Aufgabe HT 1 - 3: Stoffkreisläufe und Einfluss des Mensch… · Abitur NRW Biologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022
Thema: Stoffkreisläufe und Einfluss des Menschen · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)
Aufgabenstellung
Material A: Biologie der Vogel-Vampirfliege
Die Vogel-Vampirfliege ( Philornis downsi) ist eine Fliegenart, die in großen Teilen Südamerikas vorkommt. 1960 wurde die Vogel-Vampirfliege erstmals auf den Galapagos-Inseln nachgewiesen, wohin sie vermutlich per Schiff oder Flugzeug eingeschleppt wurde. Galapagos besteht aus 13 Hauptinseln. Die Inseln sind bis zu 1700 m hoch und weisen unterschiedliche Lebensräume auf, von heißen, trockenen Lavafeldern bis hin zum feuchten, kühlen Hochland. Die Vogel-Vampirfliege hat sich rasch auf fast allen Hauptinseln verbreitet.
Ausgewachsene Vogel-Vampirfliegen ernähren sich von frischen und faulenden Früchten und Blüten verschiedenster Pflanzenarten. Sie legen ihre Eier in Vogelnester. Die Vogel-Vampirfliegen-Larven saugen Blut von den Vogelküken, die daraufhin unter Blutarmut und geringem Wachstum leiden und meist sterben. Ein Fliegenweibchen legt bis zu 180 Eier, die es auf 20 bis 30 Nester verschiedener Vogelarten verteilt. In einer Vogel-Brutzeit entstehen mindestens drei Fliegengenerationen.
Tabelle 1: Vergleich ausgewählter Faktoren der Lebensbedingungen der Vogel-Vampirfliege in ihren Ursprungsregionen in Südamerika und auf den Galapagos-Inseln · Ursprungsregionen in Südamerika · Galapagos-Inseln
von der Vogel-Vampirfliege befallene Vogelarten · zahlreiche kleine Sperlingsvögel einschließlich Finken, Kuckucksvögel und Spechtvögel · zahlreiche kleine Sperlingsvögel einschließlich fast aller Darwinfinken-Arten und Kuckucksvögel
Anteil von der Vogel-Vampirfliege befallener Nester · weniger als 30 % · mehr als 90 %
durchschnittliche Anzahl Larven je Nest · weniger als 10 · mehr als 30
Anteil von Vogel-Vampirfliegen-Larven, die durch parasitische Schlupfwespen getötet werden · 10 bis 20 % · maximal 5 %
Fressfeinde der Vogel-Vampirfliegen-Larven · Ameisen · keine
Material B: Wirkung von Permethrin auf Nervenzellen
Der Befall mit Vogel-Vampirfliegen hat zu einem starken Rückgang der Anzahl vieler Darwinfinken geführt. Zur Bekämpfung der Vogel-Vampirfliegen auf den Galapagos-Inseln wird das Insektizid Permethrin eingesetzt. Insekten nehmen Permethrin über die Körperoberfläche auf. Bei ausreichend hoher Dosierung sterben die behandelten Insekten, bei zu niedriger Dosierung können sie sich wieder erholen. Permethrin bindet an spannungsgesteuerte Natriumionen-Kanäle in den Axonen. In Experimenten wurden die neurophysiologischen Auswirkungen von Permethrin untersucht. Dazu wurden Nervenzellen von Insekten mit Permethrin behandelt und kurz gereizt; es wurde das Membranpotential gemessen (Abbildung 1).
Material C: Permethrin zum Schutz von Darwinfinken
Auf den Galapagos-Inseln ist die Anzahl vieler Darwinfinken durch den Befall mit Vogel-Vampirfliegen stark zurückgegangen, da jährlich bis zu 95 % der Küken im Freiland sterben. Um die Vogelbestände zu schützen, wurde in Freilandexperimenten eine Bekämpfungsmaßnahme mit dem Insektizid Permethrin genauer untersucht.
Dabei wurden in einem ersten Experiment Spender mit Baumwollfasern aufgestellt, welche von den Darwinfinken für den Nestbau genutzt werden. Die Versuchs-Spender enthielten Baumwollfasern, die mit 1 %iger Permethrin-Lösung behandelt worden waren. Die Baumwollfasern in den Kontroll-Spendern waren mit Wasser behandelt. Nach Beendigung der Brut wurden in den Nestern die Masse der zum Nestbau verwendeten Baumwolle sowie die Anzahl an Vogel-Vampirfliegen-Larven bestimmt (Abbildung 2).
In einem zweiten Freilandexperiment wurden Nester mit 1 %iger Permethrin-Lösung oder mit Wasser eingesprüht. Anschließend wurde die Anzahl der in diesen Nestern flügge gewordenen Jungvögel bestimmt (Abbildung 3).
