeleitetes Urteil: - Problemaufriss [4 Punkte]: Wenn Schule Ungleichem mit Gleichem begegnet, stabilisiert sich Ungleichheit; benachteiligte Kinder geraten ins Hintertreffen. Wie kann die Schule gezielt ungleich fördern, um Benachteiligungen abzubauen? - Kriterien für Handlungsoptionen [4 Punkte]: Bildungs- und Lernverständnis, Schulsystemstrukturen, Bedeutung soziokultureller Lebenswelten. - Relevante Referenztheorien darstellen [6 Punkte], z. B.: * Maria Montessori: Altersgemischte Gruppen, Freiarbeit, vorbereitete Lernumgebung, individuelle kognitive und sinnliche Förderung, * Lawrence Kohlberg: Just-Community-Ansatz, demokratische Partizipation, Erleben von Fairness und Gerechtigkeit, * Wolfgang Klafki: Allgemeinbildung zur Ausbildung von Selbstbestimmungs-, Mitbestimmungs- und Solidaritätsfähigkeit, epochaltypische Schlüsselprobleme, * Helmut Fend: Flexibilisierung der Bildungsabschlüsse, Ausbau der Durchlässigkeit und Entkopplung von Herkunft und Berechtigung. - Ableitung konkreter pädagogischer Schlussfolgerungen [10 Punkte], z. B. Kompensation ungleicher Startchancen durch Ganztagsangebote, Raumgestaltung, individuelle Lernzeiten, Förderung von Solidarität und Partizipation. - Abwägendes, konsistentes und kriteriengeleitetes pädagogisches Urteil [6 Punkte].

Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium

Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.

‹ Aufgabe 2 · GK · Nachtermin 2021 · Aufgabe 3 - Bildung und Schule (Klafki) · LK · Nachtermin 2021 ›

Mehr Aufgaben zu Bildung und Schule (Klafki, Fend)