Aufgabe 1 - Umweltfaktoren und ökologische Nische · Abitur NRW Biologie LK · Haupttermin 2023
Thema: Umweltfaktoren und ökologische Nische · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2023)
Aufgabenstellung
Thema: Das Weißnasen-Syndrom bei Fledermäusen
Material A: Zwei nordamerikanische Fledermausarten
Fledermäuse verbringen die kalte Jahreszeit in frostfreien Winterquartieren, vor allem in Höhlen. Die Absenkung von Herzschlag, Atemfrequenz und Körpertemperatur verringert ihre Stoffwechselaktivität, sodass die Fledermäuse ohne Nahrungsaufnahme mithilfe ihrer Fettreserven bis zum Frühjahr überdauern können. Nur gelegentlich erwachen die Fledermäuse aus diesem Überwinterungszustand und betreiben Fellpflege. Nach Verlassen des Winterquartiers verbringen Fledermäuse den Tag in einem Sommerquartier. In der Dämmerung und in der Nacht jagen sie fliegende Insekten durch Echoortung mit Ultraschall.
Das Nördliche Mausohr ( Myotis septentrionalis) und die Große Braune Fledermaus ( Eptesicus fuscus) kommen in Gebieten der USA und Kanadas vor, in denen die Winter häufig lang und kalt sind. In Tabelle 1 werden die beiden Arten miteinander verglichen.
Tabelle 1: Merkmale des Nördlichen Mausohrs und der Großen Braunen Fledermaus
Art · Nördliches Mausohr · Große Braune Fledermaus
Masse · ·
Ultraschallfrequenz · ·
Beuteinsekten · vor allem Schmetterlinge,
außerdem Käfer, Fliegen und Hautflügler · vor allem Käfer,
außerdem Fliegen, Hautflügler und Schmetterlinge
Jagdgebiet · vor allem in dichtem Bewuchs,
über Gewässern,
am Waldrand · offenes Land,
über Gewässern,
in dichtem Bewuchs,
am Waldrand
Sommerquartier · meistens auf lebenden Laubbäumen · meistens auf toten Nadelbäumen
Winterquartier · Höhlenbereiche mit einer Durchschnittstemperatur von · Höhlenbereiche mit einer Durchschnittstemperatur von
Material B: Das Weißnasen-Syndrom
Das Weißnasen-Syndrom (WNS) bei Fledermäusen bezeichnet eine Erkrankung von Fledermäusen in ihren Überwinterungsquartieren, die zu Gewichtsverlust und oft zum Tod führt. Namensgebendes Kennzeichen des Syndroms sind kleine weiße Polster an Nase, Ohren und Flughäuten überwinternder Fledermäuse. Seit der ersten Beobachtung 2006 in einer Höhle im Bundesstaat New York hat sich WNS rasch in Nordamerika verbreitet und wird mit einem drastischen Rückgang der Populationsgrößen verschiedener Fledermausarten in Verbindung gebracht.
Verursacht wird WNS durch den schimmelartigen Pilz Pseudogymnoascus destructans, der erst nach dem Jahr 2000 aus Europa nach Nordamerika gelangt ist. P. destructans überdauert den Sommer an den Wänden von Höhlen. Im Herbst infiziert der Pilz Fledermäuse, bei denen er Nährstoffe aus haarlosen Hautbereichen enzymatisch herauslöst. Dabei verursacht der Pilz eine Reaktion des Immunsystems und kleinere, abgegrenzte Hautverletzungen, die äußerlich sichtbar sind und als Läsionen bezeichnet werden.
Die Fledermausarten Nordamerikas, die in Höhlen mit P. destructans überwintern, sind unterschiedlich stark von WNS betroffen. Das zuvor nicht seltene Nördliche Mausohr wurde durch WNS an den Rand des Aussterbens gebracht, während die Bestände der Großen Braunen Fledermaus stabil blieben. Der oft tödliche Verlauf von WNS wurde an der Kleinen Braunen Fledermaus ( Myotis lucifugus) erforscht. Dazu wurden Individuen dieser stark von WNS betroffenen Fledermausart im Freiland während der Überwinterung mit Temperaturmessfühlern versehen und die Hauttemperatur protokolliert (Abbildung 1).
Material C: Wachstum von Pseudogymnoascus destructans
Um den Einfluss der Temperatur auf das Wachstum von P. destructans zu untersuchen, wurden Kulturen des Pilzes auf einem Nährmedium angelegt und bei verschiedenen Temperaturen gehalten. Nach fünf Wochen wurde die vom Pilz bewachsene Fläche gemessen. Abbildung 2 zeigt das Ergebnis der Untersuchung.
Material D: Pseudogymnoascus destructans in Europa
Schon seit Jahrtausenden lebt P. destructans in Höhlen in Europa und infiziert hier überwinternde Fledermäuse, ohne Massensterben wie in Nordamerika auszulösen. Genetisch sind sich die Pilzpopulationen in Europa und Nordamerika sehr ähnlich.
Das Große Mausohr ( Myotis myotis) ist eine mittel- und südeuropäische Fledermausart, die in Höhlen überwintert, in denen auch P. destructans vorkommt. Zur Aufklärung eines möglichen Zusammenhangs zwischen dem Ausmaß der Infektion mit P. destructans und der Häufigkeit des Erwachens wurden überwinternde Große Mausohren in mitteleuropäischen Höhlen untersucht. Die Häufigkeit des Erwachens während der Überwinterungsperiode wurde mit Temperaturmessfühlern registriert. Alle untersuchten Individuen überstanden die Überwinterung lebend. Die Anzahl der Läsionen gibt Aufschluss über das Ausmaß der Infektion (Abbildung 3).