Außerdem sollte untersucht werden, ob eine Permethrin-Behandlung langfristige Folgen für die Darwinfinken hat. Dazu wurden Laborexperimente mit den nah verwandten Zebrafinken ( Taeniopygia guttata) durchgeführt, die leichter zu halten und zu vermehren sind als Darwinfinken. Für die Experimente wurden Zebrafinken über zwei Generationen gezüchtet. Bei beiden Generationen wurde jeweils entweder mit 1 % Permethrin behandeltes Nistmaterial oder mit Wasser behandeltes Nistmaterial verwendet. Für beide Generationen wurden die Eier und die Küken untersucht und der Bruterfolg ermittelt.
Bei der ersten Generation wurden keine signifikanten Unterschiede zwischen der Kontrollgruppe und der Gruppe der mit Permethrin behandelten Nester festgestellt. In der zweiten Generation gab es keine signifikanten Unterschiede bei der Anzahl der Eier und der Anzahl der geschlüpften Küken, aber bei der Küken-Sterblichkeit. Während in den Kontrollnestern alle Jungvögel überlebten, waren es in den mit Permethrin behandelten Nestern 64 %.
3. Fassen Sie die Daten aus Material C zusammen. Diskutieren Sie, ob und wie sinnvoll es ist, Darwinfinken mithilfe von mit Permethrin behandelter Watte vor der Vogel-Vampirfliege zu schützen (Materialien A bis C).
[14 Punkte]
a)
b)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Fassen Sie die Daten aus Material C zusammen.
Lösung: - Freilandexperiment mit Baumwollspendern (Abbildung 2): Bei Nestern mit unbehandelter Watte (Kontrolle) wird meist ein hoher Befall mit Vogel-Vampirfliegen-Larven beobachtet (teilweise über 40 bis über 60 Larven). Mit 1 % Permethrin behandelte Watte im Nest führt hingegen zu einem deutlich geringeren Befall; ab einer Mindestmenge von etwa 1 g behandelter Watte werden meist keine Fliegenlarven mehr im Nest nachgewiesen. - Freilandexperiment zum Bruterfolg (Abbildung 3): In Nestern mit 1 % Permethrin-Behandlung überlebt ein signifikant größerer Anteil der geschlüpften Küken bis zum Flüggewerden (ca. 80–85 %) im Vergleich zu mit Wasser behandelten Nestern (ca. 50–55 %). - Laborexperiment mit Zebrafinken über zwei Generationen: In der ersten Generation zeigen sich keine signifikanten Unterschiede bezüglich Eizahl, Schlupf und Bruterfolg zwischen Kontroll- und Permethrin-Gruppe. In der zweiten Generation bleibt die Anzahl gelegter Eier und geschlüpfter Küken ebenfalls unverändert, jedoch sinkt die Überlebensrate der Küken in den behandelten Nestern deutlich auf 64 % (während in den Kontrollnestern 100 % der Küken überleben).
Diskutieren Sie, ob und wie sinnvoll es ist, Darwinfinken mithilfe von mit Permethrin behandelter Watte vor der Vogel-Vampirfliege zu schützen (Materialien A bis C).
Lösung: Pro-Argumente (Nutzen und Chancen): - Permethrin blockiert/schädigt die Funktion spannungsgesteuerter Natriumkanäle bei Insekten (Material B) und tötet die parasitären Larven der Vogel-Vampirfliege bereits ab geringen Mengen behandelter Watte wirksam ab. - Ohne Gegenmaßnahmen sterben im Freiland bis zu 95 % der Finkenküken durch den Parasitenbefall; der Einsatz von Permethrin steigert den Bruterfolg im Freiland erheblich (über 80 % flügge Jungvögel). - Da im Laborexperiment erst in der zweiten Generation negative Auswirkungen auf die Küken auftraten, bietet ein zeitlich befristeter bzw. kurzzeitiger Einsatz (z. B. auf eine Brutsaison beschränkt) einen wirksamen Schutz bei vertretbarem Risiko. - Selbst bei einer längerfristigen Behandlung und einer theoretischen Kükensterblichkeit von 36 % (analog zur 2. Generation im Labor) läge das Überleben mit 64 % immer noch deutlich höher als im unbehandelten Freilandzustand (nur ca. 5 % Überleben). Kontra-Argumente (Risiken und offene Fragen): - Der unkontrollierte Einsatz eines Breitbandinsektizids im Freiland birgt Risiken für das gesamte Ökosystem: Auch Nicht-Zielinsekten sowie andere Vogelarten, die mit der Watte in Kontakt kommen, können geschädigt werden. - Bei dauerhafter Ausbringung besteht ein starker Selektionsdruck, der zur Entstehung von Permethrin-Resistenzen bei der Vogel-Vampirfliege führen kann. - Unkalkulierbare Langzeitwirkungen und Bioakkumulation in der Nahrungskette sind im sensiblen Inselökosystem der Galapagos-Inseln problematisch. Fazit/Abwägung: Ein gezielter, zeitlich und räumlich genau kontrollierter Einsatz behandelter Watte (insbesondere als Sofortmaßnahme für stark bedrohte Finkenpopulationen) ist sinnvoll, sollte aber durch die Erforschung alternativer biologischer Bekämpfungsmethoden (z. B. Schlupfwespen aus den Ursprungsregionen) begleitet werden.
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