Aufgabe 1 - Stammbäume, Verhalten und Evolution d… · Abitur NRW Biologie GK · Nachtermin 2021

Thema: Stammbäume, Verhalten und Evolution des Menschen · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2021)

Aufgabenstellung

Material A: Ökologie der Säbelzahnschleimfische

An Korallenriffen kommt eine Vielzahl von Fischen vor, darunter auch die farbenprächtigen Säbelzahnschleimfische. Diese werden in fünf Gattungen unterteilt. Alle Säbelzahnschleimfische zeichnen sich durch verlängerte, bogenförmige Eckzähne im Unterkiefer aus.

Der an indopazifischen Korallenriffen beheimatete Augenstreifen-Säbelzahnschleimfisch ( Meiacanthus atrodorsalis) hat einen blauen Vorderkörper, der in einen gelben Hinterkörper übergeht. Er frisst tierische Kleinstlebewesen, die sich ihrerseits von Algen ernähren. M. atrodorsalis besitzt in seinem Kiefer, wie die meisten Arten der Gattung Meiacanthus, Giftdrüsen, die unmittelbar an den verlängerten Eckzähnen positioniert sind. Wird M. atrodorsalis von einem Raubfisch wie dem Doppelfleck-Schnapper ( Lutjanus bohar) verschluckt, beißt er den Angreifer und wird von diesem meist unmittelbar und unverletzt wieder ausgespuckt. Von erfahrenen Räubern wird M. atrodorsalis daher gemieden.

Der Augenstreifen-Säbelzahnschleimfisch-Nachahmer ( Plagiotremus laudandus) kommt im Indopazifik gemeinsam mit M. atrodorsalis vor und ist genauso gefärbt wie dieser. P. laudandus ernährt sich räuberisch und wartet auf vorbeiziehende Fische, denen er blitzartig Flossen- oder Hautstücke abreißt. So attackiert P. laudandus zum Beispiel den Graukopf-Doktorfisch ( Acanthurus nigroris) während dieser Pflanzen, wie zum Beispiel Algen, im Riff abweidet. Ein Fressfeind von P. laudandus ist L. bohar.

Material B: Ökologische Untersuchungen an Korallenriffen

Im Rahmen von Beobachtungen und Experimenten an verschiedenen Korallenriffen wurde die interspezifische Beziehung von P. laudandus und M. atrodorsalis genauer untersucht. Eine Beobachtung war, dass P. laudandus in geringerer Anzahl an Korallenriffen vorkam als M. atrodorsalis.

Im Rahmen der Untersuchungen wurde innerhalb mehrerer 30-minütiger Beobachtungszeiträume jeweils die Aufenthaltsdauer von P. laudandus in direkter Nähe zu M. atrodorsalis und der Anteil erfolgreicher Angriffe von P. laudandus auf seine Beute erfasst (Abbildung 1).

Auch wurden Experimente mit P. laudandus -Attrappen an Korallenriffen durchgeführt, an denen M. atrodorsalis sowie P. laudandus beide nicht vorkamen oder gemeinsam vorkamen (Abbildung 2). Es wurden Fisch-Attrappen von P. laudandus im Riff positioniert, die sich in ihrer Farbe, nicht aber in ihrer Form unterschieden. Dabei wählte man eine Attrappe in blau-gelber Originalfärbung sowie eine Attrappe in grün-roter Färbung. Alle beobachteten Fischarten können die unterschiedlichen Farben wahrnehmen.

Es wurde erfasst, wie oft sich innerhalb eines Beobachtungszeitraumes von zehn Minuten Fressfeinde der jeweiligen Attrappe näherten (Abbildung 2). Die Annäherung eines Fressfeindes wurde als Angriff gewertet.

Material C: Phylogenie der Säbelzahnschleimfische

Die Verwandtschaftsbeziehungen der Schleimfische wurden anhand genetischer Daten untersucht. Ein Ausschnitt des phylogenetischen Stammbaums ist in Abbildung 3 dargestellt.