Thema: Das Weißnasen-Syndrom bei Fledermäusen
1.
Nennen Sie eine Definition für den Begriff ökologische Nische und werten Sie Material A hinsichtlich der ökologischen Nische des Nördlichen Mausohrs aus. Beurteilen Sie, inwieweit das Nördliche Mausohr und die Große Braune Fledermaus in einem gemeinsamen Verbreitungsgebiet koexistieren können (Material A). [18 Punkte]
3.
Werten Sie Abbildung 2 hinsichtlich der Temperaturtoleranz von P. destructans aus (Material C). Stellen Sie eine Hypothese auf, die erklärt, warum das Weißnasen-Syndrom beim Nördlichen Mausohr und bei der Großen Braunen Fledermaus unterschiedlich stark ausgeprägt ist (Materialien A bis C). [12 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Nennen Sie eine Definition für den Begriff ökologische Nische
Lösung: Die ökologische Nische beschreibt die Gesamtheit der Beziehungen zwischen einer Art und ihrer Umwelt, wobei sowohl biotische als auch abiotische Faktoren berücksichtigt werden.
1. Werten Sie Material A hinsichtlich der ökologischen Nische des Nördlichen Mausohrs aus
Lösung: Zur ökologischen Nische des Nördlichen Mausohrs gehört die nächtliche Jagd insbesondere auf Schmetterlinge, aber auch auf Käfer, Fliegen und Hautflügler mit hoher Ultraschallfrequenz (59 kHz). Ebenfalls Teil der ökologischen Nische sind die bevorzugten Jagdgebiete mit dichtem Bewuchs, die Sommerquartiere in lebenden Laubbäumen und die Winterquartiere in Höhlenbereichen mit einer Durchschnittstemperatur von 7 °C.
1. Beurteilen Sie, inwieweit das Nördliche Mausohr und die Große Braune Fledermaus in einem gemeinsamen Verbreitungsgebiet koexistieren können (Material A)
Lösung: Nach dem Konkurrenzausschlussprinzip können zwei Arten im selben Lebensraum dann koexistieren, wenn ihre ökologischen Nischen nicht identisch sind und sich nur teilweise überschneiden. - Die Große Braune Fledermaus bevorzugt tote Nadelbäume im Sommer und Höhlen mit einer Durchschnittstemperatur von 2 °C im Winter, daher konkurriert sie nicht mit dem Nördlichen Mausohr um Sommer- und Winterquartiere. - Die beiden Arten jagen mit verschiedenen Ultraschallfrequenzen (59 kHz vs. 28 kHz) und stören sich daher nicht bei der Ortung der Beute. - Das Nördliche Mausohr jagt vor allem Schmetterlinge im dichten Bewuchs, die Große Braune Fledermaus jagt auch über offenem Land und vor allem Käfer. Überschneidungen gibt es bei den weiteren Beuteinsekten und Jagdgebieten. - Die ökologischen Nischen der beiden Arten unterscheiden sich in mehreren Aspekten, daher können diese Fledermausarten koexistieren.
3. Werten Sie Abbildung 2 hinsichtlich der Temperaturtoleranz von P. destructans aus (Material C)
Lösung: Die Temperaturtoleranz wurde im Laborversuch ermittelt mithilfe der von *P. destructans* bewachsenen Fläche, die nach fünfwöchiger Haltung bei verschiedenen Temperaturen bedeckt wird. - Bei ca. 14 °C ist die bewachsene Fläche mit etwa 1,3 cm² am größten, hier liegt das Temperaturoptimum von *P. destructans*. - Unterhalb von 0 °C und oberhalb von 20 °C findet kein Wachstum statt, hier liegen Minimum bzw. Maximum der Temperaturtoleranz von *P. destructans*. - Die Kurve stellt unter Laborbedingungen die physiologische Potenz bezüglich der Temperatur dar.
3. Stellen Sie eine Hypothese auf, die erklärt, warum das Weißnasen-Syndrom beim Nördlichen Mausohr und bei der Großen Braunen Fledermaus unterschiedlich stark ausgeprägt ist (Materialien A bis C)
Lösung: Mögliche Hypothesen: 1. Körpermasse und Oberflächen-Volumen-Verhältnis: Die Masse des Nördlichen Mausohrs ist mit 5–8 g deutlich geringer als die der Großen Braunen Fledermaus (11–23 g), daher besitzt es geringere Energiereserven. Zudem bedingt die geringere Körpergröße ein größeres Oberflächen-Volumen-Verhältnis und einen höheren relativen Wärmeverlust. Bei pilzbedingtem, häufigerem Erwachen verbraucht das Nördliche Mausohr seine Energiereserven schneller und verhungert vor dem Frühjahr. 2. Temperatur im Winterquartier: Das Nördliche Mausohr überwintert bei durchschnittlich 7 °C, die Große Braune Fledermaus bei 2 °C. Bei 7 °C wächst *P. destructans* deutlich schneller und erreicht eine größere Fläche (ca. 0,8 cm²) als bei 2 °C (ca. 0,2 cm²), wodurch das Nördliche Mausohr einem wesentlich stärkeren Pilzbefall ausgesetzt ist.
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