Aufgabe 4 - Teilaufgabe 1 (Interpretation epische… · Abitur NRW Deutsch LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Thema: Interpretation epischer Texte · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung 1

Heinrich Böll

An der Brücke (1949)

Die haben mir meine Beine geflickt und haben mir einen Posten gegeben, wo ich sitzen kann:

ich zähle die Leute, die über die neue Brücke gehen. Es macht ihnen ja Spaß, sich ihre Tüchtig-

keit mit Zahlen zu belegen, sie berauschen sich an diesem sinnlosen Nichts aus ein paar Ziffern,

und den ganzen Tag, den ganzen Tag, geht mein stummer Mund wie ein Uhrwerk, indem ich

5 Nummer auf Nummer häufe, um ihnen abends den Triumph einer Zahl zu schenken.

Ihre Gesichter strahlen, wenn ich ihnen das Ergebnis meiner Schicht mitteile, je höher die

Zahl, um so mehr strahlen sie, und sie haben Grund, sich befriedigt ins Bett zu legen, denn

viele Tausende gehen täglich über ihre neue Brücke...

Aber ihre Statistik stimmt nicht. Es tut mir leid, aber sie stimmt nicht. Ich bin ein unzuver-

10 lässiger Mensch, obwohl ich es verstehe, den Eindruck von Biederkeit zu erwecken.

Insgeheim macht es mir Freude, manchmal einen zu unterschlagen, und dann wieder, wenn

ich Mitleid empfinde, ihnen ein paar zu schenken. Ihr Glück liegt in meiner Hand. Wenn ich

wütend bin, wenn ich nichts zu rauchen habe, gebe ich nur den Durchschnitt an, manchmal

unter dem Durchschnitt, und wenn mein Herz aufschlägt, wenn ich froh bin, lasse ich meine

15 Großzügigkeit in einer fünfstelligen Zahl verströmen. Sie sind ja so glücklich! Sie reißen mir

förmlich das Ergebnis jedesmal aus der Hand, und ihre Augen leuchten auf, und sie klopfen

mir auf die Schulter. Sie ahnen ja nichts! Und dann fangen sie an zu multiplizieren, zu divi-

dieren, zu prozentualisieren, ich weiß nicht, was. Sie rechnen aus, wieviel heute jede Minute

über die Brücke gehen und wieviel in zehn Jahren über die Brücke gegangen sein werden. Sie

20 lieben das zweite Futur, das zweite Futur ist ihre Spezialität – und doch, es tut mir leid, daß

alles nicht stimmt...

Wenn meine kleine Geliebte über die Brücke kommt – und sie kommt zweimal am Tage –,

dann bleibt mein Herz einfach stehen. Das unermüdliche Ticken meines Herzens setzt ein-

fach aus, bis sie in die Allee eingebogen und verschwunden ist. Und alle, die in dieser Zeit

25 passieren, verschweige ich ihnen. Diese zwei Minuten gehören mir, mir ganz allein, und ich

lasse sie mir nicht nehmen. Und auch wenn sie abends wieder zurückkommt aus ihrer Eis-

diele – ich weiß inzwischen, daß sie in einer Eisdiele arbeitet –, wenn sie auf der anderen

Seite des Gehsteiges meinen stummen Mund passiert, der zählen, zählen muß, dann setzt

mein Herz wieder aus, und ich fange erst wieder an zu zählen, wenn sie nicht mehr zu sehen

30 ist. Und alle, die das Glück haben, in diesen Minuten vor meinen blinden Augen zu defilieren 1,

gehen nicht in die Ewigkeit der Statistik ein: Schattenmänner und Schattenfrauen, nichtige

Wesen, die im zweiten Futur der Statistik nicht mitmarschieren werden...

Es ist klar, daß ich sie liebe. Aber sie weiß nichts davon, und ich möchte auch nicht, daß

sie es erfährt. Sie soll nicht ahnen, auf welche ungeheure Weise sie alle Berechnungen über

35 den Haufen wirft, und ahnungslos und unschuldig soll sie mit ihren langen braunen Haaren

und den zarten Füßen in ihre Eisdiele marschieren, und sie soll viel Trinkgeld bekommen.

Ich liebe sie. Es ist ganz klar, daß ich sie liebe.

Neulich haben sie mich kontrolliert. Der Kumpel, der auf der anderen Seite sitzt und die

Autos zählen muß, hat mich früh genug gewarnt, und ich habe höllisch aufgepaßt. Ich habe

40 gezählt wie verrückt, ein Kilometerzähler kann nicht besser zählen. Der Oberstatistiker selbst

hat sich drüben auf die andere Seite gestellt und hat später das Ergebnis einer Stunde mit mei-

nem Stundenergebnis verglichen. Ich hatte nur einen weniger als er. Meine kleine Geliebte

war vorbeigekommen, und niemals im Leben werde ich dieses hübsche Kind ins zweite Futur

transponieren lassen, diese meine kleine Geliebte soll nicht multipliziert und dividiert und

45 in ein prozentuales Nichts verwandelt werden. Mein Herz hat mir geblutet, daß ich zählen

mußte, ohne ihr nachsehen zu können, und dem Kumpel drüben, der die Autos zählen muß,

bin ich sehr dankbar gewesen. Es ging ja glatt um meine Existenz.

Der Oberstatistiker hat mir auf die Schulter geklopft und hat gesagt, daß ich gut bin, zuver-

lässig und treu. „Eins in der Stunde verzählt“, hat er gesagt, „macht nicht viel. Wir zählen

50 sowieso einen gewissen prozentualen Verschleiß hinzu. Ich werde beantragen, daß Sie zu

den Pferdewagen versetzt werden.“

Pferdewagen ist natürlich die Masche 2. Pferdewagen ist ein Lenz 3 wie nie zuvor. Pferde-

wagen gibt es höchstens fünfundzwanzig am Tage, und alle halbe Stunde einmal in seinem

Gehirn die nächste Nummer fallen zu lassen, das ist ein Lenz!

55 Pferdewagen wäre herrlich. Zwischen vier und acht dürfen überhaupt keine Pferdewagen

über die Brücke, und ich könnte spazierengehen oder in die Eisdiele, könnte sie mir lange an-

schauen oder sie vielleicht ein Stück nach Hause bringen, meine kleine, ungezählte Geliebte...

1 defilieren: vorbeiziehen

2 Masche: Kniff, Schachzug, Trick

3 Lenz: eigentlich Frühling, hier: Zeit zum Faulenzen

Anmerkungen zum Autor:

Heinrich Böll wurde 1917 in Köln geboren. Kurz nach Antritt des Studiums der Germanistik und klassischen Philologie wurde Böll 1939 in die Wehrmacht einberufen und war bis zum Ende des Krieges 1945 Soldat. Die Erfahrungen des Krieges und die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Nachkriegsdeutschland bilden die zentralen Themen seines literarischen Werkes, für das er 1972 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Böll starb 1985 in Kreuzau-Langenbroich.

Weitere Anmerkungen:

Bei den „Pünktchen“, die sich im Text finden, handelt es sich nicht um Auslassungspunkte, sie gehören zum Originaltext.

1. Analysieren Sie Heinrich Bölls Kurzgeschichte „An der Brücke“ und erschließen Sie dabei, wie der Ich-Erzähler als Figur gestaltet wird. (38 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe 4 - Teilaufgabe 1 (Interpretation epische… · Abitur NRW Deutsch LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

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1. Analysieren Sie Heinrich Bölls Kurzgeschichte „An der Brücke“ und erschließen Sie dabei, wie der Ich-Erzähler als Figur gestaltet wird. (38 Punkte)

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