3. Werten Sie Abbildung 3 hinsichtlich des ersten Auftretens der Merkmale „lange Eckzähne“ und „Giftdrüsen“ innerhalb der Stammesgeschichte der Säbelzahnschleimfische aus (Materialien A und C) und entwickeln Sie unter Anwendung der Synthetischen Evolutionstheorie eine Hypothese zur Entstehung der Giftigkeit bei M. atrodorsalis (Materialien A bis C). Beschreiben Sie, worin sich konvergente und divergente Entwicklungen unterscheiden. Beurteilen Sie, ob die in Material C (Abbildung 3) genannten Farbähnlichkeiten zwischen Vertretern der Gattung Meiacanthus und anderen Fischarten das Ergebnis einer konvergenten Entwicklung sein könnten (Materialien A bis C). (21 Punkte)

a)

b)

c)

d)

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 - Stammbäume, Verhalten und Evolution d… · Abitur NRW Biologie GK · Nachtermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Werten Sie Abbildung 3 hinsichtlich des ersten Auftretens der Merkmale „lange Eckzähne“ und „Giftdrüsen“ innerhalb der Stammesgeschichte der Säbelzahnschleimfische aus (Materialien A und C)

Lösung: - Bogenförmige, verlängerte Eckzähne sind ein gemeinsames Merkmal aller Säbelzahnschleimfische (Meiacanthus, Aspidontus, Petroscirtes, Plagiotremus, Xiphasia); daher wird wahrscheinlich der letzte gemeinsame Vorfahre aller Säbelzahnschleimfische dieses Merkmal bereits besessen haben. - Da nur die Gattung Meiacanthus Giftdrüsen besitzt (+), trat das Merkmal wahrscheinlich erst beim letzten gemeinsamen Vorfahren der Arten dieser Gattung auf.

entwickeln Sie unter Anwendung der Synthetischen Evolutionstheorie eine Hypothese zur Entstehung der Giftigkeit bei M. atrodorsalis (Materialien A bis C)

Lösung: - In einer Ursprungspopulation der Gattung Meiacanthus haben sich wahrscheinlich bei einzelnen Individuen durch Mutationen (und Rekombination) Giftdrüsen entwickelt. - Diese giftigen Varianten wurden weniger oft gefressen bzw. nach Bissen von Räubern wieder ausgespuckt und hatten daher einen Selektionsvorteil und eine höhere reproduktive Fitness. - Die der Giftigkeit zu Grunde liegenden Allele wurden an die Nachkommen weitervererbt und reicherten sich im Genpool der Folgegenerationen an. - Das Merkmal Giftigkeit findet sich daher heute bei den Arten der Gattung Meiacanthus, also auch bei M. atrodorsalis.

Beschreiben Sie, worin sich konvergente und divergente Entwicklungen unterscheiden.

Lösung: - Bei divergenten Entwicklungen entstehen ausgehend von einem gemeinsamen Ursprung / einer gemeinsamen Grundform unterschiedliche phänotypische Ausprägungen homologer Strukturen aufgrund verschiedener Selektionsbedingungen. - Bei konvergenten Entwicklungen entstehen aufgrund gleicher/ähnlicher Selektionsbedingungen ähnliche phänotypische Ausprägungen (Analogien) bei Organismen unterschiedlicher Abstammung, die nicht auf einen unmittelbaren gemeinsamen Ursprung dieses Merkmals zurückzuführen sind.

Beurteilen Sie, ob die in Material C (Abbildung 3) genannten Farbähnlichkeiten zwischen Vertretern der Gattung Meiacanthus und anderen Fischarten auf eine konvergente Entwicklung zurückgehen könnten (Materialien A bis C).

Lösung: - Abbildung 3 lässt sich entnehmen, dass Nachahmer einer giftigen Meiacanthus-Art in zwei Säbelzahnschleimfisch-Gattungen, Petroscirtes und Plagiotremus, auftreten. - Auf verschiedene Fischarten in einem Korallenriff wirkt ein ähnlicher Selektionsdruck durch Raubfische. Nicht giftige Fische, deren Färbung der von giftigen Fischarten ähnelt, besitzen einen Selektionsvorteil (Batessche Mimikry). - Aufgrund ähnlicher Selektionsbedingungen könnte sich bei verschiedenen Fischarten der Gattungen Petroscirtes und Plagiotremus eine Farbähnlichkeit zu giftigen Meiacanthus-Arten unabhängig voneinander und daher konvergent entwickelt haben. - (Zusätzlich ist es evolutionsbiologisch sehr unwahrscheinlich, dass die Farbähnlichkeit ein ursprüngliches Merkmal war, das bei fast allen anderen Arten des Stammbaums sekundär verloren gegangen ist.)

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